Unbekannt
Freitag, 28. August 2009, 16:41
Wilhelm Friedemann Bach
* 22. November 1710 Weimar - † 1. Juli 1784 Berlin

Stich von Christian Heinrich Schwenterley (1790) nach einem nicht datierbaren Gemälde von Matthieu
Dieser Thread behandelt allgemeine Aspekte zur Biografie und Rezeption Wilhelm Friedemann Bachs.
Eigene Threads existieren für die verschiedenen Werkgruppen:
Vokalmusik
Cembalokonzerte
Kompositionen für Tasteninstrumente
Sinfonien
Kammermusik und Flötenkonzert.
Der Titel dieses Threads ist eine Referenz an Ulrich Kahmann, Autor der 2010 erschienenen Biografie, der einen Vortrag über Wilhelm Friedemann Bach so überschrieben hatte.
Die belegbaren Aussagen und Dokumente über Wilhelm Friedemann Bachs Leben lesen sich recht nüchtern; Yvonne Pickmann hat sie auf 27 Seiten zusammengefasst (Wilhelm Friedemann Bach - Eine Chronik nach Dokumenten. In: Heinemann, Michael & Strodthoff, Jörg (Hg.): Wilhelm Friedemann Bach. Der streitbare Sohn. Dresden: Sandstein 2005, S. 6-33. Umso erstaunlicher ist die lange Liste von völlig erfundenen Darstellungen seines Lebens in Romanen und Filmen, die mit seinem wahren Leben nichts zu tun haben, das Bild des Komponisten aber bis in die Gegenwart prägen und sich immer noch in Versuchen, seine Persönlichkeit zu beschreiben, niederschlagen, obwohl die Fakten das kaum hergeben - woher das Bedürfnis rührt, gerade bei diesem Komponisten das Bild eines verkannten Genies bis zu Extremen hin zu zeichnen, entzieht sich meinem Verständnis. Der unsägliche Roman von Emil Brachvogel von 1858 und der 1940 entstandene Film von Traugott Müller mit Gustav Gründgens in der Hauptrolle sind nur die Spitze des Eisberges (mehr bei Norbert Bolin: "... ist's nur Geschöpf der Phantasie?" Das wundersame Leben des W.F. Bach in der Wort-, Ton- und Filmkunst. In: Concerto I (1984), Heft 4, S. 37-41; Stefan Weiss: Wilhelm Friedemann Bach in der fiktionalen Literatur. In: Heinemann & Strodthoff, a.a.O., S. 95-104; Manuel Gervink: Der Film Friedemann Bach. In: Heinemann & Strodthoff, a.a.O., S. 105-110). Noch im Februar 2008 ist ein neu verfasster Roman erschienen, dessen Verfasserin sich ausdrücklich auf Brachvogel bezieht, dessen Roman sie in ihrer Jugendzeit geschenkt bekam (Ingrid Hesse-Werner: F. W. Bach - Seine Erfolge und sein Fall, Nemesis Verlag 2008).
Selbst ein aufrichtig an W.F. Bach interessierter Autor wie Hanno Ehler (s.u.Post # 2) kann sich des plakativen Hinweises, daß der Komponist wohl ein Alkoholproblem hatte, nicht enthalten; auch eine Serie des mdr-Rundfunks im Jahr 2002 betont eher die auffälligen Seiten der Mitglieder der Bach-Familie. Der Mangel an konkreten Aussagen über seine Persönlichkeit scheint eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben und zur fiktionalen Schließung der Lücken aufzufordern; die zweifelhaften Aussagen eines Johann Friedrich Reichardt, die sich bei näherer Überprüfung als erfunden herausstellen, stehen am Anfang. An solchen Spekulationen möchte ich mich hier bewußt nicht beteiligen, sondern nur die Fakten aufzählen, die nirgendwo im Internet einigermaßen vollständig wiedergegeben sind.
Ich werde mich bemühen, hier im Forum nach und nach alle Werkgruppen und die bisher entstandenen Aufnahmen auf Tonträgern (soweit sie mir bekannt sind) vorzustellen (Links s.o.). Die Funde der letzten Jahre lassen auf die Wiederentdeckung weiterer unbekannter oder verschollener Werke hoffen - hier sei nur das Flötenkonzert D-dur BR C 15 genannt. Ein neues Werkverzeichnis (abgekürzt: BR) soll im Januar 2010 endlich erscheinen; es war bereits für 2005 angekündigt, aber die Rückkehr des Archivs der Berliner Singakademie aus Kiev, in dem sich auch jenes Flötenkonzert fand, hat das Erscheinen verzögert. Parallel dazu existieren immer noch die Werkverzeichnisnummern nach Martin Falck - abgekürzt: Fk), die auf Tonträgern meistens benutzt werden. Hier ist eine Konkordanz notwendig, die ich bei den einzelnen Werkgruppen versuchen werde - die Identifikation einzelner Stücke ohne Incipits ist nicht immer einfach, ebenso wie das Aussortieren fälschlich W.F. Bach zugeschriebener Werke, die unkritisch aus veralteten Notenausgaben oder zu Unrecht zugeschriebenen Manuskripten übernommen werden.
Hier erst einmal die nackten Tatsachen.
Quellen:
Yvonne Pickmann: Wilhelm Friedemann Bach - Eine Chronik nach Dokumenten. In: Heinemann, Michael & Strodthoff, Jörg (Hg.): Wilhelm Friedemann Bach. Der streitbare Sohn. Dresden: Sandstein 2005, S. 6-33
Falck, Martin: Wilhelm Friedemann Bach. Sein Leben und seine Werke mit thematischem Verzeichnis seiner Kompositionen und zwei Bildern. Leipzig 1913. Nachdruck Hildesheim/New York: Georg Olms 1977
Kahmann, Ulrich: Wilehlm Friedemann Bach. Der unterschätzte Sohn. Bielefeld: Aisthesis 2010
Wolly, Peter: Studies in the Music of Wilhelm Friedemann Bach. Sources and Style. Diss. Harvard University, Cambridge, Mass. 1993
Wilhelm Friedemann Bach wurde am 22. November 1710 in Weimar als erster Sohn von Johann Sebastian Bach und seiner ersten Frau Maria Barbara geboren; am 24. November wurde er in der Stadkirche getauft.
1720 Einrichtung des Clavier-Büchlein für Wilhelm Friedemann Bach
1720 Tod der Mutter während Abwesenheit des Vaters
1721 Heirat des Vaters mit Anna Magdalena Wilcke
1723 Berufung des Vaters zum Thomaskantor in Leipzig und Übersiedlung
1723 läst ihn der Vater als Depositus an der Leipziger Universität vormerken
1723 zusammen mit dem Bruder Carl Philipp Emanuel Aufnahme als Externer in die Thomasschule
1724 und 1726 als Stimmenschreiber in Kantaten des Vaters nachweisbar
1727-1733 Vorbereitung auf eine Karriere als Orgelvirtuose (Vermutung nach den Abschriften von BWV 594 und 525-528)
1729 als Jura-Student in den Matrikeln der Leipziger Universität eingetragen
1729 vergebliche Fahrt nach Halle, um Händel eine Einladung des Vaters zu überbringen (Händel ist schon abgereist)
1730 übernimmt den Unterricht des Thomasschülers Christoph Nichelmann
1731 erfolgloses Probespiel in Halberstadt
1731 mit dem Vater in Dresden zur Uraufführung von Hasses Oper Cleofide
1733 erfolgreiche Bewerbung zum Organistenamt an der Dresdner Sophienkirche
in der Dresdner Zeit unterrichtet er nebenher wegen der geringen Besoldung (u.a. Johann Gottlieb Goldberg); das Amt verlangt nur Orgelspiel, also hat er genügend Zeit für eine aktive Teilnahme am Musikleben des Hofes, Kontakte zu Johann Adolf Hasse, Jan Dismas Zelenka, Johann Georg Pisendel, Silvius Leopold Weiss, Hermann Graf von Keyserling, Carl Heinrich von Dieskau und der Kurfürstin Maria Antonia Walpurga von Sachsen.
1745 Ankündigung der Cembalosonate D-dur in den Leipziger Zeitungen, die (wie bei den Partiten des Vaters) eine Serie von 6 Sonaten eröffnen soll. Sie erscheint mit zwei Monaten Verzögerung. Erfolglose Berwerbung um die Organistenstelle an der Dresdner Frauenkirche.
1746 nach dem Tod des Organisten Johann Gotthilf Ziegler an St. Ulrich in Halle erfolgreiche Bewerbung um diese Stelle, für die sich auch sein Vater einstmals (ohne Erfolg) beworben hatte. Entlassungsgesuch in Dresden mit Empfehlung Altnickols zum Nachfolger, der die Stelle aber nicht erhält. In Halle ist er de facto der höchstbestallte Musiker der Stadt und nennt sich folgerichtig director musices - zu seinen Pflichten gehört auch die regelmäßige Aufführung von Kirchenmusik. Er führt eigene Kantaten und z.T. bearbeitete seines Vaters auf.
Er kündigt die Veröffentlichung der zweiten Cembalosonate Es-dur an.
ab 1749 kommt es zu Konflikten mit den Vorgesetzten in Halle.
1750 stirbt der Vater, er reist zur Regelung der Ebschaft nach Leipzig und bringt anschließend den jüngsten Bruder Johann Christian nach Berlin zu Carl Philipp Emanuel.
1751 Heirat mit Dorothea Elisabeth Georgi (ca. 1725 - 1791), 1752 Geburt des ersten Sohnes, der noch im gleichen Jahr stirbt.
1753 vergebliche Bewerbung um das Organistenamt in Zittau
1754 Geburt des zweiten Sohnes, der 1756 stirbt
1757 Geburt der Tochter Friderica Sophie
1758 Ankündigung einer theoretischen Ahandlung Vom Harmonischen Dreyklang, die aber nie erscheint und nicht erhalten ist. Bemühungen um das Kapellmeisteramt in Frankfurt am Main mit einem Empfehlungsschreiben Telemanns. Belastungen durch Steuern und den Siebenjährigen Krieg zwingen ihn zum Verkauf von Werken Johann Sebastian Bachs.
1760 Tod der Stiefmutter Anna Magdalena Bach
1761 weitere Belastungen durch Kriegssteuern, Anträge auf Befreiung werden abgelehnt
1762 Ihm wird die freigewordene Kapellmeisterstelle am Darmstädter Hof angeboten, die er aber nach längeren Verhandlungen nicht antritt; Verleihung des Titels eines Kapellmeisters "von Haus aus".
1763 Ankündigung des Neudrucks der Cembalosonate Es-dur
1764 Bitte um Entlassung in Halle, Unstimmigkeiten bei der Abnahme der ihm anvertrauten Instrumente.
1766 Auftritt als Orgelvirtuose in Berlin
1767 Dedikation des Cembalokonzertes e-moll an die Kurfürstin von Sachsen; eine angekündigte Druckausgabe wahrscheinlich dieses Konzertes erscheint nicht.
1768 Er bewirbt sich erneut um seine ehemalige Stelle in Halle, ohne Erfolg
1770 Veräußerung eines Grundstücks seiner Frau zur Sicherung des Lebensunterhalts
1771 Bewerbung um eine Organistenstelle in Wolfenbüttel; Bewerbung um eine Organistenstelle in Braunschweig, er wird beim Probespiel als bester anerkannt, bekommt die Stelle aber nicht.
1773 Besuch bei Forkel in Göttigen, den er wegen der Biographie seines Vaters berät; Orgelkonzerte dort und in Braunschweig
1774 Übersiedlung nach Berlin, mehrere Auftritte als Orgelvirtuose bis 1776
1778 Widmung der Acht Fugen an Prinzessin Amalia von Preußen, er lässt ein(!) Exemplar drucken, das in der Berliner Staatsbibliothek verwahrt wird; er lässt sich dazu verleiten, weil er auf dessen Stelle hofft, gegen deren Kapellmeister Kirnberger zu intrigieren, was aber eine ungnädige Reaktion zur Folge hat (hier hat wohl auch Reichardts Abneigung ihren Ursprung). Außer der Großtante Felix Mendelssohns, Sara Levy, scheint er keine Schüler angenommen zu haben.
1778/79 Arbeit an einer Oper Lassus und Lydie, die nicht vollendet wurde und nicht erhalten ist
1779 vergebliche Bewerbung um eine Organistenstelle in Berlin
1784 Tod an einer Lungenkrankheit in Berlin, Beisetzung auf dem Friedhof der Luisenstädtischen Kirche; der Friedhof existiert nicht mehr. In dem an seiner stelle befindlichen Park wurde eine Erinnerungsstele errichtet.
Die genauen Wortlaute und Inhalte der Bewerbungen und Auseinandersetzungen finden sich bei Pickmann und ausführlich bei Falck. Ihre Lektüre und Falcks Kommentare legen nahe, daß Wilhelm Friedemann eine nicht mehr oder weniger "schwierige" Persönlichkeit war als Johann Sebastian, der z.T. ähnliche Konflikte mit Autoritäten hatte, deren Haltung ähnlich kleinlich-autoritär war - der Vater dürfte ihm ein entsprechendes Selbstwertgefühl als Künstler vermittelt haben, was u.U. wenig hilfreich war. Rezensionen von Zeitgenossen bestätigen seinen Ruf als größter Orgelvirtuose, vor allem Improvisator, seiner Zeit, was scheinbar die potentiellen Käufer wie Verleger seiner Noten abschreckte - obwohl mehrere Abschriften offenbar Druckvorlagen waren, erschien nur eine Cembalosonate als erste einer geplanten Sammlung von sechs (analog zu des Vaters Clavierübung I), von der nur wenige Exemplare verkauft wurden - was ihn entmutigte, die weiteren der Sammlung zu drucken. Erst Jahre später versuchte er es wieder, mit einer nach seinem Bekunden einfacheren Sonate, aber auch diese verkaufte sich kaum.
Selbst Zelter ließ sich zu einem abfälligen Urteil hinreißen, W.F. hätte "den tic douloureux gehabt, original zu sein". Urteile über seine angeblich schwierige Persönlichkeit pflanzen sich ohne belegbare Quellen im 19. Jahrhundert fort, schon die erste biografische Arbeit von Carl Bitter ist voll davon. Dem gegenüber steht Carl Philipp Emanuels Aussage über den Bruder, er könne "den Vater besser ersetzen, als wir alle zusammen".
Um ein differenziertes Urteil über Wilhelm Friedemann Bach hat sich erst Martin Falck bemüht, über hundert Jahre nach dem Tod des Komponisten, in seiner Dissertation, die 1913 als Buch erschien; nach Falcks frühem Tod 1915 als Soldat im I. Weltkrieg hat niemand seine Arbeit weitergeführt. Bis die kritische Werkausgabe fertig ist, werden weitere hundert Jahre vergangen sein - der erste Band soll, nachdem die Ausgabe erstmals 1999 angekündigt wurde, im August 2009 endlich erscheinen (Léon Berben hat schon ein Exemplar und beim Konzert in eben diesem Monat daraus gespielt!) Die Ausgabe wird von Peter Wollny vom Leipziger Bach-Archiv betreut, der auch für das neue Werkverzeichnis verantwortlich ist, und mit seiner 1993 - 80 Jahre nach Falck - in den USA veröffentlichten Dissertation am Anfang der Neubewertung Wilhelm Friedemann Bachs in den letzten zwanzig Jahren steht.
