Alte Musik Forum

ALTE MUSIK FORUM

Digitales Archiv & Expertenwissen

Wilhelm Friedemann Bach (1710-1784): Zur falschen Zeit am falschen Ort

Unbekannt Freitag, 28. August 2009, 16:41

Wilhelm Friedemann Bach
* 22. November 1710 Weimar - † 1. Juli 1784 Berlin

Stich von Christian Heinrich Schwenterley (1790) nach einem nicht datierbaren Gemälde von Matthieu


Dieser Thread behandelt allgemeine Aspekte zur Biografie und Rezeption Wilhelm Friedemann Bachs.
Eigene Threads existieren für die verschiedenen Werkgruppen:
Vokalmusik
Cembalokonzerte
Kompositionen für Tasteninstrumente
Sinfonien
Kammermusik und Flötenkonzert.

Der Titel dieses Threads ist eine Referenz an Ulrich Kahmann, Autor der 2010 erschienenen Biografie, der einen Vortrag über Wilhelm Friedemann Bach so überschrieben hatte.

Die belegbaren Aussagen und Dokumente über Wilhelm Friedemann Bachs Leben lesen sich recht nüchtern; Yvonne Pickmann hat sie auf 27 Seiten zusammengefasst (Wilhelm Friedemann Bach - Eine Chronik nach Dokumenten. In: Heinemann, Michael & Strodthoff, Jörg (Hg.): Wilhelm Friedemann Bach. Der streitbare Sohn. Dresden: Sandstein 2005, S. 6-33. Umso erstaunlicher ist die lange Liste von völlig erfundenen Darstellungen seines Lebens in Romanen und Filmen, die mit seinem wahren Leben nichts zu tun haben, das Bild des Komponisten aber bis in die Gegenwart prägen und sich immer noch in Versuchen, seine Persönlichkeit zu beschreiben, niederschlagen, obwohl die Fakten das kaum hergeben - woher das Bedürfnis rührt, gerade bei diesem Komponisten das Bild eines verkannten Genies bis zu Extremen hin zu zeichnen, entzieht sich meinem Verständnis. Der unsägliche Roman von Emil Brachvogel von 1858 und der 1940 entstandene Film von Traugott Müller mit Gustav Gründgens in der Hauptrolle sind nur die Spitze des Eisberges (mehr bei Norbert Bolin: "... ist's nur Geschöpf der Phantasie?" Das wundersame Leben des W.F. Bach in der Wort-, Ton- und Filmkunst. In: Concerto I (1984), Heft 4, S. 37-41; Stefan Weiss: Wilhelm Friedemann Bach in der fiktionalen Literatur. In: Heinemann & Strodthoff, a.a.O., S. 95-104; Manuel Gervink: Der Film Friedemann Bach. In: Heinemann & Strodthoff, a.a.O., S. 105-110). Noch im Februar 2008 ist ein neu verfasster Roman erschienen, dessen Verfasserin sich ausdrücklich auf Brachvogel bezieht, dessen Roman sie in ihrer Jugendzeit geschenkt bekam (Ingrid Hesse-Werner: F. W. Bach - Seine Erfolge und sein Fall, Nemesis Verlag 2008).
Selbst ein aufrichtig an W.F. Bach interessierter Autor wie Hanno Ehler (s.u.Post # 2) kann sich des plakativen Hinweises, daß der Komponist wohl ein Alkoholproblem hatte, nicht enthalten; auch eine Serie des mdr-Rundfunks im Jahr 2002 betont eher die auffälligen Seiten der Mitglieder der Bach-Familie. Der Mangel an konkreten Aussagen über seine Persönlichkeit scheint eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben und zur fiktionalen Schließung der Lücken aufzufordern; die zweifelhaften Aussagen eines Johann Friedrich Reichardt, die sich bei näherer Überprüfung als erfunden herausstellen, stehen am Anfang. An solchen Spekulationen möchte ich mich hier bewußt nicht beteiligen, sondern nur die Fakten aufzählen, die nirgendwo im Internet einigermaßen vollständig wiedergegeben sind.

Ich werde mich bemühen, hier im Forum nach und nach alle Werkgruppen und die bisher entstandenen Aufnahmen auf Tonträgern (soweit sie mir bekannt sind) vorzustellen (Links s.o.). Die Funde der letzten Jahre lassen auf die Wiederentdeckung weiterer unbekannter oder verschollener Werke hoffen - hier sei nur das Flötenkonzert D-dur BR C 15 genannt. Ein neues Werkverzeichnis (abgekürzt: BR) soll im Januar 2010 endlich erscheinen; es war bereits für 2005 angekündigt, aber die Rückkehr des Archivs der Berliner Singakademie aus Kiev, in dem sich auch jenes Flötenkonzert fand, hat das Erscheinen verzögert. Parallel dazu existieren immer noch die Werkverzeichnisnummern nach Martin Falck - abgekürzt: Fk), die auf Tonträgern meistens benutzt werden. Hier ist eine Konkordanz notwendig, die ich bei den einzelnen Werkgruppen versuchen werde - die Identifikation einzelner Stücke ohne Incipits ist nicht immer einfach, ebenso wie das Aussortieren fälschlich W.F. Bach zugeschriebener Werke, die unkritisch aus veralteten Notenausgaben oder zu Unrecht zugeschriebenen Manuskripten übernommen werden.

Hier erst einmal die nackten Tatsachen.
Quellen:
Yvonne Pickmann: Wilhelm Friedemann Bach - Eine Chronik nach Dokumenten. In: Heinemann, Michael & Strodthoff, Jörg (Hg.): Wilhelm Friedemann Bach. Der streitbare Sohn. Dresden: Sandstein 2005, S. 6-33
Falck, Martin: Wilhelm Friedemann Bach. Sein Leben und seine Werke mit thematischem Verzeichnis seiner Kompositionen und zwei Bildern. Leipzig 1913. Nachdruck Hildesheim/New York: Georg Olms 1977
Kahmann, Ulrich: Wilehlm Friedemann Bach. Der unterschätzte Sohn. Bielefeld: Aisthesis 2010
Wolly, Peter: Studies in the Music of Wilhelm Friedemann Bach. Sources and Style. Diss. Harvard University, Cambridge, Mass. 1993


Wilhelm Friedemann Bach wurde am 22. November 1710 in Weimar als erster Sohn von Johann Sebastian Bach und seiner ersten Frau Maria Barbara geboren; am 24. November wurde er in der Stadkirche getauft.

1720 Einrichtung des Clavier-Büchlein für Wilhelm Friedemann Bach
1720 Tod der Mutter während Abwesenheit des Vaters
1721 Heirat des Vaters mit Anna Magdalena Wilcke
1723 Berufung des Vaters zum Thomaskantor in Leipzig und Übersiedlung
1723 läst ihn der Vater als Depositus an der Leipziger Universität vormerken
1723 zusammen mit dem Bruder Carl Philipp Emanuel Aufnahme als Externer in die Thomasschule
1724 und 1726 als Stimmenschreiber in Kantaten des Vaters nachweisbar
1727-1733 Vorbereitung auf eine Karriere als Orgelvirtuose (Vermutung nach den Abschriften von BWV 594 und 525-528)
1729 als Jura-Student in den Matrikeln der Leipziger Universität eingetragen
1729 vergebliche Fahrt nach Halle, um Händel eine Einladung des Vaters zu überbringen (Händel ist schon abgereist)
1730 übernimmt den Unterricht des Thomasschülers Christoph Nichelmann
1731 erfolgloses Probespiel in Halberstadt
1731 mit dem Vater in Dresden zur Uraufführung von Hasses Oper Cleofide
1733 erfolgreiche Bewerbung zum Organistenamt an der Dresdner Sophienkirche
in der Dresdner Zeit unterrichtet er nebenher wegen der geringen Besoldung (u.a. Johann Gottlieb Goldberg); das Amt verlangt nur Orgelspiel, also hat er genügend Zeit für eine aktive Teilnahme am Musikleben des Hofes, Kontakte zu Johann Adolf Hasse, Jan Dismas Zelenka, Johann Georg Pisendel, Silvius Leopold Weiss, Hermann Graf von Keyserling, Carl Heinrich von Dieskau und der Kurfürstin Maria Antonia Walpurga von Sachsen.
1745 Ankündigung der Cembalosonate D-dur in den Leipziger Zeitungen, die (wie bei den Partiten des Vaters) eine Serie von 6 Sonaten eröffnen soll. Sie erscheint mit zwei Monaten Verzögerung. Erfolglose Berwerbung um die Organistenstelle an der Dresdner Frauenkirche.
1746 nach dem Tod des Organisten Johann Gotthilf Ziegler an St. Ulrich in Halle erfolgreiche Bewerbung um diese Stelle, für die sich auch sein Vater einstmals (ohne Erfolg) beworben hatte. Entlassungsgesuch in Dresden mit Empfehlung Altnickols zum Nachfolger, der die Stelle aber nicht erhält. In Halle ist er de facto der höchstbestallte Musiker der Stadt und nennt sich folgerichtig director musices - zu seinen Pflichten gehört auch die regelmäßige Aufführung von Kirchenmusik. Er führt eigene Kantaten und z.T. bearbeitete seines Vaters auf.
Er kündigt die Veröffentlichung der zweiten Cembalosonate Es-dur an.
ab 1749 kommt es zu Konflikten mit den Vorgesetzten in Halle.
1750 stirbt der Vater, er reist zur Regelung der Ebschaft nach Leipzig und bringt anschließend den jüngsten Bruder Johann Christian nach Berlin zu Carl Philipp Emanuel.
1751 Heirat mit Dorothea Elisabeth Georgi (ca. 1725 - 1791), 1752 Geburt des ersten Sohnes, der noch im gleichen Jahr stirbt.
1753 vergebliche Bewerbung um das Organistenamt in Zittau
1754 Geburt des zweiten Sohnes, der 1756 stirbt
1757 Geburt der Tochter Friderica Sophie
1758 Ankündigung einer theoretischen Ahandlung Vom Harmonischen Dreyklang, die aber nie erscheint und nicht erhalten ist. Bemühungen um das Kapellmeisteramt in Frankfurt am Main mit einem Empfehlungsschreiben Telemanns. Belastungen durch Steuern und den Siebenjährigen Krieg zwingen ihn zum Verkauf von Werken Johann Sebastian Bachs.
1760 Tod der Stiefmutter Anna Magdalena Bach
1761 weitere Belastungen durch Kriegssteuern, Anträge auf Befreiung werden abgelehnt
1762 Ihm wird die freigewordene Kapellmeisterstelle am Darmstädter Hof angeboten, die er aber nach längeren Verhandlungen nicht antritt; Verleihung des Titels eines Kapellmeisters "von Haus aus".
1763 Ankündigung des Neudrucks der Cembalosonate Es-dur
1764 Bitte um Entlassung in Halle, Unstimmigkeiten bei der Abnahme der ihm anvertrauten Instrumente.
1766 Auftritt als Orgelvirtuose in Berlin
1767 Dedikation des Cembalokonzertes e-moll an die Kurfürstin von Sachsen; eine angekündigte Druckausgabe wahrscheinlich dieses Konzertes erscheint nicht.
1768 Er bewirbt sich erneut um seine ehemalige Stelle in Halle, ohne Erfolg
1770 Veräußerung eines Grundstücks seiner Frau zur Sicherung des Lebensunterhalts
1771 Bewerbung um eine Organistenstelle in Wolfenbüttel; Bewerbung um eine Organistenstelle in Braunschweig, er wird beim Probespiel als bester anerkannt, bekommt die Stelle aber nicht.
1773 Besuch bei Forkel in Göttigen, den er wegen der Biographie seines Vaters berät; Orgelkonzerte dort und in Braunschweig
1774 Übersiedlung nach Berlin, mehrere Auftritte als Orgelvirtuose bis 1776
1778 Widmung der Acht Fugen an Prinzessin Amalia von Preußen, er lässt ein(!) Exemplar drucken, das in der Berliner Staatsbibliothek verwahrt wird; er lässt sich dazu verleiten, weil er auf dessen Stelle hofft, gegen deren Kapellmeister Kirnberger zu intrigieren, was aber eine ungnädige Reaktion zur Folge hat (hier hat wohl auch Reichardts Abneigung ihren Ursprung). Außer der Großtante Felix Mendelssohns, Sara Levy, scheint er keine Schüler angenommen zu haben.
1778/79 Arbeit an einer Oper Lassus und Lydie, die nicht vollendet wurde und nicht erhalten ist
1779 vergebliche Bewerbung um eine Organistenstelle in Berlin
1784 Tod an einer Lungenkrankheit in Berlin, Beisetzung auf dem Friedhof der Luisenstädtischen Kirche; der Friedhof existiert nicht mehr. In dem an seiner stelle befindlichen Park wurde eine Erinnerungsstele errichtet.

Die genauen Wortlaute und Inhalte der Bewerbungen und Auseinandersetzungen finden sich bei Pickmann und ausführlich bei Falck. Ihre Lektüre und Falcks Kommentare legen nahe, daß Wilhelm Friedemann eine nicht mehr oder weniger "schwierige" Persönlichkeit war als Johann Sebastian, der z.T. ähnliche Konflikte mit Autoritäten hatte, deren Haltung ähnlich kleinlich-autoritär war - der Vater dürfte ihm ein entsprechendes Selbstwertgefühl als Künstler vermittelt haben, was u.U. wenig hilfreich war. Rezensionen von Zeitgenossen bestätigen seinen Ruf als größter Orgelvirtuose, vor allem Improvisator, seiner Zeit, was scheinbar die potentiellen Käufer wie Verleger seiner Noten abschreckte - obwohl mehrere Abschriften offenbar Druckvorlagen waren, erschien nur eine Cembalosonate als erste einer geplanten Sammlung von sechs (analog zu des Vaters Clavierübung I), von der nur wenige Exemplare verkauft wurden - was ihn entmutigte, die weiteren der Sammlung zu drucken. Erst Jahre später versuchte er es wieder, mit einer nach seinem Bekunden einfacheren Sonate, aber auch diese verkaufte sich kaum.
Selbst Zelter ließ sich zu einem abfälligen Urteil hinreißen, W.F. hätte "den tic douloureux gehabt, original zu sein". Urteile über seine angeblich schwierige Persönlichkeit pflanzen sich ohne belegbare Quellen im 19. Jahrhundert fort, schon die erste biografische Arbeit von Carl Bitter ist voll davon. Dem gegenüber steht Carl Philipp Emanuels Aussage über den Bruder, er könne "den Vater besser ersetzen, als wir alle zusammen".

Um ein differenziertes Urteil über Wilhelm Friedemann Bach hat sich erst Martin Falck bemüht, über hundert Jahre nach dem Tod des Komponisten, in seiner Dissertation, die 1913 als Buch erschien; nach Falcks frühem Tod 1915 als Soldat im I. Weltkrieg hat niemand seine Arbeit weitergeführt. Bis die kritische Werkausgabe fertig ist, werden weitere hundert Jahre vergangen sein - der erste Band soll, nachdem die Ausgabe erstmals 1999 angekündigt wurde, im August 2009 endlich erscheinen (Léon Berben hat schon ein Exemplar und beim Konzert in eben diesem Monat daraus gespielt!) Die Ausgabe wird von Peter Wollny vom Leipziger Bach-Archiv betreut, der auch für das neue Werkverzeichnis verantwortlich ist, und mit seiner 1993 - 80 Jahre nach Falck - in den USA veröffentlichten Dissertation am Anfang der Neubewertung Wilhelm Friedemann Bachs in den letzten zwanzig Jahren steht.
Unbekannt Freitag, 28. August 2009, 16:47
Diese Veröffentlichungen kann ich empfehlen (herzlichen Dank an Hildebrandt für seine Hilfe bei der Literaturbeschaffung!):

Böhlen, Manfred Johannes: Die Klavierwerke Wilhelm Friedemann Bachs aus der Sicht des Interpreten. Ein Werkstattgespräch mit Eckart Sellheim. In: Concerto I (1984), Heft 4, 52-57
Bolin, Norbert: „ ... ist’s nur Geschöpf der Phantasie?“ Das wundersame Leben des W.F. Bach in der Wort-, Ton- und Filmkunst.
In: Concerto I (1984), Heft 4, 37-51
Falck, Martin: Wilhelm Friedemann Bach. Sein Leben und seine Werke mit thematischem Verzeichnis seiner Kompositionen und zwei Bildern. Leipzig 1913. Nachdruck Hildesheim/New York: Georg Olms 1977 u. 2003, Neudruck 2011
Friesenhagen, Andreas: Die Brüder Bach. Leben und Werk zwischen Barock und Klassik. Köln: Könemann 2000
Geck, Martin: Die Bach-Söhne. Reinbek: Rowohlt 2003 (= rowohlts monographien rm 50654)
Heinemann, Michael & Strodthoff, Jörg (Hg.): Wilhelm Friedemann Bach. Der streitbare Sohn. Dresden: Sandstein 2005 (Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ Dresden) (am besten direkt beim Sandstein Verlag zu bekommen)
Kahmann, Ulrich: Ein falsches Bild von Wilhelm Friedemann Bach. Neue Erkenntnisse über das Porträt von Friedrich Georg Weitsch. Die Tonkunst Heft 4/2010, S. 535-539
Kahmann, Ulrich: Wilhelm Friedemann Bach - Der unterschätzte Sohn. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2010
Rummenhöller, Peter: Wilhelm Friedemann Bach und seine Zeit. In: Concerto I (1984), Heft 4, 31-34
Wolly, Peter: Studies in the Music of Wilhelm Friedemann Bach. Sources and Style. Diss. Harvard University, Cambridge, Mass. 1993
Wollny, Peter: Wilhelm Friedemann Bach. In: Musik in Geschichte und Gegenwart, Kassel: Bärenreiter 1997-2004, 1536-1548
Wollny, Peter: Wilhelm Friedemann Bach. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2nd Edition, London/New York 2001, 382-387
Wollny, Peter: Wilhelm Friedemann Bach - "der hochbegabte, wunderliche Liebling des Vaters". Bach Magazin Heft 16, Herbst/Winter 2010, S. 39-44
Wollny, Peter: Analytisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke der Bach-Familie: Bach-Repertorium 2 - Wilhelm Friedemann Bach
Stuttgart: Carus Verlag (CV 24.202/00, in Vorbereitung)

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Peter Wollnys Dissertation war der erste ernsthafte Versuch einer wissenschaftlich fundierten Neubewertung Wilhelm Friedemann Bachs nach Martin Falck - 80 Jahre nach dessen Buch! Leider ist diese Dissertation nach meinen Recherchen nur in wenigen europäischen Bilbiotheken vorhanden, z.B. im Leipziger Bach-Archiv. Im Rahmen seiner Arbeit für dieses Institut setzt er seine Forschungen fort; Ergebnisse sind neben zahlreichen Artikeln über einzelne Details die Herausgabe der Werke in 11 Bänden (Carus Verlag, Stuttgart) und des überarbeiteten Werkverzeichnisses. Er scheint auch mit der Herausgabe eines Buches über den Komponisten zu liebäugeln, aber konkrete Pläne gibt es noch nicht.

Trotz alldem ist das 1913 erschienene Buch von Martin Falck (nachgedruckt im Georg Olms Verlag 1977 u. zuletzt 2003, Nachdruck ist angekündigt, aber auch antiquarisch problemlos aufzutreiben (justbooks.de) sozusagen Pflichtlektüre, weil er sich vorbehaltlos für die Anerkennung von W.F. Bachs musikalischen Qualitäten einsetzt, einen umfassenden Überblick über Leben und Werk gibt, mit sicherem Blick falsch zugeschriebene Werke aussortiert, den Vorurteilen über seine Persönlichkeit entgegentritt, und vor allem viele Quellen und Noten noch einsehen konnte, die inzwischen als verschollen gelten - auch er beklagt schon zahlreiche Verluste. Überhaupt ist die Quellenlage eher schlechter geworden - Eckart Sellheim betont dies in einem Interview in der Zeitschrift Concerto (Jahrgang I, 1984, Heft 4) - die erhaltenen Autographen sind schnell aufgezählt. Seit November 2010 gibt es eine neue Biografie von Ulrich Kahmann (s.u.), die Falcks Ansatz weiterführt und auf den neusten Stand bringt - keines der Vorurteile hat sich als hieb- und stichfest erwiesen.

Jedem an seinem Leben und Werk ernsthaft Interessierten kann ich nur die Lektüre von Martin Falcks Buch empfehlen, sowie den anläßlich eines Symposions in Dresden entstandenen Sammelband von Heinemann & Strodthoff im Sandstein Verlag, dessen Beiträge alle wesentlichen Aspekte abdecken und auf dem realtiv neusten Stand der Forschung sind - und natürlich Ulrich Kahmanns Buch.

Wer ein eher erzähltes Porträt aller Bach-Söhne lesen möchte, suche das Buch von Andreas Friesenhagen: Die Brüder Bach. Leben und Werk zwischen Barock und Klassik. Köln: Könemann 2000 - nur noch antiquarisch zu bekommen, aber lohnend, mit vielen Illustrationen und alle vier Komponisten-Bachsöhne in den Kontext ihrer Zeit stellend. Andere Bücher über die Bach-Söhne von Marc Vignal oder Martin Geck finde ich einfach zu knapp in der Darstellung; Vignal ist zudem etwas tendenziös in der Darstellung von Friedemanns Persönlichkeit.


Hier noch zwei Sendemanuskripte von Hanno Ehrler, die aber mit etwas Vorsicht zu genießen sind, da etwas älteren Datums, und weil der Autor manche der verbreiteten Vorurteile unkritisch übernimmt - inzwischen sind sie inhaltlich nicht mehr auf dem neusten Stand:
Ehrler, Hanno: Freuden und Schmerzen in die Seele hinübertragen. Wilhelm Friedemann Bach. Sendemanuskript Mitteldeutscher Rundfunk 1996 (Link zur pdf-Datei)
Ehrler, Hanno: Wilhelm Friedemann Bach: Zwölf Polonaisen. Sendemanuskript Deutschlandfunk 1996 (Link zur pdf-Datei)
Unbekannt Freitag, 28. August 2009, 17:13
Falck, Martin: Wilhelm Friedemann Bach. Sein Leben und seine Werke mit thematischem Verzeichnis seiner Kompositionen und zwei Bildern.
Leipzig 1913. Nachdruck Hildesheim/New York: Georg Olms 1977, Neudruck i.Vorb.

Möglicherweise erscheint der Neudruck im Dezember rechtzeitig zu Weihnachten :jubel: :jubel:

p.s. war er natürlich nicht, ist aber inzwischen lieferbar:

Unbekannt Freitag, 28. August 2009, 20:20
Einen einfachen Überblick über ausschließlich W.F. Bach gewidmete CDs findet man übrigens bei New Olde.
Unbekannt Freitag, 28. August 2009, 22:04
Hallo Michael,

Deine Begeisterung für W.F. Bach macht mir klar, daß mir da bis jetzt ein sehr interessanter Komponist entgangen ist. Ich muß nämlich zugeben, daß er noch immer ein "unbeschriebenes Blatt" für mich ist, entsprechend habe ich keine einzige CD mit Musik von ihm (ich habe ihn nicht bewußt gemieden, der Kontakt hat sich einfach nie ergeben). Das soll sich jetzt ändern!
Welche Werke/CDs kannst Du zum Kennenlernen empfehlen (um einen Überblick über die "Hauptwerke" zu bekommen)? In der Klaviermusik die Polonaisen und Fugen (siehe Deinen Beitrag von 17:17 Uhr)?

Mir ist allerdings stets ein alter Beitrag von Albus aus dem Tamino-Forum im Hinterkopf geblieben, wo er eine Fuge für Streicher erwähnte:
"http://www.tamino-klassikforum.at/thread.php?threadid=1382
Dieses Stück würde ich auch gerne kennenlernen, die erwähnte Aufnahme ist allerdings nicht erhältlich.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Freitag, 28. August 2009, 22:05
1770 Veräußerung eines Grundstücks seiner Frau zur Sicherung des Lebensunterhalts; Bewerbung um eine Organistenstelle in Wolfenbüttel
1771 Bewerbung um eine Organistenstelle in Braunschweig, er wird beim Probespiel als bester anerkannt, bekommt die Stelle aber nicht
Bei der Organistenstelle in Wolfenbüttel ging es vermutlich um diese Orgel in der Kirche St. Marien, der ersten bedeutenden protestantischen Grosskirche, die Anfang des 17. Jahrhunderts gebaut wurde:



Die Kirche hatte eine Orgel von Gottfried Fritzsche (erbaut 1620-1624 nach Anweisungen von Praetorius), von der heute lediglich noch sechs Originalregister erhalten sind. Der Prospekt und die übrigen Register wurden 1959 von der Orgelbauwerkstatt Karl Schuke rekonstruiert.

Ist bekannt, um welche Organistenstelle Wilhelm Friedemann Bach sich in Braunschweig beworben hat?

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Freitag, 28. August 2009, 23:33

Mir ist allerdings stets ein alter Beitrag von Albus aus dem Tamino-Forum im Hinterkopf geblieben, wo er eine Fuge für Streicher erwähnte:
"http://www.tamino-klassikforum.at/thread.php?threadid=1382
Dieses Stück würde ich auch gerne kennenlernen, die erwähnte Aufnahme ist allerdings nicht erhältlich.

Lieber Martin,
diese alte Aufnahme von Helmut Müller-Brühl ist schon seit langem vergriffen. Das muß eine der allerersten Aufnahmen von Orchestermusik W.F. Bachs gewesen sein. Hier bin ich noch einmal darauf eingegangen. HIP ist diese Aufnahme nicht, da gibt es inzwischen besseres.



Gemeint sind Adagio und Fuge (oder Sinfonia) in d-moll für 2 Flöten, Streicher und b.c. BR C 7 bzw. Fk 65 - auch für mich eine der tollsten Orchesterfugen, die ich je gehört habe. Nach einer langsamen, piano zu spielenden Einleitung, in der die Flöten die Melodie führen, folgt attacca die Fuge im forte, ohne die Flöten. Sie steigert sich ständig, türmt eine Folge des Themas nach der anderen übereinander, geht auf dem Gipfel zurück ins piano, bringt dann noch einen kurzen Durchlauf bis zur Schlußfloskel.

Die meiner Ansicht nach packendste und dramatischste Aufnahme dieses Stückes hat für meine Ohren Concerto Köln abgeliefert, auf einer 1989 bei Capriccio erschienenen CD Musik der Bach-Söhne, die von Friedemann sonst nur noch eine 10-minütige Kantatensinfonie enthält.


:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
---------------------------------------------------------------------------------

Die nächsten Aufnahmen sind alle sehr gut, aber nicht ganz so auf dem Punkt. Problemlos erhältlich sind zwei CDs mit verschiedenen Überblicken über seine Orchesterwerke:


:jubel: :jubel: :jubel:


Symphonien BR C 8 / Fk 64 in D, BR C 7 / Fk 65 in d, BR C 2 / Fk 67 in F
Cembalokonzert BR C 9 / Fk 41
Suite in g (BWV 1070 - nicht von Papa Bach und auch nicht von Friedemann)
Tafelmusik Baroque Orchestra, Jeanne Lamon; Charlotte Nediger, Cembalo

Insgesamt sehr gut, mir ein klein wenig zu glatt musiziert.
--------------------------------------------------------------------------


:jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Flötenkonzert BR C 15 in D
Cembalokonzert in e BR C 12 / Fk 43
Sinfonia in d BR C 7 / Fk 65
Konzert f. 2 Cembali Es-Dur BR C 11 / Fk 46
Freiburger Barockorchester, Gottfried von der Goltz; Karl Kaiser, traverso; Robert Hill, Cembalo; Michael Behringer, Fortepiano und Cembalo

Die Freiburger verwenden das Fortepiano auch im Continuo bei den ersten drei Werken, was nicht belegbar ist, für meinen Geschmack den Orchesterklang zu weich macht - in der Dresdner und Hallenser Zeit hat er bestimmt kein Hammerklavier benutzt.
Beim erst kürzlich wiederentdeckten Flötenkonzert spielen sie eher galant à la Berliner Hof - dieses Konzert und das für zwei Cembali datiert Wollny inzwischen in die Berliner Jahre, eine Aufführung im musikalischen Salon der Familie Levy könnte durchaus stattgefunden haben. Die Freiburger verkennen allerdings den Charakter des Stückes als Doppelkonzert mit Flöte und paraphrasierendem Streichquartett mit Ripieno-Streichern und Continuo - das arbeitet nur Reinhard Goebel richtig heraus, alle anderen drei Aufnahmen machen ein Konzert für Flöte, Streicher und Continuo daraus .... das Doppelkonzert für zwei Cembali spielen die Freiburger allerdings einen Tick besser als weiland Goebel und die Musica Antiqua Köln.

[--> <--)
--------------------------------------------------------------------------------------------------

Auf dem Marktplatz inzwischen wieder erschwinglich, sehr flott und engagiert gespielt, die beste Aufnahme des e-moll Konzertes:


:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Symphonien BR C 8 / Fk 64 in D, BR C 7 / Fk 65 in d, BR C 2 / Fk 67 in F
Cembalokonzert e-moll BR C12 / Fk 43
Adagio & Fuge f-moll (Mozarts Arrangement einer der Clavierfugen mit eigener Einleitung)
Akademie für Alte Musik Berlin, Stephan Mai; Raphael Alpermann, Cembalo

Das Konzert BR C 12 kommt auf dem Cembalo wesentlich besser. Die Orchesterstücke kommen mit viel Sturm und Drang, in den langsamen Sätzen mit der rechten Empfindsamkeit (niemand hat so zärtlich-melancholisch-sehnsüchtige langsame Sätze geschrieben wie Friedemann). Bei dem derzeitigen Preis auf dem Marktplatz unter dem Strich meine Empfehlung.

Und wenn Du mit Clavichord etwas anfangen kannst, ist Paul Simmonds' CD mit den Polonaisen und Fugen meine Empfehlung, er spielt fantastisch gut. Ich wollte, er würde alle Sonaten und anderen Clavierstücke aufnehmen.

Es ist leider unmöglich, sich mehrere CDs mit Werken von Wilhelm Friedemann Bach ohne Überschneidungen zu kaufen. Dazu enthalten etliche (vor allem die älteren) CDs Werke, die gar nicht von ihm sind.
Unbekannt Freitag, 28. August 2009, 23:54

Ist bekannt, um welche Organistenstelle Wilhelm Friedemann Bach sich in Braunschweig beworben hat?

Das war die an der St. Katharinenkirche (lt. Pickmann und Falck). Der Organist an St. Ägidius und St. Catharinen, Beyer, war am 7. Mai 1771 verstorben.

In Wolfenbüttel war der Organist der Stadtkirche, J.D.Ch. Graff, am am 10. April 1771 gestorben.

Der genaue Ablauf der Bewerbungen und die Gründe für seine Ablehnung sind bei Falck genau beschrieben: Er war mit Abstand der bessere Organist, hatte aber aber seit Jahren keine feste Stelle, was argwöhnisch betrachtet wurde, und man hätte ihm bei seinem Ruf mehr Zugeständnisse machen müssen als dem Jüngeren. Es war damals wie heute: Wer stellt einen Sechzigjährigen ein, der ganz klar seinen eigenen Kopf hat?
Unbekannt Samstag, 29. August 2009, 12:19
Das war die an der St. Katharinenkirche (lt. Pickmann und Falck). Der Organist an St. Ägidius und St. Catharinen, Beyer, war am 7. Mai 1771 verstorben.
Die Katharinen- und die Ägidienkirche sind nach dem Dom die bedeutendsten Kirchen in Braunschweig. Die Katharinenkirche hatte - wie die Marienkirche in Wolfenbüttel - eine Orgel von Fritzsche (erbaut 1621-23), die aber nicht erhalten ist und auch nicht rekonstruiert wurde (heute steht dort ein Instrument aus der Orgelbauwerkstatt von Beckerath mit modernem Prospekt).

Schade, Braunschweig und Wolfenbüttel hätten ihre Geschichte mit einem weiteren berühmten Musiker schmücken können, aber wahrscheinlich ging es damals bei der Kirche schon genauso kleinlich und engstirnig zu wie heute. Bach senior hatte da auch seine Erfahrungen gemacht, bei seiner ersten Organistenstelle ist er gleich abgemahnt worden, weil er die Choräle nicht so begleitet hat, wie die hohen Herren es wollten, und weil seine zukünftige Frau in der Kirche gesungen hat.

Zitat

Es war damals wie heute: Wer stellt einen Sechzigjährigen ein, der ganz klar seinen eigenen Kopf hat?
Heute würde man einen Sechzigjährigen überhaupt nicht mehr einstellen, egal ob er seinen eigenen Kopf hat oder nicht.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Montag, 12. Oktober 2009, 18:53

Mir ist allerdings stets ein alter Beitrag von Albus aus dem Tamino-Forum im Hinterkopf geblieben, wo er eine Fuge für Streicher erwähnte:
"http://www.tamino-klassikforum.at/thread.php?threadid=1382
Dieses Stück würde ich auch gerne kennenlernen, die erwähnte Aufnahme ist allerdings nicht erhältlich.


Auf dem Marktplatz inzwischen wieder erschwinglich, sehr flott und engagiert gespielt, die beste Aufnahme des e-moll Konzertes:


:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Symphonien BR C 8 / Fk 64 in D, BR C 7 / Fk 65 in d, BR C 2 / Fk 67 in F
Cembalokonzert e-moll BR C12 / Fk 43
Adagio & Fuge f-moll (Mozarts Arrangement einer der Clavierfugen mit eigener Einleitung)
Akademie für Alte Musik Berlin, Stephan Mai; Raphael Alpermann, Cembalo


Bevor ich's vergesse: Diese CD hat mir sehr gut gefallen, und insbesondere die d-moll-Fuge ist wirklich was ganz besonderes.
Mit dem Cembalokonzert konnte ich nicht so arg viel anfangen, mit den Symphonien aber um so mehr. :yes2:
Als nächstes werde ich wohl Herrn Simmonds eine Fugen-und-Polonaisen-CD abkaufen.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Donnerstag, 15. Oktober 2009, 15:11

in der Dresdner Zeit unterrichtet er nebenher wegen der geringen Besoldung (u.a. Johann Gottlieb Goldberg); das Amt verlangt nur Orgelspiel, also hat er genügend Zeit für eine aktive Teilnahme am Musikleben des Hofes, Kontakte zu Johann Adolf Hasse, Jan Dismas Zelenka, Johann Georg Pisendel, Silvius Leopold Weiss, Hermann Graf von Keyserling, Carl Heinrich von Dieskau und der Kurfürstin Maria Antonia Walpurgis von Sachsen

1767 Dedikation des Cembalokonzertes e-moll an die Kurfürstin von Sachsen; eine angekündigte Druckausgabe wahrscheinlich dieses Konzertes erscheint nicht.

Gemeint ist hier wohl die Gattin des Kurprinzen Friedrich Christian. Kurfürstin war ja zu der Zeit noch die Habsburgerin Maria Josepha.

Interessant in dem Zusammenhang ist für mich, ob das andere Kunstverständnis von Friedrich Christian gegenüber dem seines Vaters Friedrich August II. eine Rolle bei der Beziehung von W.F. Bach zur späteren Kurfürstin spielte. Friedrich Christian feuerte ja, wenn ich mich recht entsinne, einige Künstler, bzw. setzte deren Gehalt herab, was dann von seinem Sohn Friedrich August III. und auch in der Zeit der Regentschaft von Kuradministrator Prinz Xaver nicht rückgängig gemacht wurde.
Unbekannt Samstag, 24. Oktober 2009, 01:11
Nach einigen Lesegängen durch die Geschichte der sächsischen Kurfürsten muß ich Dir zustimmen, daß hier nur Maria Antonia Walpurgis Symphorosa von Bayern (* 18. Juli 1724 in München; † 23. April 1780 in Dresden), die am 20. Juni 1747 den sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian heiratete, gemeint sein kann. Da sie nach Friedrich Christians Tod nur zehn Wochen nach dessen Thronbesteigung zusammen mit ihrem Schwager Franz Xaver von Sachsen als vormundschaftliche Regentin bis 1768 die Regierung Kursachsens innehatte, erklärt sich die 1767 von Wilhelm Friedemann formulierte Anrede als Kurfürstin.
Für ihre Förderung der Musik (u.a. Johann Gottlieb Naumann) war sie ja bekannt, und eine gute Cembalistin soll sie auch gewesen sein.
Wahrscheinlich war sie nach den Sparmaßnahmen von Friedrich August II. und Friedrich Christian die beste Adresse in Dresden für Musikförderung am Hof.
Unbekannt Mittwoch, 25. November 2009, 13:30
Mit dieser Serie von Postings möchte ich auf historische und aktuelle Irrtümer, Fehlzuschreibungen von Werken und Ereignissen und was auch immer im Zusammenhang mit Wilhelm Friedemann Bach hinweisen, denn das scheint wie ein Fluch auf ihm zu liegen - manchmal wurde nur geschludert, wie im CPO-Katalog für 2010, wo als Lebensdaten 1759-1845 steht - die von Wilhelm Friedrich Ernst Bach, seinem Neffen, dem Sohn des Bückeburgers Johann Christoph Friedrich - der kommt im Komponistenalphabet gleich danach ... :rolleyes:
Unbekannt Donnerstag, 10. Dezember 2009, 18:43
Dieses Porträt kennt nun wirklich fast jeder Alte-Musik-Liebhaber, und es gibt kaum eine CD mit Musik von Wilhelm Friedemann Bach, die es nicht ziert:


Porträt signiert F Weitsch, z.Zt. im Händel-Haus in Halle


Dieses Porträt hat sich so hartnäckig festgesetzt, daß es wohl ebenso schwer aus den Köpfen zu bekommen sein wird wie die Gerüchte über seine Trunkenheit im Dienst auf der Orgelbank - aber es scheint nicht ihn darzustellen. Ich will hier nicht vorgreifen und jemandem anders die Leser und Käufer abspenstig machen: Zur Buchmesse 2010 soll eine neue Biografie über Wilhelm Friedemann Bach erscheinen, verfasst von Dr. Ulrich Kahmann - ich habe Auszüge gelesen und kann sie nur empfehlen! Zweifel an diesem Portrait hat es schon früher gegeben, aber so fundiert hat noch niemand alle Erkenntnisse auf dem neusten Stand verwertet und durch eigene Schlußfolgerungen ergänzt wie Ulrich Kahmann.
Im Oktober 2010 wird ein Artikel von Dr. Kahmann über das Weitsch-Porträt in Die Tonkunst erscheinen. Ich bin seinen Hinweisen gefolgt und habe eine kürzlich erschienene Monographie von Reimar Lacher über den Maler Weitsch eingesehen - der Autor belegt auf einer halben Seite, wer es sein kann und wer nicht! Hier habe ich die wahre Identität des Porträtierten gelüftet ...
Unbekannt Mittwoch, 24. Februar 2010, 15:13
Seit April 2010 gibt es bei der DGG eine sehr preiswerte Wiederveröffentlichung der ursprünglich auf 3 CDs verstreuten Aufnahmen von Werken Wilhelm Friedemann Bachs aus dem Archiv des Labels, die Original-CDs sind alle nur gebraucht und z.T. recht teuer zu bekommen:

Flötenkonzert D-Dur BR C 15 / Fk deest
- Verena Fischer, Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel, aufg. 2002 f. Archiv Produktion
Konzert für 2 Cembali Es-Dur BR C 14 / Fk 46
- Andreas Staier, Robert Hill, Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel, aufg. 1985 f. Archiv Produktion
Sonate für 2 Cembali F-dur BR A 12 / Fk 10
- Andreas Staier, Robert Hill, aufg. 1985 f. Archiv Produktion
Polonaisen es-moll, e-moll,f-moll BR A 32,34,36 / Fk 12 Nr. 6,8,10
- Gustav Leonhardt, Clavichord, aufg. 1988 f. Philips



Es sind alles sehr empfehlenswerte Interpretationen - vor allem die des Flötenkonzerts ist den anderen weit überlegen, wie ich weiter oben dargestellt habe.

Klanglich haben die Aufnahmen durch das Remastering sogar ein wenig gewonnen, klingen etwas besser durchhörbar als bei den Original-CDs. Die Interpretationen der drei Konzerte kann ich nach wie vor nur empfehlen - schön auch, dass man die beiden ja nach neusten Erkenntnissen in den Berliner Jahren entstandenen Konzerte auf einer CD bekommt.
Editorisch allerdings keine Meisterleistung: Dass sich das Label jeden Begleittext spart, kennt man ja von dieser Serie (Naxos bekommt das fürs gleiche Geld auch bei Neuproduktionen hin), aber man hätte wenigstens vollständige Besetzungslisten nennen können - und Werknummern nach dem BR - s. oben!
Abgesehen davon spielt Gustav Leonhardt die drei Polonaisen auf einem Clavichord, und nicht auf einem Cembalo, wie angegeben ... :rolleyes:
Unbekannt Montag, 15. März 2010, 03:17
Die neue Gesamtausgabe der Werke Wilhelm Friedemann Bachs im Carus Verlag wird übrigens folgende Aufteilung haben:

Band 1: Klaviermusik I: Sonaten und Konzert für Cembalo solo, Konzert für 2 Cembali (Carus 32.001)
Band 2: Klaviermusik II: Polonaisen, Fugen und Fantasien für Cembalo solo; Kleinere Stücke für ein Tasteninstrument; Werke für mechanische Instrumente; Kanons (Carus 32.002)

Band 3: Kammermusik: Duette, Solo- und Triosonaten (Carus 32.003)

Band 4: Orchestermusik I: Konzerte für Cembalo (Carus 32.004)
Band 5: Orchestermusik II: Concerto per due Cembali in Es BR C 11 + Flötenkonzert BR C 15 (Carus 32.005)
Band 6: Orchestermusik III: Sinfonien (Carus 32.006)


Band 7: Vokalwerke I: Kantaten zu Advent, Weihnachten und Neujahr (Carus 32.007)
Band 8: Vokalwerke II: Kantaten zu Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten (Carus 32.008)
Band 9: Vokalwerke III: Kantaten zu Marienfesten und für die Sonntage des Kirchenjahres (Carus 32.009)
Band 10: Vokalwerke IV: Kantaten zu besonderen Anlässen (Carus 32.010)
Band 11: Vokalwerke V: Messen und Einzelsätze (Carus 32.011)

Bände in Farbe sind bereits erschienen.

p.s. nach dem neusten Stand der Informationen sollen die noch ausstehenden Bände der Instrumentalwerke bis Dezember 2010 erscheinen, ebenso wie das neue Werkverzeichnis ...
p.p.s. die Herausgabe der weiteren Bände der Werkausgabe verzögert sich nach Auskunft der Carus Verlags ...
Unbekannt Mittwoch, 21. April 2010, 22:47
Hier zusammengefasst noch einmal der Überblick über alle orchestral zu nennenden Kompositionen Wilhelm Friedemann Bachs, nach dem neusten Stand der Forschung:

Sinfonia C-Dur BR C 1 / Fk 63 *
Sinfonia F-Dur BR C 2 / Fk 67
Sinfonia G-Gur BR C 3 / Fk 68 *
Sinfonia G-Dur BR C 4 / Fk 69 *
Sinfonia B-Dur BR C 5 / Fk 71 *
Sinfonia A-Dur BR C 6 / Fk 70 (Fragment)
Sinfonia d-Moll BR C 7 / Fk 65
Sinfonia D-Dur BR C 8 / Fk 64
Concerto für Cembalo in D-Dur BR C 9 / Fk 41
Concerto für Cembalo in Es-Dur BR C10 / Fk 42 (Fragment)
Concerto für 2 Cembali in Es-Dur BR C11 / Fk 46
Concerto für Cembalo in E-moll BR C12 / Fk 43
Concerto für Cembalo in F-Dur BR C13 / Fk 44
Concerto für Cembalo in A-moll BR C14 / Fk 45
Concerto per il Flauto traverso in D BR C 15 / Fk S. 11 unecht
Sinfonia D-Dur BR C-Inc. 16 / Fk deest (unsicher)
Concerto für Cembalo in g-moll BR C-Inc. 17 / Fk unsicher

* nur noch als Exzerpt von Martin Falck existent

Links zu den Besprechungen hier im Forum: Cembalokonzerte, Sinfonien, Flötenkonzert.
Unbekannt Mittwoch, 13. Oktober 2010, 21:51
Wilhelm Friedemann Bach zum 300. Geburtstag

Termin: 20.11.2010
Beginn: 19:00 Uhr
Veranstaltungsort: Konzertsaal der Kulturstiftung Marienmünster, Abtei Marienmünster
Veranstalter: Gesellschaft der Musikfreunde der Abtei Marienmünster
Buchung: Buchung über diese Webseite

Der 300. Geburtstag von Friedemann Bach gibt Anlass für ein Jubiläums-Konzert am Samstag, 20. November 2010, um 19 Uhr, mit Ketil Haugsand & Tineke Steenbrink. Ihre Aufführung mit Werken des Bach-Sohns am Cembalo wird begleitet durch Erläuterungen des Autors Dr. Ulrich Kahmann aus Herford.

Programm:
Carl Philipp Emanuel Bach - Vier kleine Duette
Willhelm Friedemann Bach - 3 Polonaisen (No. 9, in F-Dur - No. 2, in c-Moll - No. 3, in D-Dur)
Willhelm Friedemann Bach - Concerto in F-Dur (Moderato- Andante- Presto)


Bei dieser Gelegenheit wird auch die neue Biografie über Wilhelm Friedemann Bach von Dr. Ulrich Kahmann präsentiert, die am 10. November im Aisthesis Verlag erscheint. 8o
Ich werde dort sein, wenn nichts gravierendes dazwischenkommt ... :thumbup:
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 02:09
Diese neu angekündigte CD bei Carus stellte mich anfangs noch vor Rätsel:



Wilhelm Friedemann Bach:
Cembalokonzert D-Dur BR C 9 (Fk 41)
* Cembalokonzert g-moll BR C-Inc. 17 (Fk unsicher)
* Sonate H-Dur für Violine & Cembalo BR B-Inc. 19 (Fk unsicher)
Trio B-Dur für 2 Violinen & Bc (Originalversion) BR B 16 (Fk 50)

Sebastian Wienand, Anne Katherine Schreiber, Martina Graulich, Werner Saller, Ute Petersilge, Frank Coppieters

Die (*) markierten sind Werke von unsicherer Zuschreibung ... interessantes Thema für eine CD. Ich habe sie vorbestellt und werde berichten.
Unbekannt Mittwoch, 20. Oktober 2010, 13:17
Endlich!!!

Ulrich Kahmann
Wilhelm Friedemann Bach

Der unterschätzte Sohn


2010, ISBN 978-3-89528-828-9,
316 Seiten, 9 Abb., kart. ca. EUR 29,80


Aisthesis Verlag
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 20:11
Für den Januar 2011 angekündigte Neuerscheinung:



Sonate D-Dur für 2 Flöten & Bc;
Sonate B-Dur für Flöte, Violine & Bc;
Fantasie e-moll für Cembalo;
Duett G-Dur für 2 Violen;
Polonaise e-moll für Cembalo;
Sonate e-moll für Flöte & Bc;
Polonaise E-Dur für Cembalo;
Duett e-moll für 2 Flöten;
Fantasie d-moll für Cembalo

Ensemble Sans Souci Berlin

Die CD führt keine Werkverzeichnisnummern auf! Weder die alten von Falck, noch die neuen aus dem Bach-Repertorium ... ich werde sie gelegentlich ergänzen.
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 21:23
wird attacca von einer fast ungestümen Streicherfuge abgelöst, die zu den besten Orchesterfugen des 18. Jahrhunderts gezählt werden muss.
Hm, ich wage es ja kaum noch nach den "Goldbergdiskussionen" zu schreiben: erinnert das Thema dieser Fuge nicht - Hüstel - an das Kyrie-Thema des Mozart-Requiems? Gleich wie "And with his stripes we are healed" aus Händels Messiah, wie Pachelbels Orgelfuge in d- moll, wie Telemanns Fuge aus seiner Triosonate in d-moll (TWV 42, d4, 2. Satz)? Diese Komponisten fallen mir so gerade ein.
War dieses Thema vielleicht doch ein barockes "Allerweltsthema", von Mozart nun zum Xten-Male durchfugiert?
Unbekannt Montag, 20. Dezember 2010, 23:17
Ich denke, das mit dem "Allerweltsthema" ist kein schlechter Gedanke - aber dann ist es auch keine Schande für einen Komponisten, es zu verarbeiten - Variationen über La Follia gibt es ja auch zur Genüge.
Und da sich nicht jedes Thema für eine Fuge eignet, erst recht.
Unbekannt Dienstag, 21. Dezember 2010, 08:17
War dieses Thema vielleicht doch ein barockes "Allerweltsthema", von Mozart nun zum Xten-Male durchfugiert?

Solche barocke "Allerweltsthemen" gibt's ja viele. Unter anderem auch das Thema der Kunst der Fuge. In welchem Werk es dann nochmal n+xmal durchfugiert. - Schmälert das am Wert oder Gradiosität des letzten Contrapunctus?

Ebensowenig wird davon die mozartsche Fuge weniger genial. Schon der Kontrasubjekt ist eine Erfindung, die seinesgleichen sucht.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Dienstag, 4. Januar 2011, 10:47
DRS 2 Parlando

Auf den Spuren von Wilhelm Friedemann Bach

Die Sendung ist vom 12. Dezember, lange wird man sie vermutlich nicht mehr herunterladen können.

Gruß, Carola

Ich habe den Beitrag hierher kopiert.
p.s. die Sendung ist mittlerweile nicht mehr verfügbar - da sich der nachfolgende Beitrag darauf bezeiht, habe ich den Link stehen lassen.