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Vergessene Pioniere der historischen Aufführungspraxis

Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 12:07
In der mittlerweile über hundertjährigen Geschichte der historischen Aufführungspraxis gab es zahlreiche Musikerinnen und Musiker, die - von den Zeitgenossen überwiegend als Exoten belächelt und von der Nachwelt bald als "überholt" abgetan - dennoch wichtige Beiträge dazu geleistet haben, wie heute Alte Musik aufgeführt und gehört wird. Es soll hier nicht um bekannte Pioniere wie beispielsweise Harnoncourt oder Leonhardt gehen, sondern um diejenigen, die weitgehend vergessen sind, obwohl sie einen wichtigen Anteil an der Entwicklung der historischen Aufführungspraxis hatten.

Ich werde in Kürze mit der ersten Musikerin beginnen und würde mich freuen, wenn auch andere sich an diesem Thema beteiligen.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 13:33

...und würde mich freuen, wenn auch andere sich an diesem Thema beteiligen.

Viele Grüße,
Andreas
Gerne, aber mangels Wissen kann ich es nur lesend und fragend tun. Das Interesse ist aber jedenfalls da. Und den Namen Wanja Landowskaja habe ich immerhin auch schon mal gehört (falls die als Pinonierin anzusehen ist).

Gruß, Carola
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 14:15
Moin!



Was ist mit Sigiswald Kuijken?

Gehört der nicht auch zu den Pionieren?

La Petite Bande ist doch schon sehr lange dabei.



LG

Antiphona
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 16:08
In meiner Sammlung finden sich einige CDs mit dem englischen Countertenor Alfred Deller (1912-79), der mit seinem Deller Consort einiges herausgebracht hat: Ich habe - schon vor vielen Jahren erworben - Aufnahmen mit Werken von H. Purcell, J. Blow, F. Couperin, W. Byrd, Th. Tallis und C. Gesualdo. Wie beurteilen die HIP-Kenner seine Leistungen aus heutigem Blickwinkel? Genial? Überholt? ...?
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 16:10
Und den Namen Wanja Landowskaja habe ich immerhin auch schon mal gehört (falls die als Pinonierin anzusehen ist).
Wanda Landowska würde ich nicht zu den Pionieren der historischen Aufführungspraxis rechnen wollen. Ihr Interpretationsansatz war romantisierend und ihr Instrument alles andere als historisch. Davon abgesehen ist sie nicht vergessen, sondern auch heute noch relativ bekannt.
Was ist mit Sigiswald Kuijken?
Die Gebrüder Kuijken (Sigiswald, Barthold, Wieland) gehören zu den bekanntesten Persönlichkeiten der HIP-Szene - das ist das genaue Gegenteil von "vergessen" :D

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 16:27
Nicht vergessen, aber doch Pioniere?!...
Müssen sie vergessen sein?
Dann kann ich hier leider auch nichts beitragen, denn die Vergessenen habe ich vergessen. :wacko:

LG
Antiphona
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 18:32

Zitat

The harpsichord world today is more greatly in her debt than it knows.
Peter Watchorn

Isolde Ahlgrimm wurde am 31. Juli 1914 in Wien geboren. Sie stammte aus einem musikalischen Elternhaus; ihre Mutter war Pianistin, und ihr älterer Bruder wurde ebenfalls Musiker. An der Musikakademie Wien erhielt Isolde Ahlgrimm eine Ausbildung als Pianistin, ihre Lehrer waren Viktor Ebenstein, Emil von Sauer und Franz Schmidt.

1934 traf sie Dr. Erich Fiala, der alte Musikinstrumente sammelte und den sie 1938 heiratete. 1937 kauften die beiden ihr erstes historisches Tasteninstrument, ein Fortepiano von Michael Rosenberger aus dem Jahr 1790. Ebenfalls 1937 wurde ein Cembalo von Ammer gekauft, das sich in seiner Bauweise schon eher an historischen Vorbildern orientierte als die damaligen Cembali, die in Serie gebaut wurden. Das Ammer-Cembalo war ein Hochzeitsgeschenk von Isolde Ahlgrimms Schwiegereltern, die wohlhabende Fabrikanten waren. 1941 kam im Austausch gegen einen Pleyel-Flügel ein Ammer-Pedalcembalo zur Sammlung hinzu.

Im Februar 1937 begann Isolde Ahlgrimm die Konzertreihe "Concerte für Kenner und Liebhaber", die ohne Unterbrechung über die Kriegsjahre bis 1956 fortgesetzt wurde, als sie und ihr Mann geschieden wurden und die Instrumentensammlung aufgelöst wurde. Ende der 40er Jahre entstanden Aufnahmen mit Cembalokonzerten J. S. Bachs, bei denen Nikolaus Harnoncourt mitwirkte. 1950 spielte Isolde Ahlgrimm in einer Konzertreihe sämtliche Sonaten, Fantasien und Rondos von Mozart auf drei historischen Fortepianos, die Ende des 18. Jahrhunderts gebaut worden waren. (Gustav Leonhardt, der in den 50er Jahren in Wien war und sich mit Isolde Ahlgrimm austauschte, erinnerte sich noch 1995 in einem Interview an sie als "unvergleichliche Fortepiano-Spielerin".) In der ersten Hälfte der 50er Jahre entstand für Philips eine Gesamtaufnahme der Cembalowerke J. S. Bachs, die 1974 auf 20 LP's wiederveröffentlicht wurde.

Ihr Cembalospiel war eine radikale Abkehr von dem, was man von ihrer wesentlich bekannteren Kollegin Wanda Landowska und deren Schülern gewohnt war: keine übertriebenen Ritardandi, sparsamer Registerwechsel, differenzierte Artikulation, genaue Beachtung der unterschiedlichen Verzierungen und das Bemühen, die Musik "sprechen" zu lassen - heute selbstverständlich, in den 30er und 40er Jahren aber ganz und gar nicht. Ihre Spieltechnik erarbeitete sich Isolde Ahlgrimm aus zeitgenössischen Dokumenten wie etwa C. P. E. Bachs "Versuch", während Landowska die Spieltechnik der russischen Pianistenschule einfach auf das Cembalo übertrug. In Konzerten spielte Isolde Ahlgrimm stets auswendig. Sie war übrigens eine der ersten, die sich dafür einsetzten, Bachs "Kunst der Fuge" als Cembalowerk zu betrachten, und sie spielte die "Kunst der Fuge" auch in Konzerten auf dem Cembalo.

Isolde Ahlgrimms letzter Schüler war der australische Cembalist Peter Watchorn. Als er ihr 1977 einen Brief schrieb, um seine Begeisterung über ihre Aufnahmen aus den 50er Jahren zum Ausdruck zu bringen, antwortete sie ihm, sie sei erstaunt darüber, denn der Aufführungsstil habe sich doch seitdem sehr geändert. Persönlich traf Watchorn sie erst 1985. Er beschreibt ihre bescheidene Wohnung in der Strudlhofgasse unweit der Universität, wo sie viele Jahre unterrichtet hatte, und ihr kleines Wohnzimmer, in dem neben einem Cembalo von David Rubio, das sie 1972 gekauft hatte, noch eine schmale Schlafcouch und ein Mikrofilm-Lesegerät standen. Dieses Lesegerät benötigte sie für ihre Arbeit an einem Lexikon der Verzierungen, das sie die letzten 20 Jahre ihres Lebens beschäftigte und leider unvollendet blieb.

Isolde Ahlgrimm starb am 11. Oktober 1995 im Alter von 81 Jahren. Watchorn, der ihr seit 1985 freundschaftlich verbunden geblieben war, schreibt, sie sei erschöpft von Krankheit, jahrelanger künstlerischer Missachtung, lebenslanger harter Arbeit und tiefer Traurigkeit gewesen.

Sie hat mit ihrem Cembalo- und Fortepianospiel die Grundlage für viele nachfolgende Musiker gelegt, die historische Aufführungspraxis maßgeblich vorangebracht und damit auch jüngere HIP-Pioniere wie Harnoncourt und Leonhardt (die sie beide persönlich kannte) beeinflusst. Und trotzdem ist sie nahezu unbekannt - wie schon 1974, als "Grammophone" eine Aufnahme der damals 60-Jährigen als Debut besprach, weil offenbar keinem der Redakteure ihr Name geläufig war...

Viele Grüße,
Andreas

EDIT: Bild entfernt wegen unklarer Urheberrechtssituation.
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 19:01
Paul Badura-Skoda hat mal in einem Interview von Isolde Ahlgrimm geschwärmt, daß sie ihn sehr inspiriert habe - gibt es denn noch erhältliche Aufnahmen? ich würde gerne mal etwas von ihr hören ...

Sehr interessanter Thread - würde Paul Hindemith hierher passen? - über dessen Aktivitäten auf diesem Gebiet könnte ich etwas schreiben, nicht sofort, aber demnächst.
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 19:37
Paul Badura-Skoda hat mal in einem Interview von Isolde Ahlgrimm geschwärmt, daß sie ihn sehr inspiriert habe - gibt es denn noch erhältliche Aufnahmen? ich würde gerne mal etwas von ihr hören ...
Einiges aus der Bach-Gesamtaufnahme (50er Jahre) ist hier als kostenpflichtiger Download verfügbar.

Es gibt aber auch noch CD's, beispielsweise eine Aufnahme der "Kunst der Fuge" aus den 60er Jahren:



Der Klang des Ammer-Cembalos ist natürlich für heutige Ohren gewöhnungsbedürftig, aber davon abgesehen kann man hier gut hören, was Isolde Ahlgrimms Cembalospiel ausmacht.



Leider ist hier das Aufnahmejahr nicht angegeben - das Cembalo klingt aber eher nicht nach Ammer...

Aufnahmen mit Fortepiano gibt es leider gar nicht - ich vermute, dass die Plattenfirmen da abgewunken haben.

Zitat

Sehr interessanter Thread - würde Paul Hindemith hierher passen? - über dessen Aktivitäten auf diesem Gebiet könnte ich etwas schreiben, nicht sofort, aber demnächst.
An Hindemith habe ich auch schon gedacht - er ist zwar als Komponist nicht vergessen, aber seine Aktivitäten im Bereich der Alten Musik durchaus. Gerne!

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 19:41
Bei Wikipediagibt´s auch einen Artikel zu Isolde Ahlgrimm, allerdings recht dürftig. Dort steht, dass sie 1955 mit Harnoncourt auch die Gambensonaten und Das musikalische Opfer von Bach auf Schallplatte aufgenommen hat. Es ist schon heftig, dass heute Harnoncourt und Leonhardt allgemein als Pioniere gelten, diese Vorreiterin der Alten Musik aber weitgehend vergessen ist - auch ich hatte den Namen noch nie gehört. Sollte es Zufall sein, dass es eine Frau war, die vergessen wurde?

Gruß, Carola
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 19:53
Es ist schon heftig, dass heute Harnoncourt und Leonhardt allgemein als Pioniere gelten, diese Vorreiterin der Alten Musik aber weitgehend vergessen ist - auch ich hatte den Namen noch nie gehört. Sollte es Zufall sein, dass es eine Frau war, die vergessen wurde?
Das ist schwierig zu beantworten. Möglicherweise gibt das Buch von Peter Watchorn



hier näheren Aufschluss. Es würde mich schon sehr interessieren, aber der Preis ist leider ziemlich hoch.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 20:14
In meiner Sammlung finden sich einige CDs mit dem englischen Countertenor Alfred Deller
Deller würde ich auch nicht als "vergessen" einstufen wollen - er wird allgemein als derjenige angesehen, der die Countertenor-Gesangstechnik wiederbelebt hat. Interessant wäre da eher die Frage, ob vielleicht noch andere daran Anteil gehabt haben, beispielsweise der amerikanische Countertenor Russell Oberlin, Jahrgang 1928 und heute in der Tat kaum noch bekannt...

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Sonntag, 14. Februar 2010, 21:14
Möglicherweise gibt das Buch von Peter Watchorn



hier näheren Aufschluss. Es würde mich schon sehr interessieren, aber der Preis ist leider ziemlich hoch.


Es gibt ein paar deutsche Bibliotheken, die es haben - wie wär's mit Fernleihe? Die Frankfurter oder andere in meiner Umgebung sind leider nicht dabei.
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 09:04
Guten Morgen,

genannt werden muss hier einer der frühsten Pioniere der historischen Aufführungsprasix: Arnold Dolmetsch ( 1858 - 1940 ) ein französischstämmiger und hauptsächlich in England wirkender Musiker und Instrumentenbauer. Er studierte Violine in Brüssel und London, während seiner Studienzeit in London baute er bereits Cembali, später eine ganze Reihe weiterer Musikinstrumente nach. Schon 1915 gab er das Buch: "The Interpretation of the Music of the XVIIth and XVIIIth Century" , einen Meilenstein zur Wiederbelebung historischer Aufführungspraktiken der alten Musik, heraus. 1925 begründete er ein jährlich stattfindendes Festival zur "Wiederbelebung der alten Kammermusik".

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 09:55
Als regelrecht 'vergessen' würde ich weder Isolde Ahlgrimm noch Arnold Dolmetsch bezeichnen.
Auch andere Größen, deren Namen heute vielleicht nicht mehr so geläufig sind, waren zu Ihrer Zeit durchaus bekannt und berühmt für ihr Engagement in Sachen alte Musik. Das fängt bei Nadia Boulanger an und hört bei August Wenzinger schon nicht mehr auf, der Jüngeren selten noch ein Begriff ist.
Allerdings werden sie immer wieder genannt. Man kann auch ab und zu Aufnahmen hören - Wenzinger z. B. taucht immer noch und immer mal wieder im WDR3-Programm auf.

Ahlgrimms Aufnahmen wurden in größerem Maßstab in den 70er Jahren wiederveröffentlicht, und im Rundfunk war sie zu dieser Zeit auch relativ präsent.
Einige LPs stehen hier. Ihr Spiel würde ich als sehr sorgfältig, aber nicht extrem leidenschaftlich bezeichnen wollen...
Vielleicht stand sie später ein wenig zu sehr im Schatten solcher – sagen wir mal – Stars wie Kirkpatrick, Malcolm u. a. und hat auch nicht allzu viele Schüler gehabt. Aber ihr Name ist durchaus präsent und gehört schon in den Pantheon der Pioniere.

Bei Dolmetsch muss man schon die ganze Familie meinen, denn die Tradition besteht noch, und das Festival wird heute noch von den Dolmetschs veranstaltet. Der Name ist auf den Inseln eine feste Größe.
Die ersten Instrumente, mit denen Arnold sich beschäftigte, waren Clavichorde. Ohne Dolmetsch wäre auch die Renaissance der Blockflöte anders verlaufen.
Einen bedenkenswerten Auftritt hatte die Familie, die stets als das Dolmetsch Ensemble firmierte, bei einer für alte Instrumente und Kinderschlagzeug arrangierten Fassung des "Tanz der Zuckerfee" aus der Nussknacker-Suite auf dem Hoffnung-Festival. Die lege ich einmal pro Jahr auf. :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 10:08
Guten Tag

kaum wer aber kennt Christian Döbereiner ( 1874 - 1961 ), ebenfalls ein früher Pionier der historischen Aufführungspraxis. Bereits 1911 schrieb er ein Buch "Über die Viola da Gamba und ihre Verwendung bei J. S. Bach", noch 1960 veröffentlichte er ein Buch "Zur Renaissance Alter Musik (Abhandlung Über alte Musikpraxis)" im Verlag Hans Schneider Tutzing.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 13:24
In Köln gab es eine ganz alte "Tradition" der Alten Musik; es gab, soviel ich weiss, eine Sammlung alter Instrumente und auch Musiker, die Alte Musik spielten. In den 30er Jahren soll z.b. auch ein ehemaliger Musiker der Westdeutschen Rundfunk AG eine Tournee mit einem Trio für Alte Musik durch die USA gemacht haben; leider konnte ich die Hinweise nie wirklich befestigen.
Der Prof.für Musik und Universitätsmusikdirektor der Uni Köln Dr. Dieter Gutknecht arbeitet viel über das Thema. Es gibt einige Bücher von ihm bzw mit seiner Beteiligung, doch (fast?) alle vergriffen.

50 Jahre Alte Musik im WDR 1954 - 2004. Von Christoph Wolff, Dieter Gutknecht u.a. Concerto Verl. 2005.

Dieter Gutknecht: Studien zur Geschichte und Aufführungspraxis Alter Musik. Ein Überblick von Beginn d. 19. Jh. bis zum 2. Weltkrieg. Mit e. Vorw. von Anton Wenziger. Concerto Verl. 1993.

Alte Musik und Aufführungspraxis. Festschrift f. Dieter Gutknecht zum 65. Geb. von Dietrich Kämper u.a. LIT Verl. 2008.

Fritz Neumeyer - Wege zur Alten Musik: Studien und Dokumente. Von Dieter Gutknecht, Fritz Neumeyer u.a. Röhrig Universitätsver. 1996.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 14:12


50 Jahre Alte Musik im WDR 1954 - 2004. Von Christoph Wolff, Dieter Gutknecht u.a. Concerto Verl. 2005.

Dieter Gutknecht: Studien zur Geschichte und Aufführungspraxis Alter Musik. Ein Überblick von Beginn d. 19. Jh. bis zum 2. Weltkrieg. Mit e. Vorw. von Anton Wenziger. Concerto Verl. 1993.


Concerto Verlag

Zitat

Alte Musik und Aufführungspraxis. Festschrift f. Dieter Gutknecht zum 65. Geb. von Dietrich Kämper u.a. LIT Verl. 2008.


LIT Verlag

Diese sind noch lieferbar, die Verlage kenne ich beide, sie sind für jede Direktbestellung dankbar.
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 19:03
Das fängt bei Nadia Boulanger an und hört bei August Wenzinger schon nicht mehr auf, der Jüngeren selten noch ein Begriff ist.
Genau deswegen wäre er eigentlich auch ein Kandidat für diesen Thread, denn das "Vergessen" meinte ich aus heutiger Sicht. Ich habe den Eindruck, dass viele Musiker, die wichtige Beiträge zur historischen Aufführungspraxis geleistet haben, oft als "veraltet" angesehen werden, denn heute spielt man eben anders als früher, wo man die alten Instrumente noch nicht so gut beherrschte und noch nicht genug musikwissenschaftlichen Kenntnisse angesammelt hatte. Es ist aber die Frage, ob das im Einzelfall auch wirklich zutrifft und die künstlerische Leistung so schmälert, dass man sie einfach als "überholt" abtun kann.

Zitat

Ahlgrimms Aufnahmen wurden in größerem Maßstab in den 70er Jahren wiederveröffentlicht, und im Rundfunk war sie zu dieser Zeit auch relativ präsent.
Wie bereits erwähnt, wurden die Aufnahmen aus den 50er Jahren gut 20 Jahre später von Philips wiederveröffentlicht (in zwei Boxen mit je 10 LP's). Hier ein vom Zahn der Zeit angenagtes Cover von 1953:



Ich meine, diese Aufnahme vor vielen Jahren im Rundfunk gehört zu haben - wenn ich mich richtig erinnere, war es die zweite Französische Suite...

Zitat

Aber ihr Name ist durchaus präsent und gehört schon in den Pantheon der Pioniere.
Ersteres wohl eher bei älteren Semestern, letzteres ist meiner Meinung nach unstrittig. Ich werde mir das Buch von Watchorn besorgen und dann weiter berichten.

Zitat

Ohne Dolmetsch wäre auch die Renaissance der Blockflöte anders verlaufen.
Allein schon deswegen ist der Name Dolmetsch nicht vergessen, weil er in nahezu jedem Blockflötenbuch auftaucht. Zu Edgar Hunts Buch "The Recorder and its Music" (erstmalig 1962 erschienen) schrieb Carl Dolmetsch sogar das Vorwort. In diesem Buch gibt es übrigens ein Foto des jungen Frans Brüggen, der damals auch schon aktiv war...

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 20:19
Hallo!

Von Isolde Ahlgrimm habe ich folgende CD, die ich gerne höre:



Der andere Interpret der CD, Hans Pischner, ist sicher bekannter als Frau Ahlgrimm (insbesondere in der ehem. DDR), allerdings in erster Linie nicht als HIP-Pionier. Seine Bedeutung für die Geschichte der Cembalo-Interpretation kann ich nicht einschätzen.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 20:38
Ich habe mir mal Isolde Ahlgrimms Händel bestellt - ihr Bach hat mich von den Klangbeispielen her nicht so angesprochen, wie hier schon jemand gesagt hat, sehr sorgfältig gespielt, aber auch recht langsam, für meinen inzwischen gewachsenen Geschmack etwas zu langsam, was ihre Bedeutung aber nicht im mindestens betrifft. Ihre Konsequenz spricht für sie, und sie hat eine Menge Boden bereitet.
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 21:27
sehr sorgfältig gespielt, aber auch recht langsam, für meinen inzwischen gewachsenen Geschmack etwas zu langsam
Ich würde es so formulieren: Die Tempospanne zwischen "langsam" und "schnell" ist bei ihr grösser als gewohnt. Ich habe gestern und heute einige von ihr gespielte Englische und Französische Suiten gehört, und dabei ist mir aufgefallen, dass sie die Allemanden sehr langsam spielt, die Sarabanden eher etwas schneller und die Giguen durchaus recht flott. Bei der Englischen Suite Nr. 2 verblüfft sie sogar dadurch, dass sie die komplette Gigue zuerst in (schon recht schnellem) normalen Tempo spielt und danach noch einmal prestissimo - so etwas habe ich noch nie gehört :umfall:

Auch bei der Kunst der Fuge nimmt sie sich bei einigen Stücken viel Zeit, aber auch hier kann man nicht sagen, dass sie generell langsamer oder zu langsam spielt. Was zunächst einmal gewöhnungsbedürftig ist, ist der grössere Unterschied zwischen "langsam" und "schnell".

Gewöhnungsbedürftig ist natürlich auch der Klang der Ammer-Cembali und eine Klarheit und Nüchternheit in der Interpretation, die viele Details zutage treten lässt, die sonst vielleicht überhört worden wären.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 21:44
Auch bei der Kunst der Fuge nimmt sie sich bei einigen Stücken viel Zeit, aber auch hier kann man nicht sagen, dass sie generell langsamer oder zu langsam spielt. Was zunächst einmal gewöhnungsbedürftig ist, ist der grössere Unterschied zwischen "langsam" und "schnell".

Meinst Du diese Aufnahme?



Gruß, Carola
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 22:17
Ich hab so ab 1958 angefangen, Alte Musik zu hören.In unserer Schule im Westerwald, heute ein Musikgymnasium, hörten (und sangen) wir viel Alte Musik. Unser Musiklehrer machte uns auch mit der HIP-Bewegung dieser Zeit vertraut, das war damals v.a. Archiv-Produktion. Aus dieser Zeit sind mir die Namen Walcha, Kirkpatrick, Ahlgrimm, Wenziger, Münchinger durchaus ein Begriff. Da ich nur wenige LP besaß, (und auch heute nicht so viele CD), gehe ich davon aus, dass ich das alles im Radio gehört habe. In den Rundfunkarchiven müßte auch noch sehr viel vorhanden sein und aus technischen Gründen - die alten Bänder haben die Zeiten auch nicht faltenlos überlebt - in andere Formate überspielt und inzwischen in den Katalogen und Datenbanken aufgeführt sein. Vom WDR weiss ich, dass das nach und nach aufgearbeitet wird, allein das ständige Umkopieren von einem Technikformat auf das andere, weil sich die Formate, oder die Technik ändern oder das Trägermaterial schlecht wird, zwingt dazu.

@ aficionado54:
leider bin ich erst seit einem halben Jahr computerisiert und online, ich verstehe immer noch nicht, dass das Internet mir den Lesesaal nicht nur ersetzen, sondern übertreffen kann. Einer ehemaligen Bibliothekarin hätte es nicht passieren dürfen, dass sie nicht noch bei den Verlagen recherchiert hat ... Danke, dass Du es gemacht hast.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 22:29
Nichts zu danken - in diesem speziellen Fall war ich aber auch bevorteilt, weil ich mit beiden Verlagen aus verschiedenen Gründen schon direkten Kontakt hatte, ihr Programm kenne und ihre Internetadressen als Lesezeichen gespeichert hatte.