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Orlando di Lasso: Die sieben Bußpsalmen

Unbekannt Sonntag, 1. November 2009, 19:33
[Bis ich auf den nächsten Schub Biberscher Rosenkranzsonaten warte, soll hier ein weiteres meiner Lieblingswerke vorgestellt werden]

Diese monumentalen und überaus kunstvollen Motetten von Orlando di Lasso über die Bußpsalmen Davids überwältigen mich immer wieder.

1585 hat sie Lasso publiziert in München. Dennoch enstanden sie schon früher: 1559! Erst nachdem Herzog Albrecht V. schon fünf Jahre gestorben ist: während dieser 25 Jahren waren sie sozusagen Privatbesitz der bayerischen Herzöge: musica reservata. Sie wurden wunderschön als Manuskript verwahrt (die mit den Miniaturen des Hofmalers hans Mielich geschmückt is).

Es handelt sich um folgende Psalmen:

1. Domine, ne in furore tuo ... Miserere (Ps. 6)
2. Beati quorum remissae sunt (Ps. 32/31)
3. Domine, ne in furore tuo ... Quoniam (Ps. 38/37)
4. Miserere mei, Deus (Ps. 51/50)
5. Domine, exaudi orationem meam, et calmor (Ps. 102/101)
6. De profundis clamavi (Ps. 130/129)
7. Domine, exaudi orationem meam, auribus (Ps. 143/142)

als Zusatz gehört noch ein "Laudate-Psalm" hinzu:
8. Laudate Dominus de caelis & Laudate Dominum in sanctis (Ps. 148/147 & 150/149)

Lasso schuf hier eindeutig einen Zyklus: Die einzelnen Motetten stehen alle in einem anderem Kirchentonart: Nr.1 in Modus 1, Nr.2 in Modus 2, usw. Deshalb benötigt Lasso ja auch den "Zusatz-Psalm" - als Krönung des Zyklus.Ich kenne folgende Einspielungen:


Die neueste und bekannteste - sogar die meist umjubelte. Ist wirklich fantastisch: mit verhältnismäßig großem Chor, auf wundervoll "schwebender" Weise, man möchte sagen "engelartig" gesungen. (Psalmen 1-7) :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:


Die vielleicht meist dramatische, aufwühlende: mit Solo- und Ripienowechsel, Kinderstimmen, instrumentalen Begleitung; man wird da öfters eher an Schütz, als an Lasso erinnert. (Psalmen 1-7) :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:


Eine eher klassisch anmutende Einspielung: solo Männerstimmen, wie wir das von den Engländern schon gewohnt sind. Zurückhaltend, doch nicht so "schwebend", wie bei Herreweghe. Eindeutiger Vorteil: auch Nr. 8 aufgenommen!!! (Psalmen 1-8.)
:jubel: :jubel: :jubel:


Das Hilliard Ensemble ist ja schon ein alt bewertes Markezeichen. Man wird auch hier nicht zu meckern haben. Solostimmen nach englischer Art mit der instrumentalen Begleitung des Kees Boeke Consorts. "Beati quorum remissae" kann man sich nicht schöner vorstellen! (Psalmen 1-7) :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Zum letzten hab' ich kein Bild gefunden:
Es handelt sich um die Psalmen 1, 5, 7 mit dem Tschechischen Philharmonischen Chor unter Josef Veselka. Wow! Die Aufnahme ist einfach atemberaubend. Ganz-ganz lansame tempi jedoch voll mit Ausdruck, dramatisch, aber auch verzaubernd schön. Bitte, mehr davon! :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:


Eure Meinung?

Liebe Grüße

Tamás
Unbekannt Freitag, 15. Januar 2010, 11:12
bei mir meine erste eingetroffene CD mit Werken von Orlando di Lasso





und die CD läuft auch bei mir auf dem PC, trotz Kopierschutz der das eigentlich verhindern soll.... ohnehin Blödsinnig, ich glaube kaum, dass der Kreis der Leute, die solche Musik schätzen so riesig ist, dass man zu solchen Mitteln greifen muss.
Für mich war es jedenfalls lange ein Grund gewesen die CD nicht zu kaufen, denn ich höre meine Musik fast immer über den PC - weil es bequemer ist.

Die Aufnahme ist im ersten Eindruck absolut phänomenal, obwohl ich sonst eher Knabenchöre meide, aber diese Interpretation rauscht über einen hinweg und reißt einen mit, wie eine gewaltige Musiklawine.
Vor allem kommt die Begleitung durch das Instrumentalensemble außerordendlich gut - durch diese musikalische Gestaltung wird das schon fast in frühbarocke Nähe gerückt.

oder um es kurz zu sagen: Boah ey - geilomat ! :umfall:


ich wusste gar nicht, dass es noch eine zweite CD gibt :jubel: :jubel: :jubel:
Aber Du hast völlig Recht, durch diese Interpretation wird man schon fast an Schütz erinnert, aber vielleicht ist es genau das, was mir daran so gut gefällt.
Ich denke, die erste CD werde ich erstmal bis zum geht nicht mehr abnudeln, dann kommt Vol. 2 :D
Unbekannt Freitag, 15. Januar 2010, 11:23

Zitat

oder um es kurz zu sagen: Boah ey - geilomat ! :umfall:
:D
damit hast du mir jetzt wieder Lust gemacht dazu... 8))

(Ich fange gleich mal mit'm De profundis an... vol.2. :baeh: ) :wink:
Unbekannt Donnerstag, 4. Februar 2010, 18:26
Hallo,



Eine eher klassisch anmutende Einspielung: solo Männerstimmen, wie wir das von den Engländern schon gewohnt sind. Zurückhaltend, doch nicht so "schwebend", wie bei Herreweghe. Eindeutiger Vorteil: auch Nr. 8 aufgenommen!!! (Psalmen 1-8.)
:jubel: :jubel: :jubel:


mit der Musik Di Lassos habe ich (warum auch immer) stets Gewöhnungsschwierigkeiten. Beim letzten Hören der Psalmen vor ein paar Tagen haben sie mir aber dann doch sehr gefallen.
Ich mag diese Art der englischen Chöre i.d.R. sehr gerne (hätte mir aber natürlich lieber die Hilliard gekauft, wenn das möglich wäre), aber die hohen Stimmlagen von Henry's Eight klingen hier für mich manchmal suboptimal.
Die Interpretation wirkt sehr verinnerlicht und distanziert (wie Du auch oben angemerkt hattest).
Mit Orchesterbegleitung und Knaben kann ich mir das Werk nun kaum vorstellen (gilt aber auch für Großteile des Renaissance-Repertoires) - klingt sicher völlig anders.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Donnerstag, 4. Februar 2010, 18:42
Mit Orchesterbegleitung und Knaben kann ich mir das Werk nun kaum vorstellen (gilt aber auch für Großteile des Renaissance-Repertoires) - klingt sicher völlig anders.

Viele Grüße,
Martin.
Du solltest das vielleicht mal versuchen... :D Vor allem, wenn dir das Werk nun gut bekam.

Die Musik Lassos ist wirklich "schwer" - schwer in dem Sinne, dass sie mit ganz wenigen "Werkzeugen" arbeitet, sehr nach innen gekehrt ist, nicht so darstellen und "frei" ist, wie etwas von Josquin, Palestrina oder Victoria. Es hängt auch oft eine Schwermütigkeit über sie - vor allem wenn sie auch so interpretiert wird (Lasso litt scheinbar an manischer Depression, wie das aus seinen Briefen ersichtlich ist). Seine Musik ist oft sehr "rezitativisch", oft bleiben Stimmen an gewissen Tönen hängen, nur die Harmonik verändert sich allmählich um sie. Diese Schmucklosigkeit macht seine Musik auch nicht zugänglicher. Wer aber einmal den Zugang gefunden hat, wird immer wieder zu seiner Musik, als zu einer bedeutenden musikalischen Ereignis zurückkehren.

LG
Tamás
:wink: