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Louis Moreau Gottschalk (1829-1869)

Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 18:07


Louis Moreau Gottschalk war einer der größten Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts, sicherlich der größte und populärste in Amerika. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere reiste er in seinem eigenen Eisenbahnwaggon mit luxuriösem Salon, zwei Chickering-Flügeln und einem Klaviertechniker.

Sein Leben ist eine spannende Geschichte, die er schon zu Lebzeiten in einer Autobiografie - Notes of a Pianist - vermarktete - es erschienen zahlreiche Nachdrucke, mann muss aber etwas suchen, bis man ein bezahlbares älteres Exemplar auftreibt; preiswerter gibt es eine neuere Taschenbuchausgabe:



Zur Korrektur seiner subjektiven Sicht ist eine weitere Biografie unerlässlich, in erster Linie die von S. Frederick Starr - Bamboula:



... oder das neuere Werk von James E. Perone:



Die Beschäftigung lohnt sich, denn es ist nicht nur ein pittoreskes Leben, dass einem amerikanische Lebenswelten des 19. Jahrhunderts veranschaulicht, sondern auch ein interessantes Werk. Nach seinem Studium in Europa, wo der Knabe auch dem Virtuosen Liszt vorgestellt wurde, der ihn in den höchsten Tönen gelobt haben soll, kehrte Gottschalk in die USA zurück. Er schrieb neben eher pompösen, von der Welt der amerikanischen Tropen inspirierten Orchesterstücken (z.T. mit solistischem Klavier) unzählige Klavierminiaturen, die sich ungeheurer Popularität erfreuten, weil sie folkloristische Themen aufgriffen - Melodien, die Gottschalk plötzlich wieder einfielen; er fand heraus, dass er als kleines Kind von einer Amme aus der Karibik betreut wurde, die sie ihm vorgesungen hatte. Die melodiöse Welt dieser Volkslieder verarbeitete er auf eine völlig neue, einfühlsame Weise, was ihn aus der Riege der Klaviervirtuosen heraushebt. In gewisser Weise kann man Gottschalk den ersten "amerikanischen" Komponisten nennen, weil er amerikanisches musikalisches Material auf eine neue Weise verarbeitete, genauso wie sich im 19. Jahrhundert erste Schriftsteller in den USA von ihren europäischen Vorbildern lösten, z.B. Mark Twain oder Francis Bret Harte.
Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 19:54
Gottschalks Klaviermusik wurde häufig von Pianisten auf modernen Klavieren eingespielt, allerdings wirkt so manches auf ihnen etwas banal oder sogar schlecht gesetzt, z.B. eine Passage, in der die rechte Hand einen einzelnen Ton hält, während der Akkord in der anderen nur ganz kurz angeschlagen wird, was irgendwie zu dünn klingt. Spielt man dies aber auf einem Typus Konzertflügel, wie ihn Gottschalk verwendete, nämlich einem Chickering, klingt es zauberhaft. Das Problem war, dass offenbar kein Klavier dieser Firma in spielbarem Zustand aufzutreiben war: Chickering geriet um 1900 in finanzielle Schwierigkeiten und wurde von Steinway aufgekauft, die geschickt einige Innovationen der Firma in ihre eigenen Modelle einbaute, aber ansonsten die Fertigung einstellte. Ein Chickering hat einen sehr perkussiven, mächtigen Bass, der Donnern und Grummeln kann, ohne zu Wabern, und einen fast grellen Diskant - die Klangfarbenkontraste zwischen den Registern und der Dynamikumfang sind extrem, wobei sich mit der Anschlagstärke auch die Klangfarbe deutlich verändert - auf einem solchen Instrument klingen Gottschalks auf modernen Flügeln teilweise seltsam anmutende Vorschriften immer interessant, auch weil die Dämpfung der Chickerings nicht so perfekt war, also immer etwas Nachklang zu hören ist, wenn man die Taste loslässt.

Als Lambert Orkis den Auftrag von der Smithsonian Institution, dem amerikanischen Nataionalmuseum, bekam, eine CD mit Klaviermusik von Gottschalk aufzunehmen, nahm er es notgedrungen auf einem Steinway in Angriff, weil kein Chickering zur Verfügung stand, bemerkte aber die zahlreichen klanglichen Ungereimtheiten. Als dann ein Chickering, wenn auch stark restaurierungsbedürftig, dem Museum angeboten wurde, stellten sie das Projekt zurück. Das Warten hatte sich gelohnt, denn auf dem Chickering klingt Gottschalks Musik grandios: Die Kanonaden der Variationen über die Revolutionshymnen rollen gnadenlos, die karibisch inspirierten Tänze haben knackige Glockenschläge im Diskant, die Schlaflieder seiner afroamerikanischen Amme klingen bezaubernd. Hier stimmen instrumentale Klangwelt und musikalische Intention perfekt überein. Eine absolut einmalige pianistische Klangwelt tut sich hier auf. Die CD ist zudem das bisher einzige Tondokument eines Chickering-Flügel, soweit mir bekannt ist.

Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 20:00
Die CD des englischen Pianisten Richard Burnett auf drei verschiedenen Flügeln von Érard, Graf und Broadwood zeigt, dass sich auch auf anderen Klaviertypen charakteristische Klänge in Gottschalks Musik auftun - schließlich wurden die Stücke weltweit gedruckt und gespielt. Burnetts Auswahl und Interpretation sind hervorragend. Aber Orkis' Aufnahme bleibt wegen des Chickering die Referenz.

Unbekannt Sonntag, 29. Januar 2012, 11:08
Hier kann man den Chickering sehen, auf dem Orkis' CD eingespielt wurde.