Alte Musik Forum

ALTE MUSIK FORUM

Digitales Archiv & Expertenwissen

John Eliot Gardiner

Unbekannt Montag, 8. März 2010, 21:18
Hallo!

Der 1998 geadelte, aus der Grafschaft Dorset stammende (und wieder dort als Bio-Bauer lebende) John Eliot Gardiner ist sicher einer der berühmtesten Dirigenten der historischen Aufführungspraxis. Sein Name ist unmittelbar verknüpft mit den von ihm gegründeten und geleiteten Ensembles. Bereits 1964 wurde für eine Aufführung der Marienvesper der Monteverdi Choir gegründet. Er ist seit Jahrzehnten einer der renommiertesten und besten Chöre weltweit, insbesondere (aber nicht nur) für Alte Musik. 1978 formierte sich das auf historischen Instrumenten spielende Orchester The English Baroque Soloists, das aus dem ebenfalls von Gardiner ein Jahrzehnt zuvor gegründetem Monteverdi Orchestra (auf einigen älteren Aufnahmen immer noch präsent) hervorging, sich auf die Musik aus Klassik (bis Mozart) und Barock spezialisierte und häufig zusammen mit dem Monteverdi Choir auftrat/aufnahm.
Für das großsymphonische Repertoire ab Beethoven gründete Gardiner das Orchestre Révolutionnaire et Romantique und spielte mit ihm Musik weit jenseits der Alten Musik auf historischen Instrumenten.
"Nebenbei" leitete Gardiner auch konventionelle Orchester sowohl als Chef- als auch als Gastdirigent (so z.B. das NDR-Sinfonieorchester und die Wiener Philharmoniker). Besonderes Aufsehen erregte Gardiners Weltreise 2000, die er zusammen mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists unternahm, um in ausgewählten Kirchen sämtliche Kantaten J.S. Bachs an den vorgesehenen Sonn- und Feiertagen aufzuführen. Die Aufnahmen der Konzerte brachte er (oder bringt noch immer?) unter seinem mittlerweile selbst gegründeten Label Soli Deo Gloria (nachdem er zuvor nach den Anfangsjahren bei Teldec vor allem für DGG und Philips aufgenommen hatte).
Bachs geistliche Musik ist schließlich ein großer Schwerpunkt in Gardiners Repertoire. Auch die Aufnahmen von Händels Oratorien und Beethovens Symphonien wurden sehr beliebt und erfolgreich. Momentan bringt Gardiner nach und nach alle Symphonien Brahms' (gepaart mit Chormusik von Brahms und Mendelssohn) auf seinem Label heraus. Insgesamt umfaßt seine Diskographie (ca. 250 Aufnahmen) ein sehr großes Repertoire von Monteverdi (Renaissance-Musik scheint er nicht aufgenommen zu haben?) bis Britten, größtenteils HIP und oft überschwänglich als Referenzaufnahme gelobt.

Welche Aufnahmen Gardiner gefallen Euch besonders? Lassen sie sich in bestimmte "Schaffensphasen" gliedern?
Wo ist er für Euch "einsame Spitze"? Oder ist er überschätzt?

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Dienstag, 9. März 2010, 20:34
Hallo!

Dann mache ich mal den Anfang.
Am meisten schätze ich Gardiner als Dirigent von Beethoven. Die Symphonien sind vor kurzem verbilligt neu aufgelegt worden:



Von Beethoven-Symphonien habe ich wirklich schon viele Aufnahmen gehört, und nach wie vor finde ich den Zyklus Gardiners sehr überzeugend. Nr. 1,2,3,4 und 8 finde ich hervorragend; bei Nr. 1 und 2 (vielleicht auch 8) würde ich sogar "Referenz" sagen.

Die Missa Solemnis wurde mir erst durch Gardiner wirklich wichtig. Für mich eine perfekte Aufnahme:



Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Dienstag, 9. März 2010, 20:51
Die beiden Aufnahmen von Monteverdis Vespro della Beata Vergine darf man auch nicht unerwähnt lassen.

Die erste bei Decca (noch halb-HIP):

ist eine der schönsten Aufnahmen überhaupt

die zweite auch grandios, (wenn auch ich die frühere noch mehr mag), schon absolut HIP und immerhin tausendmal besser als Harnoncourt:


Und ich muss gestehen: dass ich am Ende doch noch Bachs Kantaten lieb gewonnen hab, ist auch dem Bio-Gärtner zu verdanken...

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Mittwoch, 10. März 2010, 12:37
In Kürze wird diese Box



veröffentlicht, für Gardiner-Fans (zu denen ich mich nicht zähle) sicher interessant, soweit sie die einzelnen Aufnahmen nicht schon haben...

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Freitag, 12. März 2010, 23:23
Gardiner-Fans scheint es hier kaum zu geben...


Und ich muss gestehen: dass ich am Ende doch noch Bachs Kantaten lieb gewonnen hab, ist auch dem Bio-Gärtner zu verdanken...


Die Bach-Kantaten-Aufnahmen Gardiners gibt es ja in drei Generationen.

Bei Erato Anfang der 80er erschienen ist diese, die trotz ihres Alters eine meiner liebsten Bach-Kantaten-Aufnahmen ist:



Von DGG Archiv gibt es aus den späten 90ern ein Dutzend CDs, v.a. mit kantaten zu besonderen Festtagen. Da die in den letzten Jahren immer billiger wurden, habe ich mittlerweile die meisten aus dieser Reihe. Es dürften mit die letzten Aufnahmen sein, bevor Gardiner sein eigenes Label gegründet hat.
Am meisten mag ich diese:



Von den Pilgrimage Recordings aus 2000 sind bereits 24 Folgen, meist als Doppel-CD, bei SDG erschienen. Hier gibt es eine Übersicht: http://www.solideogloria.co.uk/recordings/bach_cantatas.cfm

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Freitag, 12. März 2010, 23:43
Von den bei der DG erschienenen Aufnahmen der Bachkantaten habe ich auch ein paar, die mir gut gefallen. Allerdings singen da teilweise mir unerträgliche Countertenöre mit, deshalb kaufe ich auch von den neu erschienenen Aufnahmen keine mehr. Außerdem stören mich dort die Cover, die mich eher an "Weltmusik" oder an Buddhismus denken lassen als an christliche Kirchenmusik. Gardiners Aufnahme des Weihnachtsoratoriums habe ich aussortiert, weil sie mir einfach viel zu schnell und irgendwie auch zu glatt war. Gerne höre ich seine Aufnahmen der Mozart-Sinfonien, z.B. diese



Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 13. März 2010, 09:40
Allerdings singen da teilweise mir unerträgliche Countertenöre mit, deshalb kaufe ich auch von den neu erschienenen Aufnahmen keine mehr.
Genau, beispielsweise Michael Chance :umfall:

Zitat

Gardiners Aufnahme des Weihnachtsoratoriums habe ich aussortiert, weil sie mir einfach viel zu schnell und irgendwie auch zu glatt war.
Das scheint mir ein generelles Merkmal seiner Bach-Interpretation zu sein, zumindest bei den Aufnahmen der DGG, die ich kenne. Das wirkt auf mich irgendwie stromlinienförmig, versachlicht und weitgehend entemotionalisiert, sozusagen "Bach light" ohne Tiefgang. Es mag Leute geben, die das mögen - ich gehöre nicht dazu, für mich spielt Gardiner an der Aussage dieser Musik vorbei. Sie ist eben kein "L'art pour l'art", sie hat eine Aussage, und das muss man auch hören können.

Zitat

Gerne höre ich seine Aufnahmen der Mozart-Sinfonien
Auch da gibt es meiner Meinung nach Besseres, genauso wie bei den Beethoven-Sinfonien.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Samstag, 13. März 2010, 11:44
Ich würde mich auch nicht unbedingt als Gardiner-Fan outen wollen, aber so einiges finde ich doch bemerkenswert gut. Zum Beispiel diese Leonoren-Urfassung, besonders natürlich die Ouvertüre (Leonore II), besser hab ich sie bisher nicht zu Gehör gebracht bekommen:



:jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Samstag, 13. März 2010, 14:10
Eine Gardiner-Aufnahme, die ich sehr schätze, sind die Musikalischen Exequien von Schütz - anhand dieser Interpretation habe ich verstanden, wie dicht am Text Schütz komponiert hat.



Die beiden CDs mit Beethovens Messen gefallen mir auch sehr gut, die hier wurde noch nicht erwähnt:



Und seinen Berlioz, vor allem den Harold, finde ich excellent - hier mehr.
Unbekannt Sonntag, 14. März 2010, 15:44
Hallo,

Gerne höre ich seine Aufnahmen der Mozart-Sinfonien
Auch da gibt es meiner Meinung nach Besseres, genauso wie bei den Beethoven-Sinfonien.


bei den Mozart-Symphonien sehe ich das auch so. Bei den Beethoven-Symphonien finde ich wie oben beschreiben, wenn überhaupt, nur bestimmte Einzelaufnahmen besser. Die für mich beste Mozart-Aufnahme, die ich bisher von Gardiner gehört habe, ist diese:



Die beiden von Michael abgebildeten CDs gefallen mir auch sehr - bei den Exequien ist es allerdings nur meine zweitliebste Aufnahme.

Im Bereich Alter Musik ist IMO noch unbedingt zu erwähnen:



Eine hervorragende Interpretation des ebenfalls großartigen Stabat Mater Domenico(!) Scarlattis.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 12. April 2010, 11:38

Zitat

Gardiners Aufnahme des Weihnachtsoratoriums habe ich aussortiert, weil sie mir einfach viel zu schnell und irgendwie auch zu glatt war.
Das scheint mir ein generelles Merkmal seiner Bach-Interpretation zu sein, zumindest bei den Aufnahmen der DGG, die ich kenne. Das wirkt auf mich irgendwie stromlinienförmig, versachlicht und weitgehend entemotionalisiert, sozusagen "Bach light" ohne Tiefgang. Es mag Leute geben, die das mögen - ich gehöre nicht dazu, für mich spielt Gardiner an der Aussage dieser Musik vorbei. Sie ist eben kein "L'art pour l'art", sie hat eine Aussage, und das muss man auch hören können.

Es mag ja sein, dass Du das bei anderen Aufnahmen besser hörst, aber grundsätzlich höre ich den genannten Tiefgang Bachs durchaus auch, wenn Gardiner mit seinen berüchtigten Tempi bei der Sache ist. Ich bin kein Vergleichsaufnahmensammler, ich nehme aber an, dass auch die h-moll-Messe oder die Matthäuspassion normalerweise langsamer gespielt werden als bei Gardiner. Dennoch kommt bei mir die Tiefe an, mir fehlt da nichts. Ehrlich gesagt sind die h-moll-Teile mir auch so lang genug, das nimmt ja ohnehin kein Ende ...
Unbekannt Montag, 12. April 2010, 11:43
Wenn ich Gardiners Bach höre, mit den Proportionen von Chor und Instrumentalensemble usw., denke ich, so ähnlich könnte das bei Mendelssohn im 19. Jahrhundert geklungen haben. Ich habe das vor zwei Jahren in Frankfurt gehört - die winzige Truhenorgel z.B. war zu dem recht großen Chor eher lächerlich. Der Chor hat sehr gut gesungen, aber als Ganzes war das nicht sehr barock, sondern eher eine Auffassungsweise des 19. Jahrhunderts. Gardiner hat mal in einem Interview die Bemühungen um die genauen Aufführungsbedingungen Bachs als "figment and fantasy" bezeichnet.
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 17:54
Du meinst, er kümmere sich nicht genügend um die zeitgenössischen Zeugnisse zu Instrumentierung und Aufführungsweise? Oder unterstellst Du ihm, in besserem Wissen eine Art Privatweg eingeschlagen zu haben, der letztlich ein Hybrid aus Angemessenheit und Abweichung darstellt?

Ich stehe, wie putto, Gardiners Bach sehr wohlwollend gegenüber ("Und er sah ihn freundlich an..."), auch mir fehlt keine "Tiefe", die ich zudem eher in der Rezeptionsleistung verorten würde und mir nicht für alle gleichermaßen in einer wie auch immer "empfundenen Innerlichkeit" vorgekaut vorstellen kann.

Gardiners h-moll-Messe, und das habe ich kürzlich noch in ausgiebigen Hörvergleichen für mich bestätigen können, braucht sich vor rein gar keiner anderen Aufzeichnung zu verstecken. Insbesondere die vielgelobten Hengelbrock und van Veldhoven haben gar nicht gut neben Gardiners 1985er Tat ausgesehen (resp. sich angehört). Ich gebe zu, daß die Kyrie-Rufe zu Beginn der Hengelbrock sehr eindringlich herüberkommen, was dann aber im Verlauf der ersten drei Sätze an Retardation und Ausbremsung geschieht, das leistet sich Gardiner keine Sekunde lang.



van Veldhoven seinerseits hat einige Solisten, die mehr 19. Jahrhundert in ihrer einen Stimme führen als der gesamte, gertenschlanke Monteverdi Choir zusammengenommen, ich habe insbesondere das "Et in terra pax" sowie das "Cum sancto spiritu" gegengehört, und da haben nicht nur diese beiden Vergleichsaufnahmen einen erheblichen Verlust an Dynamik und gleichzeitiger Auffächerung zu verzeichnen.

Gardiners Scarlatti-"Stabat mater" möchte auch ich empfehlen, seine beiden Beethoven-Messen sind schon deswegen ein Muß, weil sie nahezu die einzigen relevanten HIP-Aufnahmen geblieben sind bisher, zu den Beethoven-Symphonien sage ich hier lieber nix, da kämpfe ich schon andernorts genug herum.

Einmal mehr vermag ich aber Tschas elaborierten und im Vergleich zu mir wesentlich geübteren Geschmack nicht ganz zu teilen, wenn die Sprache auf die beiden Marienvespern kommt. Gardiners erste Aufnahme ist in Solisten und Orchesterleistung so übel, daß mir bisweilen die Luft wegbleibt. Wie kann man das Vibrato von Jil Gomez schönfinden, wie diesen dumpfen, wabernden Streicherklang? Lieber verehrter Tscha, da mußt Du mir Meilen voraus sein, so weit bin ich lang noch nicht. ;(

Gardiners zweite Marienvesper, die italienische Aufzeichnung von 1990, hat die beiden schönsten Magnificate, die ich je gehört habe (und ich habe etlichen gelauscht).

Ganz besonders mag ich aber Gardiners Händelaufnahmen ins Bewußtsein rufen, die hier noch gar nicht vorgekommen sind. Seine "Semele" ist grandios, "Israel in Ägypten" absolut konkurrenzfähig, "Acis und Galatea" mit ganz feinen Vokalleistungen, "Alexander´s feast" prachtvoll und groß.

Gardiners Monteverdi-Orfeo rührt mich oft ganz besonders an, so wollte ich das immer hören, ich bin ganz dankbar, daß das so gerade eben noch auf Schallplatte erschienen ist, wo ich den tollen Klang noch angelegentlicher genießen kann.



Gardiner ist, wie alle anderen auch, ein Dirigent mit Stärken und mit Schwächen, mit wachen und mit weniger lustvollen Momenten. Wer seinen Bach in toto aburteilt, hat entweder verdammt gute Gründe (die hier hingegen noch nicht ansatzweise angeklungen sein können) oder hat nicht richtig hingehört. Überall wird von Euch Verve und Luzidität gelobt, warum bei Bach nicht? Das verstehe ich nicht.

Liebe Grüße,

Alex :wink:
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 18:35
Überall wird von Euch Verve und Luzidität gelobt, warum bei Bach nicht? Das verstehe ich nicht.

Bin völlig deiner Meinung!!! :prost:
Unbekannt Mittwoch, 5. Mai 2010, 19:21
Du meinst, er kümmere sich nicht genügend um die zeitgenössischen Zeugnisse zu Instrumentierung und Aufführungsweise? Oder unterstellst Du ihm, in besserem Wissen eine Art Privatweg eingeschlagen zu haben, der letztlich ein Hybrid aus Angemessenheit und Abweichung darstellt?

Ich unterstelle ihm gar nichts - es ist seine Auffassung, und so setzt er sie um. Ich finde es nur widersprüchlich, einen großen Chor einzusetzen, weil Bach sich das so gewünscht habe, aber eine Miniorgel, wie er sie sicher nicht verwendet und nie gewollt hat. Diese Örgelchen hört man kaum noch, wenn der Chor richtig loslegt. Mir gefällt das so nicht. Nicht mehr und nicht weniger.
Seine Beethovenmessen mag ich sehr, finde sie auch sehr angemessen.
Mir scheint er im 19. Jahrhundert sehr viel mehr zuhause zu sein.

Manches von seinen Aufnahmen älterer Musik mag ich sehr, z.B. die Musikalischen Exequien von Schütz, wo ich die Sprachdeklamation optimal finde, oder auch die Trauerode von Bach, das war meines Wissens die erste Aufnahme, die auch ein Cembalo einsetzt, wie im Aufführunsgmaterial steht, es ist nur etwas sehr im Hintergrund.
Ich mag halt die Passionen und h-moll Messe gerne etwas weniger monumental.
Unbekannt Montag, 2. August 2010, 11:10
Aktuell gibt es bei unserem Werbepartner preiswert diese Box



mit Bach-Kantaten, die Gardiner für die DGG eingespielt hat. Laut Cover sollen es 35 Kantaten sein - wer sich die Mühe macht nachzuzählen, kommt allerdings auf 38. Sicher eine günstige Gelegenheit, Gardiners Sichtweise der Bach-Kantaten etwas umfassender kennenzulernen. Ich hatte mir die Box während des Urlaubs bestellt, fand aber meine Kritik im wesentlichen bestätigt, wobei die Kritikpunkte zum Teil natürlich auch Geschmackssache sind:
  • Der Chor ist mir zu stark besetzt und deshalb zu dominant.
  • Der Basso continuo ist viel zu schwach besetzt - oft ist er kaum hörbar, Orgel oder Cembalo sind allenfalls zu ahnen.
  • Bei der Auswahl der Solisten neigt Gardiner zu "dickeren" Stimmen mit mehr Vibrato, die nach meinem Empfinden eher nicht für Alte Musik geeignet sind.
  • Gelegentlich wird opernhaft übertrieben, beispielsweise beim Rezitativ "Es hat die Dunkelheit" in BWV 6. Die Frage ist, ob man damals wirklich auf diese Art und Weise sozusagen in der Kirche Theater gespielt hat - oder ob hier nicht etwas mehr Distanz angebracht wäre.
  • Es wird eher zügig, virtuos und oft gewissermaßen über die Tiefen des Textes hinweg musiziert. Alles ist glatt und technisch perfekt, aber irgendwie fehlt mir das Entscheidende - die Interpretation berührt mich nicht. Liegt's an mir oder empfindet Ihr das bei Gardiners Kantaten-Einspielungen ähnlich?
Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Montag, 2. August 2010, 14:00
Bei einem Konzert Gardiners hatte ich bzgl. zweier Punkte einen ähnlichen Eindruck: das Truhenörgelchen war ein Witz angesichts der Größe des Chors, und die Tempi schienen z.T. etwas zu straff (es war ein gemischtes Programm mit Brahms und Bach ohne viel Vokalsoli).
Unbekannt Montag, 2. August 2010, 14:17
Alles ist glatt und technisch perfekt, aber irgendwie fehlt mir das Entscheidende - die Interpretation berührt mich nicht. Liegt's an mir oder empfindet Ihr das bei Gardiners Kantaten-Einspielungen ähnlich?
Es gibt durchaus Kantaten-Aufnahmen, wo ich das nicht so empfinde, es sind allerdings nicht viele. Zum Beispiel diese mit Adventskantaten, die auch in der oben gezeigten Box enthalten sein dürfte:



Das ist mit viel Festfreude und Schwung musiziert. Von der Orgel hört man allerdings wirklich nicht viel. Das Intime, Kleinteilige geht bei Gardiners Ansatz oft ein wenig verloren. Eine große Ausnahme ist allerdings diese Doppel-CD, die unter anderem BWV 1 - Wie schön leuchtet der Morgenstern enthält.



Diese Aufnahme ist aber nicht in der Box enthalten, da sind nur die CDs drin, die noch bei der DG gemacht wurden. Da es sich bei BWV 1 um meine Lieblingskantate handelt, hat Gardiner schon deshalb immer noch einen Stein bei mir im Brett. Und für 25 € bekommt man mit der oben gezeigten Box jedenfalls einen recht ordentlichen Grundstock an Kantatenaufnahmen. Zudem: Auch die anderen, viel teureren Aufnahmen haben ihre Schwächen.

Gruß, Carola
Unbekannt Montag, 2. August 2010, 22:20
Und für 25 € bekommt man mit der oben gezeigten Box jedenfalls einen recht ordentlichen Grundstock an Kantatenaufnahmen.
Zweifellos, zumal die Kantaten hier auch meist nach dem Kirchenjahr angeordnet sind und somit Advent, Weihnachten, Neujahr, Epiphanias, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten jeweils mit mindestens einer Kantate vertreten ist - ein sinnvoller und geschickt ausgewählter Querschnitt. Die erste CD ist identisch mit der von Dir erwähnten (mit BWV 61, 62 und 36), die letzte CD enthält den Actus tragicus und die Trauerode.

Viele Grüße,
Andreas