Johann Heinrich Schmelzer (ca.1620-1680) – Des Kaisers Ballettkomponist

Thematische Einführung

Johann Heinrich Schmelzer, eine Schlüsselfigur der Wiener Hofmusik des 17. Jahrhunderts, war nicht nur ein virtuoser Geiger und späterer *Director musices*, sondern vor allem auch ein Meister der Ballettkomposition. Seine Musik bildete das pulsierende Herz der prunkvollen Festivitäten am kaiserlichen Hof in Wien und war untrennbar mit den komplexen Inszenierungen und der höfischen Ästhetik des Barock verbunden. Als 'des Kaisers Ballettkomponist' schuf Schmelzer einen umfangreichen Korpus an Tanzmusik, der die Brillanz und den Einfluss des Hauses Habsburg musikalisch widerspiegelte und einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Instrumentalmusik in Mitteleuropa leistete. Seine Ballette – oft eingebettet in Opern oder als eigenständige Divertissements aufgeführt – demonstrieren die Verschmelzung italienischer Eleganz, französischer Formstrenge und einer unverwechselbaren österreichischen Klangsprache.

Historischer Kontext & Werkanalyse

Der Wiener Hof als Zentrum der Musikkultur

Unter Kaiser Ferdinand III. und insbesondere unter dessen kunstliebenden Nachfolger Leopold I. (selbst ein begabter Komponist) avancierte der Wiener Hof zu einem der bedeutendsten Musikzentren Europas. Die Aufführung von Opern, Oratorien, Instrumentalmusik und insbesondere von Ballett war integraler Bestandteil höfischer Repräsentation, Diplomatie und Unterhaltung. Hochzeiten, Geburtstage, Staatsbesuche und Faschingsfeiern wurden mit verschwenderischem Aufwand inszeniert, wobei Musik und Tanz eine zentrale Rolle spielten, um Macht, Reichtum und kulturelle Verfeinerung des Kaiserhauses zu demonstrieren.

Schmelzers Karriere begann als Instrumentalvirtuose, und er stieg rasch in der Gunst des Kaisers auf. 1660 wurde er *Hofcompositeur*, 1664 Vize-Kapellmeister und schließlich 1679 als erster Nicht-Italiener zum *Director musices* ernannt. Diese Positionen ermöglichten ihm nicht nur die Komposition, sondern auch die maßgebliche Gestaltung des gesamten musikalischen Lebens am Hof. Sein Aufstieg markiert eine Periode, in der die österreichische Musik zunehmend Eigenständigkeit gewann und sich von rein italienischen Einflüssen emanzipierte.

Schmelzers Ballettwerke und ihre Charakteristika

Schmelzers Beitrag zur Ballettmusik ist vielfältig und reichhaltig. Seine Ballette waren oft in größere dramatische Werke, insbesondere in die populären Opern Antonio Cestis (z.B. *Il pomo d'oro*, 1668) und anderer italienischer Meister, integriert. Sie dienten als Intermezzi, die dem Publikum Abwechslung boten und die Handlung durch choreografische Elemente bereicherten. Darüber hinaus schuf er auch eigenständige Ballett-Suiten für Feste und Maskeraden.

Typische Merkmale seiner Ballettmusik umfassen:
  • Vielfalt der Tanzformen: Schmelzer nutzte ein breites Spektrum an zeitgenössischen Tanztypen, darunter Allemanden, Couranten, Sarabanden, Gavotten, Giguen, Bourrées, Forlanen, Menuette, Chacconen und Passacaglien. Diese Formen wurden oft in Suiten-ähnlichen Abfolgen angeordnet, die einen Kontrast in Tempo, Taktart und Charakter boten.
  • Rhythmische Prägnanz und Melodische Erfindung: Seine Ballette zeichnen sich durch klare, tanzbare Rhythmen und eingängige, oft festliche Melodien aus, die für die Bewegung der Tänzer konzipiert waren.
  • Instrumentation: Die Besetzung war typischerweise Streicher-dominiert (zwei Violinen, Viola, Basso continuo), wurde aber bei festlichen Anlässen oft durch Blasinstrumente wie Trompeten und Pauken für zusätzlichen Glanz und Pracht erweitert, was besonders gut zu den spektakulären Inszenierungen passte.
  • Stilistische Synthese: Schmelzer verarbeitete sowohl italienische (virtuose Violinbehandlung, Cantabilität) als auch französische (Tanzsuiten-Struktur, elegante Rhythmen) Stilelemente, verband diese aber mit einer genuin österreichischen Note, die sich durch oft derbe Volkstümlichkeit und eine gewisse Robustheit auszeichnete.
  • Das Rossballett (*Balletto à cavallo*): Eine besondere Spezialität des Wiener Hofes waren die monumentalen Rossballette, bei denen adelige Reiter in komplexen Formationen und Choreografien auftraten. Für das berühmte Rossballett *La Contesa dell'Aria e dell'Acqua* (1667) anlässlich der Hochzeit Kaiser Leopolds I. mit Margarita Teresa von Spanien schuf Schmelzer die Musik, die die Größe und den Reichtum des Hofes auf spektakuläre Weise untermauerte. Diese Kompositionen mussten nicht nur die Bewegung der Pferde, sondern auch die Akustik großer Freiflächen berücksichtigen.
Seine Ballette sind oft in seinen Sammlungen von Sonaten und Suiten zu finden, wie z.B. in den _Sonatae ungaricae_, die ungarische Einflüsse zeigen, oder in den sogenannten _Balletti a 4_, die für verschiedene Hofopern komponiert wurden. Schmelzers Beitrag zur Etablierung einer eigenständigen Instrumentaltradition in Österreich ist immens, und seine Ballettmusik bildet einen der faszinierendsten Aspekte seines Œuvres.

Bedeutende Einspielungen & Rezeption

Historische und Moderne Rezeption

Zu seinen Lebzeiten genoss Schmelzer höchstes Ansehen und wurde vom Kaiser persönlich geschätzt. Seine Musik wurde am Hof und darüber hinaus intensiv gespielt. Nach seinem Tod geriet er, wie viele seiner Zeitgenossen, weitgehend in Vergessenheit, überschattet von den nachfolgenden Größen des Hochbarock wie Bach und Händel.

Die Wiederentdeckung Schmelzers und seiner Bedeutung begann erst im Zuge der historischen Aufführungspraxis-Bewegung des späten 20. Jahrhunderts. Musikwissenschaftler und Ensembles begannen, seine Werke aus den Archiven zu heben und neu zu interpretieren. Heute wird er als ein zentraler Innovator der barocken Instrumentalmusik, insbesondere der Violinmusik und der österreichischen Hofmusik, gewürdigt.

Bedeutende Einspielungen

Die Wiederbelebung von Schmelzers Ballettmusik ist eng mit der Arbeit führender Ensembles für Alte Musik verbunden. Ihre Einspielungen ermöglichen es, die Klangwelt des kaiserlichen Hofes wieder lebendig werden zu lassen:

  • Concentus Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt: Als Pioniere der historischen Aufführungspraxis haben sie entscheidend zur Wiederentdeckung Schmelzers beigetragen, insbesondere im Kontext von Opern wie Cestis *Il pomo d'oro*, in die Schmelzers Ballette integriert waren.
  • Musica Antiqua Köln unter Reinhard Goebel: Goebel und sein Ensemble haben zahlreiche Instrumentalwerke Schmelzers aufgenommen, die oft Ballett- oder Tanzsätze enthalten, und dabei die Virtuosität und stilistische Vielfalt seiner Kompositionen hervorgehoben.
  • Armonico Tributo Austria unter Lorenz Duftschmid: Dieses Ensemble hat sich intensiv mit der österreichischen Barockmusik beschäftigt und einige der reinen Ballettwerke Schmelzers sowie seine Sonaten und Suiten eingespielt, oft mit Fokus auf die spezifische Klangfarbe des Wiener Hofes.
  • Tafelmusik Baroque Orchestra: Auch dieses renommierte Ensemble hat Werke Schmelzers, die Tanzcharakter aufweisen, in ihren Programmen und Aufnahmen präsentiert und damit seine Musik einem internationalen Publikum zugänglich gemacht.
  • L'Orfeo Barockorchester: Insbesondere für Einspielungen, die den Wiener Hof und seine Komponisten thematisieren, sind sie eine wichtige Referenz, wobei Schmelzers Ballette oft eine Rolle spielen.
Diese und weitere Ensembles haben dazu beigetragen, Schmelzer aus dem Schatten zu holen und seine Ballettkompositionen als lebendige, farbenreiche und historisch bedeutsame Beiträge zur Musikkultur des 17. Jahrhunderts neu zu bewerten. Sie zeigen, dass Schmelzer nicht nur ein Wegbereiter der Instrumentalmusik, sondern auch ein unverzichtbarer Chronist der höfischen Festkultur Kaiser Leopolds I. war, dessen Musik die Eleganz und den Glanz einer vergangenen Epoche mitreißend widerspiegelt.