Unbekannt
Donnerstag, 14. Oktober 2010, 15:14
Portrait von Thomas Gainsborough, 1776
Johann Christian Bach wurde am 5. September 1735 in Leipzig geboren. Er war der jüngste Sohn Johann Sebastian Bachs und das elfte von dreizehn Kindern aus dessen Ehe mit seiner zweiten Frau Anna Magdalena, geborene Wülcken (1701-1760). Taufpaten Johann Christians waren Johann August Ernesti (1707-1781), Rektor der Thomasschule, und Johann Florenz Rivinus (1681-1755), Professor für Rechtswissenschaft an der Leipziger Universität.
Seinen ersten Musikunterricht erhielt Johann Christian vermutlich nicht von seinem Vater, sondern von dessen Schüler (und späterem Schwiegersohn) Johann Christoph Altnikol (1720-1759), wobei der Vater den Unterricht überwacht haben wird.
Als Johann Sebastian Bach am 28. Juli 1750 starb, war Johann Christian erst 14 Jahre alt. Aus dem Nachlass erhielt er neben drei Cembali und Bargeld auch einen Teil des väterlichen Notenarchivs. Sein zweitältester Bruder Carl Philipp Emanuel (1714-1788), Kammercembalist Friedrichs des Großen, nahm ihn mit nach Berlin und bildete ihn dort zu einem hervorragenden Cembalisten aus. Sehr wahrscheinlich wird Johann Christian Aufführungen der Königlichen Oper miterlebt haben, deren Kapellmeister Carl Heinrich Graun (1704-1759) war. Als erste Kompositionen Johann Christian Bachs entstanden in dieser Zeit sechs dreisätzige Cembalokonzerte ("Berliner Konzerte") sowie die Chorode "L'Olimpe" zum Geburtstag des Königs.
Vermutlich 1756 (Carl Philipp Emanuel nannte später 1754) ging Johann Christian Bach nach Italien. Als Grund für diese Reise wird neben dem Wunsch nach Erweiterung seiner Fähigkeiten als Komponist angenommen, dass er wegen des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) als sächsischer Untertan Repressalien in Preußen befürchtete. Die Reise finanzierte er durch den Verkauf des väterlichen Erbes, wobei sein Anteil am väterlichen Notenarchiv von Carl Philipp Emanuel aufgekauft wurde.
1757 trat Johann Christian Bach in Mailand in die Dienste des Grafen Agostino Litta (der Kontakt war vermutlich über die Berliner Hofkapelle zustandegekommen), der ihm ein Stipedium für ein Kontrapunktstudium bei Padre Giovanni Battista Martini (1706-1784) in Bologna gewährte. Während der Studienzeit entstanden fast alle geistlichen Kompositionen Johann Christian Bachs (u. a. ein Magnificat 1757, ein Requiem 1757/58, ein weiteres Magnificat 1758 sowie ein Tedeum 1759). Graf Litta war von den Fortschritten seines Schützlings sehr angetan, er schrieb an Padre Martini: "Des Schülers Ruhm strahlt auf den Lehrer, denn Sie haben einen Meister aus ihm gemacht." Johann Christian Bach hielt Zeit seines Lebens Kontakt zu Padre Martini und schenkte ihm noch 1778 ein Portrait, das Thomas Gainsborough (1727-1788) gemalt hatte.
1760 wurde Johann Christian Bach Domorganist in Mailand. Um dieses Amt erhalten zu können, konvertierte er zum Katholizismus (weswegen er manchmal auch "der katholische Bach" genannt wird). In der Familie Bach, die seit Generationen protestantisch war, wird dies wenig Begeisterung hervorgerufen haben; insbesondere Carl Philipp Emanuel soll ihm diesen Schritt sehr übelgenommen haben. Neben dem Organistenamt, das ihm - wie er an Padre Martini schrieb - wenig Arbeit bereitete, knüpfte Johann Christian Bach Kontakte zum Mailänder Opernhaus und begann, Opern zu komponieren. Seine erste Oper, "Artaserse", wurde 1761 in Turin aufgeführt; es folgten noch im gleichen Jahr "Cantone in Utica" und 1762 "Alessando nell' Indie" in Neapel.
Durch die Opernerfolge knüpfte Johann Christian einige Kontakte ins Ausland und erfuhr so, dass die aus Mecklenburg stammende englische Königin Sophie Charlotte, für die er 1761 die Ode "Thanks be to God" komponiert hatte, einen deutschen Musiklehrer suchte. Johann Christian liess sich daraufhin von seinem Amt in Mailand beurlauben, reiste nach England und erreichte im Sommer 1762 London. In England nannte er sich "John Bach" oder "Jean Bach" und wurde oft als "Saxon Master of Music" angekündigt; nach zeitgenössischen Berichten behielt sein Englisch immer einen sächsischen Akzent.
Noch 1762 erschienen die ersten Werke im Druck: die sechs Klavierkonzerte op. 1, deren letztes Konzert als Finalsatz Variationen über die englische Nationalhymne enthält.
In London komponierte Johann Christian weitere Opern, hatte jedoch damit nur wechselnde Erfolge. 1763 wurden "Orione" und "Zanaida" am King's Theatre aufgeführt. Ein Misserfolg war "Adriano in Siria" (1765), während "Carattaco" (1767) besser aufgenommen wurde. 1770 wurde sein Oratorium "Gioas Re di Giuda" am King's Theatre aufgeführt, das sich jedoch neben den Oratorien von
Händel nicht durchsetzen konnte. 1772 führte Johann Christian auf Einladung des Kurfürsten seine Oper "Temistocle" am Hoftheater in Mannheim auf.
Wesentlich erfolgreicher waren die Konzertreihen, die Johann Christian ab 1764 gemeinsam mit Carl Friedrich Abel veranstaltete. Die "Bach-Abel-Concerts" waren die ersten Abonnementkonzerte in London und gehörten dort 17 Jahre lang (bis 1781) zu den beliebtesten Musikveranstaltungen. Beide Komponisten stellten hier ihre neuesten Sinfonien und Solokonzerte vor. Während Abel auch regelmäßig als Solist mitwirkte, tat dies Johann Christian nur selten, weil sein Spiel wegen einer Fingerlähmung beeinträchtigt war. Dennoch galt er in London als der unumstrittene Meister des Klavierspiels, bis 1772 Johann Samuel Schroeter (1753-1788) in London eintraf, der von Johann Christian Bach gefördert und nach dessen Tod Musiklehrer der Königin wurde.
Im April 1764 kamen Lepold und Wolfgang Amadeus Mozart nach London. Johann Christian Bach musizierte gemeinsam mit dem achtjährigen Wolfgang Amadeus, und Leopold empfahl seinem Sohn die Kompositionen Bachs zur Nachahmung.
1774 heiratete Johann Christian Bach die aus Mailand stammende Opernsängerin Cecilia Grassi, die als Zwanzigjährige nach London gekommen und seit 1766 als Primadonna engagiert war. Zeitgenössische Berichte rühmten ihre schöne Stimme, wiesen aber auf fehlende Schönheit hin und bemängelten ihre schauspielerischen Fähigkeiten.
In den letzten Lebensjahren häuften sich die Misserfolge: Bachs Oper "Amadis des Gaules", die er 1779 auf Einladung der Pariser "Académie Royale de Musique" komponiert hatte, fiel beim Publikum durch. In London liess das Interesse an den "Bach-Abel-Concerts" nach, im Mai 1781 beteiligte sich Bach zum letzten Mal an einem Konzert. Zudem warb Johann Samuel Schroeter Bach die Klavierschüler ab. Er kam in finanzielle Schwierigkeiten, sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Am 14. November 1781 setzte Bach sein Testament auf, er starb am Neujahrstag 1782 im Londoner Vorort Paddington und wurde am 6. Januar auf dem St. Pancras Churchyard in der Grafschaft Middlesex beerdigt. Die englische Königin bezahlte das Begräbnis und gab Bachs Witwe eine lebenslange Rente sowie Geld für die Heimreise nach Mailand.
Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791) schrieb in seiner "Ideen zur Ästhetik einer Tonkunst" über Johann Christian Bach: "Soviel Geschmeidigkeit des Geistes, soviel Akkomodation in den Genius des Säkulums, soviel Unterjochung der tiefen Theorie unter die flüchtige Melodik der Zeit hat wohl noch niemand wie dieser Bach gehabt ... man verglich ihn mit Recht dem Proteus der Fabel ... Mitten unter den Leichtfertigkeiten des Modegeschmacks schimmert immer der Riesengeist seines Vaters durch." Die Erfahrungen, die Bach mit geistlicher Vokalmusik und Opern gesammelt hatte, übertrug er später auf Instrumentalwerke und gelangte so zu einer ganz eigenen, "singenden" Melodik. Eleganz und Ausgewogenheit erschienen ihm wichtiger als die Gefühlsausbrüche des Sturm und Drang (eine Ausnahme bildet hier die Sinfonie g-moll op. 6 Nr. 6).
