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Jörg Demus - Pionier des Orginalklangs in Klassik und Romantik

Unbekannt Sonntag, 9. Januar 2011, 21:01
Am Nachmittag hörte ich Schumanns Kinderszenen und Waldszenen, gespielt von Jörg Demus auf dem Graf-Fortepiano aus dem Besitz Schumanns (das Hochzeitsgeschenk von 1839), und auf einem Streicher-Fortepiano aus dem Jahr 1841 - letzteres hat einen besonders schönen Klang, hart , obertonreich, schwebend, mit mehr als einem Hauch von Blech. Ich war wieder einmal völlig begeistert von dem Klang der Instrumente und vor allem von Demus Spiel, das akzentuiert war, schwebend, ungekünstelt. Und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, warum dieser Pianist heutzutage fast in Vergessenheit geraten konnte, jedenfalls im Vergleich zu z.B. Brendel oder Richter?

Die zwei Zyklen erschienen - mit einigen anderen Schumann-Stücken - auf einer Doppel-LP bei Harmonia Mundi/BASF vermutlich in den frühen 70ern. Wurden natürlich nicht wiederveröffentlicht. Sowieso ein mittlerer Skandal, wie wenig der HIPpen Einspielungen Demus auf CD zu haben sind. Der Mann ist d e r Pionier des Orginalklangs auf dem Hammerflügel. Ich kenne keine früheren Fortepiano-Einspielungen, die Ersten mir bekannten von ihm sind aus den mittleren 60er Jahren. Und wieder frage ich mich, wieso wird das alles nicht auf CD raus gebracht? Die Harmonia Mundi wäre doch eigentlich prädestiniert für diese Aufgabe.

Ich selbst wurde auf Demus auch erst durch die - sehr preisgünstige - Wiederveröffentlichung der GA von Schumanns Klavierwerken aufmerksam - eine GA auf modernem Flügel. Ich halte ihn ja für einen der besten Schumann-Interpreten überhaupt, besser noch als solche unterschiedlichen Pianisten wie Staier oder Kempff. Ein schwer unterschätzter Interpret, und das deshalb, so meine ich, weil er nicht mit großer Geste spielt, sondern sich ganz und gar in die Stücke versenkt, ihnen beim Spiel nachlauscht.

Neben Schumann und Schubert - er ist u.a. der Begleiter der wohl besten FiDi-Interpretation der Winterreise eingespielt 1966 - spielt er auch Mozart ganz vorzüglich. Ebenfalls bei Harmonia Mundi/BASF ist in den späten 60ern oder frühen 70ern eine Doppel-LP mit den Sonaten KV 330 und KV 331 publiziert worden, ergänzt durch Fantasien KV 396, KV 475 und einige andere Stücke.
Auch Beethoven, Chopin und Debussy hat Demus in Orginalklang eingespielt, vorzugsweise auf den Instrumenten der Komponisten.

Zur Zeit arbeitet der mittlerweile 82jährige Demus an einer CD-Reihe über die Geschichte des Klaviers, und ich hoffe sehr, dass viele seiner alten Aufnahmen dort Eingang finden. Leider ist im Netz nicht viel mehr über dieses Projekt zu finden, als das, was auf Wiki steht --- wo man auch eine kurze Biographie über Demus lesen kann, die ich an dieser Stelle nicht wiederholen werde.

Was kennt ihr von Demus aus dem HIP-Bereich?

(Dieses Posting erscheint zeitgleich bei Capriccio).
Unbekannt Sonntag, 9. Januar 2011, 21:06
Hallo,

einen passenden Thread haben wir bereits hier:

Vergessene Pioniere der historischen Aufführungspraxis

Ich besitze folgende CD, deren Aufnahmequalität leider etliche Wünsche offen lässt:



Nichtsdestotrotz liebe ich diese Einspielung der Bagatellen!

:wink:
Unbekannt Sonntag, 9. Januar 2011, 22:01
Den anderen Faden kenne ich natürlich, aber ich finde Demus zu wichtig, um ihn in einem Sammel-Thread unterzubringen. --- Was Beethoven anbelangt, kenne ich bislang nur Demus Einspielung der Bagatellen op. 126 - vermutlich die gleiche Aufnahme wie auf deiner CD. Bei mir findet sie sich auf einer LP mit dem Titel "Jörg Demus spielt auf den Instrumenten der Meister".
Unbekannt Sonntag, 9. Januar 2011, 22:07
Naja, die in dem Thread Genannten sind eigentlich (fast) alle einen eigenen Thread wert. Nur, ob sich das dann wirklich lohnt, ist eine andere Frage...

Jedenfalls: Diese Bagatellen (op. 126) wurden 1967 im Musiksaal im Schloß Augustusburg bei Brühl aufgenommen. Enthalten ist auch noch die As-Dur-Sonate op. 110. Verwendet wurde der 1825er Conrad Graf, welcher sich im Beethovenhaus Bonn befindet. Angeblich soll dies Beethovens letztes Gerät gewesen sein; ich habe allerdings auch Gegenstimmen vernommen. Nitzsdestotrotz hat diese pfeifenlose Orgel einen tollen Klang!

:wink:
Unbekannt Sonntag, 9. Januar 2011, 22:49
Ich kopiere hier mal einen meiner Beiträge aus dem Thread über Schumanns Musik für Klavier solo hierher:

Zitat

Eine meiner liebsten Schumann-Aufnahmen scheint mittlerweile eine große Rarität zu sein: Eine Aufnahme der Fantasiestücke op.12 und der Humoreske op.20 mit Jörg Demus auf einem Flügel von Conrad Graf (Nr. 1819, ca. 1835 gebaut). Diese CD, 1985 bei MDG erschienen, ist das beste, was ich bisher von Demus gehört habe. Der Flügel mit seinem eher feinen, agilen Klang, aber voller filigraner Klangnuancen, passt hervorragend zu dieser ebenso agilen, fast schon nervösen Musik.
Vor allem das erste Stück von op.12 "Des Abends" - wie poetisch das als innig-schwärmerische Nachtmusik daherkommt. Diese CD hat mich damals endgültig für Schumanns Klaviermusik eingenommen.

Diese rare CD ist immer noch das beste, was ich bisher von Demus gehört habe. Ich habe auch die Box mit dem kompletten Schumann auf modernem Klavier (deren Remastering den Klavierklang gegenüber den Original-CDs bei Nuova Era erheblich verbessert hat) und kann sie als Überblick guten Gewissens empfehlen, bei dem Spottpreis sowieso - auch ich halte Demus für einen der interessantesten Schumann-Interpreten.

Unbekannt Sonntag, 9. Januar 2011, 22:56
... folgende CD, deren Aufnahmequalität leider etliche Wünsche offen lässt:



Nichtsdestotrotz liebe ich diese Einspielung der Bagatellen!


Ja, spielerisch finde ich diese CD auch sehr gut, obwohl ich denke, dass Demus, wie öfter in seinen ersten Versuchen auf historischen Flügeln, das Instrument etwas zu hart traktiert. Der Klang liegt meiner Ansicht nach mindestens ebensoviel daran wie an der Aufnahmetechnik. Zudem war dieser Graf damals noch nicht optimal restauriert, wie man bei einem Vergleich mit dieser späteren Aufnahme von Paul Komen auf dem gleichen Flügel feststellen kann:



Beide CDs dürften im Bonner Beethoven-Haus noch zu bekommen sein.
Unbekannt Sonntag, 9. Januar 2011, 23:13
Es gibt in der Tat wenig von Demus älteren Aufnahmen auf CD, woran das liegt, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht müssen neue Verträge ausgehandelt werden ...

Bei genauem Suchen habe ich ein paar gefunden, die bei näherem Hinsehen als auf historischen Flügeln gemacht wurden:


... auf einem Graf, das Baujahr kann ich nicht entziffern.


... auf einem Steinway von 1913.

Unbekannt Dienstag, 11. Januar 2011, 09:52
Die Lieder-CD mit Ameling ist unbedingt empfehlenswert; sonst kenne ich Demus nur auf dem modernen Flügel (Schumann-Box und Liedbegleitung). Er hat auf dem modernen Klavier z.B. auch ziemlich viel Bach gespielt; ich meine, ein Band oder beide des WTK wären mal von einer Zeitschrift zur besten Aufnahme gekürt worden, aber das ist alles nie auf CD erschienen.
Meinem Eindruck nach hat die durch Marketing usw. extrem gepushte Überpräsenz Brendels seine Generationsgenossen Demus und Badura-Skoda besonders in den letzten 30 Jahren unangemessen in den Schatten gestellt, obwohl das nicht unbedingt schlechtere Pianisten sind. Es mag auch an den Labeln liegen. Ich weiß nicht genau, wer die Rechte an BASF-Aufnahmen oder der deutschen Harmonia Mundi aus den 1970ern besitzt, teilweise vermutlich BMG.
Von den Collegium Aureum Aufnahmen gab es immer mal wieder einiges auf CD, aber meist nur vorübergehend und lange nicht alles. Ein Forellenquintett mit Demus/Coll Aureum wird auch immer mal wieder enthusiastisch empfohlen, ich konnte es auf CD bisher nicht orten und sehe auch nicht ein, richtig Geld für eine LP auszugeben.

viele Grüße

JK jr.
Unbekannt Dienstag, 11. Januar 2011, 13:19
Meinem Eindruck nach hat die durch Marketing usw. extrem gepushte Überpräsenz Brendels seine Generationsgenossen Demus und Badura-Skoda besonders in den letzten 30 Jahren unangemessen in den Schatten gestellt


O ja, o ja, da stimme ich dir vollständig zu. Ich würde sogar zu behaupten wagen, dass Demus den Herrn Brendel interpretatorisch deutlich überragt. Diese unangefochtene Berühmtheit Brendels ist mir eh ein Rätsel. Ich meine, das ist natürlich kein schlechter Pianist, aber manchmal doch ein bißl fad. Hängt sein besseres Fortkommen vielleicht mit seinem Wienertum zusammen???

Immerhin: seit die Schumann-GA von Demus auf modernem Flügel erneut auf dem Markt ist, wird sein Name langsam wieder geläufiger. Vielleicht ist das ein Anreiz für die BMG - oder welche Gesellschaft zur Zeit die Rechte besitzt - auch die Einspielungen auf Fortepiano wieder rauszugeben. Denn wenn ich mich so umschaue bei ebay, booklooker und co, dann kann man vermutlich fast ein zweite Schumann-GA auf historischen Instrumenten publizieren. Was natürlich absolut großartig wäre.
Unbekannt Dienstag, 11. Januar 2011, 13:31
Zu Demus frühen Aufnahmen für das Label Remington gibt es eine sehr schöne Webpage aus Großbritanien. Leider war das noch Demus Prä-HIP-Zeit. Aber die Vita dort ist deutlich ausführlicher, als die auf Wiki:

"http://www.soundfountain.org/rem/remdemus.html"
Unbekannt Dienstag, 11. Januar 2011, 13:32
O ja, o ja, da stimme ich dir vollständig zu. Ich würde sogar zu behaupten wagen, dass Demus den Herrn Brendel interpretatorisch deutlich überragt. Diese unangefochtene Berühmtheit Brendels ist mir eh ein Rätsel. Ich meine, das ist natürlich kein schlechter Pianist, aber manchmal doch ein bißl fad. Hängt sein besseres Fortkommen vielleicht mit seinem Wienertum zusammen???

Demus ist in St. Pölten geboren - in Östereich der Inbegriff der niederösterreichischen Provinz .... aber ob das mit ein Grund ist?

Auf Tante Wiki steht zu lesen: "Heute arbeitet Jörg Demus an einer CD-Produktion "Die Geschichte des Klaviers", welche am Ende 100 vollbespielte CDs umfassen soll." Ob der am 2. Dezember 82 Jahre alt gwordene Demus die noch fertig bekommt?
Unbekannt Dienstag, 11. Januar 2011, 14:40
Tja, die 100-CD-Reihe geistert durch´s Netz, ohne dass rauszubekommen wäre, wo die Quelle dafür ist. - Ich nehme mal an, dass Demus nicht mehr vor hat 100 neue CDs einzuspielen, sondern seine alten Aufnahmen zusammen zu stellen und teilweise zu ergänzen. Mir ist aber auch nicht klar, ob die CDs einzeln herauskommen sollen oder als Box. So eine Kiste wäre natürlich ein Traum.

(Man könnte Demus fragen... hat jemand seine Adresse?)
Unbekannt Dienstag, 11. Januar 2011, 14:51
http://www.joergdemus.at/

:dontknow:
Unbekannt Dienstag, 11. Januar 2011, 14:53
Jörg Demus-Foundation, Museo Christofori
Miglberg , Schaffling 6
4852 Weyregg am Attersee (OÖ)
07664 23 96
07664 24 48

Quelle: Telefonbuch Österreich
Unbekannt Samstag, 22. Januar 2011, 19:27
So, dann will ich mal ein paar wichtige Orginalklang-Aufnahmen von Jörg Demus vorstellen, die leider alle nicht auf CD, sondern nur auf LP zu haben sind. Teilweise sind sie sehr schwierig zu bekommen, aber wenn man denn mal ihrer Ansichtig wird, kosten sie meist nicht wirklich viel. Und alle vorgestellten Platten kann ich wärmstens zum Kauf empfehlen:

Beginnen wir mir der Schubert-Box, heraus gekommen bei der deutschen Harmonia Mundi 1978, zum 150 Todestag Schuberts. Auf den 3 LPs sind folgende Werke zu finden:

Sonate Nr. 22 B-Dur, D 960
Conrad-Graf-Fortepiano von 1830
Aufnahmejahr 1965

Sonate Nr. 14 A-Dur, D 664
Schweighofer-Flügel von 1845
Aufnahmejahr 1963

Impromptus D 899
Conrad-Graf-Fortepiano von 1839
Aufnahmejahr 1974

Moments Musicaux D 780
Conrad-Graf-Fortepiano von 1839
Aufnahmejahr 1974

Impromptus D 935
Conrad-Graf-Fortepiano von 1839
Aufnahmejahr 1974

Drei Klavierstücke D 946
Conrad-Graf-Fortepiano von 1839
Aufnahmejahr 1974


Insbesondere der Schweighofer-Flügel besticht durch seinen klaren, fast kristallinen Klang. Aber nicht nur durch den Flügel ist die Sonate D 664 ein Ereignis allerersten Ranges. Demus spielt mit solcher Empfindsamkeit, mit einer Anschlagskultur, die in der Zeit nicht nur auf Orginalinstrumenten ihres gleichen sucht.
Immer wieder erinnert er mich an Andreas Staier, oder besser gesagt, seit ich Jörg Demus Fortpianoeinspielungen kenne, kommt es mir mehr und mehr so vor, als hätte Staier einige Demus-Platten auch sehr intensiv gehört.
Unbekannt Samstag, 22. Januar 2011, 20:44
Schumann-Doppel-LP, publiziert bei der deutschen Harmonia Mundi/BASF um 1970.

Platte 1 - Demus spielt auf einem Conrad-Graf-Fortepiano von 1839 aus dem Besitz Robert Schumanns:

Kinderszenen op. 15

Arabeske C-Dur op. 18

(Romanze H-Dur, op. 5/3 - Von Clara Wieck)

Papillons op. 2

Ländler D-Dur op. 124/7
Romanze B-Dur op. 124/11

Bunte Blätter op. 99 (Nr. 1, 2, 3, 5, 6, 7, 8, 10)


Platte 2 - Demus spielt auf einem Johann-Baptist-Streicher-Fortepiano von 1841:

Faschingsschwank aus Wien op. 26

Waldszenen op. 82




Auch hier erkennt man wieder eine große Verwandtschaft zu Staier, insbesondere die Waldszenen sind teils mit der fast gleichen Auffassung gespielt, so z.B. das erste Stück "Eintritt" scharf akzentuiert, geradezu spitz, mit viel Agogik. Völlig untypisch für die frühen 70er. Zudem ganz anders, als bei seiner eigenen non-HIPpen GA des Schumann´schen Klavierwerks.
Auch die Kinderszenen spielt Demus hier ziemlich entschlackt. Man wird das Gefühl nicht los, dass das seine ganz persönliche Sicht auf Schumann ist, und das die non-HIPpe GA ein bisschen dem damaligen Publikumsgeschmack angepasst wurde.
Der gespielte Schumann-Flügel ist von sanftem, etwas verwaschenem Klang. Der Steicher hingegen spitz, ein wenig klirrend, sehr gut passend zu der Art von Interpretation, wie man sie bei den Waldszenen hören kann. Man muss das mögen. Ich mag das sehr.
Unbekannt Samstag, 22. Januar 2011, 21:18
Mozart-Doppel-LP "Mozart in Paris / Mozart in Wien", publiziert bei der deutschen Harmonia Mundi/BASF um 1970.

Jörg Demus spielt einen Anton-Walter-Hammerflügel von 1785 aus der Sammlung des Kunsthistorischen Museums Wien. Die Aufnahmen wurden anlässlich eines Konzerts mitgeschnitten, das am 6. Mai 1964 im Salle du Sacre im Schloß Versailles stattfand.

Sonate A-Dur KV 331

Sonate C-Dur KV 330

Fantasie c-moll KV 396

Andantino Es-Dur KV 236

Allemande c-moll und Courante Es-Dur
aus der Klaviersuite KV 399

Menuett D-Dur KV 355

Fantasie c-moll KV 475

Rondo a-moll KV 511

Gigue G-Dur KV 574



Das Walter-Fortepiano ist etwas dumpf und hallig, was teilweise auch an der Aufnahmetechnik liegen könnte, wahrscheinlich aber der noch nicht allzu perfekten Restaurierung in den frühen 60ern geschuldert ist. Trotzdem ein differenzierter Klang. Und eine seltene Möglichkeit, den allerfrühsten Stand der HIPpen Klaviermusik kennen zu lernen.