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Jean-François Tapray (c.1738-c.1819)

Unbekannt Montag, 8. November 2010, 00:27
Le parnasse françois:
Jean-François Tapray

(c.1738-c.1819)


Jean-François Tapray (auch Taperay oder Taperet) wurde ungefähr 1738 in Gray, Haute Saône als Sohn des dortigen Organisten der Kollegiatskirche, Jean Tapray, geboren. Sein Vater und ein Monsieur Dancier, der angeblich Schüler von Domenico Scarlatti war, bildeten ihn aus. Bereits im Alter von 10 jahren gab er ein Orgelkonzert an der Jesuitenkirche von Dôle. Mit 14 wurde er Organist und maître de musique an der Kollegiatskirche dieser Stadt, eine Stelle, die auch sein Vater einmal ausgeübt hatte. 1756 spielte er in Versailles vor einer Tochter des Königs. 1763 wurde er Organist an der Kathedrale von Besançon, zog aber fünf Jahre später nach Paris, wo er rasch zu einem gefragten Lehrer für Cembalo und Fortepiano wurde, die Listen seiner Schüler in seinen Musikdrucken bis 1781 enthalten die Namen unzähliger adliger Damen. 1776 wird er als maître de clavecin und Organist an der École Royale Militaire geführt, wozu noch weitere Ämter dieser Art kamen. Auftritte als Virtuose sind dagegen selten belegbar, z.B. 1778 mit einer symphonie concertante im Concert Spirituel. Die Behauptung eines Zeitgenossen, Tapray habe häufig seine eigenen Werke öffentlich aufgeführt, lässt sich nicht durch Pressemeldungen belegen. 1786 quittierte er den Dienst an der École Militaire und zog sich nach Fontainebleau zurück, wo er als Organist und Orchesterleiter an der Kirche St. Louis arbeitete. Sein genaues Todesdatum ist nicht bekannt; bei der Bestattung seiner Schwester in Fontainebleau 1815 wird er noch erwähnt. Mehrere Quellen aus späterer Zeit behaupten, er sei 1819 verstorben; belegen konnte man es bisher nicht.
Unbekannt Montag, 8. November 2010, 03:23
Im New Grove schreiben Barry S. Brook und Richard Viano: "Tapray was a composer of limited gifts; except for a few moments, his music lacks imagination and organic unity."
Sehe ich die doch recht umfangreiche Liste der Werke einen Abschnitt später, frage ich mich, ob die Autoren das wirklich alles gesichtet und/oder gehört haben können oder worauf auch immer ihre Aussage beruht. Zumindest die vier Werke, die sich auf der im nächsten Post vorgestellten CD finden, sind gut, wenn auch nicht ganz so tiefgründig wie manches von Mozart oder dem späten Haydn - aber berücksichtigt man die Tatsache dass Tapray seinen Stil parallel zu dem von Haydn und Johann Christian Bach entwickelt haben muss, anhand dessen, was er in den 1760er Jahren in Paris vorfand und aufgrund seiner Ausbildung, die höchstwahrscheinlich durch italianisierende spätbarocke und galante Musik geprägt war und später von Stars wie Schobert ... dann muss man Tapray seine Eigenständigkeit zugestehen. Was er eher stärker als Haydn oder Johann Christian Bach erforscht hat, ist die Vielfalt instrumentaler Besetzungen - u.a. sind da vier symphonies concertantes mit Solopartien für Cembalo und Pianoforte! Zur Illustration die gedruckten Werke (die Opuszahl 1 kommt doppelt vor, weil er nach seinem Umzug nach Paris von neuem zu zählen anfing):

  • op. 1 - 6 Concerti für Cembalo oder Orgel, 3 Violinen, Violoncello obligato (1758)
  • op. 1 - 6 Sonates für Cembalo und Violine ad libitum (1770)
  • op. 2 - 3 Sonates für Cembalo und Violine ad libitum (1770)
  • op. 3 - Concerto für Cembalo und Orchester (1771)
  • op. 4 - 4 Sonates für Cembalo oder Pianoforte (1773, Nr. 1-3 mit obligaten Instrumenten)
  • op. 5 - 4 Sonates en trio für Cembalo, Violine und Viola (1776)
  • op. 6 - 3 Sonates en trio für Cembalo oder Pianoforte, Violine und Viola (1777)
  • op. 7 - 3 Sonates für Cembalo, Violine und Bass (1778)
  • op. 8 - Symphonie concertante für Cembalo, Pianoforte & Orchester (1778)
  • op. 9 - Symphonie concertante für Cembalo, Pianoforte, Violine & Orchester (1778)
  • op. 10 - 6 Sonates für Cembalo und begleitender Violine (1779)
  • op. 11 - 3 Sonates für Cembalo oder Pianoforte (1780)
  • op. 12 - Symphonie für Cembalo & Orchester (1780)
  • op. 13 - Symphonie concertante für Cembalo, Pianoforte & Orchester (1783)
  • op. 15 - Symphonie concertante für Cembalo, Pianoforte & Orchester ad libitum (c.1782/83)
  • op. 16 - 3 Sonates für Cembalo oder Pianoforte und 2 Violinen ad libitum (1784)
  • op. 17 - 6 Sonates für Pianoforte (1784)
  • op. 18 - 2 Quatuors für Cembalo oder Pianoforte, Klarinette oder Violine, Viola, Fagott oder Violoncello (1784) - manchmal auch als op. 17 oder op. 21 gelistet
  • op. 19 - Quatuor concertant für Cembalo oder Pianoforte, Flöte oder Violine, Viola, Fagott oder Violoncello (1784)
  • op. 20 - Quatuor concertante (1784)
  • op. 21 - 2 Symphonies für Cembalo & Orchester (1784)
  • op. 22 - 3 Sonates für Cembalo oder Pianoforte (1785)
  • op. 23 - 2 Sonates für Cembalo oder Pianoforte, Violine und Violocello (1788)
  • op. 24 - 3 Sonates für Cembalo oder Pianoforte und Violine ad libitum (1788)
  • op. 25 ? - 6 Sonates très faciles für Cembalo und Violine ad ibitum (? 1789)
  • op. 28 - 3 Sonates pour Pianoforte (? 1800)
  • op. 29 - Sonate pour pianoforte à quatre mains (1800)


Die Opuszahlen 14, 26 und 27 sind ungeklärt. Dazu kommen noch ein paar Einzelwerke ohne Opuszahlen, z.T. in Periodika gedruckt, darunter Arrangements von Opernouvertüren anderer Komponisten und einige Arietten, sowie pädagogische Veröffentlichungen, von denen eine wohl aus der Feder des Vaters stammt.

Die Stellung des Violinparts oder anderer Stimmen ad libitum ist ein typisches Merkmal der Frühklassik, ebenso wie die freie Wahl des Bassinstruments oder die freizügige Verwendung von erst später kanonisierten Gattungsbegriffen. Auch die ausgefeilteren Formprinzipien der nachfolgenden Klassiker sucht man vergebens. Dafür findet man noch 1776 "Sonates en trio" bei ihm.
Unbekannt Montag, 8. November 2010, 23:27
Diese vergriffene und leider nur noch selten angebotene CD war mein Einstieg in die musikalische Welt des Jean-François Tapray, aus Neugier über seine Rolle bei der Entwicklung des konzertierenden Tasteninstruments erworben:



Quartett op. 18 Nr. 2 für Pianoforte, Klarinette, Bratsche und Fagott
Quartett op. 19 Nr. 6 für Cembalo, Flöte, Bratsche und Violoncello
Sonate en trio op. 23 Nr. 1 für Pianoforte, Violine und Violoncello
Quartett op. 18 nr. 1 für Pianoforte, Klarinette, Bratsche und Fagott

Die Klangfarbenvielfalt durch die Mischung des markanten Pianoforteklangs (ein Stein-Nachbau von Marc Ducornet) mit denen von Streichern und Bläsern ist erstaunlich - die Farbe der Instrumente verleiht der auf dem Papier sicher etwas simpel erscheinenden Musik Leben und Charme. Manchmal glaubt man ein Horn zu hören, aber es ist der Mischklang von Bratsche und Fagott, und wie er jedem Instrument seine unverwechselbare Rolle gibt, ohne eines, nicht einmal das Tasteninstrument, dominieren zu lassen, zeugt von einer gewissen Meisterschaft. Die Musiker um den Klarinettisten Jean-Claude Veilhan und die Pianistin Béatrice Berstel liefern ein überzeugendes Plädoyer für den Komponisten ab, das Appetit auf mehr macht. Interessant ist auch, wie gut der Cembaloklang zu einer 1784 gedruckten Komposition passt - Musik des Übergangs, in jeder Hinsicht.
Unbekannt Montag, 8. November 2010, 23:38
Die weitere Erforschung von Taprays Musik ist dann leider nicht so einfach. Problemlos zu bekommen ist nur diese Orgelanthologie von Michel Chapuis, die zwei Noels enthält, auf der Orgel der Kollegiatskirche in Dôle gespielt, die auch Tapray bediente:



Eine CD mit den frühen Orgelkonzerten, die von Händels Konzerten inspiriert sein sollen, ist vergriffen:



Ob die Auswahl von Klaviersonaten mit der 2004 verstorbenen Silvie Pécot-Douatte noch zu bekommen ist?


Bei einer weiteren CD mit Kammermusik bin ich mir nicht sicher, ob sie HIP ist - ohnehin nur zu Mondpreisen erhältlich:

Unbekannt Donnerstag, 14. Juli 2011, 23:22
Ob die Auswahl von Klaviersonaten mit der 2004 verstorbenen Silvie Pécot-Douatte noch zu bekommen ist?

Die Antwort lautet: Ja!

Opus 1 Nr. 1 & 2
Opus 2 Nr. 1 & 2
Opus 11 Nr. 2
Opus 24 Nr. 3
Opus 28 Nr. 2

Piano Érard Nr. 13123, 1839
Unbekannt Samstag, 16. Juli 2011, 01:14
Tapray hat alle seine Notendrucke in den 1770er und 1780er Jahren veröffentlicht, aber über die Entstehungszeit lässt sich kaum etwas sagen. Dass er erst mit 30 Jahren zu komponieren anfing, erscheint unwahrscheinlich. Mit anderen Worten: Die Jahreszahl der Veröffentlichung sagt nicht unbedingt etwas über den Enststehungszeitraum aus.
Vom Opus 1 an zeigt er eine schon ausgesprochen "klassisch" anmutende Tonsprache, aber mit weit weniger italienischem Einschlag als seine Kollegen, von denen des Nachbarlands ganz zu schweigen. Der erste Satz von Opus 1 Nr. 2 ähnelt an der Oberfläche, also im Spielgestus und der Melodiegestaltung, eher den Chaconnen seiner französischen Vorgänger als italienischen Modellen. Alles erscheint weniger floskelhaft, einen typischen Alberti-Bass sucht man vergebens, obwohl akkordbrechende Begleitfiguren ständig vorkommen. Taprays Werk ist ein schönes Beispiel für die Eigenständigkeit französischer Komponisten auf dem Weg zu "klassischen" Stilistiken, der von einem ständigen Bemühen um melodische Originalität gekennzeichnet ist.

Dass Silvie Pécot-Douattes Phrasierung manchmal etwas hakelig daherkommt, mag den Eigenwilligkeiten des Érard-Flügels von 1829 geschuldet sein, der nicht in 100%igem Zustand zu sein scheint. Insgesamt ist diese CD aber ein sehr gelungenes Plädoyer für einen zu Unrecht vernachlässigten Komponisten.
Unbekannt Montag, 18. Juli 2011, 09:49
Nachdem ich die Sonaten Taprays öfter gehört habe, bestätigt sich der Eindruck, das Hammerklavier habe in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine weit geringere Rolle gespielt als z.B. in Deutschland, bzw. seine Verbreitung und damit Bedeutung wird überschätzt, wegen der geringeren Lautstärke, der Parallelität verschiedener Mechaniken (hier wird m.A. eher der Tangentenflügel unterschätzt) und ganz allgemein der Neuheit des Klangs, für den auch die Komponisten erst spezifische Musik entwickeln mussten. Vieles an Taprays Klaviermusik läst mich z.B. an Simon Simon denken, dessen Stücke auf einem späten französischen Cembalo ja ganz ausgezeichnet klingen - Jean-Patrice Brosse sollte auch einmal Tapray auf seinem Kroll-Cembalo einspielen, gerade die ersten Opera, die sicher vor den 1780er Jahren komponiert wurden. Der von Silvie Pécot-Douatte gespielte Érard-Flügel ist ja auch erst zehn Jahre nach Taprays Tod gebaut worden ...
Da Tapray nach 1800 nichts mehr veröffentlicht hat, scheint mir ein Cembalo eine zumindest ebenso plausible Wahl wie ein Fortepiano. Klanglich stehen seine Stücke eher in der nachfolge eines Royer, Duphly und Balbastre als in der Italienischer Kompoonisten.