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J. S. Bach: Das Orgelwerk: Empfehlenswerte Gesamtaufnahmen, herausragende Einzeleinspielungen

Unbekannt Sonntag, 11. Juli 2010, 17:51
Seit ein paar Tagen höre ich mich mit wachsender Begeisterung durch das Bachsche Orgelwerk. Ich besitze nur eine Gesamteinspielung der Werke, auf 17 CDs (inzwischen im selben Umfang auf 15 CDs erschienen):



Erato, aufg. 1978-80.
Marie-Claire Alain auf vier verschiedenen Orgeln:
  • Schwenkedel, Collégiale de Saint-Donat (Drôme)
  • Marcussen, St. Nikolaus Kolding (Dänemark)
  • Metzler, Basilika Mariastein (Schweiz)
  • Busch-Marcussen, Schloß Augustenborg (Dänemark)
An anderer Stelle hat Hildebrandt die Instrumente so charakterisiert: "streng neobarock orientierte Instrumente norddeutscher Observanz, erbaut wahrscheinlich zwischen 1960 und 1980 (oder so)".

Mein Eindruck: ein klares Klangbild, durchsichtig, pulsierend (wenig Agogik), mit transparentem Kontrapunkt. Klangsinnlich. Aufnahmetechnik: räumlich, plastisch, kaum Hall, mit herrlichen Bässen (scheint eine Spezialität von Erato zu sein: Bei Messiaen-Aufnahmen gibt es das auch).

Da mir Vergleichsmöglichkeiten zur Zeit noch fehlen: Gut möglich, daß meine Charakterisierung hier nicht unwidersprochen hingenommen wird. Es gibt allerdings auch eine Vielzahl von Alternativen. Diese dürfen hier gern vorgestellt werden.

Also: Welche Gesamteinspielungen des Bachschen Orgelwerks kennt Ihr? Welche stilistischen und sonstigen Besonderheiten gibt es (auch über die verwendeten Orgeln)? Wie bewertet Ihr sie?

Darüberhinaus würde ich es begrüßen, wenn auch herausragende Einzelaufnahmen vorgestellt werden, gern mit Erläuterung. Gerade das könnte mich zu weiteren Anschaffungen verlocken; ob ich einen weiteren CD-Klotz haben will, mag ich momentan nicht entscheiden.

Einen Spezialfaden gibt es übrigens bereits: J. S. Bach: Clavier Übung III.

:wink:
Unbekannt Sonntag, 11. Juli 2010, 19:06
Also ich kann Gerhard Weinberger guten Gewissens empfehlen: eine äußerst interessante Auswahl der Orgeln, sehr bemüht, passende Instrumente zu finden, jede CD ein einzeln gut hörbares Recital, gut gespielt, wenn auch nicht alles ideal, aber insgesamt sehr gut, auf dem neusten Stand der Forschung, was Fehlzuschreibungen u.ä. angeht:

Unbekannt Dienstag, 13. Juli 2010, 17:45
Also ich kann Gerhard Weinberger guten Gewissens empfehlen:


Dem können sich wohl die meisten anschließen.
Auch die Booklets sind vorbildlich, nur bei der Box-Version allerdings nur auf Englisch (wenn ich nicht irre).
Die Auswahl der Instrumente versucht die Eigenheiten der Bachschen Werke und die Charakteristika der Orgellandschaft (meistens - aber nicht immer - Sachsen/Thüringen) unter einen Hut zu bringen.
Auch die einzige Gesamtaufnahme, die die wohl wirklich einzige genuine Bach-Orgel (St. Wenzel, Naumburg) ausführlich berücksichtigt.

Insgesamt wirklich vorzüglich, nur "Temperament" ist nicht der zweite Vorname Weinbergers. Manchmal gerät der Fluss der Dinge etwas dicklich.
Unbekannt Dienstag, 13. Juli 2010, 18:38
Also ich kann Gerhard Weinberger guten Gewissens empfehlen:
Auch die Booklets sind vorbildlich, nur bei der Box-Version allerdings nur auf Englisch (wenn ich nicht irre).

Ja, einen deutschen Text sucht man leider vergeblich. Allerdings schickt JPC bei entsprechender Beschwerde die deutsche Übersetzung kostenlos als Photokopie zu - das haben sie jedenfalls bei mir so gemacht.

Was mich an der Weinberger-Box stört ist die Anordnung der Stücke, das zum Beispiel die Triosonaten nicht vollständig auf einer CD versammelt sind sondern verstreut auftauchen.

Gruß, Carola
Unbekannt Dienstag, 13. Juli 2010, 21:57

Was mich an der Weinberger-Box stört ist die Anordnung der Stücke, das zum Beispiel die Triosonaten nicht vollständig auf einer CD versammelt sind sondern verstreut auftauchen.

Das kann man sich dann ja von anderen Organisten holen. Ich finde gerade die Abwechslung, die Weinberger durch variable Auswahl der Stücke, passend zu den jeweiligen Orgeln, in jede CD als eigenständiges Recital bringt, sehr erfrischend. Die Komplettaufführung auf CD entspricht dem Druckwerk jener Tage, von dem auch niemand erwartete, daß es an einem Stück gespielt wurde ...
Mich hat die etwas einfallslos an Werkgruppen orientierte Ordnung der meisten Gesamtaufnahmen früher immer vom Kauf abgehalten.
Unbekannt Dienstag, 13. Juli 2010, 22:00

Auch die einzige Gesamtaufnahme, die die wohl wirklich einzige genuine Bach-Orgel (St. Wenzel, Naumburg) ausführlich berücksichtigt.

Liegt das an Naumburgs Lage in der Ex-DDR, oder der krassen Unterschätzung eines Zacharias Hildebrandt, oder was sonst noch? Gibt es sonst keine Bach-Aufnahmen auf dieser fantastischen Orgel?
Unbekannt Mittwoch, 14. Juli 2010, 12:45
Was mich an der Weinberger-Box stört ist die Anordnung der Stücke, das zum Beispiel die Triosonaten nicht vollständig auf einer CD versammelt sind sondern verstreut auftauchen.
Bei den Gesamtaufnahmen sind im wesentlichen zwei Konzepte erkennbar:
  • Anordnung aufsteigend nach BWV-Nummer, wodurch sich auch eine Teilung in freie und choralgebundene Werke ergibt (letztere haben die höheren BWV-Nummern). Beispiele: Walcha, Alain.
  • Zusammenstellung von imaginären Konzertprogrammen, wobei die choralgebundenen Werke oft einer bestimmten Zeit des Kirchenjahres (Weihnachten, Passionszeit usw.) zugeordnet werden. Die Zusammenstellung gibt dem Organisten auch die Möglichkeit, die besonderen Merkmale der jeweils verwendeteten Orgel durch geschickte Werkauswahl hervorzuheben (oder umgekehrt die besonderen Merkmale des Werks durch geschickte Orgelauswahl). Beispiele: Fagius und Weinberger, wobei beide bei den choralgebundenen Werken nicht konsequent vorgehen und die Zyklen wie Orgelbüchlein oder Leipziger Choräle nicht kirchenjahresbezogen auf verschiedene Programme aufteilen.
Für die Weinberger-Aufnahme wird ja immer wieder behauptet, sie sei auf dem neuesten Stand der Forschung. Allerdings frage ich mich, wieso dann das sechsstimmige Ricercar aus dem "Musikalischen Opfer" und die "Kunst der Fuge" mit aufgenommen wurde - und dazu noch teilweise in unerträglich "fetter" Registrierung, die ein Durchhören fast unmöglich macht. Ferner stört mich Weinbergers Manie, insbesondere bei den freien Orgelwerken immer anders artikulieren zu wollen als andere. Das klingt für mich eher nach musikwissenschaftlicher Demonstration mit erhobenem Zeigefinger: Hör mal hin, so ist das richtig, auch wenn Du es anders kennst und es den gewohnten musikalischen Fluss kaputtmacht.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Donnerstag, 15. Juli 2010, 14:37
Für die Weinberger-Aufnahme wird ja immer wieder behauptet, sie sei auf dem neuesten Stand der Forschung. Allerdings frage ich mich, wieso dann das sechsstimmige Ricercar aus dem "Musikalischen Opfer" und die "Kunst der Fuge" mit aufgenommen wurde -


Das Ricercar gibt es aus Bachs Schülerkreis als direkte Orgelübertragung. Die Kunst der Fuge auf der Orgel kommt der Sache aber immerhin erheblich näher als die merkwürdigen Versuche aller möglichen HIP-Ensembles, das auf irgendwelche Instrumente zu verteilen.

Zitat

und dazu noch teilweise in unerträglich "fetter" Registrierung, die ein Durchhören fast unmöglich macht.


Kann das eher Geschmacks- und Gewohnheitssache sein? Hält man sich an die Registriervorschiften der Zeit, kommt eben so etwas dabei heraus.

Zitat

Ferner stört mich Weinbergers Manie, insbesondere bei den freien Orgelwerken immer anders artikulieren zu wollen als andere.


Immer? Wo denn? Da wären ein paar Beispiele ganz nützlich.

Zitat

Das klingt für mich eher nach musikwissenschaftlicher Demonstration mit erhobenem Zeigefinger: Hör mal hin, so ist das richtig, auch wenn Du es anders kennst und es den gewohnten musikalischen Fluss kaputtmacht.


Und das klingt ein bisschen nach nicht erfüllten Erwartungen.
Was ist denn der "gewohnte musikalische Fluss"? Der nach Richter? Oder Walcha? Oder haben sich die Gemüter nicht schon erhitzt, als Kooiman seinerzeit wagte, anders zu spielen als Leonhardt?
Mit Verlaub, das klingt ein bisschen danach, als ob es immer nur nach demselben liebgewonnenen Stiefel gehen dürfte.

Weinbergers Einspsielung ist sicher auch nicht mein Ideal, aber das, was er an Kenntnissen und Können investiert und damit an Neuem beiträgt, lohnt schon die Anschaffung. Und die Verwendung ganz exquisiter z.T. kaum bekannter Instrumente macht das Projekt noch spannender.
Unbekannt Freitag, 16. Juli 2010, 10:18
Insgesamt wirklich vorzüglich, nur "Temperament" ist nicht der zweite Vorname Weinbergers. Manchmal gerät der Fluss der Dinge etwas dicklich.
[...] teilweise in unerträglich "fetter" Registrierung, die ein Durchhören fast unmöglich macht.
Diese Kommentare zur Weinberger-Einspielung lassen mich (noch) zögern zuzulangen. Ein transparenter Klang ist für mich ein wichtiges Kriterium.

Welche Alternativen gäbe es denn noch? Als ich vor Jahren vor der Entscheidung stand, welche Gesamteinspielung ich erwerben sollte, war die Alternative die mit Simon Preston:



In irgendeiner Kritik las ich damals, daß Preston in manchen Choralvorspielen in grotesker Weise gegen den textlichen Gehalt verstoßen würde, worauf ich mich letztlich für Alain entschied, im Glauben, damit Zuverlässigeres zu haben.

Und, lieber Hildebrandt, da Du angedeutet hast, daß die von mir genannte Alain-Einspielung bei Dir auf Skepsis stößt: Worauf richtet sich diese, mehr auf die verwendeten Instrumente (die Du als "neobarock" charakterisiert hast), mehr auf die Interpretation oder auf beides?

:wink:
Unbekannt Freitag, 16. Juli 2010, 18:23
Insgesamt wirklich vorzüglich, nur "Temperament" ist nicht der zweite Vorname Weinbergers. Manchmal gerät der Fluss der Dinge etwas dicklich.
[...] teilweise in unerträglich "fetter" Registrierung, die ein Durchhören fast unmöglich macht.
Diese Kommentare zur Weinberger-Einspielung lassen mich (noch) zögern zuzulangen. Ein transparenter Klang ist für mich ein wichtiges Kriterium.


Ich finds nirgends unerträglich fett. Ein Plenum ist ein Plenum. Und wozu ist die Posaune da, wenn man sie nicht ziehen soll? Weinberger richtet sich bei seinen Registrierungen im Großen und Ganzen nach den Usancen der Bach-Zeit.
Die verwendeten Instrumente sind jedenfalls allesamt kleine bis große Edelsteine, die man auch nicht alle jeden Tag zu hören bekommt.
Für meinen Geschmack könnte Weinberger bei seiner Tempowahl manchmal ein bisschen mehr Pfeffer vertragen, allerdings ist er da dann immer noch lebhaft im Vergleich zu Stockmeier. Und wirklich langweilig finde ich ihn nirgends.


Zitat

Welche Alternativen gäbe es denn noch? Als ich vor Jahren vor der Entscheidung stand, welche Gesamteinspielung ich erwerben sollte, war die Alternative die mit Simon Preston:
...
In irgendeiner Kritik las ich damals, daß Preston in manchen Choralvorspielen in grotesker Weise gegen den textlichen Gehalt verstoßen würde, worauf ich mich letztlich für Alain entschied, im Glauben, damit Zuverlässigeres zu haben.


Niemand kann bestreiten, das Alain zuverlässig, gediegen und absolut hochklassig ist. Mir ist ihr Spiel zu reserviert, zu glatt und poliert; hipper wird sie auch erst in ihrer dritten Gesamtaufnahme. :D
Preston ist virtuos, hochdramatisch und meistens daneben. :D
Die Orgeln – auch meistens inzwischen überholter ‚Neobarock‘ - sind aufnahmetechnisch aufgebohrt und klingen zwei Nummern größer als sie sind.

Zitat

Und, lieber Hildebrandt, da Du angedeutet hast, daß die von mir genannte Alain-Einspielung bei Dir auf Skepsis stößt: Worauf richtet sich diese, mehr auf die verwendeten Instrumente (die Du als "neobarock" charakterisiert hast), mehr auf die Interpretation oder auf beides?


Beides. Denn beides gehört zu den Ausläufern der Orgelbewegung, die wir gottlob mittlerweile überstanden haben. Aber das ist eine ganz andere Geschichte...
Unbekannt Freitag, 16. Juli 2010, 19:57
Vielen Dank, damit kann ich etwas anfangen. :)

Eine weitere Edition werfe ich in die Runde - die Schnipsel klingen schonmal nicht so übel (was nicht viel besagt) und Ton Koopman ist ja auch kein Unbekannter (mir mehr als Dirigent vertraut):

Eine Auswahl auf 10 CDs:



Oder komplett auf 16 CDs:



Kennt die wer?

:wink:
Unbekannt Freitag, 16. Juli 2010, 20:06
Welche Alternativen gäbe es denn noch?
Diese Frage hat Hildebrandt nicht beantwortet - vielleicht, weil man dies objektiv und allgemeingültig gar nicht kann.

Sicher bietet Weinberger einige Vorteile gegenüber anderen Einspielungen:
  • viele sorgfältig ausgewählte historische Orgeln
  • sehr gute Klangqualität
  • Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstands
  • meines Wissens die "vollständigste" Gesamtaufnahme, wobei zweifelhafte Werke als solche kenntlich gemacht sind
  • günstiger Preis
Aber was nutzt das alles, wenn sich beim Hören trotzdem Unbehagen einstellt. Bei Weinberger gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen choralgebundenen und freien Werken - bei ersteren registriert er nach meinem Eindruck sehr differenziert, spielt gleichmäßiger und nimmt sich auch mal Zeit für langsame, ja manchmal geradezu meditative Tempi. Bei den freien Werken spielt er ganz anders, als wolle er den "Stylus phantasticus" hervorheben: Er registriert mir vor allem in den Fugen zu schrill und zu fett, er spielt nach meinem Empfinden abgehackt und eckig und oft mit gesuchter, ungewöhnlicher Artikulation. Mag sein, dass das gravitätische Gedröhne dem aktuellen Stand der Forschung entspricht und gerade en vogue ist, aber nachdem ich ein paar Stücke in dieser Manier gehört hatte, hatte ich's einfach über - das ermüdet recht schnell.

Wenn Du die Aufnahme mit Marie-Claire Alain (neobarocke, moderne Instrumente und eher unhippe Spielweise) mit "wachsender Begeisterung" hörst, wirst Du mit Weinberger wohl eher nicht glücklich werden - der Kontrast zum Gewohnten wäre zu groß. Ich würde da eher zu einer Aufnahme mit gemäßigt hipper Spielweise und/oder historischen Instrumenten raten.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Freitag, 16. Juli 2010, 22:20
Kennt die wer?
Kenne und habe ich seit dem Bach-Jahr 2000 - da gab es von Teldec die Bach-Edition in Würfelform. Mittlerweile hat Warner diese Aufnahme wiederveröffentlicht.

Koopman spielt auf Orgeln, die eher nord- als mitteldeutsch klingen (Ausnahme: Silbermann-Orgeln in Freiberg und die Riepp-Orgeln in Ottobeuren). Weinberger ist mit seiner Orgelauswahl wohl dichter an Bach, aber bei Koopman gefällt mir die Interpretation viel besser. Er geht mit Schwung und flotten Tempi ans Werk - und trotz teilweise üppiger Registrierung kann man immer noch gut verfolgen, was passiert. Bei einigen Choralbearbeitungen singt der Amsterdam Baroque Choir davor und danach einen entsprechenden Chorsatz von Bach.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Samstag, 17. Juli 2010, 10:13
Welche Alternativen gäbe es denn noch?
Diese Frage hat Hildebrandt nicht beantwortet - vielleicht, weil man dies objektiv und allgemeingültig gar nicht kann.


Naja, wo kann man das schon...
Aber angesichts der Vielzahl der Gesamteinspielungen gibt es schon ein paar mehr und ein paar weniger empfehlenswerte, wobei vieles immer Geschmacksache bleibt.

Zitat

Aber was nutzt das alles, wenn sich beim Hören trotzdem Unbehagen einstellt.


Das meinte ich mit ‚Geschmacksache‘. Bei mir z. B. stellt sich da eben keinerlei Unbehagen ein.

Zitat

Bei Weinberger gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen choralgebundenen und freien Werken - bei ersteren registriert er nach meinem Eindruck sehr differenziert, spielt gleichmäßiger und nimmt sich auch mal Zeit für langsame, ja manchmal geradezu meditative Tempi. Bei den freien Werken spielt er ganz anders, als wolle er den "Stylus phantasticus" hervorheben: Er registriert mir vor allem in den Fugen zu schrill und zu fett, er spielt nach meinem Empfinden abgehackt und eckig und oft mit gesuchter, ungewöhnlicher Artikulation.


Vielleicht mit Ausnahme des ‚zu fett‘ ließe sich das alles auch auf Koopman anwenden, wobei da noch irrwitzige Tempi hinzukämen.

Zitat

Mag sein, dass das gravitätische Gedröhne dem aktuellen Stand der Forschung entspricht und gerade en vogue ist, aber nachdem ich ein paar Stücke in dieser Manier gehört hatte, hatte ich's einfach über - das ermüdet recht schnell.


Wie gesagt, andere hören das anders. Und der Spieß lässt sich auch umdrehen: Oft glaubt man nicht, dass das schrille Gepiepse, was manche Einspieler aus ihren Ikea-Klangkommoden zaubern, etwas mit Bachs Wunsch nach Gravität zu tun haben könnte. (Natürlich distanziere ich mich augenblicklich von solchen Formulierungen. :D)

Zitat

Wenn Du die Aufnahme mit Marie-Claire Alain (neobarocke, moderne Instrumente und eher unhippe Spielweise) mit "wachsender Begeisterung" hörst, wirst Du mit Weinberger wohl eher nicht glücklich werden - der Kontrast zum Gewohnten wäre zu groß. Ich würde da eher zu einer Aufnahme mit gemäßigt hipper Spielweise und/oder historischen Instrumenten raten.


Als ob der Hörer ein zu schonender Rekonvaleszent wäre. Lieber eine sanfte Hühnerbrühe... :D
Nein, das Verwirrspiel ist einfach zu schön, um nachher mit einer einzigen Einspielung zufrieden sein zu können.
Von den drei Gesamtaufnahmen, die von Marie Claire Alain hier im Regal stehen, würde ich keine aussortieren wollen. Aber von den anderen auch keine.

Zum Beispiel keinesfalls die auf verschiedenen historischen Instrumenten aufgenommene von Bernard Foccroulle. Wenn man historische Spiel- und Registrierweise auf exquisiten Orgeln möchte ohne karikaturhafte Tempi und auch ohne allzu viel Gedröhne, sondern eher ein Anhänger klassischen Ebenmaßes ist – dann wäre das eine gute Wahl.
Unbekannt Samstag, 17. Juli 2010, 10:14
Er geht mit Schwung und flotten Tempi ans Werk - und trotz teilweise üppiger Registrierung kann man immer noch gut verfolgen, was passiert.


Was, wie schon angemerkt, Koopman häufig - meiner Meinung nach nicht immer zu Unrecht - vorgeworfen worden ist: Oftmals abstrus überzogene Tempi bei den freien Orgelwerken und bizarre, sehr eigentümliche Verzierungen, die außer Koopman niemand so spielt. Seltsamerweise hat er sich erst im Laufe der Zeit zum Tastenberserker entwickelt. Zu Beginn seiner Laufbahn spielte er langsamer als Leonhardt.
Unbekannt Samstag, 17. Juli 2010, 13:51
Vielleicht mit Ausnahme des ‚zu fett‘ ließe sich das alles auch auf Koopman anwenden, wobei da noch irrwitzige Tempi hinzukämen.
Wenn Du mit irrwitzig "schneller als Weinberger" meinst, bin ich einverstanden :D

Ich habe gestern abend mal BWV 545 im Vergleich Weinberger-Koopman gehört. Die Fuge ist ein Paradebeispiel dafür, wie Weinberger den polyphonen Satz durch zu üppige Registrierung regelrecht zukleistert. Die Themeneinsätze in den Mittelstimmen kann man oft höchstens erahnen, wenn man das Stück kennt oder die Noten vor sich hat - ansonsten wären sie nicht hörbar. Ich weiss nicht, was er da alles im Manual gezogen hat - ein 16' ist dabei, ein Zungenregister und möglicherweise noch eine Mixtur obendrauf. Für den Bass nimmt er wohl ein 32'-Zungenregister, bei schnellen Passagen schwingen die Töne allerdings nicht schnell genug ein - heraus kommt ein abgehacktes Gegrummel ohne erkennbare Tonhöhe. Weinberger meidet das Legato wie der Teufel das Weihwasser - schon den Beginn des Fugenthemas (vier in Sekundschritten aufsteigende Noten) spielt er Non-Legato und durchlöchert damit die aufsteigende Linie. Im Präludium kommt er nur mühsam von der Stelle - die Akkorde über den Orgelpunkten wirken auf mich wie eine zähe, klebrige Masse, die nicht so recht zum Fließen kommen will.

Ganz anders bei Koopman - da ist vom ersten Takt Schwung und der Drang nach vorn drin. Ist das deswegen gleich "aberwitzig"? In der Fuge hat er - sofern ich das richtig gehört habe - keinen 16' und kein Zungenregister, im Bass statt des 32'- ein 16'-Zungenregister, das präziser anspricht und schneller einschwingt. Beim Fugenthema spielt er die ersten vier Noten fast legato und geht danach ins Staccato über. Insgesamt erscheint mir die Fuge bei Koopmann (obwohl er auch nicht sparsam registriert) um einiges transparenter und durchhörbarer.

Zitat

Oftmals abstrus überzogene Tempi bei den freien Orgelwerken und bizarre, sehr eigentümliche Verzierungen, die außer Koopman niemand so spielt.
Abstrus überzogen wohl allenfalls im Vergleich mit Stockmeier :D

Ich bin kein Freund von Schnellspielern, aber als "abstrus überzogen" wurde ich Koopmans Tempi nicht bezeichnen. Er hat alles im Griff, richtet sich nach der jeweiligen Orgel und Raumakustik - demzufolge geht auch nichts im "Temporausch" unter.

Was die Verzierungen angeht, ist Koopman in der Tat jemand, der eher etwas mehr verziert. Es ist halt die Frage, ob es reicht, die von Bach vorgeschriebenen Verzierungen zu spielen oder ob es nicht eher dem Brauch der Zeit entspricht, üppiger zu verzieren (wobei bei einer CD-Aufnahme natürlich der improvisatorische Charakter verlorengeht, wenn man die Aufnahme mehrfach gehört hat - ein guter Spieler würde immer wieder anders verzieren). Zu dieser Frage ist u. a. auch ein Blick in Telemanns "Methodische Sonaten" empfehlenswert, wo er die langsamen Sätze unverziert und mit ausgeschriebenen Verzierungen notiert hat. Man ist da schon recht erschrocken über die Üppigkeit - soviel verzieren würde heute niemand. Es wird also im Allgemeinen eher zuwenig als zuviel verziert.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Samstag, 17. Juli 2010, 15:06
Ich habe gestern abend mal BWV 545 im Vergleich Weinberger-Koopman gehört.


Dann schaun wir mal.
Koopmans Tempi sind schnell, für ein festliches C-Dur, das auch noch in der Handschrift mit dem Zusatz ‚pro organo pleno‘ versehen ist, zu schnell.
Die Durchhörbarkeit mag bei Koopman ein bisschen besser sein, dafür verliert man bei dem Gehaste schneller den Überblick.
Die 32‘-Posaune kann Koopman gar nicht benutzen, weil er keine hat. Vielleicht hätte er ja auch gerne eine? :D Sie spricht vielleicht etwas langsam an (für meine Ohren immer noch schnell genug), aber das ist auch der Grund, warum sich Silbermann nie getraut hat, eine zu bauen. Die, die das konnten, hießen z. B. Schnitger und Hildebrandt.
Koopman und Weinberger richten sich beide nach der Vorschrift ‚pro organo pleno‘, an der es wenig zu rütteln gibt, nur ist Weinbergers Orgel in Folge 6 (Treutmann in Grauhof) halt eine Nummer größer als Koopmans (Müller in Amsterdam). Übrigens steht im Booklet haarklein, welche Register Weinberger verwendet.
Die Registrierung ist für Präludium und Fuge dieselbe – wie es sich gehört, wenn ‚pro organo pleno‘ drübersteht.
Wie auch immer, man könnte mit beiden leben, wenn Koopman nicht diese absolut albernen Triller ins Fugenthema reinzwingen würde. Die gehören da nun wirklich nicht hin, denn Verzierungen in Themen hat Bach immer notiert.
So könnte man Koopman vorwerfen, dass er aus dem festlichen BWV 545 ein ziemlich albernes Gejuckele machen würde, aber nichts liegt mir ferner.
Die Triller bleiben aber auf jeden Fall indiskutabel. :D

Wem beides nicht gefällt, der kann bei Weinberger aber immerhin noch zu CD 17 greifen, da ist BWV 545 in der Frühfassung auf der Mühlberger Dorforgel eingespielt: erheblich schneller und durchhörbarer, denn da stehen sowieso nur 26 Register in dem akustisch staubtrockenen Kirchlein.
Unbekannt Samstag, 17. Juli 2010, 18:25
Koopmans Tempi sind schnell, für ein festliches C-Dur, das auch noch in der Handschrift mit dem Zusatz ‚pro organo pleno‘ versehen ist, zu schnell.
Verstehe ich nicht - was haben Tonart und Registrierung mit dem Tempo zu tun?

Zitat

Die Durchhörbarkeit mag bei Koopman ein bisschen besser sein, dafür verliert man bei dem Gehaste schneller den Überblick.
Bei Weinberger stellt er sich bei mir erst gar nicht ein, weil zuviel Details verlorengehen. Abgesehen davon ist der Tempounterschied zuwischen beiden in der Fuge weit geringer als im Präludium.

Zitat

Die, die das konnten, hießen z. B. Schnitger und Hildebrandt.
Treutmann nicht? Ein Zeitgenosse schrieb übrigens über den Plenum-Klang der Orgel mit Posaune 32': "...dass es einem in der Luft grummelenden Donnerwetter nicht gar ohnähnlich verglichen werde mögte" (siehe hier). Das "Grummeln" ist also historisch belegt :D

Zitat

Übrigens steht im Booklet haarklein, welche Register Weinberger verwendet.
Bei mir leider nicht, dort ist nur die Disposition der Orgel angegeben. Die Registrierung ist nur in den Booklets der Einzelausgaben abgedruckt.

Zitat

Wie auch immer, man könnte mit beiden leben, wenn Koopman nicht diese absolut albernen Triller ins Fugenthema reinzwingen würde. Die gehören da nun wirklich nicht hin, denn Verzierungen in Themen hat Bach immer notiert.
Das scheint so eine persönliche Note von ihm zu sein - ich habe eine Aufnahme des WTC mit ihm, wo er ebenfalls einige Fugenthemen in dieser Art verziert. Das stört mich eher weniger, weil ich davon ausgehe, dass heute bei Aufnahmen im Allgemeinen viel weniger Verzierungen gespielt werden als eigentlich nötig, um historisch korrekt zu sein (siehe oben).

Zitat

So könnte man Koopman vorwerfen, dass er aus dem festlichen BWV 545 ein ziemlich albernes Gejuckele machen würde
Bei Weinberger wirkt die Fuge irgendwie unfreiwillig komisch auf mich - also würde ein Dinosaurier mühsam von Takt zu Takt schwanken. Vielleicht sollte ich mal das Buch über Bachs Orgelwerke lesen, an dem er mitgearbeitet hat - ist es halbwegs verständlich geschrieben oder muss man sich da durch Musikwissenschaftler-Chinesisch kämpfen?

Zitat

Die Triller bleiben aber auf jeden Fall indiskutabel. :D
Einverstanden - dass man sich daran stört, kann ich nachvollziehen :D

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Samstag, 17. Juli 2010, 21:11
Das scheint so eine persönliche Note von ihm zu sein - ich habe eine Aufnahme des WTC mit ihm, wo er ebenfalls einige Fugenthemen in dieser Art verziert. Das stört mich eher weniger, weil ich davon ausgehe, dass heute bei Aufnahmen im Allgemeinen viel weniger Verzierungen gespielt werden als eigentlich nötig, um historisch korrekt zu sein (siehe oben).


Das ist mit ziemlicher Sicherheit eine falsche Annahme. Das Überverzieren hat erst die Generation danach so geliebt. Bach hat sich sogar über die Franzosen beschwert, die es damit übertreiben würden.
Und vor allem bleibt es dabei: Zusätzliche Verzierungen in Fugenthemen, die Bach da nicht selbst vorgesehen hat, sind eine ernsthafte Verfälschung - da wird der Kandidat automatisch disqualifiziert.

Das Kooiman-Weinberger-Busch-Buch lässt sich übrigens ziemlich unangestrengt lesen. Es handelt sich ja in erster Linie um eine Handreichung für Organisten.
Unbekannt Samstag, 17. Juli 2010, 21:31
Zehnder (übrigens Orgelprofessor an der SCB) ist einer der wenigen Organisten, von dem ich mir noch eine Gesamtaufnahme wünschen würde. Groteske Tempi, pseudovirtuose Mätzchen oder überbordende Verzierereien – gibts bei ihm alles nicht. Stattdessen selbstverständliche Souveränität ohne viel Aufhebens, aber auf allerhöchstem Niveau.
Zur Orgel müsste man einen besonderen Thread eröffnen, es ist eben für Bach wohl die beste, die es gibt und gegeben hat.

Zwar bei weitem keine Gesamtaufnahme, aber immerhin. Und es war ja auch nach herausragenden Einzeleinspielungen gefragt. Also: Herauser ragt keine.


Eine CD, die auf jede einsame Insel gehört – oder so ähnlich.
Unbekannt Samstag, 17. Juli 2010, 21:50
Eine CD, die auf jede einsame Insel gehört – oder so ähnlich.
Gut, ich vertraue Dir mal - hab's eben bestellt. Übrigens gibt es von Zehnder noch weitere Bach-Aufnahmen, wohl an anderen Orgeln. Würdest Du die ebenso empfehlen? (Ist ja mein Ruin, nicht Deiner. :D )

Ach ja: Was heißt SCB?

:wink:
Unbekannt Sonntag, 18. Juli 2010, 01:28
Unbekannt Sonntag, 18. Juli 2010, 01:58



Eine CD, die auf jede einsame Insel gehört – oder so ähnlich.


Na, da ist ja endlich meine Frage nach weiteren Bach-Aufnahmen aus Naumburg beantwortet!
Und der Insel-Thread freut sich über Zuwachs!
Unbekannt Montag, 19. Juli 2010, 19:43
Übrigens gibt es von Zehnder noch weitere Bach-Aufnahmen, wohl an anderen Orgeln.


Hier gibts noch eine Aufnahme an der Hildebrandt-Orgel vor der Restaurierung:

Man kann zwar mehr als ahnen, was da an Potenzial in der zerbastelten Kiste steckt, aber eigentlich ist das schon eher etwas für Fans.

Hervorragendst ist natürlich diese hier:



Hier an St. Jacobi in Hamburg mit der prachtvollen und riesigen Schnitgerorgel hatte sich Bach um das Organistenamt beworben, wohl aber dann seine Bewerbung zurückgezogen. (Die Geschichte mit dem Ämterkauf stimmt so nicht und gehört zu den zahlreichen Bach-Legenden.)
Aber das ist nix für Dich, denn siehe:

Zitat

Mich interessiert im übrigen Orgelmusik von Bach bis Messiaen


Da entgeht Dir eine Hälfte, die möglicherweise spannender als Deine Wahl ist. :P

Die anderen Zehnder-Aufnahmen kenne ich leider nicht.
Unbekannt Montag, 19. Juli 2010, 20:15
[...] Aber das ist nix für Dich, denn siehe:

Zitat

Mich interessiert im übrigen Orgelmusik von Bach bis Messiaen


Da entgeht Dir eine Hälfte, die möglicherweise spannender als Deine Wahl ist. :P
Ooch, so eng war das nicht gemeint: Erst vorgestern habe ich live in der Evangelischen Kirche Birkenau Orgelwerke u. a. von Muffat, Scheidt, Buxtehude und Kerll genossen (Dan Zerfaß aus Worms), auch die E-dur Toccata BWV 566 war dabei - das war schon recht einladend, würde aber eher in einen noch anzuspinnenden Faden "Bedeutende Orgelaufnahmen - vor Bach" oder so passen... :pfeif:

Und das "Husumer Orgelbuch" habe ich neben "Bach in Naumburg" auch bestellt - Du siehst, Du west hier nicht ganz folgenlos. ;)

:wink: