Unbekannt
Mittwoch, 22. Dezember 2010, 11:52
Servus
In diesem Thread soll es um Chaconne und Passacaglia gehen, zwei sehr eng miteinander verwandte Formen, die, wie ich finde zum Großartigsten gehören, was die Musikgeschichte hervor gebracht hat.
Beides sind ursprünglich instrumental ausgeführte Tänze gewesen mit einem ostinaten, d.h. immer wiederkehrenden Bass ausgestattet, die im 16. Jahrhundert in Spanien entstanden. Bald fanden sie Einzug in die französische Barockoper, hier dann oft auch mit Gesang, verloren dabei aber an Tempo und fanden sich in den Werken von Lully bis Rameau als langsam schreitende Tänze wieder.
Ein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Passacaglia und Chaconne gibt es m.W. nicht. Johann Gottfried Walther, Organist in Erfurt und Weimar und entfernter Verwandter von JSB, sieht den Unterschied zwischen beiden hauptsächlich im Tempo, wobei er die Passacaglia langsamer als die Chaconne ansetzt:
Der Hamburger Musikschriftsteller und Komponist Johann Mattheson dagegen beschreibt den Unterschied zwischen beiden darin, dass die Chaconne stärker vom ostinaten Bassmotiv abweichen darf als die Passacaglia. Eine eindeutige Trennung gab es also schon anno dazumal nicht.
Ganz typisches, oft verwendetes und recht einfaches Bassmotiv ist eine schrittweise absteigende Quarte in langen Noten, auch Lamentobass genannt. Es gibt aber auch wesentlich kompliziertere Basslinien.
Ein auffälliges Merkmal ist auch die Länge dieser Stücke. Bei Lully beispielsweise sind die Passacaillen bis zu 15 Minuten lang.
Mit der Abschaffung des basso continuo verschwanden auch die ostinaten Baßmotive mehr oder weniger, um dann Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts eine Renaissance zu erleben inklusive Orchestrierungen von barocken Werken.
Ich mag besonders den Sog, der durch die einerseits einförmig immer wiederkehrende Basslinie und andererseits durch die - vom Ostinato festgelegte Harmonie zwar eingeschränkte - aber dennoch abwechslungsreiche Oberstimmenführung entsteht. Die meist außerordentliche Länge und das schreitende Tempo tragen natürlich auch dazu bei.
Thomas
In diesem Thread soll es um Chaconne und Passacaglia gehen, zwei sehr eng miteinander verwandte Formen, die, wie ich finde zum Großartigsten gehören, was die Musikgeschichte hervor gebracht hat.
Beides sind ursprünglich instrumental ausgeführte Tänze gewesen mit einem ostinaten, d.h. immer wiederkehrenden Bass ausgestattet, die im 16. Jahrhundert in Spanien entstanden. Bald fanden sie Einzug in die französische Barockoper, hier dann oft auch mit Gesang, verloren dabei aber an Tempo und fanden sich in den Werken von Lully bis Rameau als langsam schreitende Tänze wieder.
Ein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Passacaglia und Chaconne gibt es m.W. nicht. Johann Gottfried Walther, Organist in Erfurt und Weimar und entfernter Verwandter von JSB, sieht den Unterschied zwischen beiden hauptsächlich im Tempo, wobei er die Passacaglia langsamer als die Chaconne ansetzt:
aus: J.G.Walther - Musicalisches Lexicon oder Musicalische Bibliothec (1732), kann man übrigens hier runterladen (84MB)
Zitat
Ciacona ist eigentlich ein Tanz, und eine Instrumental-piece, deren Baß-Subjectum oder Thema gemeiniglich aus 4 Tacten in 3/4 bestehet, und, so lange als die darüber gesetzten Variationes oder Couplets währen, immer obligat, d.i. unverändert bleibet (es kann aber auch das Baß-Subjectum selbst diminuieret und verändert werden, so, dass z.B. an statt voriger 4 Tacte in der Veränderung 5 oder 6 daraus gemacht würden).
Passacaglio ist eigentlich eine Chaconne. Der gantze Unterschied bestehet darin, dass sie ordinairement langsamer als die Chaconne gehet, die Melodie mattherziger (zärtlicher), und die Expression nicht so lebhaft ist; und eben deswegen werden die Passecaillen fast allezeit in den Modi minoribus d.i. in solchen Tonen gesetzt, die eine weiche Terz haben.
Der Hamburger Musikschriftsteller und Komponist Johann Mattheson dagegen beschreibt den Unterschied zwischen beiden darin, dass die Chaconne stärker vom ostinaten Bassmotiv abweichen darf als die Passacaglia. Eine eindeutige Trennung gab es also schon anno dazumal nicht.
Ganz typisches, oft verwendetes und recht einfaches Bassmotiv ist eine schrittweise absteigende Quarte in langen Noten, auch Lamentobass genannt. Es gibt aber auch wesentlich kompliziertere Basslinien.
Ein auffälliges Merkmal ist auch die Länge dieser Stücke. Bei Lully beispielsweise sind die Passacaillen bis zu 15 Minuten lang.
Mit der Abschaffung des basso continuo verschwanden auch die ostinaten Baßmotive mehr oder weniger, um dann Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts eine Renaissance zu erleben inklusive Orchestrierungen von barocken Werken.
Ich mag besonders den Sog, der durch die einerseits einförmig immer wiederkehrende Basslinie und andererseits durch die - vom Ostinato festgelegte Harmonie zwar eingeschränkte - aber dennoch abwechslungsreiche Oberstimmenführung entsteht. Die meist außerordentliche Länge und das schreitende Tempo tragen natürlich auch dazu bei.
Thomas