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Hélène Schmitt, französische Barockgeigerin

Unbekannt Samstag, 13. Februar 2010, 15:17
Vor zweieinhalb Jahren wußte ich so gut wie nichts über historisch informierte Musikaufführungen, und vibratoloser Streicherklang war mir ein Graus, ich fand es gräßlich verschroben und unmusikalisch. Bis meine Frau mich auf eine Aufnahme aufmerksam machte und meinte, die könne ihr wohl gefallen.

Eine Recherche ergab: Es handelte sich um diese CD:

J. H. Schmelzer: Violinsonaten (Sonaten a-moll & B-Dur; Sonata quarta D-Dur; Sonata quinta c-moll; Sonatina g-moll; Ciaccona A-Dur; Gigue dite Pfefferstossl a violino solo), aufg. 2005


Sie war schnell beschafft und wanderte seitdem immer wieder in meinen CD-Player, so auch heute. Was mich damals faszinierte und mehr und mehr anzog, ist leicht zu bezeichnen, doch schwer zu beschreiben. Es ist der Klang der Barockvioline und – da ich heute einige Alternativen kenne – ganz besonders der Klang und die Art und Weise, wie Hélène Schmitt das Instrument spielt. Im Vergleich zur modernen Violine mit Stahlsaiten ein mehr „gezogener“ Ton, auf Anhieb nicht unbedingt schön, sogar quäkig, nasal, von einer ganz eigenen Herbheit und Süße, dabei ungeheuer ausdrucksstark: H. Schmitt „spricht“ durch ihr Instrument, ganz in sich versunken und doch nach außen vernehmlich tönend – man verzeihe mir die ungeschickte Art, mit der ich etwas beschreiben möchte und dann noch einen Ton, etwas, das sich nur sinnlich erfahren läßt. Und sinnlich ist dieser Klang wie kaum ein anderer!

Heute habe ich Aufnahmen mit Andrew Manze, Lucy van Dael, Alice Piérot und Monica Huggett, die ich alle schätze, besonders letztere, deren Ton ich im Unterschied zu H. Schmitt als weicher, „romantischer“ (näher am modernen Klang) beschreiben würde. Am nächsten kommt hier vielleicht noch A. Piérot in der Weise, wie sie Bibers Rosenkranzsonaten gestaltet.

Ich habe nicht viele Informationen über die französische Künstlerin gefunden; auch über ihr Alter schweigt das ansonsten so geschwätzige Internet. Immerhin hat sie eine Homepage (http://www.heleneschmitt.com/), aus der ich zitiere:

Zitat

[Sie] studierte Barockvioline an der École Normale Supérieure de Musique in Paris und Basel. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: 1993 Musica Antiqua Brügge, 1994 Van Wassenaer, Amsterdam sowie 1996 Internationaler Johann Wilhelm Schmelzer Wettbewerb in Melk. Sie war Mitglied der Jury des Festivals "Musica Antiqua van Vlaanderen, Brügge". Heute hat sie eine Professur für Barockeige am Musikkonservatorium von Boulogne-Billancourt (Paris). Hélène Schmitt spielt auf einer Camillo Camilli Geige aus dem frühen 18. Jahrhundert.
Wikipedia erwähnt, daß H. Schmitt bei Chiara Banchini gelernt und lange auch in Deutschland gewirkt habe.

Die meisten ihrer CD-Einspielungen sind in den letzten Jahren vom Label Alpha herausgebracht worden (dieses Label hat sich große Verdienste um historisch informierte Aufnahmen erworben). Die Booklets sind, wie bei Apha üblich, liebevoll und kompetent gestaltet. Auch hier erfährt man so gut wie nichts über die Künstlerin, dafür umso mehr über die (teilweise unbekannten) Komponisten und ihre Werke, auch mit informativen Texten der Künstlerin selbst (französisch, englisch, leider nur teilweise deutsch).

Außer der erwähnten Schmelzer-CD gibt es bislang (Warnung: Jede davon lohnt den Kauf!):

J. S. Bach: Werke für Violine und Basso continuo (BWV Anh. II 153; 1023; 1024; 1026; 1025), aufg. 2000


I. Albertini: Sonaten I-V, VII, VIII, X-XII, aufg. 2001


G. St. Carbonelli: Sonaten für Vl.+B.c. I, VI, VII, X, XII, aufg. 2002


J. S. Bach: Sonaten und Partiten für Violine solo, BWV 1001-1006, aufg. 2004


N. Matteis: 6 Ayrs for the violin, aufg. 2008


Eine etwas ältere Aufnahme gibt es noch beim Label Christophorus:

M. Uccellini, Werke für Violine (aus opp. 4, 5 und 7), aufg. 1999


Bemerkenswert finde ich, daß Hélène Schmitt, obwohl sie Französin ist, bislang ausschließlich Musik aus dem italienischen, österreichischen und deutschen Raum (alles aus dem 17. und 18. Jhdt.) eingespielt hat. Bietet Frankreich hier so wenig?

Wer Hélène Schmitt auch visuell in Aktion erleben möchte, wird auch bei Youtube fündig. Achtung: Die oft fragwürdige Tonqualität kann zu Fehlurteilen führen!

Sollte ich eine Rangliste der zehn mir persönlich wichtigsten Musiker erstellen müssen: Hélène Schmitt wäre mit Sicherheit dabei. Ihr ist gelungen, was etwa im Gebiet der Tasteninstrumente noch aussteht: mich für den Klang eines alten Instruments und damit auch für den entsprechenden musikalischen Stil zu erwärmen und zu begeistern.
Unbekannt Samstag, 13. Februar 2010, 16:57
von einer ganz eigenen Herbheit und Süße, dabei ungeheuer ausdrucksstark: H. Schmitt „spricht“ durch ihr Instrument,

Ja, genau so höre ich das auch. Auch ich mag Schmitt noch ein bisschen lieber als Hugett, ich finde sie noch einen Tick expressiver und eindringlicher. Auch finde ich sympathisch, dass es um Schmitt (wie auch Huggett) keinerlei Hype und Starrummel gibt, beim Cover angefangen (wenn ich da an die von Anne Sophie Mutter denke...). Deine Formulierung, Schmitt "spreche" durch ihr Instrument erinnert mich an den Begriff der "Klangrede", den Harnoncourt für dieses Stilmittel des Barock gebraucht. Ich mag das sehr. Das einzige Problem ist der Preis. Man bekommt die Alpha-CDs leider auch über den Amazon-Marktplatz nur unwesentlich billiger. Aber andererseits sind diese CDs eben auch jeden Cent des Preises wert. Ich kenne Schmitt bisher nur mit Bach, als nächstes werde ich mir wohl die Schmelzer-CD zulegen.

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 13. Februar 2010, 18:06
Hallo Carola, der Terminus "Klangrede" ist vielleicht etwas belastet, bei Hélène Schmitt dagegen kann man ihn ruhigen Gewissens verwenden. Und im Gegensatz zu bspw. A. Manze finde ich ihre Virtuosität (und sie spielt wahrhaft virtuos!) niemals auf den Effekt gerichtet.

Auch wenn es hier etwas verhallt klingt, kann man sich hier einen guten Eindruck von der Ausstrahlung der Künstlerin verschaffen (und Biber-Fans haben Vergleichsmöglichkeiten ;) ):

"http://www.youtube.com/watch?v=ZIbEwGqtPh8"

Neben der Schmelzer-CD empfehle ich besonders die Matteis-CD und die Carbonelli-CD; von letzterer gibt es hier etwas:

"http://www.youtube.com/watch?v=lJd-M6bNxS8"

:wink:
Unbekannt Donnerstag, 25. März 2010, 21:29
Supergeigerin ! Mir gefällt ihre Albertini CD extrem gut. Die ist einfach so was von extrem schön. Die Klangqualität verschlägt einem ja den Atem. Da geht einfach jede Nuance ihres Spiels in die Knochen. Ich kann hier gar nicht genug Lobhudeln.
Unbekannt Freitag, 21. Mai 2010, 19:55
Beindruckendes Spiel,

Ich habe ihren Namen zum ersten Mal 2005 gehört als sie beim DLF in Köln auftrat. Ich war vor allem wegen der Werke von Schmelzer, Viviani, Strungk u.a. hin gefahren und wir kamen von einer für uns neu entdeckten Geigerin restlos begeistert zurück. Ein Jahr später habe ich sie in Brüssel mit Bibers ersten 8 Rosenkranzsonaten gehört bei denen sie einen spontaneren und bei Bedarf dramatischeren Eindruck als Letzbor hinterließ, der am folgenden Tag die restlichen Sonaten spielte.

Nach und nach kaufte ich die Albertini, Schmelzer, Carbonelli und Mattheis CD die ich immer noch regelmäßig hervor hole, obschon ich schwerpunktmäßig Werke mit mehreren Oberstimmen (Triosonaten und mehr) den Solowerken vorziehe. Letzten Herbst durfte ich ihr wieder lauschen und freue mich auf ein anstehendes Konzert am 13. Juli an dem sie die Französin, die 10 Jahre in Deutschland gelebt hat auch Werke von J.M. Leclair spielen wird, auf die ich besonders neugierig bin.

Einziger Wermutstropfen fürs Auge, sind ihre etwas unnatürlichen Verrenkungen und die Körperhaltung beim Spiel. Aber der visuelle Eindruck sollte nebensächlich bleiben und es hindert mich nicht daran mehr als 100 km Anfahrt in Kauf zu nehmen um sie zum 4 Mal live hören.

In Worten des roten Guide Michelin ausgedrückt: "mérite le voyage"
Unbekannt Freitag, 21. Mai 2010, 20:15
Ein Jahr später habe ich sie in Brüssel mit Bibers ersten 8 Rosenkranzsonaten gehört bei denen sie einen spontaneren und bei Bedarf dramatischeren Eindruck als Letzbor hinterließ, der am folgenden Tag die restlichen Sonaten spielte.
Klingt spannend!
Hoffentlich wird sie eines Tages eine Einspielung von den Rosenkranzsonaten machen...

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Samstag, 22. Mai 2010, 14:51
Hoffentlich wird sie eines Tages eine Einspielung von den Rosenkranzsonaten machen...
Würde auch ich begrüßen, aber wenn H. Schmitt weiter nur bei Alpha veröffentlicht, bin ich pessimistisch, denn von Alpha gibt es ja bereits die großartige Einspielung mit Alice Pierot: Ich kann mir kaum vorstellen, daß dasselbe Label sich selbst mit einer Neueinspielung der Rosenkranzsonaten Konkurrenz machen will, zumal das Spiel beider Damen sich stilistisch nicht so arg unterscheidet, jedenfalls für meine Ohren.

Übrigens: Eine genauere Übersicht über die Werke, die sie bislang eingespielt hat, findet sich hier: http://www.heleneschmitt.com/pages/discographie.html Und über ihre nächsten Konzerte (leider keines in meiner Nähe): http://www.heleneschmitt.com/index.php?Concerts.

:wink:
Unbekannt Donnerstag, 20. Januar 2011, 22:35
Guten Abend

demnächst Helene Schmitt auch mit Mozart und Beethoven:

Sonaten fuer Violine & Hammerklavier :yes:

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Donnerstag, 20. Januar 2011, 23:56
demnächst Helene Schmitt auch mit Mozart und Beethoven: [...]
Danke für den Hinweis! Klingt ja spannend.

:wink:
Unbekannt Samstag, 26. Februar 2011, 11:47
Mozart und Beethoven ist im Handel.



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