Unbekannt
Samstag, 12. Juni 2010, 00:03
In diesen Thread geht es mir darum, Musik zusammenzutragen, in der gregorianische Themen im mehrstimmigen Satz "veredelt" werden.
Von der frühen Mehrstimmigkeit bis in die Renaissance war es ganz selbstverständlich, dass die meiste Kirchenmusik auf gregorianischen Cantus firmi aufgebaut ist. Häufig schleicht sich solch eine gregorianische Melodie dann in der Tenor-Stimme durch das Stück, während sich in den anderen Stimmen so viel tut, dass man den lang gedehten Cantus firmus kaum verfolgen kann. Um solche Kompositionen geht es mir in diesem thread nicht.
Mir geht es um Kompositionen, die ein eingängiges gregorianisches Thema als dominierende, gut erhörbare Grundlage haben. Werke, die dem gregorianischen Thema "huldigen". Manchmal wird das Thema dann in eine Dur/Moll-tonale Polyphonie eingebunden obwohl der tonale Modus des cantus firmus da eigentlich nicht reingehört. Aber das macht einem guten Thema nichts aus. Bach und Tausende andere haben nicht-dur/moll-tonale Lutherchoräle ja schliesslich auch in einen mehrstimmigen Satz gepresst, der zwischen Dur und Moll im harmonischen Zwitterland changiert.
Ein von mir sehr geschätztes Beispiel der Art von Musik, die ich in diesem thread suchen und finden möchte, ist das Requiem von Maurice Duruflé. Er bedient sich der Themen der gregorianischen Totenmesse und kleidet sie in ein (modernes) französisches Klanggewand. Die gregorianischen Themen sind in eine mehrstimmige Instrumentalbegleitung eingebettet und der Chorsatz selbst ist auch mehrstimmig, teils akkordisch homophon, teils mittels der Fugatotechnik polyphon. Duruflé sagt: "Das ... Requiem basiert gänzlich auf Themen der gregorianischen Totenmesse. Manchmal habe ich den exakten Notentext übernommen, wobei die Orchesterpartie nur unterstützt oder kommentiert, an anderen Stellen diente er mir lediglich als Anregung... Im allgemeinen war ich bestrebt, meine Komposition ganz und gar von dem besonderen Stil der gregorianischen Themen durchdringen zu lassen."
Die Melodien des gregorianischen Requiems (siehe hier (das vollständige Liber Usualis) -> Klick PDF-Datei, ab Seite 2053) sind als einstimmiger Gesang durch die Jahrhunderte bis heute immernoch eine zeitlose Schönheit. Wenn Duruflé nun diese Themen so gut Nachhörbar in ein neues Gewand packt, entsteht bei mir dennoch kein Eindruck eines Anachronismus und schon gar nicht der Ekel, der mir manchmal kommt, wenn ich diese mit Elektronik verbrämte New-Age-Pseudomittelaltermusik höre, die manchmal in schlechten Filmen lauert. Duruflé musste die metrisch freien Gesänge in ein rhythmisch konkret ausnotiertes Taktsystem einpassen, was ihm aber bestens gelungen ist. (Jedenfalls habe ich das immer so vor meinem geistigen Ohr, dass die vorletzte Note/Neume einer Phrase gedehnt gehört. Es gibt auch Verfechter der Lehre, dass jede Note gleich lang zu sein habe und diverse andere Lehren.)
Kurz: Duruflé ist für mich eine ganz herausragende Beschäftigung mit / Transformation von gregorianischem Choral. Das trifft auch auf seine Motetten über gregorianische Themen zu (Ubi Caritas, Tu es Petrus, ...) . Ich empfehle die Aufnahme des Komponisten:
Die Polyphonisierung gregorianischer Choräle kann aber auch auf ganz andere Arten geschehen. Am einfachsten zum Beispiel, wenn der Dorf- bzw Domorganist an der Orgel die einstimmig zu singende Gregorianik im vierstimmigen Orgelsatz begleitet. Ist zwar nicht sie reine Lehre, ist auch keine große Kunst, klingt aber trotzdem toll. (Muss man mal erlebt haben, wenn eine gregorianische Messe wie die Missa de angelis in einem Dom / einer großen Kirche von der ganzen Gemeinde gesungen wird und die Orgel begleitet das volles Rohr im mehrstimmigen Satz.)
Auch postbar in diesem thread: Gregorianische Zitate in reiner Instrumentalmusik. Nur tut mir bitte einen Gefallen und zählt nicht die drei Millionen Musikstücke auf, in denen das abgenudelte gregorianische Dies Irae-Thema zitiert wird. Da fällt mir zum Beispiel die vierte Orgelsonate von Rheinberger ein, in der ein gregorianischer Psalmton (ein flexibles Melodieschema, auf das Psalme gesungen werden können) ("tonus peregrinus"?) als gewichtiges Zitat auftritt.
Auch in Übertragungen in die jeweilige Volkssprache verlieren gregorianische Themen nicht ihre Schönheit. So zum Beispiel die gregorianische Hymne Pange lingua (eine Hymne ist in diesem Kontext eine Vorform des Strophenliedes, aber gerade noch der Gregorianik zuzurechnen) in englischer Übersetzung. In Charles Woods Markus-Passion begegnet sie uns in der Einleitung, ein- und mehrstimmig, mit polyphoner, wuchtiger Orgelbegleitung.
Besonders in Kompositionen ab Liszt mag ich solche Experimente mit der Gregorianik besonders. Bei (beispielsweise) Palestrina basiert ja furchtbar vieles auf gregorianischen Cantus firmi, so dass das im Allgemeinen gar nicht so spektakulär und erwähnenswert ist. Allerdings werde ich im Laufe der Zeit in diesem thread auch Palestrina-Motetten über gregorianische Themen, die mir besonders lieb und eingängig sind, vorstellen.
Und ich bin gespannt auf Euere Meinungen, Hörerfahrungen, Lieblingswerke auf gregorianischer Basis.
Und ich bitte: verschont diesen thread bitte vor den tausenden Dies Irae-Zitaten bei Liszt, Berlioz, Rachmaninow, ... (wen(n)s interessiert dann bitte einen eigenen thread dazu eröffnen)
Von der frühen Mehrstimmigkeit bis in die Renaissance war es ganz selbstverständlich, dass die meiste Kirchenmusik auf gregorianischen Cantus firmi aufgebaut ist. Häufig schleicht sich solch eine gregorianische Melodie dann in der Tenor-Stimme durch das Stück, während sich in den anderen Stimmen so viel tut, dass man den lang gedehten Cantus firmus kaum verfolgen kann. Um solche Kompositionen geht es mir in diesem thread nicht.
Mir geht es um Kompositionen, die ein eingängiges gregorianisches Thema als dominierende, gut erhörbare Grundlage haben. Werke, die dem gregorianischen Thema "huldigen". Manchmal wird das Thema dann in eine Dur/Moll-tonale Polyphonie eingebunden obwohl der tonale Modus des cantus firmus da eigentlich nicht reingehört. Aber das macht einem guten Thema nichts aus. Bach und Tausende andere haben nicht-dur/moll-tonale Lutherchoräle ja schliesslich auch in einen mehrstimmigen Satz gepresst, der zwischen Dur und Moll im harmonischen Zwitterland changiert.
Ein von mir sehr geschätztes Beispiel der Art von Musik, die ich in diesem thread suchen und finden möchte, ist das Requiem von Maurice Duruflé. Er bedient sich der Themen der gregorianischen Totenmesse und kleidet sie in ein (modernes) französisches Klanggewand. Die gregorianischen Themen sind in eine mehrstimmige Instrumentalbegleitung eingebettet und der Chorsatz selbst ist auch mehrstimmig, teils akkordisch homophon, teils mittels der Fugatotechnik polyphon. Duruflé sagt: "Das ... Requiem basiert gänzlich auf Themen der gregorianischen Totenmesse. Manchmal habe ich den exakten Notentext übernommen, wobei die Orchesterpartie nur unterstützt oder kommentiert, an anderen Stellen diente er mir lediglich als Anregung... Im allgemeinen war ich bestrebt, meine Komposition ganz und gar von dem besonderen Stil der gregorianischen Themen durchdringen zu lassen."
Die Melodien des gregorianischen Requiems (siehe hier (das vollständige Liber Usualis) -> Klick PDF-Datei, ab Seite 2053) sind als einstimmiger Gesang durch die Jahrhunderte bis heute immernoch eine zeitlose Schönheit. Wenn Duruflé nun diese Themen so gut Nachhörbar in ein neues Gewand packt, entsteht bei mir dennoch kein Eindruck eines Anachronismus und schon gar nicht der Ekel, der mir manchmal kommt, wenn ich diese mit Elektronik verbrämte New-Age-Pseudomittelaltermusik höre, die manchmal in schlechten Filmen lauert. Duruflé musste die metrisch freien Gesänge in ein rhythmisch konkret ausnotiertes Taktsystem einpassen, was ihm aber bestens gelungen ist. (Jedenfalls habe ich das immer so vor meinem geistigen Ohr, dass die vorletzte Note/Neume einer Phrase gedehnt gehört. Es gibt auch Verfechter der Lehre, dass jede Note gleich lang zu sein habe und diverse andere Lehren.)
Kurz: Duruflé ist für mich eine ganz herausragende Beschäftigung mit / Transformation von gregorianischem Choral. Das trifft auch auf seine Motetten über gregorianische Themen zu (Ubi Caritas, Tu es Petrus, ...) . Ich empfehle die Aufnahme des Komponisten:
Die Polyphonisierung gregorianischer Choräle kann aber auch auf ganz andere Arten geschehen. Am einfachsten zum Beispiel, wenn der Dorf- bzw Domorganist an der Orgel die einstimmig zu singende Gregorianik im vierstimmigen Orgelsatz begleitet. Ist zwar nicht sie reine Lehre, ist auch keine große Kunst, klingt aber trotzdem toll. (Muss man mal erlebt haben, wenn eine gregorianische Messe wie die Missa de angelis in einem Dom / einer großen Kirche von der ganzen Gemeinde gesungen wird und die Orgel begleitet das volles Rohr im mehrstimmigen Satz.)
Auch postbar in diesem thread: Gregorianische Zitate in reiner Instrumentalmusik. Nur tut mir bitte einen Gefallen und zählt nicht die drei Millionen Musikstücke auf, in denen das abgenudelte gregorianische Dies Irae-Thema zitiert wird. Da fällt mir zum Beispiel die vierte Orgelsonate von Rheinberger ein, in der ein gregorianischer Psalmton (ein flexibles Melodieschema, auf das Psalme gesungen werden können) ("tonus peregrinus"?) als gewichtiges Zitat auftritt.
Auch in Übertragungen in die jeweilige Volkssprache verlieren gregorianische Themen nicht ihre Schönheit. So zum Beispiel die gregorianische Hymne Pange lingua (eine Hymne ist in diesem Kontext eine Vorform des Strophenliedes, aber gerade noch der Gregorianik zuzurechnen) in englischer Übersetzung. In Charles Woods Markus-Passion begegnet sie uns in der Einleitung, ein- und mehrstimmig, mit polyphoner, wuchtiger Orgelbegleitung.
Besonders in Kompositionen ab Liszt mag ich solche Experimente mit der Gregorianik besonders. Bei (beispielsweise) Palestrina basiert ja furchtbar vieles auf gregorianischen Cantus firmi, so dass das im Allgemeinen gar nicht so spektakulär und erwähnenswert ist. Allerdings werde ich im Laufe der Zeit in diesem thread auch Palestrina-Motetten über gregorianische Themen, die mir besonders lieb und eingängig sind, vorstellen.
Und ich bin gespannt auf Euere Meinungen, Hörerfahrungen, Lieblingswerke auf gregorianischer Basis.
Und ich bitte: verschont diesen thread bitte vor den tausenden Dies Irae-Zitaten bei Liszt, Berlioz, Rachmaninow, ... (wen(n)s interessiert dann bitte einen eigenen thread dazu eröffnen)