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Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736)

Unbekannt Montag, 4. Januar 2010, 19:48
Hallo,

heute vor genau 300 Jahren wurde Giovanni Battista Pergolesi in Jesi bei Ancona geboren (das ist übrigens auch der Geburtsort von Friedrich II.), das damals zum Kirchenstaat gehörte.

Beim Dom-Kapellmeister seines Geburtsortes erhielt er ersten Musikunterricht, ehe er mit 12 Jahren Student (u.a. bei Francesco Durante) am Konservatorium in Neapel wurde. Anfang der 1730er trat Pergolesi mit ersten Kompositionen, sowohl für die Opernbühne als auch für die Kirche, an die Öffentlichkeit. Zudem wurde er Kapellmeister des Fürsten von Stigliano. Der Durchbruch gelang ihm 1733 mit der komischen Oper La serva padrona, die ursprünglich eigentlich nur als Zwischenspiel der Opera seria Il prigionier superbo gedacht war.

Pergolesi folgte seinem Fürsten nach Rom, als dieser 1734 Neapel verließ. In der Folgezeit nahm er aus beiden Städten Kompositionsaufträge an, musste jedoch einige Misserfolge einstecken (die Opern Adriano in Siria und L'Olimpiade). Seinen letzten großen Erfolg erzielte Pergolesi Ende 1735 mit seiner komischen Oper Il Flaminio.

Danach musste er sich gesundheitsbedingt in den Kurort Pozzuoli bei Neapel zurückziehen, wo er kurz vor seinem Tod für das dortige Franziskanerkloster das Salve Regina f-moll sowie seine berühmteste Komposition, das Stabat Mater f-moll, vollendete. Pergolesi starb 26jährig am 16.3.1736 in Pozzuoli, wahrscheinlich an Tuberkulose.

Sein früher Tod machte ihn legendär, seine Opern eroberten die Bühnen Europas, und das Stabat Mater wurde zum häufigstgedruckten Musikstück des 18. Jahrhunderts. Die Zugkraft des Namens Pergolesi führte dazu, dass ihm zahlreiche Kompositionen untergeschoben wurden, was z.T. erst die moderne Musikwissenschaft wieder korrigieren konnte. Die zweifelhaften und unechten Kompositionen erreichten allerdings nicht die Berühmtheit der echten Pergolesi-Werke (mit Ausnahme der von Strawinsky für La Pulcinella verwendeten Musikstücke).

Welche Werke von Pergolesi kennt und mögt Ihr, welche Aufnahmen schätzt Ihr?
Zum Stabat Mater würde evtl. ein eigener thread lohnen (wer möchte…), das kann aber auch hier diskutiert werden.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Dienstag, 5. Januar 2010, 01:27
Pergolesi. Mir ist er kein Nierenprüfer. Sein Stabat Mater ist fehlerhaft und durch und durch der Text zum Ausdrucke genotzüchtigt.

[Joseph Martin Kraus: Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777, Frankfurt am Mayn, bey den Eichenbergschen Erben, 1778]

Hm. Naja... die Meinungen der Komponisten untereinander :pfeif:

Ich muß zugeben, daß ich von Pergolesi lediglich das Stabat mater (dafür sehr gut) und vereinzelte kleinere Kirchenwerke kenne, die auf den jeweiligen CDs ggfs. mit inkludiert sind. Aber wozu ist ein Komponistenjubiläum da? Da wird sich sicher etwas finden... 4 'Stabats' befinden sich in meiner ausschweifenden Pergolesi-Sammlung. Der Reihe nach meinem Gusto:



Angharad Gryffydd Jones, Sopran
Lawrence Zazzo, Counter
Ensemble Concerto
Timothy Brown

Für mich einfach traumhaft innig wiedergegeben :umfall: :jubel: :jubel: :umfall:

Ansonsten in eher loser Folge:



Emma Kirkby, Sopran
James Bowman, Altus
Academy of Ancient Music
Christopher Hogwood

Etwas nüchterner, aber auch sehr gut! :jubel: :jubel:



Sebastian Hennig, Sopranus
René Jacobs, Altus
Concerto Vocale

Not bad, hat mich aber nicht aus der Sänfte gerissen...



Jörg Waschinski, Sopranus
Michael Chance, Altus
Kölner Kammerorchester
Helmut Müller-Brühl

Klingt ziemlich geknödelt und ist auch orchestral unHIP.
Wobei ich hier dennoch das Orchester besser finde als die Solisten - passt aber nicht zusammen. :no:

:wink:
Unbekannt Dienstag, 5. Januar 2010, 13:05
Ist Pergolesis Musik eigentlich noch "barock" im engeren Sinn?
Konservativ betrachtet ist er zu modern, napoletanischer galanter Stil - oder wie soll man das nennen? Hätte er länger gelebt, würden wir ihn im Forum für Musik nach 1750 diskutieren wie die Grauns oder die Bach-Söhne und -Schüler ... Schon sein Lehrer Durante, ein Zeitgenosse von Johann Sebastian Bach, hat moderner und galenter als der komponiert. Gerade das hat Bach ja angezogen, als er das Stabat Mater mit dem Text des 50. Psalm parodiert hat - ein Werk, von dem ich mehrere Aufnahmen habe, von denen mich keine so richtig befriedigt ... aber dazu später mehr.
Unbekannt Dienstag, 5. Januar 2010, 15:17
Wie viele andere Komponisten auch, gehört er eben der Neapolitanischen Schule an, seine Opern unterscheiden sich also nur geringfügig von Werken eines Porpora, Leo oder Vinci.
Komponisten die zur gleichen Zeit große Erfolge feierten wie Händel.
Und genau das ist es ja, was den Opernstreit in London so würzte, die Stile könnten nicht unterschiedlicher sein.
Wieso sollte das dann weniger barock sein ? Die ganze Welt komponierte damals um 1720 / 1730 so.
Man sollte nicht immer alles an Bach messen, denn dann wäre eigentlich schon Rosenmüller frühes Rokoko :hide:

Das ist ja auch die Erklärung warum Bach niemals eine Stellung in am Hofe in Dresden bekam - wenn man denkt, dass Hasse 1731 mit seiner Cleofide da seinen großen Auftritt hatte.
Dagegen wirkt die Musik Bachs, ja auch die von Händel hoffnungslos veraltet.



Aber, nur zur Info, das Bild zeigt garantiert NICHT Pergolesi.

Zu jener Zeit trug man keinesfalls so eine Frisur, und der hohe Kragen gehört in die 1780er bis 1790er Jahre.
Wer immer das ist, Pergolesi ist es nicht.
Der Stil dieses Stiches / Zeichnung ist ebenfalls für die 1730er Jahre absolut unüblich.
Das sieht eher nach einer Darstellung um 1800 aus.

Wikipedia bietet noch ein anderes Bild an, das besser passt - vor allem auch von der Mode:



Das Stabat Mater ist für mich das uninteressanteste Werk Pergolesis, warum gerade das ständig so hochgejubelt wird, versteh ich nicht so ganz.
Das wichtigste Werk scheint die Opera Buffa "La Serva Padrona" zu sein, die zumindest In Frankreich einen Kulturschock auslöste.
Aber wohl weniger aufgrund der Musik, sondern eher wegen des Librettos.


Die großen Opern, wie "Adriano in Siria" "L'Olympiade" und die große Buffa "Il Flaminio" sind da schon von ganz anderem Kaliber.
Das sind wahrhaft Werke, mit denen sich eine Beschäftigung lohnt, neapolitanischer Stil vom Feinsten.
Wunderschönste Arien, ganz großes Kino. :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Dienstag, 5. Januar 2010, 15:32
Aber, nur zur Info, das Bild zeigt garantiert NICHT Pergolesi.

Zu jener Zeit trug man keinesfalls so eine Frisur, und der hohe Kragen gehört in die 1780er bis 1790er Jahre.
Wer immer das ist, Pergolesi ist es nicht.
Der Stil dieses Stiches / Zeichnung ist ebenfalls für die 1730er Jahre absolut unüblich.
Das sieht eher nach einer Darstellung um 1800 aus.


Genau! Komischer Weise gibt es auch in Wikipedia keine Bildunterschrift (wie üblich). Gemäß MGG handelt es sich um einen Kupferstich des späten 18. oder frühen 19. Jahrhunderts, zusammengewürfelt aus 4 nicht näher benannten Darstellungen des 18. (und 19. ?) Jahrhunderts. Die Darstellung erinnert auch eher an Méhul oder Napoléon... das dürfte sich von der Machart her um soetwas wie das 'historisierende Gemälde' handeln, auf dem F. X. Süßmayr zu sehen ist (natürlich frei erfunden, aber immerhin das einzige 'Bild' von ihm, daß es gibt).

:wink:
Unbekannt Dienstag, 5. Januar 2010, 15:37
siehste, war das Kunststudium doch für was gut :hahaha:
Unbekannt Dienstag, 5. Januar 2010, 17:10

Zitat

Man sollte nicht immer alles an Bach messen, denn dann wäre eigentlich schon Rosenmüller frühes Rokoko :hide:
:hahaha: :hahaha: :hahaha: :hahaha: :hahaha:
Unbekannt Mittwoch, 6. Januar 2010, 21:23
Hallo,

das falsche Bildnis, auf das auch ich hereingefallen bin, habe ich entfernt. Danke für die Aufklärung, Matthias.

Zitat

Das Stabat Mater ist für mich das uninteressanteste Werk Pergolesis, warum gerade das ständig so hochgejubelt wird, versteh ich nicht so ganz.


Verschiedene Menschen haben nunmal verschiedene (Musik-)Geschmäcker / Vorstellungen von (Musik-)Ästhetik (das klärt auch die Diskrepanzen in der Bewertung von J.S. Bach, die sicher nicht in diesen thread gehört).
Tatsächlich gibt es nur ganz, ganz wenige andere Werke in der ganzen Musikgeschichte, die mich bei jedem Hören immer wieder so tief bewegen wie Pergolesis Stabat Mater. Pergolesis Werk ist für mich inzischen DAS Stabat Mater.



Gerard Lesne ist ein überaus überzeugender Altus. Seine Stimme entfaltet hier eine Klangästhetik, die mich verzücken läßt. Zusammen mit der ebenfalls guten Veronique Gens, feinfühlig begleitet vom aus acht Instrumentalisten bestehenden Il Seminorio musicale, gelingt hier eine wahrlich elysische Interpretation des Pergolesi-Werks.
Die Todesnähe, in der das Werk entstanden ist, scheint erahnbar - es ist einfach überirdisch schön! :angel:



Andreas Scholl / Barbara Bonney sind natürlich auch sehr gut, aber diese Aufnahme bleibt vom Höreindruck her stets immer einen Tick hinter der erstgenannten Aufnahme zurück.

Zitat

Ich muß zugeben, daß ich von Pergolesi lediglich das Stabat mater (dafür sehr gut) und vereinzelte kleinere Kirchenwerke kenne, die auf den jeweiligen CDs ggfs. mit inkludiert sind.


Mir geht es genau so. Die beiden Salve Regina-Kompositionen verblassen allerdings IMO gegenüber dem Stabat Mater, auch wenn sie sicherlich schöne Kompositionen sind.
Pergolesi ist für mich bislang ein One-Hit-Wonder. Mal sehen, irgendwann werde ich sicher auch die Serva padrona kennenlernen. Hat da jemand CD-Empfehlungen?

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Mittwoch, 6. Januar 2010, 22:31
Kuijken ist ganz gut, da ist auch ein zweites Intermezzo drauf:



und natürlich bestes HIP :thumbsup:

die großen Opern gibts leider nur auf dem Schwarzmarkt :hide:
Unbekannt Freitag, 8. Januar 2010, 12:44
Ich selbst kann zu Pergolesi kaum etwas sagen.

Zufälligerweise, oder weil meine bessere Hälfte die kleine Oper mag, haben wir "La Serva Padrona". Wie der Duc de Berry schon sagte, ist es nun kein so großer Wurf. Es gibt ein paar ganz nette Arien. Aber das Werk ist doch vor allem eines und das ist unterhaltsam. Eine kleine, runde Geschichte, etwas amüsant, etwas kokett, kein Wunder dass es den Franzosen gefiel. Da damit der Buffonistenstreit ausgelöst wurde, welcher dann wieder zu meinem Rameau führt, ist dieses Werk für mich doch wieder recht interessant. Es liegt für mich ganz auf der Hand, warum das Werk so erfolgreich war. Man hat zumindest an Handlung alles was man braucht. Ob nun die kleine Intrige, welche genausogut in den Actes de ballet zu finden ist, bei einer französischen Oper oder einer italienischen auftaucht ist ja ganz gleich, aber hier ist sie eingewoben in eine Handlung, welche halbwegs denkbar ist oder zumindest für Zeitgenossen denkbar war.

Ich habe diese als einzige Einspielung von ihm:

Unbekannt Dienstag, 12. Januar 2010, 19:20
ich hab noch ein hübsches Werk:


La Morte di San Giuseppe
Orchestra Alessandro Scarlatti - Panni

eine italienische Produktion, ganz o.K. interpretiert, auch halb HIP , zwar ist das Orchester wohl konventionell, das Continuo ist aber mit Barockinstrumenten besetzt:
2 Barockcelli, Theorbe, Barockharfe und Gambe


Das Oratorium scheint lange nur in Abschriften existiert zu haben, bis wohl in den 80er Jahren das Autograph auftauchte.
Ein beachtliches Werk voller expressiver Arien und von der Qualität den großen Opern sehr ähnlich.

Schöne Entdeckung.
Unbekannt Donnerstag, 28. Januar 2010, 02:17
Auf dieser Doppel-CD von Concert Köln findet sich neben der Kompletteinspielung der Concerti von Pergolesis Lehrer Durante, der, obwohl Generationsgenosse Bachs, schon sehr galant klingt, auch Pergolesis einziges Violinkonzert - von der Struktur ein typisches Ritornellkonzert.



Wer nicht den ganzen Durante braucht (obwohl der die interessantere Instrumentalmusik geschrieben hat) bekommt das Pergolesi-Konzert auch auf dieser SACD:

Unbekannt Donnerstag, 28. Januar 2010, 02:26
Die Kuijken-Einspielung der beiden Intermezzi gibt es jetzt auch preiswerter, und wenn ich da so reinhöre, kann ich das beim besten Willen nicht mehr Barock finden. Da ist er frühklassisch - wir sind gewohnt, das Stabat Mater als Barock zu hören, aber in der Kirchenmusik ist der kompositorische Gestus nach 1700 konservativer, weil die Komponisten wegen der Einflußnahme der Geistlichkeit zunehmend in der Defensive waren. Der galante neapolitanische Stil war nun mal einer der modernsten in Europa ...
Nur weil die beiden geistlichen Werke seine bei weitem bekanntesten sind, muß man ihn noch lange nicht danach einordnen. Einflußreich war er als Opernkomponist, obwohl er da nicht immer erfolgreich war - aber in Paris z.B. muß die Serva padrona einiges Hallo ausgelöst haben - allerdings erst nach seinem Tod.

Unbekannt Donnerstag, 28. Januar 2010, 02:46
Oder man höre sich seine Cantate an, die sehr schön hörbar machen, wie subtil der Übergang von Barock zu Vorklassik vor sich ging, wie man auch bei Hasse, der ja auch durch den napoletanischen Stil geprägt war, hören kann.

Unbekannt Donnerstag, 28. Januar 2010, 03:15
Ich habe übrigens noch diese Aufnahme der Serva padrona - insgesamt ist die Kuijken-Aufnahme besser, aber diese hat mehr Theateratmosphäre, man riecht die Bühnenbretter, wozu die Tatsache, daß dies eine Live-Aufnahme ist, beiträgt:

Unbekannt Donnerstag, 28. Januar 2010, 03:25
Interessant ist bestimmt auch diese Rekonstruktion einer Marienvesper Pergolesis durch Malcolm Bruno. Die Klangschnipsel zeigen hier eine etwas modernere Stilistik als das Stabat Mater - Hasse hat ähnliches geschrieben.

Unbekannt Donnerstag, 28. Januar 2010, 03:29
Viel moderner gibt sich Pergolesi auch in seiner Instrumentalmusik, z.B. den Sinfonien, Orgel- und Cembalosonaten, die man derzeit aber nur unhip bekommt:




Unbekannt Donnerstag, 28. Januar 2010, 10:06
Ich habe heute morgen noch einmal bei Peter Rummenhöller in seinem maßgeblichen Buch Die musikalische Vorklassik nachgelesen: Er rechnet Pergolesi eindeutig in die Zeit der Vorklassik und begründet dies mit Details seines Kompositionsstils in der Oper und auch in seiner Vokalmusik, gerade über das auf uns eher barock wirkende Stabat Mater schreibt er recht ausführlich. Die Zeitgenossen haben es als ein modernes, nicht mehr barockes Werk wahrgenommen, und opernhafte Elemente gehört - das können wir heute kaum noch nachvollziehen.
Unbekannt Freitag, 29. Januar 2010, 02:43
Kennt zufällig jemand diese Aufnahme von la Serva padrona?



Isabelle Poulenard, Philippe Cantor, Ensemble Baroque de Nice, Gilbert Bezzina
Unbekannt Dienstag, 2. März 2010, 14:44
Guten Tag
Danach musste er sich gesundheitsbedingt in den Kurort Pozzuoli bei Neapel zurückziehen, wo er kurz vor seinem Tod für das dortige Franziskanerkloster das Salve Regina f-moll



Zwei weitere "salve Regina" Pergolesis ( c-moll + a-moll ) sind auf dieser neuen



mit geistlicher Musik aus Neapel eingespielt. Das Ensemble Il Complesso Barocco und die Mezzosopranistin Mary-Ellen Nesi haben diese Salve Regina-Vertonungen ganz behutsam und zugleich fesselnd aufgenommen.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Sonntag, 7. März 2010, 15:42
Was auch bemerkenswert ist, wie sich schon damals die "Medienwelt" auf den jung verstorbenen gestürzt hat und unzählige Werke unter seinem Namen (raub-)gedruckt worde, die sich mittlerweile samt und sonders als Fehlzuschreibungen entpuppt haben, darunter fast alle der von Strawinski in Pulcinella verarbeiteten Stücke.
Pergolesi wäre ein hervorragendes Beispiel für einen postum äußerst einflußreichen - für die Zeitgenossen vor allem durch die Intermezzi und für und durch das Stabal Mater und Salve Regina - aber musikalisch wohl etwas überschätzten Komponisten. Erfolg mit seinen Opern hatte er nicht, und war stilistisch noch in der Orientierung, als er starb.
Unbekannt Mittwoch, 8. September 2010, 20:23
Insgesamt wurden neun Messen Pergolesi zugeschrieben, aber nur zwei haben sich als echt erwiesen: eine in D-Dur und eine in F-Dur. Beide gehören zum Typ missa brevis, denn nur Kyrie und Gloria sind vertont. Trotzdem sind sie recht unfangreiche und substantielle Kompositionen.
Rinaldo Alessandrini und das Concerto Italiano haben die Messe in F eingespielt, die auch als messa di s. emidio oder missa romana bekannt ist. Drei Quellen existieren: 1. für Solisten, 5-stimmigen Chor und Orchester; 2. für Solisten, 5-stimmigen Chor und 2 Orchester; 3. für Solisten, 4 5-stimmige Chöre und 2 Orchester. Anlaß zur Komposition war ein Gottesdienst für den Schutzheiligen der Stadt Neapel, St. Emygdius, um Schutz vor Erdbeben wie dem 1731 erlittenen zu erbitten. Die Messe erregte großes Aufsehen und wurde jährlich wiederholt, auch 1734 in Rom aufgeführt. Welche Fassung Alessandrini ausgewählt hat, geht aus dem Beiheft nicht eindeutig hervor, nach der Besetzungsliste vermute ich die erste Version, die 1734 in Rom erklang.
Wer nur die eher meditativen Stücke seines allgegenwärtigen Stabat Mater oder Salve Regina kennt, dürfte von der temperamentvollen, deutlich in Richtung napoletanischer Oper neigenden Vertonung überrascht sein; manches wirkt ausgesprochen modern und würde in einer Messe des frühen Haydn keineswegs überraschen. Aber die Verwandschaft zu den schnelleren Sätzen der bekannteren Werke ist ebenso deutlich.
Geschickt ist die Kombination mit einer Messe von Alessandro Scarlatti auf der CD - wo der zwei Generationen ältere Komponist fast immer dreistimmig polyphon schreibt (2 Vokalchöre und die Violinen), bleibt Pergolesi einer modernen galanten Schreibweise mit viel Homophonie treu. Vom Niveau sind sich die beiden Messen ebenbürtig. Eine sehr gelungene Einspielung.

Unbekannt Montag, 3. Januar 2011, 21:47
Wer nur die eher meditativen Stücke seines allgegenwärtigen Stabat Mater oder Salve Regina kennt, dürfte von der temperamentvollen, deutlich in Richtung napoletanischer Oper neigenden Vertonung überrascht sein; manches wirkt ausgesprochen modern und würde in einer Messe des frühen Haydn keineswegs überraschen.


In der Tat. Allerdings erkenne ich auch, daß diese Messe wohl für Mozart so eine Art Selbstbedienungsladen war... die Gratias-Begleitfigur der Violinen erscheint im andante der g-moll-Sinfonie KV 550, das Qui tollis resp. Qui sedes dürfte Mozart mit eben diesem chromatischen Bass und ganz ähnlicher Chorführung zu seinem 'eigenen' Qui tollis in der unvollendeten c-moll-Messe inspiriert haben. Auch das 'Gratias' der c-moll-Messe würde sich hier entsprechend durch die (bei Mozart einmalige!) fünfstimmigkeit 'einfügen' ...

Der Chor ist bei hohen und schnellen Passagen IMO grenzwertig. Trotzdem macht die Aufnahme große Freude, besonders das 'Qui sedes'...

~ ~ ~


Neunzehnneunundneunzich bietet gerade diese Tripelbox zum Thema 'Pergolesi - musica sacra' - IMO eine gute Sache (ich habe allerdings noch nicht alles gehört und das 'Stabat mater' ist dann nun mein fünftes..)




Der Karton enthält folgende Einzel-CDs:



pergolesi | scarlatti
messe

Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736)
Messa di S. Emidio (Missa Romana / 1734)

Alessandro Scarlatti (1660-1725)
Messa per il Santissimo natale (1707)

Concerto Italiano
Rinaldo Alessandrini




pergolesi | leo
salve regina

Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736)
Salve Regina a-moll
Sonata h-moll
Salve Regina d-moll
Sonata g-moll

Leonardo Leo (1694-1744)
Salve Regina F-Dur

Barbara Schlick, Sopran
Euroa Galante
Fabio Biondi




pergolesi | scarlatti
stabat mater

Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736)
Stabat Mater per Soprano, Alto, Archi e Continuo

Alessando Scarlatti (1660-1725)
Stabat Mater per Soprano, Alto, Archi e Continuo

Gemma Bertagnolli, Sopran
Sara Mingardo, Contralto
Concerto Italiano
Rinaldo Alessandrini



:wink:
Unbekannt Dienstag, 4. Januar 2011, 22:16
Die beiden Salve Regina (sowie auch besonders jenes von Leonardo Leo) aus der obigen Tripelkiste gefallen mir extrem gut, insbesondere wegen der Stimme Barbara Schlicks, die mir nie so überraschend angenehm aufgefallen ist, wie hier: einfach großartig! Die beiden Sonate finde ich auch sehr passend als Intermezzo und wunderschön.

:jubel: :jubel: :jubel:

Eine sehr pittoreske Partiturreinschrift des Stabat Mater (Fassung für Canto, Alto und vier Streicher) hält übrigens die IMSLP parat.

:wink:
Unbekannt Mittwoch, 5. Januar 2011, 22:23
Ich habe die Partiturreinschrift einmal benutzt, um das gesamte Stabat mater mitzulesen (wodurch es meiner Meinung nach noch schöner wurde, zumal diese Handschrift ein Gedicht ist!). Bei dieser Gelegenheit habe ich dann festgestellt, daß Sara Mingardo im Fac ut portem Christi mortem (Largo) eine (nicht notierte) Kadenz singt, welche bis zum unglaublichen d° herunterreicht. Dadurch wird diese Einspielung zu meiner zweitliebsten:



Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736)
Stabat Mater per Soprano, Alto, Archi e Continuo

Gemma Bertagnolli, Sopran
Sara Mingardo, Contralto
Concerto Italiano
Rinaldo Alessandrini


:umfall: :shock: :umfall:

Manchen Teilnehmern hier mag der Vortrag der Sängerinnen und des Ensembles ggfs. etwas maniriert vorkommen, ich mag das sehr gerne, vor allem die scharfen Töne und die wunderbare Abgrenzung von piano und forte.

Empfehlenswert, da nicht alltäglich, aber auch manches Mal sehr extrem!

:thumbup: