Unbekannt
Montag, 20. September 2010, 00:02
Heute jährt sich zum 550. Male der Todestag von Gilles Binchois, der neben Guillaume Dufay als der bedeutendste Komponist der sogenannten ersten Generation der Frankoflamen gilt und einen großen stilbildenden Einfluß auf die weitere Musikgeschichte des Abendlandes hatte.
Gilles Binchois wurde an der Wende zum 15. Jahrhundert vermutlich im heute belgischen Mons, später auch Geburtsort von Orlando di Lasso, geboren.
1419 bis 1423 war Binchois Organist in Mons. Seine vorherige Ausbildung ist unbekannt; möglicherweise erhielt er sie am hennegauschen Hofe seiner Heimatstadt. Eine Ausbildung zum Chorsänger wird angenommen.
Nach 1423 war Binchois im heutigen Nordfrankreich unterwegs, das in Folge des Hundertjährigen Kriegs teilweise von England besetzt war. Dort knüpfte er Kontakte mit William de la Poles, dem Grafen von Suffolk, für den er mehrere Werke komponierte und den er auf dessen Reisen begleitete. Einige Anekdoten sind aus diesem lockeren Dienstverhältnis überliefert, u.a. dass Binchois als Soldat gedient haben soll – dies ist aber sehr unwahrscheinlich.
Noch wichtiger als die Begegnung mit dem englischen Grafen war Binchois’ Begegnung mit der Musik seines englischen Komponistenkollegen John Dunstable. Es ist allerdings nicht bekannt, wann und wie Binchois dessen Musik kennen lernte. Jedenfalls hatte Dunstables Musik großen Einfluß auf seine späteren Kompositionen (mehr als dies bei seinem Zeitgenossen Dufay der Fall war).
Um 1430 kam Binchois zum Hofe Philipps III. von Burgund, genannt Philipp der Gute. Im Dienste dieses faszinierenden Herrschers, der Künste und Wissenschaft förderte, durch geschickte Politik Größe und Bedeutung Burgunds erheblich vergrößerte und auch als Stifter des Orden des Goldenen Vlieses in die Geschichte einging, blieb Binchois bis zu seinem Tod. In der burgundischen Hofkapelle machte er, stets geschätzt und exzellent besoldet von Philipp III., eine weltliche Karriere (er wurde schließlich zum Honorarsekretär ernannt). Hinzu kam ab 1430 (erstes Kirchenamt in Saint-Donatian in Brügge, einer Kirche, mit der später auch Jacob Obrecht verbunden sein sollte) eine geistliche Karriere als Kleriker in verschiedenen Ämtern, deren Höhepunkt 1452 die Ernennung zum Probst des Stifts von Soignies (heute Hennegau, Belgien) war. Als Probst von Soignies musste Binchois die meiste Zeit des Jahres vor Ort anwesend sein, daher hatte er praktische keine Zeit mehr für die burgundische Hofkapelle, blieb aber dennoch in Amt und Sold.
Gilles Binchois starb am 20.9.1460, als hochangesehener und sehr vermögender Künstler und Kleriker, nach kurzer Krankheit in Soignies. Johannes Ockeghem komponierte daraufhin einen Klagegesang auf Binchois’ Tod (einer Textzeile daraus habe ich auch den Titel des threads entnommen). Die beiden kannten sich vermutlich gut, vom burgundischen Hofe her und vielleicht sogar noch aus der Zeit in Mons (dies führt zu Spekulationen eines sehr frühen Geburtsdatums Ockeghems, mehr dazu in dessen thread). Viele gehen davon aus, dass Binchois ein Lehrer Ockeghems war.

Bilder des Collégiale Saint-Vincent in Soignies, Binchois’ letzter Wirkungs- und auch Ruhestätte (leider ist sein Grabmal nicht erhalten)
Das kompositorische Werk von Gilles Binchois umfasst zahlreiche weltliche Werke. Während er auch eher für diese Chansons, Rondeaux, Balladen etc. bekannt ist, steht sein ebenfalls sehr umfangreiches geistliches Oevre eher im Hintergrund. Dieses besteht aus zahlreichen Mesesätzen und –fragmenten sowie Psalmen und Motetten, darunter mehrere Magnificat-Vertonungen. Von besonderer musikgeschichtlicher Bedeutung ist auch Binchois’ Te Deum, das die erste (oder zumindest eine der ersten) mehrstimmige Vertonung dieses Hymnus darstellt.
Binchois galt und gilt bis heute als der beste Melodiker bzw. Melodien-Erfinder seiner Zeit. Die Werke, die ich bisher von ihm gehört habe, sind überwiegend sehr sanglich und melodisch, ja gar fast tänzerisch, im Vergleich zu Dufay oder Dunstable. Die Musik wirkt so auf mich archaisch und modern zugleich. Viele Melodien seiner weltlichen Vokalwerke wurden von Komponisten späterer Generationen als Cantus firmus in deren geistlichen Kompositionen übernommen.
Der allergrößte Teil der Chansons entstand für den burgundischen Hof. Die Texte stammen oft von Binchois selbst, der auch als Dichter Ansehen genoß. Während bei Dufay die thematische Vielfalt der Chansons recht groß ist, drehen sich mehr oder weniger alle Chansons Binchois’ um die ritterliche / höfische Liebe, eine idealisierte Liebe, die meist unerreichbaren Zielen zugewandt war und daher einen melancholischen Ton anschlägt. Dieser melancholische Ton ist denn auch in der musikalischen Vertonung vorherrschend, wenngleich Binchois’ Gestaltungsraum hier größer ist als in den textlich meist sehr schlicht gehaltenen Gedichten.
Zu welchen Anlässen und an welchen Orten Binchois seine geistlichen Werke komponiert hatte, ist hingegen größtenteils unbekannt.
Nun ein kleiner Exkurs zum Verständnis von Binchois’ Texten:
„Le pére de joyeusseté“ – das scheint ein Widerspruch zum melancholischen Ton der Werke zu sein. Mit „joyeusseté“ ist schließlich das gemeint, was im Englischen mit „joy“ oder „bliss“ bezeichnet wird, und für das es keine mir gefällige Übersetzung ins Deutsche gibt, sagen wir einfach „Entzückung“ oder „Glückseligkeit“. Um den Widerspruch aufzulösen, muß man sich in die Menschen des 15. Jahrhunderts und deren Verständnis der sog. „höfischen“ oder „ritterlichen“ Liebe hineinversetzen. Es galt damals als ein Ideal, sich der Liebe zu einem unerfüllbaren Ziel aufzuopfern (das konnte eine Frau von höherem Stande sein, aber auch ein abstraktes Ideal, eine „blaue Blume“, der „Gral“ oder Gott selbst), was wegen der Unerreichbarkeit eben eine gewisse Melancholie hervorrief, aber stets auch als sinnvoll und beglückend empfunden wurde. Eine solche Betrachtungsweise der Liebe war damals auch vereinbar mit einem klerikalem Amt, da Grund und ihr Ziel jener „ritterliche Liebe“ letzlich im Göttlichen gesehen wurde. Binchois selbst soll angeblich auch als Magier bzw. Mystiker gewirkt haben.

Das berühmte Bild, das Dufay und Binchois zeigt, ist der Originalhandschrift des Gedichtszyklus „Champion des Dames“ von Martin Le Franc entnommen. Binchois ist in rot gekleidet, was auf seine Zugehörigkeit zur burgundischen Hofkapelle hinweist. Er stützt sich auf eine Harfe, während Dufay vor einem Portativ steht. Man geht nicht zu weit, wenn man die beiden Instrumente als Repräsentanten der weltlichen und geistlichen Musik sieht. Somit ist Binchois die Sphäre der weltlichen Musik zugeordnet, und mit dieser ist er auch vornehmlich im Gedächtnis geblieben, während Dufay die geistliche Musikform des Ordinarium Missae auf dem Kontinent etablierte. Dies mag auch ein Grund sein, warum Name und Werk Dufays heute mehr im Vordergrund steht: Die Messe gilt als größte Musikform der Renaissance (ab wann das so gesehen wurde, weiß ich nicht), und der Wegbereiter dieser Entwicklung ist Dufay und nicht Binchois, von dem nur einzelne Messesätze, aber keine Zyklen, überliefert sind.
In Folgebeiträgen werde ich noch kurz auf die beiden in meinem Besitz befindlichen CDs mit Musik von Binchois sowie den enthaltenen Werken eingehen und weitere erhältliche Binchois-CDs präsentieren.
Viele Grüße,
Martin.
Gilles Binchois wurde an der Wende zum 15. Jahrhundert vermutlich im heute belgischen Mons, später auch Geburtsort von Orlando di Lasso, geboren.
1419 bis 1423 war Binchois Organist in Mons. Seine vorherige Ausbildung ist unbekannt; möglicherweise erhielt er sie am hennegauschen Hofe seiner Heimatstadt. Eine Ausbildung zum Chorsänger wird angenommen.
Nach 1423 war Binchois im heutigen Nordfrankreich unterwegs, das in Folge des Hundertjährigen Kriegs teilweise von England besetzt war. Dort knüpfte er Kontakte mit William de la Poles, dem Grafen von Suffolk, für den er mehrere Werke komponierte und den er auf dessen Reisen begleitete. Einige Anekdoten sind aus diesem lockeren Dienstverhältnis überliefert, u.a. dass Binchois als Soldat gedient haben soll – dies ist aber sehr unwahrscheinlich.
Noch wichtiger als die Begegnung mit dem englischen Grafen war Binchois’ Begegnung mit der Musik seines englischen Komponistenkollegen John Dunstable. Es ist allerdings nicht bekannt, wann und wie Binchois dessen Musik kennen lernte. Jedenfalls hatte Dunstables Musik großen Einfluß auf seine späteren Kompositionen (mehr als dies bei seinem Zeitgenossen Dufay der Fall war).
Gilles Binchois starb am 20.9.1460, als hochangesehener und sehr vermögender Künstler und Kleriker, nach kurzer Krankheit in Soignies. Johannes Ockeghem komponierte daraufhin einen Klagegesang auf Binchois’ Tod (einer Textzeile daraus habe ich auch den Titel des threads entnommen). Die beiden kannten sich vermutlich gut, vom burgundischen Hofe her und vielleicht sogar noch aus der Zeit in Mons (dies führt zu Spekulationen eines sehr frühen Geburtsdatums Ockeghems, mehr dazu in dessen thread). Viele gehen davon aus, dass Binchois ein Lehrer Ockeghems war.
Bilder des Collégiale Saint-Vincent in Soignies, Binchois’ letzter Wirkungs- und auch Ruhestätte (leider ist sein Grabmal nicht erhalten)
Das kompositorische Werk von Gilles Binchois umfasst zahlreiche weltliche Werke. Während er auch eher für diese Chansons, Rondeaux, Balladen etc. bekannt ist, steht sein ebenfalls sehr umfangreiches geistliches Oevre eher im Hintergrund. Dieses besteht aus zahlreichen Mesesätzen und –fragmenten sowie Psalmen und Motetten, darunter mehrere Magnificat-Vertonungen. Von besonderer musikgeschichtlicher Bedeutung ist auch Binchois’ Te Deum, das die erste (oder zumindest eine der ersten) mehrstimmige Vertonung dieses Hymnus darstellt.
Binchois galt und gilt bis heute als der beste Melodiker bzw. Melodien-Erfinder seiner Zeit. Die Werke, die ich bisher von ihm gehört habe, sind überwiegend sehr sanglich und melodisch, ja gar fast tänzerisch, im Vergleich zu Dufay oder Dunstable. Die Musik wirkt so auf mich archaisch und modern zugleich. Viele Melodien seiner weltlichen Vokalwerke wurden von Komponisten späterer Generationen als Cantus firmus in deren geistlichen Kompositionen übernommen.
Der allergrößte Teil der Chansons entstand für den burgundischen Hof. Die Texte stammen oft von Binchois selbst, der auch als Dichter Ansehen genoß. Während bei Dufay die thematische Vielfalt der Chansons recht groß ist, drehen sich mehr oder weniger alle Chansons Binchois’ um die ritterliche / höfische Liebe, eine idealisierte Liebe, die meist unerreichbaren Zielen zugewandt war und daher einen melancholischen Ton anschlägt. Dieser melancholische Ton ist denn auch in der musikalischen Vertonung vorherrschend, wenngleich Binchois’ Gestaltungsraum hier größer ist als in den textlich meist sehr schlicht gehaltenen Gedichten.
Zu welchen Anlässen und an welchen Orten Binchois seine geistlichen Werke komponiert hatte, ist hingegen größtenteils unbekannt.
Nun ein kleiner Exkurs zum Verständnis von Binchois’ Texten:
„Le pére de joyeusseté“ – das scheint ein Widerspruch zum melancholischen Ton der Werke zu sein. Mit „joyeusseté“ ist schließlich das gemeint, was im Englischen mit „joy“ oder „bliss“ bezeichnet wird, und für das es keine mir gefällige Übersetzung ins Deutsche gibt, sagen wir einfach „Entzückung“ oder „Glückseligkeit“. Um den Widerspruch aufzulösen, muß man sich in die Menschen des 15. Jahrhunderts und deren Verständnis der sog. „höfischen“ oder „ritterlichen“ Liebe hineinversetzen. Es galt damals als ein Ideal, sich der Liebe zu einem unerfüllbaren Ziel aufzuopfern (das konnte eine Frau von höherem Stande sein, aber auch ein abstraktes Ideal, eine „blaue Blume“, der „Gral“ oder Gott selbst), was wegen der Unerreichbarkeit eben eine gewisse Melancholie hervorrief, aber stets auch als sinnvoll und beglückend empfunden wurde. Eine solche Betrachtungsweise der Liebe war damals auch vereinbar mit einem klerikalem Amt, da Grund und ihr Ziel jener „ritterliche Liebe“ letzlich im Göttlichen gesehen wurde. Binchois selbst soll angeblich auch als Magier bzw. Mystiker gewirkt haben.
Das berühmte Bild, das Dufay und Binchois zeigt, ist der Originalhandschrift des Gedichtszyklus „Champion des Dames“ von Martin Le Franc entnommen. Binchois ist in rot gekleidet, was auf seine Zugehörigkeit zur burgundischen Hofkapelle hinweist. Er stützt sich auf eine Harfe, während Dufay vor einem Portativ steht. Man geht nicht zu weit, wenn man die beiden Instrumente als Repräsentanten der weltlichen und geistlichen Musik sieht. Somit ist Binchois die Sphäre der weltlichen Musik zugeordnet, und mit dieser ist er auch vornehmlich im Gedächtnis geblieben, während Dufay die geistliche Musikform des Ordinarium Missae auf dem Kontinent etablierte. Dies mag auch ein Grund sein, warum Name und Werk Dufays heute mehr im Vordergrund steht: Die Messe gilt als größte Musikform der Renaissance (ab wann das so gesehen wurde, weiß ich nicht), und der Wegbereiter dieser Entwicklung ist Dufay und nicht Binchois, von dem nur einzelne Messesätze, aber keine Zyklen, überliefert sind.
In Folgebeiträgen werde ich noch kurz auf die beiden in meinem Besitz befindlichen CDs mit Musik von Binchois sowie den enthaltenen Werken eingehen und weitere erhältliche Binchois-CDs präsentieren.
Viele Grüße,
Martin.