George Frideric Handel: The Messiah – Ein musikwissenschaftlicher Diskurs

Thematische Einführung

George Frideric Händels Oratorium „Messiah“ (HWV 56) nimmt eine singuläre Stellung in der Musikgeschichte ein. Es ist kein typisches narrativ-dramatisches Oratorium im Sinne seiner anderen Werke wie „Israel in Egypt“ oder „Samson“, die biblische Geschichten mit agierenden Charakteren inszenieren. Vielmehr ist „Messiah“ eine theologische Meditation über das Leben Christi, von den alttestamentlichen Prophezeiungen bis zur Erlösung der Menschheit durch seine Wiederauferstehung und sein zweites Kommen. Das Libretto, zusammengestellt von Charles Jennens, ist vollständig aus Passagen der King James Bible sowie des Book of Common Prayer entnommen und verzichtet auf dramatische Interaktionen oder zugewiesene Rollen im herkömmlichen Sinne. Die musikalische Struktur gliedert sich in drei Teile, die lose die Themen der Prophezeiung und Geburt Christi, des Leidens, Todes und der Auferstehung sowie der Erlösung und des ewigen Lebens behandeln. Die thematische Kohärenz ergibt sich aus der durchgehenden Verherrlichung des Messias, seiner göttlichen Natur und seiner Bedeutung für die Menschheit, primär aus einer kontemplativen, nicht-dramatischen Perspektive.

Historischer Kontext & Werkanalyse

Entstehung und Premiere

„Messiah“ entstand in einer kritischen Phase in Händels Leben. Nach Jahren des Erfolgs als Opernkomponist in London sah er sich mit dem schwindenden Interesse an italienischer Oper konfrontiert. Das englische Oratorium, das Elemente der Oper (Arien, Rezitative) mit der Kraft des Chors und religiösen Themen verband, bot einen Ausweg. „Messiah“ wurde in einer erstaunlich kurzen Zeit von nur 24 Tagen im Sommer 1741 komponiert. Die Uraufführung fand nicht in London, sondern am 13. April 1742 in Dublin statt, unter der Schirmherrschaft des Lord Lieutenant of Ireland, William Cavendish, 4. Duke of Devonshire. Die Einnahmen der ersten Aufführung kamen karitativen Zwecken zugute, eine Tradition, die bis heute mit dem Werk verbunden ist. Die Londoner Premiere erfolgte erst 1743 und stieß zunächst auf eine gemischte Reaktion, teilweise aufgrund religiöser Kontroversen über die Aufführung eines so heiligen Textes in einem Theater.

Musikalische Analyse

Das Oratorium ist für einen Solistenquartett (Sopran, Alt, Tenor, Bass), Chor und Orchester (Streicher, Oboen, Fagotte, Trompeten, Pauken und Basso continuo) gesetzt. Händels Genialität zeigt sich in der nahtlosen Verbindung von kontrapunktischer Meisterschaft im deutschen Stil, der lyrischen Melodik italienischer Arien und der majestätischen Kraft englischer Chortraditionen.

  • Teil I: Prophezeiung und Geburt des Erlösers. Eröffnet mit einer majestätischen Französischen Ouvertüre, leitet dieser Teil von den Prophezeiungen Jesajas über die Ankunft des Messias („Comfort ye, my people“, „Every valley shall be exalted“) bis zur Ankündigung seiner Geburt und der Hirtenfelderfahrung („And the glory of the Lord“, „For unto us a Child is born“). Die Chöre sind oft triumphal und voller Vorfreude, während die Arien und Rezitative die intime spirituelle Botschaft vermitteln.
  • Teil II: Passion, Auferstehung und Himmelfahrt. Dieser Teil behandelt das Leiden und den Tod Christi, seine Auferstehung, Himmelfahrt und die Verbreitung des Evangeliums durch die Apostel. Dramatische Höhepunkte sind die Darstellung der Passion („He was despised“, „Surely he hath borne our griefs“) und die triumphale Verkündigung der Auferstehung. Der Höhepunkt dieses Teils und des gesamten Werkes ist zweifellos das „Hallelujah“-Chorus, ein monumentales Stück, das weltweit für seine Energie und seinen erhabenen Ausdruck bekannt ist und dem König Georg II. der Legende nach bei der Londoner Premiere stehend lauschte – eine Tradition, die sich bis heute gehalten hat.
  • Teil III: Erlösung und Ewiges Leben. Dieser abschließende Teil konzentriert sich auf die Lehren von Auferstehung und ewigem Leben, die Überwindung des Todes und die endgültige Verherrlichung Christi. Arien wie „I know that my Redeemer liveth“ bieten Momente tiefer Spiritualität und Gewissheit. Das Oratorium schließt mit dem erhabenen Doppelchor „Worthy is the Lamb... Amen“, einer komplexen Fuge, die die Größe und Würde des Erlösers bekräftigt und einen fulminanten Abschluss bildet.
Händel verwendet meisterhaft musikalische Rhetorik und Wortmalerei, um den biblischen Text zu vertiefen. Dramatische Gegensätze, von pastoraler Sanftheit bis zu majestätischer Feierlichkeit, kennzeichnen die Komposition. Die Orchestrierung ist typisch für die Barockzeit, aber Händel weiß die Instrumente effektvoll einzusetzen, insbesondere die Trompeten und Pauken in triumphalen Passagen.

Bedeutende Einspielungen & Rezeption

„Messiah“ hat eine beispiellose Rezeptionsgeschichte hinter sich. Nach Händels Tod wurde das Werk zum meistaufgeführten seiner Zeit und erfuhr im 19. Jahrhundert, insbesondere in Großbritannien, gigantische Aufführungen mit Chören und Orchestern von Hunderten oder sogar Tausenden Musikern, wie die berühmten Crystal Palace-Konzerte. Diese Interpretationen waren weit entfernt von Händels ursprünglicher Klangvorstellung, prägten aber über Generationen das Bild des Werkes als bombastisches Chor-Ereignis.

Mit dem Aufkommen der historischen Aufführungspraxis (HIP) im späten 20. Jahrhundert erfolgte eine radikale Neubewertung des „Messiah“. Dirigenten wie Christopher Hogwood (Academy of Ancient Music, 1980), John Eliot Gardiner (English Baroque Soloists, 1982), Trevor Pinnock (The English Concert, 1988), René Jacobs (Concerto Köln, 1997), Paul McCreesh (Gabrieli Consort & Players, 1997), Philippe Herreweghe (Collegium Vocale Gent, 1999) und Richard Egarr (Academy of Ancient Music, 2009) haben das Werk mit kleineren Besetzungen, historisch informierten Instrumenten und Aufführungstechniken neu belebt. Diese Einspielungen streben danach, Händels ursprüngliche Absicht in Bezug auf Tempo, Artikulation, Ornamentik und Klangfarbe wiederzugeben, was zu einer neuen Transparenz, Lebendigkeit und Dramatik geführt hat, die sich deutlich von den spätromantischen Interpretationen abhebt.

„Messiah“ ist heute nicht nur ein Eckpfeiler des anglikanischen Weihnachtsfestes, sondern wird weltweit zu verschiedenen Anlässen aufgeführt und seine universelle Botschaft der Hoffnung und Erlösung spricht Menschen unterschiedlichster Glaubensrichtungen an. Es ist ein lebendiges Testament der barocken Kompositionskunst und ein Werk, dessen musikalische und theologische Tiefe auch Jahrhunderte nach seiner Entstehung nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat.