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Georg Friedrich Händel - Concerti Grossi Op.6

Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 08:03
Von Händel existieren zwei Sammlungen von Concerti Grossi, die 6 Konzerte Op. 3 und die 12 Konzerte Op. 6.
Wobei die erste Sammlung keine echten Concerti Grossi darstellen, sondern vielmehr, ähnlich wie die Brandenburgischen Konzerte von Bach oder die Dresdner Konzerte von Vivaldi oder Heinichen, als „Concerts pour plusieurs Instruments“ (Konzerte für mehrere Instrumente) bezeichnet werden müssten.

Op.6 stellen hingegen "echte" Concerti Grossi nach dem Vorbild Corellis bzw. nach römischen Vorbild dar.



[großes barockes Fest im Palazzo Barberini in Rom]


Die Form des Concerto Grosso entstand etwa im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts in Rom.
Dort wurde zu Festlichkeiten an den Höfen der Kirchenfürsten und der exliierten schwedischen Königin Christina, große Konzerte gegeben - oft mit mehr als 150 Musikern.
Diese großen Konzerte wurden auch an den hohen kirchlichen Festtagen aufgeführt und beim Hochamt. In ganz Rom gab es solche Veranstaltungen, mit Ausnahme des Vatikans, denn in der heiligsten Kirche der Christenheit waren Instrumente (selbst die Orgel) nach wie vor nicht gestattet.
Händel lernte diese Aufführungen wärend seiner Italienreise selbst kennen und spielte an der Seite Corellis und Scarlattis.

Das Concerto Grosso entstand aus der Sonate, wie sie von Bertali, Uccelini und vielen anderen entwickelt worden war. Das Concerto Grosso war hingegen größer besetzt als die Sonate, ausschließlich für Streicher gedacht und hat einen ganz markantes Stilelement: Das Orchester (Tutti) befindet sich im ständigen Dialog mit 2 oder 4 Violinen (Concertino) letztlich war es da nur ein kleiner Schritt zum Solokonzert.

Das Concerto Grosso besteht nicht, wie das spätere (Solo) Concerto des Barock, aus drei Sätzen, sondern meist aus mehreren Sätzen und hat erst mal dadurch formal eine gewisse Ähnlichkeit zur französischen Orchestersuite.
Zumal die Concerti da Camera (also Concerti Grossi für weltliche Anlässe) auch über Tanzsätze verfügen, während die Concerti da Chiesa (Kirchenkonzerte für geistliche Anlässe) nur stilisierte Sätze mit Bezeichnungen wie Largo, Presto, Allegro aufweisen.
Diese Tanzsätze haben jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit den Französischen Gegenstücken.

Die meisten Sammlungen der Zeit beinhalten 6 oder 12 Konzerte von denen jeweils die Hälfte mit „da chiesa“ und „da camera“ bezeichnet ist. Diese Bezeichnungen für den „Verwendungszweck“ sind ebenfalls eine Übernahme aus der Sonatenliteratur.
Bei Händel und vielen anderen Komponisten des späten Barock gibt es diese Unterteilung eigentlich nicht mehr, da sich die Konzerte längst zur reinen Konzertmusik wandelten und sich völlig aus dem geistlichen Kontext herausgelösten.
Genau wie die Oratorien, die zwar biblische Themen hatten, aber nur selten in sakralen Räumen aufgeführt wurden.
Oder die großen Motetten in Frankreich, die zwar in Versailles noch zur Messe gespielt wurden, in Paris jedoch längst als Konzertwerke im „Concert Spirituel“ aufgeführt und oft extra auch dafür komponiert wurden – bezeichnenderweise oft in Verbindung mit italienischen Concerti von Corelli, Torelli und Vivaldi.


Das Concerto Grosso erreichte seine erste große Blüte mit Arcangelo Corelli und seinen 12 Konzerten Op.6.
Diese Konzerte verbreiteten sich wie kaum eine andere Werksammlung über ganz Europa und beeinflusste eine ganze Generation von Komponisten.
Corelli war der italienische Gegenpol zu Lully und beide Komponisten wurden zu Galionsfiguren der beiden populären Nationalstile.
Couperin nahm diesen Umstand zum Anlass um für beide Komponisten Apotheosen zu verfassen und sie im Elysium schließlich freundlich vereint zusammen spielen zu lassen.
Auch wenn es immer heißt, in Frankreich wurde der italienische Stil rigoros abgelehnt, so ist das nicht ganz richtig. Viele Komponisten komponierten, ebenfalls von Corelli fasziniert, ähnliche Werke und in der Sammlung der Hofmelodien, die Louis XIV persönlich aussuchte, finden sich auch nicht wenige Werke Corellis!

In der Folgezeit entstanden unzählige Konzerte im Stil Corellis oder Bearbeitungen.
Besonders erwähnenswert sind die 12 Concerti „L’Estro armonico“ von Vivaldi, die sich allerdings schon sehr von Corellis Vorbild entfernen und gewissermaßen den venezianischen Concerto Stil einläuten, der dann vor allem durch Vivaldi, Albinoni und den Brüdern Marcello in Europa populär wurde.


Händel komponierte seine Concerti in atemberaubend kurzer Zeit, sie entstanden in kaum einem Monat, man geht vom 29. September bis zum 30 Oktober 1739 aus.
Händel war ein Genie im Verarbeiten von musikalischem Material. Dies wird vor allem deutlich, wenn man einen größeren Einblick in die Musik der Epoche bekommt. So hat er sich offenkundig bei Domenico Scarlattis Essercizi per gravicembalo bedient, die kurz zuvor in London im Druck erschienen und auch seine eigenen Werke, z.B. einige Orgelkonzerte geplündert, anders wäre die kurze Zeit in der die Konzerte entstanden auch kaum zu erklären.

Das entwertet diese Concerti keinesfalls, denn würde man so strenge Maßstäbe anlegen, so bliebe von vielen Meisterwerken kaum etwas übrig.
Denn trotz allem sind es atemberaubend schöne Werke, wie sie typischer für die Gattung kaum sein könnten.

Ungewöhnlich ist vielleicht erst mal, dass Händel diese Konzerte zu einer Zeit komponierte, als diese Gattung schon fast aus der Mode war und auf dem Kontinent wohl kaum noch in dieser Form gespielt wurde.
Die 30er Jahre des 18. Jahrhunderts waren für Händel eine schwere Zeit voller Misserfolge und beruflicher und gesundheitlicher Katastrophen.
Er musste nicht nur schwere finanzielle Schläge verkraften, mit italienischen Opern hatte er keine Erfolge mehr, der letzte große Erfolg „Alcina“ lag mehr als 4 Jahre zurück. Der Opernstreit mit der Opera of Nobility mit dem Star-Kastraten Farinelli hatte zu einer Übersättigung des Publikums geführt.
Die Erfolge der Beggar's Opera kamen auch noch hinzu. Ein Schlaganfall war schließlich der Gipfel der Misere.
Und doch erholte er sich und schöpfte neue Kraft und neue Ideen.

Die Concerti sind gewissermaßen die Eröffnung zu Händels Neubeginn in England als Komponist von Oratorien.
Schon in den Jahren zuvor war ihm aufgefallen, das Kompositionen in englischer Sprache und mit biblischen Themen ein viel größeres Publikum erreichten und stets erfolgreich waren.
Und mit seinen neuen Oratorien konnte er nun an die früheren Erfolge anknüpfen.
So wie er in seinen Opern in den Aktpausen Orgelkonzerte aufführte, wurden die Concerti Grossi als Pausen- oder Eröffnungsmusiken für die neuen Oratorien konzipiert.
Man darf dies keinesfalls als etwas negatives ansehen, in den Pausen zwischen den Akten einer Oper oder eines Oratoriums erwartete das Publikum ebeso hochwertige Werke.

Händel komponierte absichtlich NICHT auf der Höhe der Zeit, man vergleiche diese Concerti mit verschiedenen Werken von Sammartini, Stamitz oder Rameau aus der gleichen Epoche...
Denn Händel kannte sein Publikum und dessen konservativen Geschmack.
Und der Erfolg gab ihm schließlich Recht.
Die Concerti Grossi stellen somit nicht nur einen letzten Höhepunkt der Gattung dar, sondern auch dessen Endpunkt.



Lange musste ich suchen, bis ich eine Aufnahme fand die mir wirklich rundum gefiel.
Denn gerade diese Werke sind es ja, die fast schon zu oft von irgendwelchen Kammerorchestern mit breitestem Vibrato hingerichtet wurden.
Glücklicherweise hat Christopher Hogwood mit der Handel & Haydn Society eine hervorragende Aufnahme gemacht:



Ich habe noch die Aufnahmen mit Manze (Academy of Ancient Music) und Il Giardino Armonico. (und einige Aufnahmen aus früher Zeit, die ich besser nicht erwähne...)
Harnoncourt ist furchtbar - ich hab die Aufnahme entsorgt - die Tempi sind mir einfach zu schleppend (Langsame Sätze haben oft das gleiche Tempo wie die Sätze die mit Vivace, Presto oder Allegro bezeichnet sind)

Hogwoods Interpretation hat mir bisher am Besten gefallen, aufgrund der Eleganz, der Leichtigkeit und der passenden Tempi.
In einem alten harmoni Mundi France Katalog habe ich gesehen, dass es auch mal eine Aufnahme von William Christie gab - die würde mich sehr interessieren.
Gefunden habe ich jedenfalls nur eine CD, es gab aber zwei.
Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 10:25
Danke, lieber Duc, für diese detaillierte Einführung!
Leider kenne ich die Einspielung von Hogwood nicht, wie es aussieht werde ich das aber ändern müssen... 8))

Sehr gut gefallen haben mir die Concert mit Manze und der AAM, die war eigentlich meine erste Platte mit Barockmusik - und bis heute höre ich sie mit viel Freude. Zwar sehr englisch, dennoch auch zupackend und mitunter virtuos, wie man es von Manze schon fast erwartet. :thumbup:


Die Einspielung von Il Giardino habe ich auch - die Unhörbarkeit der Cembali - was hier öfters bemängelt wurde, kann ich auf meinen Boxen eigentlich nicht nachvollziehen, ich höre sie ganz eindeutig klimpern (obwohl tatsächlich etwas im Hintergrund, im Vordergrund steht ja das Concertino). Ihr Ansatz ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber wer das bei Vivaldi mag, müsste es auch hier mögen können. Klasse gespielt, abwechslungsreich und absolut unterhaltend. Finde ich eigentlich klasse.


Folgende zwei Einspielungen kenne ich nicht, wäre aber auf sie neugierig:



LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 10:33
diese Aufnahme steht auch bei mir auf dem Wunschzettel.
Da solls vor allem im Continuo richtig abgehen.



Die Klangsamples sind jedenfalls schon sehr vielversprechend, vielleicht fliegen dann all die anderen in die Ecke :D

Ganz vergessen - Pinnock hab ich auch noch - ebenfalls sehr gut.
Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 15:27
Guten Tag

ich höre immer noch gerne diese



Einspielung von Op. 6 von 1983 mit dem Concentus Musicus Wien der differenziert und farbig musiziert.
Interessant Harnoncourts Experimente mit den verschiedensten Aufstellungen um den Dialog "Concertino <-> Ripieno" im Sinne einer "Klangregie" herauszustellen. Daraus ergab sich eine eigenartige Raum-Klangwirkung.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 17:32
Guten Tag

ich höre immer noch gerne diese



Einspielung von Op. 6 von 1983 mit dem Concentus Musicus Wien der differenziert und farbig musiziert.



Ich liebe die auch. Zwar kann ich eine gewisse Irritation, wie sie oben geäußert wird nachvollziehen, aber es stimmt zB überhaupt nicht, dass die Tempi eingeebnet würden. Das einzige, was ich ein wenig problematisch finde, ist, dass das Continuo oft im Tutti verschwindet, dann aber an einigen Stellen Tachezi plötzlich mit einer improvisierten Orgel-Überleitung hervortritt. Ebenso wird man Eleganz eher vergeblich suchen. Aber mir gefällt das groß besetzte Tutti (mit Oboen verstärkt), Mitglieder des späteren Mosaiques-Q. als Concertino, die starken Kontraste zwischen den Sätzen und den Konzerten und natürlich die Vielfalt und Originalität in Artikulation und Phrasierung. Wenn ich mehr Zeit habe, gebe ich gern ein paar Beispiele im Vergleich zu Hogwood, der mir zwar auch gut gefällt, aber viel geradliniger musizieren lässt.

viele Grüße

JK jr.
Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 18:06
Guten Abend
Dies wird vor allem deutlich, wenn man einen größeren Einblick in die Musik der Epoche bekommt. So hat er sich offenkundig bei Domenico Scarlattis Essercizi per gravicembalo bedient, die kurz zuvor in London im Druck erschienen und auch seine eigenen Werke, z.B. einige Orgelkonzerte geplündert, anders wäre die kurze Zeit in der die Konzerte entstanden auch kaum zu erklären.

Bei seinem Lehrer F.W. Zachow sowie aus seinen Opern ( Giulio Cesare, Agrippina u. Imeneo) und Oratorien ( Saul. Ode for St. Cecilias Day u. Tra le fiamme ) machte er ebenfalls Anlehnungen.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 19:08
diese Aufnahme steht auch bei mir auf dem Wunschzettel.
Da solls vor allem im Continuo richtig abgehen.



Die Klangsamples sind jedenfalls schon sehr vielversprechend, vielleicht fliegen dann all die anderen in die Ecke :D

Ganz vergessen - Pinnock hab ich auch noch - ebenfalls sehr gut.

Das ist klanglich von allen die habe mit Abstand die beste. Das Ensemble ist nicht ganz so groß wie bei Hogwood oder Standage, aber sie bringen alles auf den Punkt. Und man hört eben alles.

Giardino Armonico klingt für mich, als ob sie die Mikrofone übers Ripieno gehängt haben, das ganze Continuo geht unter - wie eine schlecht abgemischte Mehrkanalaufnahme.
Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 19:49
Ich höre das nicht so gravierend, wie du es beschreibst, da der Bass doch recht kräftig abgemischt ist und ich doch , auch bei den Tutti-Stellen (freilich nicht bei heftigen fortissimi) das Cembalo recht deutlich vernehme.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 21:55

In einem alten Harmonia Mundi France Katalog habe ich gesehen, dass es auch mal eine Aufnahme von William Christie gab - die würde mich sehr interessieren. Gefunden habe ich jedenfalls nur eine CD, es gab aber zwei.

Bei Harmonia Mundi das war doch diese mit Nr. 1,2 6 7,10 - ich bin mir nicht sicher, ob ich die je gehört habe:




Nr. 1-4 hat Nicholas McGegan mit dem OAE für Virgin Veritas gemacht - auch nicht schlecht, die hätte ich gern komplett gehabt. Was Besetzung und Grandiosität angeht im Mittelfeld.

Unbekannt Donnerstag, 25. November 2010, 21:59
Simon Standage und das Collegium Musicum '90 scheint hier niemand gekauft zu haben - ich finde die nicht schlecht, weil sie etwas majestätischer daherkommt, immer mit Oboen colla parte, etwas mehr Musiker ins Continuo stellt, vom Gestus her Hogwood recht ähnlich. War aber mit drei CDs zum vollen Preis etwas teuer ...

Unbekannt Samstag, 27. November 2010, 10:35
Ich bevorzuge die Aufnahme von Hogwood (dessen hier abgeklärter und nie forcierter Zugriff mir sehr gut gefällt) und die ihr im Ausdrucksgestus recht diametral entgegenstehende Interpretation Antoninis - den Schriffheiten des letzteren kann ich einiges abgewinnen.

Harnoncourt exaltierte Lesart schätze ich ebenfalls, höre sie aber nur selten. Ich finde die Tempi allerdings tendenziell durchaus verschleppt (man höre etwa mal die Allemande zu Beginn des c-moll Konzerts, der alles tänzerische gewaltsam ausgetrieben wird).

Mit der Gester-Einspielung liebäugele ich schon länger - muss ich vielleicht doch mal endlich anschaffen.

Einen recht guten Eindruck hat bei auch die jüngst erschienen Interpretation des Australian Brandenburg Orchestra unter der Leitung von Paul Dyer. An anderer Stelle im Netz schrieb ich darüber folgendes:

Zitat

Diese:



G. F. Händel: Concerti grossi op. 6
Australian Brandenburg Orchestra, Leitung: Paul Dyer

Ich höre das jetzt nach Montag Nacht zum zweiten mal. Mein Ersteindruck vorgestern war ziemlich schlecht - zunächst mal störte mich die bizarre Abfolge der Concerti (CD I: 12, 3, 8, 6, 2, 7; CD II: 5, 9, 1, 10, 4, 11). Gut, das sagt nix über die Interpretation. Dann hatte ich aber auch den Eindruck eines eher braven, glättenden Zugriffs und einer tendenziellen Überforderung der Concertino-Gruppe.

Heute höre ich das anders (vielleicht weil ich wacher bin und zudem die Mucke auch was lauter läuft, somit auch an Tiefenschärfe gewinnt). Ich höre heute eine sehr kraftvolle und farbige Interpretation, die nie zur Überzeichnung neigt; in der musikalische Rhetorik sehr fein und nuanciert ausgespielt wird, ohne die »Klangrede« zu forcieren (oder sie forcieren zu müssen, um sich interessant zu machen). Wundervoll grundiert ist diese Einspielung, die Interpretationen sind deutlich vom Basso continuo aus entwickelt (was mir gut gefällt), das Cembalo (oder die Kammerorgel) klimpern nicht irgendwo im Hintergrund herum, sondern werden - IMO ganz zurecht - ganz klar als Fundament des musikalischen Geschehens in Szene gesetzt (auch wenns dann hin und wieder ein wenig bassig dröhnend gerät). Da hat sich Herr Dyer schon was richig Feines ausgedacht. Und sein kleines Orchester spielt ganz fantastisch.

Nicht durchgehend überzeugend finde ich die Wahl der Tempi. So ist mir die Allemande des c-moll Konzert ein wenig zu harmlos schreitend. Die langsamen Sätze nimmt Dyer für meinen Geschmack ohnehin in der Tendenz zu entspannt, kontrastiert diese dann mit überaus forcierten Temi in den schnelleren Sätzen - was seine Solisten tatsächlich bisweilen überfordert (im zweiten Satz [also dem ersten Allegro] des h-moll-Concertos zum Beispiel rennen die beiden Concertino-Violinen ihrem cembalierenden Dirigenten ganz schön hinterher).

Alles in allem eine Einspielung von Händels op. 6, die sich unbedingt hören lassen kann - und die ich sicher noch häufig hören werde.


Beim Wiederhören haben sich die positive Eindrücke nachhaltig verfestigt!

Viele Grüße,
Medard
Unbekannt Samstag, 27. November 2010, 13:57
Ich bevorzuge die Aufnahme von Hogwood (dessen hier abgeklärter und nie forcierter Zugriff mir sehr gut gefällt) und die ihr im Ausdrucksgestus recht diametral entgegenstehende Interpretation Antoninis - den Schriffheiten des letzteren kann ich einiges abgewinnen.

Harnoncourt exalterte Lesart schätze ich ebenfalls, höre sie aber nur selten. Ich finde die Tempi allerdings tendenziell durchaus verschleppt (man höre etwa mal die Allemande zu Beginn des c-moll Kontzert, der alles tänzerische gewaltsam ausgetrieben wird).


Das ist nun in der Tat der einzige Satz, der mir selbst eingefallen war, als es hieß, die Tempi seien verschleppt. Der Beginn des 1. Konzertes ist mir dagegen sogar eher zu hektisch, auch wenn die Gegensätze sehr schön herausgearbeitet sind. Die meisten Tempi sind, wenn überhaupt, nur einen Tick langsamer als bei den flotteren HIPisten. Dafür wird eben niemals irgendwas einfach nur flott runtergenudelt. Aber wie gesagt, ich höre Harnoncourt ja gerade, weil ich nicht noch eine weitere elegant-noble oder locker-spritzige Einspielung brauche. "Euch ist bekannt, was wir bedürfen, wir wollen stark' Getränke schlürfen!" Den Manze habe ich allerdings noch nicht richtig gehört (die Box hatte ich eher wg. op.3 und 4 gekauft), scheint mir aber schlanker als Hogwood. Letzterer gefällt mir, wie gesagt, auch sehr gut; das war meine erste Gesamtaufnahme, allerdings hatte ich eine Auswahl mit Harnoncourt schon vorher. Noch eine weitere Alternative brauche ich z Zt. eigentlich nicht. Zumal ich Non-HIP noch Marriner und 2/3 mit Scherchen (die sollten mal die hören, denen Harnoncourt extrem vorkommt :D Oder Furtwängler! Mit dem habe ich das d-moll-Konzert, klingt wie Musik zu Dr. Mabuse :D:D) besitze. Andererseits ist op.6 meine liebste barocke Konzertsammlung...
Leider hat MAK nie Händel-Konzerte eingespielt; das wäre sicher auch interessant gewesen.

viele Grüße

JK jr.
Unbekannt Samstag, 27. November 2010, 14:23
Den Manze habe ich allerdings noch nicht richtig gehört (die Box hatte ich eher wg. op.3 und 4 gekauft)


Die Manze-Box habe ich letzthin auch gekauft - op. 6 (und alles andere auch) bisher aber nur mal nebenbei gehört, so dass sich bisher kein Eindruck verfestigen konnte.

Harnoncourt werde ich jetzt mal rauskramen und in den Player schieben ...

Tschö,
Medard
Unbekannt Montag, 29. November 2010, 07:24
Die Aufnahmen mit dem Collegium Musicum 90 und Simon Standage habe ich auch.
Allerdings finde ich, obwohl diese Aufnahmen ganz hervorragend gespielt sind und mir echt gut gefallen, dass hier der "Concerto Grosso" Charakter durch die Oboen verloren geht.

In dieser Interpretation klingen die Concerti wie eine Fortführung von Op.3 - als Alternative sicher unbedingt reizvoll.

Thema Harnoncourt - ich habe absolut nichts gegen die Person, ganz im Gegenteil - aber seine Art der Interpretation ist mir zu grobschlächtig.
Es ist alles so entsetzlich Buchstabiert, diese Überbetonung der Takte stört den musikalischen Fluss.
Seinen Aufnahmen kann ich absolut nichts abgewinnen, stehen sie doch für mich im Wiederspruch zur höfischen Eleganz des 17. und 18. Jahrhundert.
Allerdings seine Schriften schätze ich dagegen sehr.
Unbekannt Montag, 29. November 2010, 10:02
Die Aufnahmen mit dem Collegium Musicum 90 und Simon Standage habe ich auch.
Allerdings finde ich, obwohl diese Aufnahmen ganz hervorragend gespielt sind und mir echt gut gefallen, dass hier der "Concerto Grosso" Charakter durch die Oboen verloren geht.
In dieser Interpretation klingen die Concerti wie eine Fortführung von Op.3 - als Alternative sicher unbedingt reizvoll.

Genau - gerade dieser Aspekt macht diese Einspielung interessant - für mich gehören die Oboen zum Handel-Sound einfach dazu ...

Das wäre einen eigenen Thread wert, wie aus der Idee des Concerto grosso u.a. diese vielen Formen des Concerto per molti stromenti usw. entstanden sind - da gibt es eine große Vielfalt.
Unbekannt Montag, 29. November 2010, 15:30
Ja unbedingt, zumal in England der Begriff "Concerti Grossi" wohl wesentlich weiter gefasst wurde.
Denn z.B. diese Werke hier:



wurden, so glaube ich, in Dublin veröffentlicht, wenn das Concerti Grossi sein sollen, das sind auch Bachs Brandenburgische Konzerte, Concerti Grossi :D
(oder es beweist einmal mehr, dass man mit dem Schubladen-System nicht sehr weit kommt)


Die Concerti von Brassanti sind absolut ein Tipp wert, im Grunde wohl am ehesten "Concerti per molti stromenti"
Unbekannt Montag, 29. November 2010, 18:20
In dem Zusammenhang, ist diese Aufnahme noch interessant:




Die Concerti Grossi von Pietro Castrucci (1679 - 1752) sind nicht nur wirklich großartige Werke, sie würden auch glatt als Werke Händels durchgehen.
Kein Wunder, so war Pietro Castrucci wie sein Bruder Prospero ( :D ) Mitglied in Händels Orchester in London.
Pietro soll auch Schüler Corellis gewesen sein.

Die Concerti haben eine große Ähnlichkeit mit den Werken Händels und das Händelfestspielensemble Halle spielt nicht nur HIP sondern auch feurig und zugleich elegant.
Eine wirklich gelungene Aufnahme, der das Cover keinesfalls gerecht wird - was soll das ???
Übrigens wird auch hier das frz. Trio [2 Oboen und Fagott] zu dem Streicherensemble hinzugezogen.
Anscheind in London eine gängige Praxis ?
Unbekannt Montag, 29. November 2010, 21:53

Zitat

Die Form des Concerto Grosso entstand etwa im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts in Rom
In einer etwas älteren CD-Info ("Baroque in Italy" Malgoire und Scimone spielen Concerti von Albinoni, Vivaldi, Marcello, Geminiani, Scarlatti und Locatelli, 1991) habe ich vor kurzem gelesen, dass der "Ursprungsort des Concerto grosso...in der Gelehrtenstadt Bologna" (Zitat: Dorothea Schröder) zu suchen ist. Für die Gottesdienste in der Basilika San Petronino wurden viele instumentale Werke komponiert, da die Accademia Filarmonica auch in dieser Stadt beheimatet war. Corelli hat sich sicher sehr beeinflussen lassen, da er ja in Bologna aufgewachsen ist.


Rom wird immer als Zentrum von allem angesehen. Ich glaube schon, dass Bologna da eine Rolle gespielt hat. Habe sowieso Lust, einmal einen kleinen Aufsatz über Bologna als Zentrum der Barockmusik zu verfassen.
Unbekannt Montag, 29. November 2010, 23:37
Der erste, der ein Concerto grosso schrieb (wenn ich recht erinnere als Sinfonia für ein Vokalwerk), war Alessandro Stradella - wahrscheinlich in Rom. Thread über Stradella ist in Arbeit ... :pfeif:
Unbekannt Dienstag, 30. November 2010, 04:12
Ich meine auch, dass mittlerweile das Concerto aus Bologna (vor allem Torelli) wieder etwas ganz eigenes gesehen werden kann.

Laut MGG (meiner drückt sich etwas um eine genaue Festlegung) wird auch Stradella als Urheber mehr oder weniger genannt.
Er benutzte die Form als Sinfonia für seine Opern und Oratorien, und schuf auch Arien die auf diesem Modell beruhen.

Die Concerti von Torelli, da sie sehr oft Solopartien enthalten, werden als Ursprung der Solo Konzerte gesehen, also als "Abart des römischen Concerto Grosso"

Letztlich wird als Ursprung die "concertierenden Sinfonias" und Sonaten des Frühbarock genannt, wie ich es schon angemerkt hatte, also Uccelini, Merula, Neri, Falconieri, Castello usw.

Zitat

Rom wird immer als Zentrum von allem angesehen.


findest Du ?
Außer dem Concerto Grosso und dem Oratorium fällt mir auf Anhieb nix ein.
Unbekannt Donnerstag, 2. Dezember 2010, 23:32
Ich hatte dabei mehr die Betonung des römischen Einflusses als Ganzes im Kopf, nicht konkrete Formen wie das Oratorium. Aber es war spät und ich habe nicht alles sorgsam durchdacht...

Zitat

Die Concerti Grossi stellen somit nicht nur einen letzten Höhepunkt der Gattung dar, sondern auch dessen Endpunkt.
Am Endpunkt stand eine Neuentwicklung. Im Radio hörte ich vor kurzem eine Veranstaltung der Martinu-Festtage in Basel, mit Schwerpunkt Concerto grosso. Dort wurde behauptet, dass Händel durch die Einführung eines zweiten Themas spätere Sinfonien erst möglich gemacht hatte.
Unbekannt Montag, 24. Oktober 2011, 05:53
Diese Wiederveröffentlichung von Christopher Hogwoods Aufnahme ist zwar etwas teurer, aber von Hogwood lizensiert und mit op. 3 als Zugabe:

Unbekannt Dienstag, 25. Oktober 2011, 23:34


Diese neue Aufnahme des Avison Ensemble gibt es momentan zum Sonderpreis, und ich kann sie nur wärmstens empfehlen! Der Leiter und erste Geiger des Ensembles, Pavlo Beznosiuk, hat in den letzten zwei Jahrzehnten reichlich Erfahrung in fast allen wichtigen HIP-Ensembles in England sammeln können (Academy of Ancient Music, English Concert, Orchestra of the Age of Enlightenment, Hausmusik), hat einen schönen, warmen Ton und ein schlüssiges Konzept. Die tempi sind flott, aber nicht gehetzt, das Ensemble ist überschaubar (4-4-2-2-1), hat aber genügend Klangkraft, um auch Grandiosität auszustrahlen, trotzdem Transparenz, aber einen kompakten Ensembleklang, spielt frisch, aber dabei voller Wärme - mit anderen Worten, die perfekte Balance ohne akademisch oder zu kalkuliert zu wirken, optimale Balance auf allen Ebenen. Schon lange hat mir keine Aufnahme dieser so oft gehörten Stücke so viel Freude beim Zuhören gemacht. Und der Klang ist hervorragend, räumlich, aber nicht distanziert, kompakt aber transparent, brilliant und doch warm; auch das Cembalo (ein Dulcken-Nachbau) ist recht gut zu hören, die Orgel weniger, da etwas klein - aber sonst - perfekt, aber nicht perfektionistisch. Auch wer keinen Super-Audio-CD-Spieler besitzt, bekommt hier eine der beiden am besten klingenden Aufnahmen dieser Werke (die andere ist die von Arte dei Suonatori, die im Vergleich etwas verspielter und kammermusikalischer wirkt. Das Avison Ensemble spielt einen seine italienischen Einflüsse nicht verleugnenden, frischen Händel in bester englischer Tradition.