Unbekannt
Donnerstag, 25. November 2010, 08:03
Von Händel existieren zwei Sammlungen von Concerti Grossi, die 6 Konzerte Op. 3 und die 12 Konzerte Op. 6.
Wobei die erste Sammlung keine echten Concerti Grossi darstellen, sondern vielmehr, ähnlich wie die Brandenburgischen Konzerte von Bach oder die Dresdner Konzerte von Vivaldi oder Heinichen, als „Concerts pour plusieurs Instruments“ (Konzerte für mehrere Instrumente) bezeichnet werden müssten.
Op.6 stellen hingegen "echte" Concerti Grossi nach dem Vorbild Corellis bzw. nach römischen Vorbild dar.

Die Form des Concerto Grosso entstand etwa im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts in Rom.
Dort wurde zu Festlichkeiten an den Höfen der Kirchenfürsten und der exliierten schwedischen Königin Christina, große Konzerte gegeben - oft mit mehr als 150 Musikern.
Diese großen Konzerte wurden auch an den hohen kirchlichen Festtagen aufgeführt und beim Hochamt. In ganz Rom gab es solche Veranstaltungen, mit Ausnahme des Vatikans, denn in der heiligsten Kirche der Christenheit waren Instrumente (selbst die Orgel) nach wie vor nicht gestattet.
Händel lernte diese Aufführungen wärend seiner Italienreise selbst kennen und spielte an der Seite Corellis und Scarlattis.
Das Concerto Grosso entstand aus der Sonate, wie sie von Bertali, Uccelini und vielen anderen entwickelt worden war. Das Concerto Grosso war hingegen größer besetzt als die Sonate, ausschließlich für Streicher gedacht und hat einen ganz markantes Stilelement: Das Orchester (Tutti) befindet sich im ständigen Dialog mit 2 oder 4 Violinen (Concertino) letztlich war es da nur ein kleiner Schritt zum Solokonzert.
Das Concerto Grosso besteht nicht, wie das spätere (Solo) Concerto des Barock, aus drei Sätzen, sondern meist aus mehreren Sätzen und hat erst mal dadurch formal eine gewisse Ähnlichkeit zur französischen Orchestersuite.
Zumal die Concerti da Camera (also Concerti Grossi für weltliche Anlässe) auch über Tanzsätze verfügen, während die Concerti da Chiesa (Kirchenkonzerte für geistliche Anlässe) nur stilisierte Sätze mit Bezeichnungen wie Largo, Presto, Allegro aufweisen.
Diese Tanzsätze haben jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit den Französischen Gegenstücken.
Die meisten Sammlungen der Zeit beinhalten 6 oder 12 Konzerte von denen jeweils die Hälfte mit „da chiesa“ und „da camera“ bezeichnet ist. Diese Bezeichnungen für den „Verwendungszweck“ sind ebenfalls eine Übernahme aus der Sonatenliteratur.
Bei Händel und vielen anderen Komponisten des späten Barock gibt es diese Unterteilung eigentlich nicht mehr, da sich die Konzerte längst zur reinen Konzertmusik wandelten und sich völlig aus dem geistlichen Kontext herausgelösten.
Genau wie die Oratorien, die zwar biblische Themen hatten, aber nur selten in sakralen Räumen aufgeführt wurden.
Oder die großen Motetten in Frankreich, die zwar in Versailles noch zur Messe gespielt wurden, in Paris jedoch längst als Konzertwerke im „Concert Spirituel“ aufgeführt und oft extra auch dafür komponiert wurden – bezeichnenderweise oft in Verbindung mit italienischen Concerti von Corelli, Torelli und Vivaldi.
Das Concerto Grosso erreichte seine erste große Blüte mit Arcangelo Corelli und seinen 12 Konzerten Op.6.
Diese Konzerte verbreiteten sich wie kaum eine andere Werksammlung über ganz Europa und beeinflusste eine ganze Generation von Komponisten.
Corelli war der italienische Gegenpol zu Lully und beide Komponisten wurden zu Galionsfiguren der beiden populären Nationalstile.
Couperin nahm diesen Umstand zum Anlass um für beide Komponisten Apotheosen zu verfassen und sie im Elysium schließlich freundlich vereint zusammen spielen zu lassen.
Auch wenn es immer heißt, in Frankreich wurde der italienische Stil rigoros abgelehnt, so ist das nicht ganz richtig. Viele Komponisten komponierten, ebenfalls von Corelli fasziniert, ähnliche Werke und in der Sammlung der Hofmelodien, die Louis XIV persönlich aussuchte, finden sich auch nicht wenige Werke Corellis!
In der Folgezeit entstanden unzählige Konzerte im Stil Corellis oder Bearbeitungen.
Besonders erwähnenswert sind die 12 Concerti „L’Estro armonico“ von Vivaldi, die sich allerdings schon sehr von Corellis Vorbild entfernen und gewissermaßen den venezianischen Concerto Stil einläuten, der dann vor allem durch Vivaldi, Albinoni und den Brüdern Marcello in Europa populär wurde.
Händel komponierte seine Concerti in atemberaubend kurzer Zeit, sie entstanden in kaum einem Monat, man geht vom 29. September bis zum 30 Oktober 1739 aus.
Händel war ein Genie im Verarbeiten von musikalischem Material. Dies wird vor allem deutlich, wenn man einen größeren Einblick in die Musik der Epoche bekommt. So hat er sich offenkundig bei Domenico Scarlattis Essercizi per gravicembalo bedient, die kurz zuvor in London im Druck erschienen und auch seine eigenen Werke, z.B. einige Orgelkonzerte geplündert, anders wäre die kurze Zeit in der die Konzerte entstanden auch kaum zu erklären.
Das entwertet diese Concerti keinesfalls, denn würde man so strenge Maßstäbe anlegen, so bliebe von vielen Meisterwerken kaum etwas übrig.
Denn trotz allem sind es atemberaubend schöne Werke, wie sie typischer für die Gattung kaum sein könnten.
Ungewöhnlich ist vielleicht erst mal, dass Händel diese Konzerte zu einer Zeit komponierte, als diese Gattung schon fast aus der Mode war und auf dem Kontinent wohl kaum noch in dieser Form gespielt wurde.
Die 30er Jahre des 18. Jahrhunderts waren für Händel eine schwere Zeit voller Misserfolge und beruflicher und gesundheitlicher Katastrophen.
Er musste nicht nur schwere finanzielle Schläge verkraften, mit italienischen Opern hatte er keine Erfolge mehr, der letzte große Erfolg „Alcina“ lag mehr als 4 Jahre zurück. Der Opernstreit mit der Opera of Nobility mit dem Star-Kastraten Farinelli hatte zu einer Übersättigung des Publikums geführt.
Die Erfolge der Beggar's Opera kamen auch noch hinzu. Ein Schlaganfall war schließlich der Gipfel der Misere.
Und doch erholte er sich und schöpfte neue Kraft und neue Ideen.
Die Concerti sind gewissermaßen die Eröffnung zu Händels Neubeginn in England als Komponist von Oratorien.
Schon in den Jahren zuvor war ihm aufgefallen, das Kompositionen in englischer Sprache und mit biblischen Themen ein viel größeres Publikum erreichten und stets erfolgreich waren.
Und mit seinen neuen Oratorien konnte er nun an die früheren Erfolge anknüpfen.
So wie er in seinen Opern in den Aktpausen Orgelkonzerte aufführte, wurden die Concerti Grossi als Pausen- oder Eröffnungsmusiken für die neuen Oratorien konzipiert.
Man darf dies keinesfalls als etwas negatives ansehen, in den Pausen zwischen den Akten einer Oper oder eines Oratoriums erwartete das Publikum ebeso hochwertige Werke.
Händel komponierte absichtlich NICHT auf der Höhe der Zeit, man vergleiche diese Concerti mit verschiedenen Werken von Sammartini, Stamitz oder Rameau aus der gleichen Epoche...
Denn Händel kannte sein Publikum und dessen konservativen Geschmack.
Und der Erfolg gab ihm schließlich Recht.
Die Concerti Grossi stellen somit nicht nur einen letzten Höhepunkt der Gattung dar, sondern auch dessen Endpunkt.
Lange musste ich suchen, bis ich eine Aufnahme fand die mir wirklich rundum gefiel.
Denn gerade diese Werke sind es ja, die fast schon zu oft von irgendwelchen Kammerorchestern mit breitestem Vibrato hingerichtet wurden.
Glücklicherweise hat Christopher Hogwood mit der Handel & Haydn Society eine hervorragende Aufnahme gemacht:
Ich habe noch die Aufnahmen mit Manze (Academy of Ancient Music) und Il Giardino Armonico. (und einige Aufnahmen aus früher Zeit, die ich besser nicht erwähne...)
Harnoncourt ist furchtbar - ich hab die Aufnahme entsorgt - die Tempi sind mir einfach zu schleppend (Langsame Sätze haben oft das gleiche Tempo wie die Sätze die mit Vivace, Presto oder Allegro bezeichnet sind)
Hogwoods Interpretation hat mir bisher am Besten gefallen, aufgrund der Eleganz, der Leichtigkeit und der passenden Tempi.
In einem alten harmoni Mundi France Katalog habe ich gesehen, dass es auch mal eine Aufnahme von William Christie gab - die würde mich sehr interessieren.
Gefunden habe ich jedenfalls nur eine CD, es gab aber zwei.
Wobei die erste Sammlung keine echten Concerti Grossi darstellen, sondern vielmehr, ähnlich wie die Brandenburgischen Konzerte von Bach oder die Dresdner Konzerte von Vivaldi oder Heinichen, als „Concerts pour plusieurs Instruments“ (Konzerte für mehrere Instrumente) bezeichnet werden müssten.
Op.6 stellen hingegen "echte" Concerti Grossi nach dem Vorbild Corellis bzw. nach römischen Vorbild dar.

[großes barockes Fest im Palazzo Barberini in Rom]
Die Form des Concerto Grosso entstand etwa im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts in Rom.
Dort wurde zu Festlichkeiten an den Höfen der Kirchenfürsten und der exliierten schwedischen Königin Christina, große Konzerte gegeben - oft mit mehr als 150 Musikern.
Diese großen Konzerte wurden auch an den hohen kirchlichen Festtagen aufgeführt und beim Hochamt. In ganz Rom gab es solche Veranstaltungen, mit Ausnahme des Vatikans, denn in der heiligsten Kirche der Christenheit waren Instrumente (selbst die Orgel) nach wie vor nicht gestattet.
Händel lernte diese Aufführungen wärend seiner Italienreise selbst kennen und spielte an der Seite Corellis und Scarlattis.
Das Concerto Grosso entstand aus der Sonate, wie sie von Bertali, Uccelini und vielen anderen entwickelt worden war. Das Concerto Grosso war hingegen größer besetzt als die Sonate, ausschließlich für Streicher gedacht und hat einen ganz markantes Stilelement: Das Orchester (Tutti) befindet sich im ständigen Dialog mit 2 oder 4 Violinen (Concertino) letztlich war es da nur ein kleiner Schritt zum Solokonzert.
Das Concerto Grosso besteht nicht, wie das spätere (Solo) Concerto des Barock, aus drei Sätzen, sondern meist aus mehreren Sätzen und hat erst mal dadurch formal eine gewisse Ähnlichkeit zur französischen Orchestersuite.
Zumal die Concerti da Camera (also Concerti Grossi für weltliche Anlässe) auch über Tanzsätze verfügen, während die Concerti da Chiesa (Kirchenkonzerte für geistliche Anlässe) nur stilisierte Sätze mit Bezeichnungen wie Largo, Presto, Allegro aufweisen.
Diese Tanzsätze haben jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit den Französischen Gegenstücken.
Die meisten Sammlungen der Zeit beinhalten 6 oder 12 Konzerte von denen jeweils die Hälfte mit „da chiesa“ und „da camera“ bezeichnet ist. Diese Bezeichnungen für den „Verwendungszweck“ sind ebenfalls eine Übernahme aus der Sonatenliteratur.
Bei Händel und vielen anderen Komponisten des späten Barock gibt es diese Unterteilung eigentlich nicht mehr, da sich die Konzerte längst zur reinen Konzertmusik wandelten und sich völlig aus dem geistlichen Kontext herausgelösten.
Genau wie die Oratorien, die zwar biblische Themen hatten, aber nur selten in sakralen Räumen aufgeführt wurden.
Oder die großen Motetten in Frankreich, die zwar in Versailles noch zur Messe gespielt wurden, in Paris jedoch längst als Konzertwerke im „Concert Spirituel“ aufgeführt und oft extra auch dafür komponiert wurden – bezeichnenderweise oft in Verbindung mit italienischen Concerti von Corelli, Torelli und Vivaldi.
Das Concerto Grosso erreichte seine erste große Blüte mit Arcangelo Corelli und seinen 12 Konzerten Op.6.
Diese Konzerte verbreiteten sich wie kaum eine andere Werksammlung über ganz Europa und beeinflusste eine ganze Generation von Komponisten.
Corelli war der italienische Gegenpol zu Lully und beide Komponisten wurden zu Galionsfiguren der beiden populären Nationalstile.
Couperin nahm diesen Umstand zum Anlass um für beide Komponisten Apotheosen zu verfassen und sie im Elysium schließlich freundlich vereint zusammen spielen zu lassen.
Auch wenn es immer heißt, in Frankreich wurde der italienische Stil rigoros abgelehnt, so ist das nicht ganz richtig. Viele Komponisten komponierten, ebenfalls von Corelli fasziniert, ähnliche Werke und in der Sammlung der Hofmelodien, die Louis XIV persönlich aussuchte, finden sich auch nicht wenige Werke Corellis!
In der Folgezeit entstanden unzählige Konzerte im Stil Corellis oder Bearbeitungen.
Besonders erwähnenswert sind die 12 Concerti „L’Estro armonico“ von Vivaldi, die sich allerdings schon sehr von Corellis Vorbild entfernen und gewissermaßen den venezianischen Concerto Stil einläuten, der dann vor allem durch Vivaldi, Albinoni und den Brüdern Marcello in Europa populär wurde.
Händel komponierte seine Concerti in atemberaubend kurzer Zeit, sie entstanden in kaum einem Monat, man geht vom 29. September bis zum 30 Oktober 1739 aus.
Händel war ein Genie im Verarbeiten von musikalischem Material. Dies wird vor allem deutlich, wenn man einen größeren Einblick in die Musik der Epoche bekommt. So hat er sich offenkundig bei Domenico Scarlattis Essercizi per gravicembalo bedient, die kurz zuvor in London im Druck erschienen und auch seine eigenen Werke, z.B. einige Orgelkonzerte geplündert, anders wäre die kurze Zeit in der die Konzerte entstanden auch kaum zu erklären.
Das entwertet diese Concerti keinesfalls, denn würde man so strenge Maßstäbe anlegen, so bliebe von vielen Meisterwerken kaum etwas übrig.
Denn trotz allem sind es atemberaubend schöne Werke, wie sie typischer für die Gattung kaum sein könnten.
Ungewöhnlich ist vielleicht erst mal, dass Händel diese Konzerte zu einer Zeit komponierte, als diese Gattung schon fast aus der Mode war und auf dem Kontinent wohl kaum noch in dieser Form gespielt wurde.
Die 30er Jahre des 18. Jahrhunderts waren für Händel eine schwere Zeit voller Misserfolge und beruflicher und gesundheitlicher Katastrophen.
Er musste nicht nur schwere finanzielle Schläge verkraften, mit italienischen Opern hatte er keine Erfolge mehr, der letzte große Erfolg „Alcina“ lag mehr als 4 Jahre zurück. Der Opernstreit mit der Opera of Nobility mit dem Star-Kastraten Farinelli hatte zu einer Übersättigung des Publikums geführt.
Die Erfolge der Beggar's Opera kamen auch noch hinzu. Ein Schlaganfall war schließlich der Gipfel der Misere.
Und doch erholte er sich und schöpfte neue Kraft und neue Ideen.
Die Concerti sind gewissermaßen die Eröffnung zu Händels Neubeginn in England als Komponist von Oratorien.
Schon in den Jahren zuvor war ihm aufgefallen, das Kompositionen in englischer Sprache und mit biblischen Themen ein viel größeres Publikum erreichten und stets erfolgreich waren.
Und mit seinen neuen Oratorien konnte er nun an die früheren Erfolge anknüpfen.
So wie er in seinen Opern in den Aktpausen Orgelkonzerte aufführte, wurden die Concerti Grossi als Pausen- oder Eröffnungsmusiken für die neuen Oratorien konzipiert.
Man darf dies keinesfalls als etwas negatives ansehen, in den Pausen zwischen den Akten einer Oper oder eines Oratoriums erwartete das Publikum ebeso hochwertige Werke.
Händel komponierte absichtlich NICHT auf der Höhe der Zeit, man vergleiche diese Concerti mit verschiedenen Werken von Sammartini, Stamitz oder Rameau aus der gleichen Epoche...
Denn Händel kannte sein Publikum und dessen konservativen Geschmack.
Und der Erfolg gab ihm schließlich Recht.
Die Concerti Grossi stellen somit nicht nur einen letzten Höhepunkt der Gattung dar, sondern auch dessen Endpunkt.
Lange musste ich suchen, bis ich eine Aufnahme fand die mir wirklich rundum gefiel.
Denn gerade diese Werke sind es ja, die fast schon zu oft von irgendwelchen Kammerorchestern mit breitestem Vibrato hingerichtet wurden.
Glücklicherweise hat Christopher Hogwood mit der Handel & Haydn Society eine hervorragende Aufnahme gemacht:
Ich habe noch die Aufnahmen mit Manze (Academy of Ancient Music) und Il Giardino Armonico. (und einige Aufnahmen aus früher Zeit, die ich besser nicht erwähne...)
Harnoncourt ist furchtbar - ich hab die Aufnahme entsorgt - die Tempi sind mir einfach zu schleppend (Langsame Sätze haben oft das gleiche Tempo wie die Sätze die mit Vivace, Presto oder Allegro bezeichnet sind)
Hogwoods Interpretation hat mir bisher am Besten gefallen, aufgrund der Eleganz, der Leichtigkeit und der passenden Tempi.
In einem alten harmoni Mundi France Katalog habe ich gesehen, dass es auch mal eine Aufnahme von William Christie gab - die würde mich sehr interessieren.
Gefunden habe ich jedenfalls nur eine CD, es gab aber zwei.