Evaristo Felice Dall'Abaco (1675-1742): Ein Wegbereiter der Spätbarockmusik
Thematische Einführung
Evaristo Felice Dall'Abaco, geboren 1675 in Verona und verstorben 1742 in München, repräsentiert eine faszinierende Figur im Übergang vom Hoch- zum Spätbarock. Als italienischer Virtuose auf Violine und Cello und als Komponist wirkte er primär am kurfürstlichen Hof in München und trug maßgeblich zur Etablierung eines kosmopolitischen Musikstils bei. Seine Kompositionen zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Verschmelzung italienischer Melodik, französischer Anmut und deutscher kontrapunktischer Tiefe aus, was ihn zu einem wichtigen, wenn auch oft unterschätzten, Bindeglied in der europäischen Musikgeschichte macht. Sein Œuvre, fast ausschließlich instrumental, bietet einen tiefen Einblick in die musikalischen Praktiken und ästhetischen Ideale seiner Zeit.
Historischer Kontext & Werkanalyse
Dall'Abacos musikalische Ausbildung fand vermutlich in Italien statt, wo er unter anderem in Modena bei Giuseppe Torelli studiert haben könnte – eine prägende Erfahrung, die seine Meisterschaft im Umgang mit Streichinstrumenten und seine kompositorische Herangehensweise an das Concerto Grosso stark beeinflusste. Die entscheidende Phase seiner Karriere begann jedoch 1704 mit seinem Eintritt in die Dienste des bayerischen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel. Dieser Hof, bekannt für seine musikalische Prachtentfaltung und seine weitreichenden politischen Ambitionen, bot Dall'Abaco die ideale Bühne. Er begleitete den Kurfürsten während dessen Exils in Brüssel und Frankreich (1704-1715), eine Zeit, die Dall'Abaco mit den neuesten musikalischen Strömungen Frankreichs – insbesondere der Lullyschen Tradition – vertraut machte. Nach der Rückkehr des Hofes nach München 1715 stieg er zum Hofkapellmeister auf, eine Position, die er bis zu seinem Ruhestand 1740 innehatte.
Sein Werk umfasst hauptsächlich sechs gedruckte Sammlungen, die zwischen 1705 und 1735 in Amsterdam und München erschienen sind und heute als Opus 1 bis 6 bekannt sind:
- Opus 1: *12 Sonate da Camera a tre* (Amsterdam, ca. 1705): Diese Triosonaten für zwei Violinen, Cello und Basso Continuo spiegeln den Einfluss Arcangelo Corellis wider, integrieren aber bereits französische Tanzsätze.
- Opus 2: *12 Concerti a quattro da Chiesa* (Amsterdam, ca. 1712): Hier präsentiert sich Dall'Abaco als Meister des Concerto da Chiesa, das eher für den Kirchenraum konzipiert ist und daher weniger ausgeprägte Tanzcharakteristika aufweist. Die Werke zeigen eine meisterhafte Beherrschung des kontrapunktischen Satzes und der orchestralen Farben.
- Opus 3: *12 Sonate da Chiesa e da Camera a tre* (Amsterdam, ca. 1715): Eine weitere Sammlung von Triosonaten, die die Hybridisierung des Stils fortsetzt, indem sie Elemente der Kirchensonate (langsam-schnell-langsam-schnell) mit denen der Kammersonate (Tanzsätze) verbindet.
- Opus 4: *12 Sonate da Camera a violino e violoncello solo con Basso Continuo* (München, ca. 1716): Diese Sammlung ist besonders bemerkenswert, da sie explizit das Violoncello als Solo-Instrument hervorhebt, was zu dieser Zeit noch relativ selten war. Sie zeugt von Dall'Abacos eigener Virtuosität auf diesem Instrument und ist stilistisch von hoher Raffinesse.
- Opus 5: *6 Concerti a più Istrumenti* (Amsterdam, ca. 1718): Diese Concerti zeigen eine Weiterentwicklung hin zu einer differenzierteren Instrumentation und formalen Struktur. Sie demonstrieren Dall'Abacos Fähigkeit, komplexe orchestrale Texturen zu schaffen und solistische Passagen kunstvoll einzubetten.
- Opus 6: *12 Concerti a più Istrumenti* (Amsterdam, ca. 1735): Die letzte veröffentlichte Sammlung von Concerti repräsentiert den Höhepunkt seines Schaffens. Sie ist von einer reifen Meisterschaft geprägt, die italienische Klarheit mit deutscher Polyphonie und der galanten Eleganz des französischen Stils verbindet. Hier finden sich auch Merkmale des späteren Concerto-Stils, die auf die Vorklassik vorausweisen.
Bedeutende Einspielungen & Rezeption
Obwohl Evaristo Felice Dall'Abaco zu Lebzeiten ein hoch angesehener Musiker war, geriet sein Werk nach seinem Tod etwas in Vergessenheit, überstrahlt von den Giganten Bach, Händel und Vivaldi. Im Zuge der Wiederentdeckung der Alten Musik im 20. und 21. Jahrhundert hat seine Musik jedoch zunehmend an Aufmerksamkeit gewonnen und wird von führenden Ensembles und Solisten der Historischen Aufführungspraxis (HIP) neu interpretiert.
Zu den bedeutenden Einspielungen gehören Aufnahmen seiner Concerti und Sonaten durch Ensembles wie das Concerto Köln, das Freiburger Barockorchester, L'Arte dell'Arco (unter Christopher Hogwood oder Federico Guglielmo), die Accademia Bizantina oder das Ensemble 415. Diese Interpretationen zeichnen sich durch die Verwendung historischer Instrumente, eine detailreiche Auseinandersetzung mit den Quellen und eine lebendige Musizierpraxis aus, die Dall'Abacos Stilvielfalt und Ausdruckskraft gerecht wird. Insbesondere die Aufnahmen seiner Violin- und Cellosonaten sowie der Concerti aus Opus 5 und 6 haben dazu beigetragen, seine Bedeutung für die Entwicklung des Barockkonzerts zu unterstreichen.
Dall'Abacos Rezeption hat sich gewandelt: Von einem zu Unrecht marginalisierten Komponisten wird er heute zunehmend als eine Schlüsselfigur wahrgenommen, die die nationalen Grenzen des europäischen Barockstils überwand. Seine Musik dient als exemplarisches Beispiel für die musikalische Globalisierung im 18. Jahrhundert, in der italienische Virtuosität, französische Eleganz und deutsche Formstrenge zu einer neuen, universellen Sprache verschmolzen. Seine Werke sind nicht nur historisch bedeutsam, sondern faszinieren auch heute noch durch ihre musikalische Qualität, ihre formale Ausgewogenheit und ihren Ausdrucksreichtum, was eine anhaltende Wertschätzung und Neuentdeckung seiner Musik rechtfertigt.