Domenico Scarlatti: Sonaten für Cembalo – Ein musikwissenschaftlicher Diskurs
Als führender Musikwissenschaftler betrachten wir Domenico Scarlattis monumentales Œuvre von über 550 Sonaten für Cembalo (oder ein ähnliches Tasteninstrument) als eine der bedeutendsten und originellsten Schöpfungen der europäischen Musikgeschichte. Diese Sammlung repräsentiert nicht nur den Zenith der Barockmusik für Tasteninstrumente, sondern weist auch wegweisend in die Ära der Wiener Klassik.
Thematische Einführung
Domenico Scarlattis Sonaten sind keine Sonaten im später kanonisierten Sinne der Mehrsätzigkeit, sondern vielmehr einzelne, in sich geschlossene Charakterstücke. Sie sind von einer schier unerschöpflichen Erfindungsgabe geprägt, die sich in ihrer rhythmischen Vitalität, harmonischen Kühnheit und virtuosen Brillanz manifestiert. Jede Sonate ist ein kleines Universum, oft von prägnanten Motiven getragen, die im Laufe des Stücks auf unterschiedlichste Weise beleuchtet und entwickelt werden. Scarlatti schafft hier eine Synthese aus italienischer Lyrik, spanischer Folklore und einer beispiellosen klanglichen Experimentierfreude, die bis heute fasziniert.
Historischer Kontext & Werkanalyse
Biografie und Einfluss
Domenico Scarlatti (1685–1757), Sohn des berühmten Opernkomponisten Alessandro Scarlatti, verbrachte seine prägenden Jahre in Italien, wo er wahrscheinlich bei seinem Vater und möglicherweise auch bei Bernardo Pasquini ausgebildet wurde. Seine Karriere führte ihn jedoch weit über die Grenzen Italiens hinaus: Nach Stationen in Venedig und Rom, wo er Georg Friedrich Händel in einem legendären Improvisationswettstreit begegnete, trat er 1719 in den Dienst des portugiesischen Hofes. Ab 1729 übersiedelte er mit der Infantin Maria Bárbara nach Spanien, wo er den Großteil seines Lebens als Hofkomponist verbrachte. Diese lange Schaffensperiode auf der Iberischen Halbinsel ist entscheidend für das Verständnis seiner Sonaten. Sie sind tief durchdrungen von den Klängen und Rhythmen der spanischen und portugiesischen Volksmusik, des Flamencos, der Gitarrenmusik und der exotischen Klangfarben, die er dort kennenlernte. Elemente wie Fandango-Rhythmen, imitierte Kastagnetten-Effekte, scharf-perkussive Akkorde und gitarrenähnliche Arpeggien finden sich immer wieder in seinen Werken.
Formale Analyse
Die überwältigende Mehrheit von Scarlattis Sonaten ist in einer bilateralen Form, oft als einsätzige binäre Form (A-B) beschrieben, angelegt. Beide Teile (A und B) sind in der Regel wiederholt. Der erste Teil (A) beginnt in der Grundtonart und moduliert in die Dominante (bei Dur) oder die Parallele (bei Moll). Der zweite Teil (B) beginnt in der erreichten Tonart und moduliert zurück zur Grundtonart. Innerhalb dieser scheinbar einfachen Struktur entfaltet Scarlatti eine erstaunliche Vielfalt:
- Thematische Einheit und Transformation: Oft wird ein einziges, prägnantes Motiv oder eine thematische Idee über das gesamte Stück hinweg entwickelt, modifiziert und in verschiedenen harmonischen Kontexten präsentiert.
- Virtuosität und Innovation: Scarlatti sprengte die Grenzen der damaligen Cembalotechnik. Seine Sonaten verlangen schnelle Tonrepetitionen, weite Sprünge, verschränkte Hände (crossing hands), kühne Arpeggien, Oktavparallelen und rasante Läufe. Dies war nicht nur technische Schau, sondern diente stets dem Ausdruck und der Gestaltung musikalischer Ideen.
- Harmonische Kühnheit: Scarlatti nutzte überraschende Dissonanzen, abrupte Tonartwechsel und plötzliche Harmoniewechsel, die seine Musik erfrischend unvorhersehbar machen und oft einen fast modernen Klang erzeugen.
- Rhythmische Vielfalt: Von tänzerischen, perkussiven Rhythmen bis zu lyrischen, kantablen Passagen – die rhythmische Palette ist immens und spiegelt oft die Tänze und Gesänge der iberischen Halbinsel wider.
- Formale Experimente: Obwohl die binäre Form dominant ist, finden sich auch Sonatenpaare (zwei Sonaten, die oft in der gleichen Tonart stehen und einen kontrastierenden Charakter aufweisen, als ob sie zusammengehören) und seltene dreisätzige Formen. Die berühmte Gliederung nach Ralph Kirkpatrick (K.) ist heute die meistgenutzte Katalogisierung, ergänzt durch die Verzeichnisse von Alessandro Longo (L.) und Emilia Fadini (F.).
Instrumentarium
Obwohl die Sonaten oft mit „für Cembalo“ bezeichnet werden, ist es wahrscheinlich, dass Scarlatti auch andere Tasteninstrumente wie das Hammerklavier oder sogar das Fortepiano gekannt und genutzt hat, die zu seiner Zeit in Spanien populär wurden. Die dynamischen Nuancen und percussiven Effekte vieler Sonaten legen nahe, dass er die spezifischen klanglichen Möglichkeiten eines jeden Instruments auslotete. Dennoch ist das Cembalo aufgrund seiner Klangfarbe und Artikulationsmöglichkeiten das historisch authentischste Instrument für die Interpretation der meisten dieser Werke.
Bedeutende Einspielungen & Rezeption
Scarlattis Sonaten zirkulierten zu Lebzeiten hauptsächlich in Manuskriptform am Hof und in adligen Kreisen. Die erste größere gedruckte Sammlung, die „Essercizi per Gravicembalo“ (30 Sonaten), erschien 1738. Eine breitere Rezeption erfolgte erst posthum, insbesondere im 19. Jahrhundert, als Komponisten wie Johannes Brahms und Frédéric Chopin seine Werke studierten. Eine wahre Renaissance erlebten Scarlattis Sonaten jedoch im 20. Jahrhundert.
Interpretationsgeschichte und Instrumentenfrage
Die Interpretationsgeschichte der Scarlatti-Sonaten ist eng mit der Entwicklung der historischen Aufführungspraxis verbunden. Während Pianisten wie Vladimir Horowitz, Arturo Benedetti Michelangeli, Dinu Lipatti oder Martha Argerich mit ihren brillanten Interpretationen die Sonaten einem breiten Publikum zugänglich machten und ihre musikalische Tiefe auf dem modernen Flügel offenbarten, setzten sich Cembalisten für die Wiedergabe auf dem historischen Instrument ein:
- Wanda Landowska: Sie war eine Pionierin der historischen Aufführungspraxis und trug maßgeblich zur Wiederentdeckung Scarlattis bei. Ihre Aufnahmen auf einem großen Pleyel-Cembalo haben bis heute Referenzcharakter.
- Scott Ross: Seine Gesamteinspielung aller über 550 Sonaten auf Cembalo in den 1980er Jahren ist ein Meilenstein und bleibt bis heute unerreicht in ihrer Vollständigkeit und interpretatorischen Dichte. Ross verstand es, die stilistische Vielfalt und den virtuosen Anspruch Scarlattis mit höchster technischer Perfektion und musikalischer Sensibilität zu verbinden.
- Trevor Pinnock, Pierre Hantaï, Andreas Staier, Richard Egarr: Diese Cembalisten und viele andere haben in den letzten Jahrzehnten zahlreiche hervorragende Einspielungen vorgelegt, die die unterschiedlichen Facetten Scarlattis – von der ausgelassenen Tanzfreude bis zur intimen Melancholie – beleuchten und die klanglichen Möglichkeiten historischer Instrumente ausloten.
Vermächtnis
Domenico Scarlatti hinterließ mit seinen Cembalosonaten nicht nur eine enorme Menge an Musik, sondern auch ein Erbe, das die Entwicklung der Tastenmusik nachhaltig beeinflusste. Seine formalen Experimente und sein Umgang mit motivischer Entwicklung legten den Grundstein für spätere Sonatenformen. Seine Virtuosität und technische Innovation erweiterten die Möglichkeiten des Tasteninstruments enorm. Scarlatti bleibt eine zentrale Figur im Übergang vom Barock zur Klassik, dessen Musik bis heute durch ihre Originalität, Energie und tiefgründige Schönheit besticht.