Dietrich Buxtehude (1637-1707): Die instrumentale Kammermusik

Thematische Einführung

Dietrich Buxtehude, eine der zentralen Figuren des norddeutschen Hochbarock, ist heute vor allem für sein umfangreiches Orgelwerk und seine geistlichen Vokalmusiken bekannt. Weniger im Fokus der breiten Öffentlichkeit, doch von immenser musikgeschichtlicher Bedeutung und künstlerischer Qualität, steht seine instrumentale Kammermusik. Diese Werkgruppe, insbesondere die beiden gedruckten Sammlungen von Sonaten, offenbart Buxtehudes Meisterschaft in der Beherrschung des damals modernen italienischen Stils, gepaart mit einer unverwechselbaren norddeutschen Expressivität und formalen Kühnheit. Sie repräsentieren einen Höhepunkt der Triosonatenkunst im späten 17. Jahrhundert und bieten einen tiefen Einblick in die instrumentale Praxis und Ästhetik seiner Zeit.

Historischer Kontext & Werkanalyse

Buxtehudes Tätigkeit als Organist und Werkmeister an der Marienkirche in Lübeck prägte sein musikalisches Schaffen. Seine berühmten 'Abendmusiken', öffentliche Konzerte außerhalb des liturgischen Rahmens, zeugen von einem reichen Musikleben und einer Experimentierfreude, die sich auch in seiner Kammermusik manifestierte. Er stand im Austausch mit den musikalischen Strömungen seiner Zeit, absorbierte italienische Einflüsse (etwa von Arcangelo Corelli oder Giovanni Legrenzi) und verschmolz sie mit der deutschen Tradition des `Stylus fantasticus`, einer freien, improvisatorischen Kompositionsweise, die durch plötzliche Stimmungs- und Tempowechsel, virtuose Passagen und harmonische Kühnheiten gekennzeichnet ist.

Das Herzstück von Buxtehudes instrumentaler Kammermusik bilden zwei Sammlungen von je sieben Sonaten, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurden:

1. Opus 1 (BuxWV 252-258): *VII Suonate à due, Violino & Viola da Gamba, con Cembalo, opera prima* (1694)

2. Opus 2 (BuxWV 259-265): *VII Suonate à due, Violino & Viola da Gamba, con Cembalo, opera seconda* (1696)

Diese Sonaten sind für die Besetzung Violine, Viola da Gamba und Basso continuo (Cembalo, Orgel, Theorbe oder Laute) geschrieben. Die Wahl der Viola da Gamba als obligates Instrument neben der Violine ist bemerkenswert und reflektiert die damals noch hohe Wertschätzung dieses Instruments, insbesondere in Deutschland. Buxtehude behandelt beide Oberstimmen gleichermaßen virtuell und dialogisch, was zu einer faszinierenden klanglichen und kontrapunktischen Interaktion führt.

Musikalische Merkmale und Analyse:
  • Struktur: Die Sonaten sind typischerweise mehrteilig und gliedern sich in eine Abfolge kontrastierender Abschnitte, die sich in Tempo, Metrum, Affekt und Textur unterscheiden. Anstatt der klaren Trennung in einzelne Sätze, wie sie später in der italienischen Sonate üblich wurde, gehen Buxtehudes Abschnitte oft nahtlos ineinander über, manchmal durch abrupte Wechsel unterbrochen, was dem `Stylus fantasticus` entspricht.
  • Virtuosität: Beide Melodieinstrumente sind mit anspruchsvollen Passagen bedacht. Die Violine brilliert mit schnellen Läufen, Doppelgriffen und Arpeggien, während die Viola da Gamba nicht nur eine harmonische Stütze bildet, sondern auch mit komplexen Figurationen, akkordischem Spiel und tiefgehenden melodischen Linien auftritt.
  • Harmonik und Kontrapunkt: Buxtehude nutzt eine reiche und oft expressive Harmonik. Der kontrapunktische Satz ist dicht, mit Imitationen und dialogischen Abschnitten, die die Stimmenführung lebendig gestalten.
  • Affekt: Die Musik ist reich an Affekten und Stimmungen, die oft innerhalb weniger Takte wechseln können. Von majestätischen Eröffnungen über melancholische Adagios bis hin zu lebhaften Fugen oder tanzartigen Abschnitten reicht das Spektrum.
  • Basso continuo: Der Continuo-Part ist nicht bloße Begleitung, sondern oft eng in das musikalische Geschehen eingebunden, bietet rhythmische Impulse und harmonische Fundierung.
Neben diesen beiden Hauptwerken existieren noch einige einzelne Sonaten für ähnliche Besetzungen, die Buxtehudes Experimentierfreude und seine stilistische Vielfalt weiter belegen.

Bedeutende Einspielungen & Rezeption

Zu seinen Lebzeiten genossen Buxtehudes Kammermusiken hohe Wertschätzung, wie etwa die berühmte Reise des jungen Johann Sebastian Bach nach Lübeck belegt, bei der er vermutlich auch Buxtehudes Instrumentalwerke kennenlernte. Nach seinem Tod geriet die Kammermusik Buxtehudes jedoch lange Zeit in Vergessenheit, überschattet von der Dominanz anderer Komponisten und dem Bedeutungsverlust der Viola da Gamba zugunsten des Violoncellos.

Die Wiederentdeckung und Neubewertung von Buxtehudes Kammermusik setzte maßgeblich im 20. Jahrhundert mit dem Aufkommen der Historischen Aufführungspraxis ein. Period Instrument-Ensembles haben das einzigartige Klangbild und die stilistische Eigenart dieser Werke eindrucksvoll wiederbelebt. Bedeutende Einspielungen, die das Verständnis und die Popularität dieser Musik gefördert haben, sind unter anderem:

  • John Holloway (Violine), Jaap ter Linden (Viola da Gamba), Lars Ulrik Mortensen (Cembalo): Ihre Gesamteinspielung der Sonaten (erschienen bei Dabringhaus und Grimm) gilt oft als Referenzaufnahme, die durch technische Brillanz und interpretatorische Tiefe besticht.
  • Trio Sonnerie (Monica Huggett, Sarah Cunningham, Mitzi Meyerson): Eine weitere herausragende Einspielung, die die expressive Qualität und den Dialogcharakter der Werke hervorhebt.
  • Ens. Romanesca (Andrew Manze, Paolo Pandolfo, Richard Egarr): Bietet eine lebendige und virtuose Interpretation mit großer Affekt-Tiefe.
  • Ricercar Consort (Philippe Pierlot): Ihre Aufnahmen tragen ebenfalls maßgeblich zur Verbreitung und Wertschätzung dieser Werke bei.
Heute ist Buxtehudes instrumentale Kammermusik ein fester und geschätzter Bestandteil des Repertoires für Barockensembles. Sie bezeugt nicht nur die Innovationskraft eines großen Komponisten, sondern auch die reiche und vielfältige Klangwelt des norddeutschen Barock, die weit über das Orgelwerk hinausgeht und einen wichtigen Vorläufer für das Schaffen späterer Meister darstellt.