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Der Pedalflügel im 19. Jahrhundert

Unbekannt Freitag, 21. Oktober 2011, 17:03
Besaitete Tasteninstrumente mit einem Pédalier sind schon seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar - als Pedalclavichorde und Pedalcembali. Ihre Funktion scheint vor allem die von Übungsinstrumenten für Organisten gewesen zu sein, denn alleine in den Kirchen zu üben war damals weder angenehm (im Winter!) noch bezahlbar (ohne Kalkanten keine Luft). Hinweise für die Verwendung als Konzertinstrument gibt es erst im 18. Jahrhundert: möglicherweise stand Bach in Leipzig ein Pedalcembalo zur Verfügung; Leopold Mozart berichtet in Briefen vom Spiel seines Sohnes auf einem solchen Instrument, wobei nicht klar ist, ob es ein bekieltes oder mit Hämmern ausgestattetes war.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts scheinen Hammerklaviere mit separatem Pedalier in Podestform oder als integriertes Komplettinstrument häufiger gebaut worden zu sein, auch hier vornehmlich als Übungsinstrument für Organisten. Darüber hinaus begannen sich einige Komponisten für das Pedalklavier als Konzertinstrument zu interessieren - Robert Schumann scheint der erste in Deutschland gewesen zu sein, nachdem er eines im Dresdner Konservatorium spielen konnte. Er mietete ein Pedalier für das Spiel zuhause und komponierte 3 opera für das Instrument. Er versprach sich davon neue Impulse für die Klavierkomposition. Doch das Echo im deutschen Sprachraum blieb gering, lediglich Franz Liszt lies 1850 die Fantasie und Fuge über „Ad nos, ad salutarem undam“ mit ausdrücklichem Hinweis auf den Pedalflügel auf dem Titelblatt drucken. Bei einem der Orgelwerke Brahms' ist die Bestimmung nicht sicher.

In Frankreich war die Verwendung häufiger, nachdem die Firma Érard ihren Pedalflügel ausstellte und bewarb. Charles-Valentin Alkan bekam den Prototyp nach einigen Konzerten in seiner Wohnung zur Verfügung gestellt. A. P. F. Boëly schrieb eine Reihe von Bach-inspirierten Stücken, Gounod und Saint-Saëns komponierten sogar für Pedalflügel mit Orchester. Insgesamt ist das französische Repertoire am umfangreichsten. Nach 1900 geriet das Instrument mit der Vereinheitlichung des Klavierklangs aber in Vergessenheit, wenn überhaupt, wurden die Kompositionen auf der Orgel gespielt, wie z.B. Robert Schumanns Stücke.

Mit der Wiederentdeckung einiger spielbarer Pedaliers vor allem von Érard und Pleyel besteht die Chance, dass ein Teil der Kompositionen zumindest auf Tonträger wieder in der intendierten Klanggestalt erklingt.

Einen kurzen Überblick über Geschichte und Repertoire hat Martin Schmeding verfasst:
Schmeding, Martin: Der Pedalflügel - instrumentale Revolution oder Sackgasse der musikalischen Evolution? Zum 200. Geburtstag von Robert Schumann. Ars Organi 58, 2010, 139-145.
(Link zur pdf-Datei)
Unbekannt Freitag, 21. Oktober 2011, 17:11
Martin Schmeding hat sich in seinem oben angegebenen Artikel die Mühe gemacht, alle spezifisch für den Pedalflügel (nicht das Pedalcembalo oder -Clavichord) komponierten Werke zusammen zu suchen - ich zitiere seinen Artikel:


W. A. Mozart (1756–1791): Konzert d-Moll KV 466 (1785, Bestimmung für den Pedalflügel unsicher).

R. Schumann (1810–1854): Sechs Studien op. 56 (1845)
ders.: Vier Skizzen op. 58 (1845)
ders.: Sechs Fugen über den Namen BACH op. 60 (1845/46)
ders.: Kanon D-Dur, aus „Albumblätter“ op. 124, 2 (ca. 1845).

Franz Liszt (1811–1886): Fantasie und Fuge über „Ad nos, ad salutarem undam“ (1850).

Johannes Brahms (1833–1897): Präludium und Fuge g-Moll WoO10 (ca. 1856/57, Bestimmung für den Pedalflügel unsicher).

A. P. F. Boëly (1785–1858): Douze Pièces op. 18 (1856).

Charles-Valentin Alkan (1813–1888): Benedictus op. 54 (1859)
ders.: Kanon G-Dur (Fragm., 1863)
ders.: Treize Prières op. 64 (1865)
ders.: Douze Études pour les Pieds (1866)
ders.: Impromptu sur le Choral de Luther „Un fort rempart est notre Dieu“ op. 69 (1866)
ders.: Onze Grands Préludes et une transcription du Messie de Händel op. 66 (1857–67).

Charles Gounod (1818–1893): Marche Solennelle (1878)
ders.: Fantasie sur l’hymne national russe (m. Orch., 1886)
ders.: Suite Concertante (m. Orch., 1888)
ders.: Danse Roumaine (m. Orch., 1896).

Théodore Salomé (1834–1896): Dix Pièces (ca. 1890).

Camille Saint-Saëns (1835–1921): Concerto (m. Orch., erste Version des 2. Klavierkonzerts, 1868).

Alexandre Guilmant (1837–1911): Paraphrase de Handel (1904).

Théodore Dubois (1837–1924): Douze Pièces.

Eugène Gigout (1844–1925): Dix Pièces.

Samuel Rousseau (1855–1904): Fantaisie op. 73 (1894).

Hans Fährmann (1860–1940): Sechs Pedal-Etüden op. 14
ders.: Lyrische Stücke op. 19.

Léon Boëllmann (1862–1897): Douze Pièces op. 16 (1891).

Fabrizio Marchionni (*1976): S’Indàssa (2000).

Franco Oppo (*1935): Freu dich sehr, o meine Seele (2000).

Jean Guillou (*1930): Epitases (2002).

Charlemagne Palestine (*1945/47): From Etudes to Cataclysm (2005).

Es ist auffällig, wie viele Franzosen auf der Liste sind, die allesamt auch für Orgel komponiert haben und guite Organisten waren. Seit dem Jahr 2000 werden interessanterweise auch wieder Neukompositionen für das Instrument angefertigt.
Unbekannt Freitag, 21. Oktober 2011, 17:25
Diese 2005 erschienene CD von Martin Schmeding ist erstaunlicherweise die erste, die diese Werke Robert Schumanns auf dem Instrument präsentiert, für das sie bestimmt waren, einem Pedalfügel. Schmeding fand ihn in einer belgischen Klaviersammlung ...
Die Kritik warf ihm mechanisches, eher ausdrucksloses Spiel vor, aber diese Stücke haben eine expressive Überladung gar nicht nötig, sondern wirken aus sich heraus. Schumann schrieb sie, inspiriert von einem Pedalflügel im Dresdner Konservatorium, um eine persönliche Krise zu überwinden, aus der ihm das tägliche Studium des Wohltemperierten Claviers heraushalf, und um durch das im Bassbereich erweiterte Klangspektrum neue Impulse für die Komposition von Klaviermusik zu geben - aber nur sehr wenige Kollegen griffen die Idee auf (z.B. Charles Alkan). Die Schumanns mieteten dann ein Pedal für ihren Flügel zuhause. Das Instrument in Schmedings Aufnahme besteht auch aus einem üblichen Pleyel-Flügel und einem von der gleichen Firma unabhängig davon gebauten Pedal - das ist dann wie ein Podium, auf das der Fügel gestellt wird.
Wegen der Seltenheit von Pedalflügeln führen vor allem Organisten diese Stücke auf - dabei habe diese Stücke unterschiedliche Schwerpunkte zwischen klavier- und orgelgemäßer Schreibweise. Op. 56 ist eher klavieristisch, op. 60 orgelmäßig, op. 58 ein Hybrid ...



6 Studien für den Pedalflügel op. 56
4 Skizzen für den Pedalflügel op. 58
6 Fugen über B-A-C-H op. 60
Kanon op. 124 Nr. 2
Unbekannt Freitag, 21. Oktober 2011, 17:55
Diese neue CD des französischen Organisten Olivier Latry ist erst die zweite Aufnahme auf einem Pedalflügel nach Martin Schmedings Aufnahme der Stücke von Schumann (ein Zyklus von denen darf hier natürlich auch nicht fehlen):



Boëly: Fantasie & Fuge op. 18 Nr. 6; Andante con moto op. 18 Nr. 1 & op. 43 Nr. 7;
Toccata op. 43 Nr. 13; Allegro ma non troppo op. 18 Nr. 7
Liszt: Evocation a la Chapelle sixtine; Präludium & Fuge über B-A-C-H
Schumann: 4 Skizzen op. 58
Brahms: Präludium & Fuge WoO 10
Alkan: Präludien op. 66 Nr. 5 & 10

Geanueres werde ich berichten, wenn ich die CD erhalten habe; Latry spielt auch Stücke von Boëly und Liszt, die nicht in Schmedings Liste stehen - ich bin auf seine Begründung gespannt.
Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 02:07
Eine ältere Aufnahme habe ich doch noch! Der amerikanische Pianist John Khouri sammelt alte Flügel und spielt sie auch fleissig in Konzertsälen und Tonstudios.
Khouri hat sich von den wenigen Zeugnissen über Mozarts Vertrautheit mit einem Pedalinstrument inspirieren lassen, geeignete Werke herauszusuchen. Sein Instrument ist ein Nachbau von Philip Belt und James Kandik. Das Fortepiano ist nach einem Stein von 1784 gebaut, der in einem Museum in Toledo steht; das Pedal nach einem Original von Johann Schmidt im Metropolitan Museum in New York.

Die Werke:
Präludium & Fuge C-dur KV 383a (394)
Sonate F-dur KV 533/494
Fantasie C-moll KV 385g (196)
8 Variationen in F-dur über Ein Weib ist das herrlichste Ding KV 613
Allegro C-moll KV 590d (312)
Allegro B-dur KV 372a (400)

Die 1987 bei Entr'acte erschienene CD ist bei amazon sogar noch zu finden: --->

Inzwischen gibt es eine von ihm selbst produzierte zweite Aufnahme:



Fantasie in D minor K 397
Rondo in A minor K 511
Variations in G 'Unser dummer Pöbel meint' K 455
Variations in Bb K 500
Variations in D 'Duport' K 573
Adagio in B minor K 540
Fantasie in C minor K 475
Sonata in C minor K 457: I. Molto allegro
Sonata in Bb K 570: I. Allegro
Andante in F for Mechanical Organ K 616
Allegro in Bb K 498a

Hörbeispiele gibt es hier.
Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 18:06
Wir haben uns die Latry- und die Schmeding- Platte geholt; sehr schöne Aufnahmen, besonders Latry gefällt uns ausnehmend gut. Eine Anmerkung habe ich: Michael schreibt, Schmeding spiele einen Érard, doch es ist laut Cover umgekehrt: Schmeding spielt einen Pleyel- Flügel von ca. 1847 und ein Pedalier von etwa 1900 aus der gleichen Fabrik, Latry spielt den Érard- Pedalflügel. Letzterer macht auf mich einen klanglich wuchtigeren Eindruck, aber das kann natürlich auch am Interpreten liegen. Vielen Dank für diese Entdeckung!

Gruß,
Rolf
Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 20:02
Danke für den Hinweis - ich habe den Irrtum korrigiert!

Latry scheint auch mir in der Tat etwas mehr "reinzuhauen" als Schmeding - am Klavier allein kann das kaum liegen.

Mich haben die Stücke von Boëly auf dieser CD beeindruckt - eine sehr persönliche Mischung Bachscher Einflüsse mit Neuerungen des 19. Jahrhunderts. Es wundert mich nicht zu lesen, dass Boëly zu seiner Zeit der erste Organist in Frankreich war, der sich für das Spiel Bachs engagierte.