Unbekannt
Donnerstag, 17. März 2011, 16:02
Überarbeitete und erweiterte Fassung der allseits, aber einstmals anderswo bekannten Cembalogeschichten.
Die Ursprünge des Cembalos liegen nicht völlig im Dunkeln, die ersten erhaltenen literarischen Zeugnisse datieren von 1397 und 1404. Arnold (oder: Henri Arnaut) von Zwolle schildert das Instrument (dazu auch Klaviziterium und Clavichord) um 1440 erstmals ausführlicher. Außer dieser Beschreibung samt Zeichnung und in Gestalt einiger Kirchenfenster gibt es kaum Zeugnisse aus der Frühzeit – und die vorhandenen stammen alle aus Burgund.
Das italienische Cembalo verkörpert im Großen und Ganzen ein sehr archaisches Modell. Die ersten überhaupt gebauten Instrumente waren höchstwahrscheinlich den späteren Italienern recht ähnlich. Deshalb sollen sie hier auch den Anfang machen.
Die ältesten erhaltenen Instrumente (1531, 1533) stammen aus Italien und zeigen alle Charakteristica, die ital. Cembali auch später auszeichnen: Ein Manual, ein (oder später fast immer zwei) 8’-Register, dünnwandiges Corpus. Das nächstälteste (1537) erhaltene (im Deutschen Museum München zu besichtigen) ist übrigens von Hans Müller in Leipzig gebaut worden, gehört aber auch dem italienischen Typ an, was uns bei den deutschen Cembali noch interessieren wird.

Giovanni Celestini (Venedig, 1608) im Museum für Kunst & Gewerbe, Hamburg
Dazu kommen regionale/lokale und werkstatteigene Besonderheiten, die sich aber im Rahmen halten. Zwar unterscheiden sich Instrumente aus Bologna von solchen aus Venedig, Florenz, Rom oder Neapel, und daneben existieren natürlich auch Personal- und Werkstattspezifika; die Differenzen bleiben aber klanglich eher marginal.
Sicher ändert sich im Lauf der Zeit das eine oder andere: Statt einer kurzen oder gebrochenen Bassoktave wird die Tastatur chromatisch immer tiefer geführt, auch oben kommt immer mehr dazu. Es gibt Experimente mit zwei oder sogar drei Manualen (eines von drei erhaltenen zweimanualigen C. hat im Nürnberger Museum überlebt), mit 4’- und sogar 2’-Registern, aber das bleiben alles Einzelfälle. Es gibt sogar einen vereinzelt bezeugten 16’ – vielleicht der Anlass zur Bezeichnung Gravicembalo.

Eines der seltenen zweimanualigen Cembali aus Italien (Erbauer unbekannt, um 1650; Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)
In Bezug auf das Gehäuse bilden sich zwei Varianten aus, die aber nebeneinander bestehen bleiben: Die dünnwandigen Corpora – oft aus Zypresse oder Zeder – konnten z. B. keinen Deckel tragen, die Scharniere wären aus dem nur wenige Millimeter starken Holz gebrochen. Um die Cembali aber zu schützen und aufzubewahren, wurden sie in einen Kasten gelegt, der den Umrissen des Instruments genau folgte. Zum Spielen nahm man die sehr leichten – 15 bis 20 Kg – Cembali aus dem Kasten und legte sie auf einen Tisch oder ein passendes Gestell. Solche Instrumente nennt man (nach Hubbard) „inner-outer“.
Die Kästen wurden oft prächtig verziert, bemalt, vergoldet, mit gepresstem Leder geschmückt usw.
Aber beim Spielen hatte man dann wieder nur die schlichten Holzkisten – also die Cembali selbst – auf dem Tisch. Das genügte dem Schmuck- bis Protzbedürfnis nicht, also ließ man sie in den Kisten und spielte sie von dort. Aus der Not machten die Cembalobauer eine Tugend und konstruierten die Instrumente gleich dickwandiger, allerdings setzten sie Profile und unterschiedliche Holzarten exakt so ein, dass der optische Eindruck entstand, man hätte wieder nur ein Cembalo in einem Extrakasten vor Augen. Das sind die „false inner-outer“ (die so-als-ob-rin-in-die Kartoffeln-raus-aus-den-Kartoffeln). Hier feiert die Dekoration wahre Triumphe.

Carlo Grimaldi, Messina, 1697 (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)
Ein besonderes Kennzeichen ital. Cembali sind die oft sehr aufwändig gestalteten Rosetten im Resonanzboden. Meist sind sie aus mehreren sorgfältig und fein ziseliert geschnittenen Pergamentlagen zusammengesetzt.

Die (nicht ganz erhaltene) Rosette des Celestini-Cembalos
Die Innenkonstruktion bleibt aber vergleichsweise leicht: Die Seitenwände werden durch Kniehölzer abgestützt, die Berippung (von unten auf den Resonanzboden aufgleimte Leisten, die das Schwingungsverhalten des Resonanzbodens steuern) ist einfach, aber wie die gesamte Konstruktion effektiv und perfekt auf das Klangbild ausgerichtet.
Klanglich bieten italienische Cembali einen vergleichsweise trockenen, trotzdem recht tragfähigen Ton, der nicht so lange nachklingt wie bei (späteren) Instrumenten anderer Schulen. Die Klangfarbe wird im Lauf der Zeit ein wenig dunkler, ein ital. Cembalo des 18. Jahrhunderts klingt zwar immer noch unverwechselbar italienisch, aber deutlich grundtöniger als ein Instrument aus dem 17. oder sogar 16. Jahrhundert.
Fassen wir das alles ganz kurz und verallgemeinernd zusammen:
• Das Gehäuse ist entweder leicht und dünn. Der Boden ist zwischen den Seiten eingesetzt (bei allen anderen Schulen stehen die Seiten auf dem Boden). Einen Deckel gibt es nicht.
• Oder es ist ein „false inner-outer“, bei dem die äußere Gestaltung eine Zweiteiligkeit von Instrument und Aufbewahrungskasten (mit Deckel) vortäuscht; es handelt sich aber um eine untrennbare Einheit.
• Die Diskantsaiten sind erheblich kürzer als in anderen Ländern, deshalb ist die ‚Kurve‘ in der gebogenen Wand auch stärker.
• Der Saitenbezug besteht wenigstens später immer aus zwei Achtfuß-Registern, die häufig nicht einmal einzeln schaltbar sind. Auch Lautenzug u. Ä. sind selten.
• Der Ton ist trocken, eher kurz, bei älteren Instrumenten heller, später etwas grundtöniger.
Interessant ist, dass Italien seine Vormachtstellung im Cembalobau eine ganze Weile behauptet. Das betrifft sowohl den Export – auch die deutsche, englische und französische Oberschicht spielte in der ersten Hälfte des 16. Jh. (und auch später noch) auf italienischen Instrumenten, wenn auch vor allem auf den preisgünstigeren Virginalen – als auch die Vorbildfunktion: Egal wo ein Cembalo zu dieser Zeit gebaut wurde, es gehorchte dem italienischen Vorbild.
Später hält man – neben Italien natürlich – nur noch auf der iberischen Halbinsel ebenfalls an diesem Grundkonzept fest, weshalb sich italienische Cembali von portugiesischen und spanischen sehr viel weniger unterscheiden als von niederländischen, französischen etc. pp.
Es gibt eine Reihe von Aufnahmen mit weitgehend erhaltenen und/oder gut restaurierten Originalen, meistens Instrumente aus größeren (Museums-)Sammlungen.
Da wäre zunächst
„Luigi Ferdinando Tagliavini and his Collection of Harpsichords“
Folgende Instrumente kommen zum Einsatz: Cembalo von Giusti (Ferrara, 1679), Virginal von Fabri (Neapel,1598), Spinett („arpicordo“) von Poggi /Venedig?, 1588), Oktavspinett von Albano (Rom, 1617), Virginal von Guarracino (Neapel, 1663), Oktavcembalo von Goccini (Bologna, 1730/33), Cembalo von Goccini (Bologna, 1725), Cembalo von Goccini (Bologna, 1721), Cembalo-Pianoforte von Ferrini (Florenz, 1746) und ein Cembalo von Sodi (Florenz, 1791/92).
Die CD ist 1996 bei Ermitage erschienen und kaum noch zu bekommen.
Auf youtube bekommt man aber ein nettes Video, wenn man nach „Collezione Tagliavini“ sucht.
„Gustav Leonhardt an historischen Cembali“ spielt neben einem Ruckers- und einem Gräbner-Instrument auch das große ‚goldene‘ Cembalo von Carlo Grimaldi (Messina, 1697) aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (siehe Foto).
Die Ursprünge des Cembalos liegen nicht völlig im Dunkeln, die ersten erhaltenen literarischen Zeugnisse datieren von 1397 und 1404. Arnold (oder: Henri Arnaut) von Zwolle schildert das Instrument (dazu auch Klaviziterium und Clavichord) um 1440 erstmals ausführlicher. Außer dieser Beschreibung samt Zeichnung und in Gestalt einiger Kirchenfenster gibt es kaum Zeugnisse aus der Frühzeit – und die vorhandenen stammen alle aus Burgund.
Das italienische Cembalo verkörpert im Großen und Ganzen ein sehr archaisches Modell. Die ersten überhaupt gebauten Instrumente waren höchstwahrscheinlich den späteren Italienern recht ähnlich. Deshalb sollen sie hier auch den Anfang machen.
Die ältesten erhaltenen Instrumente (1531, 1533) stammen aus Italien und zeigen alle Charakteristica, die ital. Cembali auch später auszeichnen: Ein Manual, ein (oder später fast immer zwei) 8’-Register, dünnwandiges Corpus. Das nächstälteste (1537) erhaltene (im Deutschen Museum München zu besichtigen) ist übrigens von Hans Müller in Leipzig gebaut worden, gehört aber auch dem italienischen Typ an, was uns bei den deutschen Cembali noch interessieren wird.

Giovanni Celestini (Venedig, 1608) im Museum für Kunst & Gewerbe, Hamburg
Dazu kommen regionale/lokale und werkstatteigene Besonderheiten, die sich aber im Rahmen halten. Zwar unterscheiden sich Instrumente aus Bologna von solchen aus Venedig, Florenz, Rom oder Neapel, und daneben existieren natürlich auch Personal- und Werkstattspezifika; die Differenzen bleiben aber klanglich eher marginal.
Sicher ändert sich im Lauf der Zeit das eine oder andere: Statt einer kurzen oder gebrochenen Bassoktave wird die Tastatur chromatisch immer tiefer geführt, auch oben kommt immer mehr dazu. Es gibt Experimente mit zwei oder sogar drei Manualen (eines von drei erhaltenen zweimanualigen C. hat im Nürnberger Museum überlebt), mit 4’- und sogar 2’-Registern, aber das bleiben alles Einzelfälle. Es gibt sogar einen vereinzelt bezeugten 16’ – vielleicht der Anlass zur Bezeichnung Gravicembalo.

Eines der seltenen zweimanualigen Cembali aus Italien (Erbauer unbekannt, um 1650; Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)
In Bezug auf das Gehäuse bilden sich zwei Varianten aus, die aber nebeneinander bestehen bleiben: Die dünnwandigen Corpora – oft aus Zypresse oder Zeder – konnten z. B. keinen Deckel tragen, die Scharniere wären aus dem nur wenige Millimeter starken Holz gebrochen. Um die Cembali aber zu schützen und aufzubewahren, wurden sie in einen Kasten gelegt, der den Umrissen des Instruments genau folgte. Zum Spielen nahm man die sehr leichten – 15 bis 20 Kg – Cembali aus dem Kasten und legte sie auf einen Tisch oder ein passendes Gestell. Solche Instrumente nennt man (nach Hubbard) „inner-outer“.
Die Kästen wurden oft prächtig verziert, bemalt, vergoldet, mit gepresstem Leder geschmückt usw.
Aber beim Spielen hatte man dann wieder nur die schlichten Holzkisten – also die Cembali selbst – auf dem Tisch. Das genügte dem Schmuck- bis Protzbedürfnis nicht, also ließ man sie in den Kisten und spielte sie von dort. Aus der Not machten die Cembalobauer eine Tugend und konstruierten die Instrumente gleich dickwandiger, allerdings setzten sie Profile und unterschiedliche Holzarten exakt so ein, dass der optische Eindruck entstand, man hätte wieder nur ein Cembalo in einem Extrakasten vor Augen. Das sind die „false inner-outer“ (die so-als-ob-rin-in-die Kartoffeln-raus-aus-den-Kartoffeln). Hier feiert die Dekoration wahre Triumphe.

Carlo Grimaldi, Messina, 1697 (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)
Ein besonderes Kennzeichen ital. Cembali sind die oft sehr aufwändig gestalteten Rosetten im Resonanzboden. Meist sind sie aus mehreren sorgfältig und fein ziseliert geschnittenen Pergamentlagen zusammengesetzt.

Die (nicht ganz erhaltene) Rosette des Celestini-Cembalos
Die Innenkonstruktion bleibt aber vergleichsweise leicht: Die Seitenwände werden durch Kniehölzer abgestützt, die Berippung (von unten auf den Resonanzboden aufgleimte Leisten, die das Schwingungsverhalten des Resonanzbodens steuern) ist einfach, aber wie die gesamte Konstruktion effektiv und perfekt auf das Klangbild ausgerichtet.
Klanglich bieten italienische Cembali einen vergleichsweise trockenen, trotzdem recht tragfähigen Ton, der nicht so lange nachklingt wie bei (späteren) Instrumenten anderer Schulen. Die Klangfarbe wird im Lauf der Zeit ein wenig dunkler, ein ital. Cembalo des 18. Jahrhunderts klingt zwar immer noch unverwechselbar italienisch, aber deutlich grundtöniger als ein Instrument aus dem 17. oder sogar 16. Jahrhundert.
Fassen wir das alles ganz kurz und verallgemeinernd zusammen:
• Das Gehäuse ist entweder leicht und dünn. Der Boden ist zwischen den Seiten eingesetzt (bei allen anderen Schulen stehen die Seiten auf dem Boden). Einen Deckel gibt es nicht.
• Oder es ist ein „false inner-outer“, bei dem die äußere Gestaltung eine Zweiteiligkeit von Instrument und Aufbewahrungskasten (mit Deckel) vortäuscht; es handelt sich aber um eine untrennbare Einheit.
• Die Diskantsaiten sind erheblich kürzer als in anderen Ländern, deshalb ist die ‚Kurve‘ in der gebogenen Wand auch stärker.
• Der Saitenbezug besteht wenigstens später immer aus zwei Achtfuß-Registern, die häufig nicht einmal einzeln schaltbar sind. Auch Lautenzug u. Ä. sind selten.
• Der Ton ist trocken, eher kurz, bei älteren Instrumenten heller, später etwas grundtöniger.
Interessant ist, dass Italien seine Vormachtstellung im Cembalobau eine ganze Weile behauptet. Das betrifft sowohl den Export – auch die deutsche, englische und französische Oberschicht spielte in der ersten Hälfte des 16. Jh. (und auch später noch) auf italienischen Instrumenten, wenn auch vor allem auf den preisgünstigeren Virginalen – als auch die Vorbildfunktion: Egal wo ein Cembalo zu dieser Zeit gebaut wurde, es gehorchte dem italienischen Vorbild.
Später hält man – neben Italien natürlich – nur noch auf der iberischen Halbinsel ebenfalls an diesem Grundkonzept fest, weshalb sich italienische Cembali von portugiesischen und spanischen sehr viel weniger unterscheiden als von niederländischen, französischen etc. pp.
Es gibt eine Reihe von Aufnahmen mit weitgehend erhaltenen und/oder gut restaurierten Originalen, meistens Instrumente aus größeren (Museums-)Sammlungen.
Da wäre zunächst
„Luigi Ferdinando Tagliavini and his Collection of Harpsichords“
Folgende Instrumente kommen zum Einsatz: Cembalo von Giusti (Ferrara, 1679), Virginal von Fabri (Neapel,1598), Spinett („arpicordo“) von Poggi /Venedig?, 1588), Oktavspinett von Albano (Rom, 1617), Virginal von Guarracino (Neapel, 1663), Oktavcembalo von Goccini (Bologna, 1730/33), Cembalo von Goccini (Bologna, 1725), Cembalo von Goccini (Bologna, 1721), Cembalo-Pianoforte von Ferrini (Florenz, 1746) und ein Cembalo von Sodi (Florenz, 1791/92).
Die CD ist 1996 bei Ermitage erschienen und kaum noch zu bekommen.
Auf youtube bekommt man aber ein nettes Video, wenn man nach „Collezione Tagliavini“ sucht.
„Gustav Leonhardt an historischen Cembali“ spielt neben einem Ruckers- und einem Gräbner-Instrument auch das große ‚goldene‘ Cembalo von Carlo Grimaldi (Messina, 1697) aus dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (siehe Foto).