Im Capriccio Forum für klassische Musik wurde unlängst (17.04.2011) ein interessanter Thread aufgemacht:

Mozarts Musik: "penetrant melodienselig + nervig ohrwurmträchtig"?

Wie zu erwarten, wurden sofort die unbestritten genialen Werke dieses Meisters als "Gegenargument" ins Feld geführt, wie Klavierkonzerte, Streichquartette- und Quintette (vor allem KV 516), selbstredend auch KV 452, uvam. Als ob das KV nur aus einigen zig Nummern bestünde. Es hat jedoch 626 Nummern.
Nun zum Thema:

Könnte es sein, dass es „den“ Mozart gar nicht gibt (genauso wenig wie „den“ Bach, Beethoven etc)? Bekanntlich hat Mozart, wie die meisten anderen Komponisten, mehr als 2 Dutzend Werke komponiert. Müssen die alle gleich genial, gut, bedeutend sein? Ist das vielleicht das Erbe der Ansichten aus dem 19. Jhdt., dass nur komponiert wurde, wenn Gottes Geist über dem Komponisten schwebte? Wie halten wir es denn mit Werken, die als offensichtliche „Geldbeschaffer“, Auftragswerke, für den Unterricht/Schüler komponiert wurden? Müssen die alle „genial“ sein? Wie wäre es denn mit:

- dem „Geldbeschaffer“ Zauberflöte: sind „in diesen heil´gen Hallen“, „Der Vogelfänger bin ich ja“, „ Ein Mädchen oder Weibchen“, „O Isis und Osiris“ (und im gleichen Atemzuge jenes „Ave verum“, KV 618), „gut geölte“ Schönheiten oder gut geölter Kitsch, textlich wie musikalisch? Die Zauberflöte als Musical des 18. Jhdts.?
- Über das Requiem könnte auch einiges gesagt werden. Da scheint Mozart der Arbeitsbelastung nicht gewachsen gewesen zu sein (wie das heute so trefflich ausgedrückt wird, wenn man bei Plagiaten erwischt wird). Man werfe nur einmal einen Blick in Händel WV 264 (Funeral Anthem for Queen Caroline) und HWV 266 (Anthem for the victory of Dettingen) und höre sich dabei den Introitus und die Kyrie-Fuge des Requiems an: schlimmer geht’s nimmer!
- Den Auftragswerken: z.B. die Flötenkonzerte KV 314, 315 + 3 Flötenquartette für Herrn De Jean, obwohl Mozart Flöten nicht mochte (immerhin brachten diese Werke 96 Gulden ein)? Ist da außer Melodienseligkeit und gewisser Virtuosität etwas Besonderes herauszuhören?
- Den Unterrichtswerken, z.B. der Sonata facile KV 545? Bei der Spieler sich im 2. Satz 4 Seiten lang durch „Albertibässe“ dudeln müssen (um dann vom Lehrer gesagt zu bekommen, alles läge an der Interpretation – ja, welcher denn, bitte schön?). Wie übrigens auffällt, dass Mozart sehr häufig, wenn er „melodienselig“ wird, jene „Albertibässe“ verwendet. Man gehe einmal kritisch seine Claviersonaten durch, von den Variationswerken ganz zu schweigen! Uvam.

All das kann zu der Behauptung führen, dass Mozart, wie jeder Komponist, sich nicht scheute, seine eigenen kompositorischen „Maschen“, Schablonen, Stereotypen einzusetzen, abgesehen von den zeitbedingt handwerklichen Floskeln, mal mehr, mal weniger. Wer will ihm das zum Vorwurf machen? Erschwerend kommt hinzu, dass Hörer, vor allem jedoch Spieler, wahrscheinlich völlig unterschiedliche Bewertungskriterien ansetzen.
Wie wurde ein junger Mensch musikalisch „sozialisiert“? Weihnachtsoratorium, Bayreuth oder Figaro´s Hochzeit? Wurde er angehalten, ein Instrument zu erlernen, oder reicht der Griff in den prall gefüllten CD-Schrank? All das kann die Bewertungskriterien gewaltig beeinflussen.

Die Mozartkritik ist ja so neu nicht. Das reicht von „porcheria tedesca“ (Eine Erzherzogin in Prag nach der Uraufführung des Don Giovanni), über Hans Georg Nägeli: „Er (Mozart) war zu eilfertig, wo nicht leichtfertig, und componierte, wie er war“. (Vorlesungen über Musik, Cotta, 1826. Diese Mozartkritik ist lesenswert, da zeitnah.), bis hin zu Pianisten wie z.B. Glenn Gould, die etliche Soloclavierwerke Mozarts nur mit spitzen Fingern anfassen, was nicht an den sog. Interpretationsschwierigkeiten liegt.
Mozart war ein Genie. Er hat uns reichlich beschenkt. Leider bekommen wir heute auch seine Durchschnittsarbeiten dank CD-Gesamtausgaben zu Gehör, und werden uns als „non plus ultra“ verkauft. Manchmal wünschte man sich, die gäbe es nicht.