Jan Michiels spielt auf der CD
Le Tombeau de Debussy einen Érard von 1892 - das Besondere an diesem Klavier ist, dass es noch mit paralleler Saitenbespannung gebaut wurde. Érard hat wegen der Beliebtheit der auf diese Weise konstruierten Klaviere bei vielen damaligen Pianisten (z.B. Paderewsky) noch eine kleine Anzahl um die Jahrhundertwende gebaut, die sehr begehrt waren. Dieses hier wurde von Chris Maene und peinlichster Beachtung der Verwendung historisch authentischer Materialien restauriert. Es hat eine ausgesprochen dunkle Klangfarbe, aber trotzdem erhebliche Durchschlagskraft und Klarheit, nicht eigentlich weich, sondern wie als ob sich die Töne alle miteinander verbinden, anstatt nebeneinander zu stehen. Es ist ein nur schwer zu beschreibender, eigenartiger Klang, wie er selbst mir von historischen Klavieren neu war.
Das Programm der CD ist sehr klug gewählt: Michiels spielt alle 12 Études, den letzten großen Klavierzyklus von Debussy, der weit seltener als die anderen gespielt wird, obwohl er fast noch origineller ist. Wo Chopin, Liszt, Skrjabin u.a. ihre Etüden am Anfang ihrer Karriere zur Unterstreichung ihrer virtuosen Fähigkeiten schrieben, hat Debussy seine 1915, drei Jahre vor seinem aufgrund seiner Erkrankung vorauszusehenden Tod geschrieben, mit über 50 Jahren - in jedem Stück geht er sehr schnell über die reine Fingerübung hinaus und schreibt "richtige" Musik, die gleichwohl technisch von extrem hohem Schwierigkeitsgrad ist (und vielleicht dewegen nicht so beliebt) und in jedem Stück ein bestimmtes technisches Problem angeht. Sozusagen eine Verbindung von Lehrwerk und einer kompositorischen Summa seines Lebens. Der Klang des historischen Flügels wirft ein anderes Licht auf diese Stücke - die große Fingerfertigkeit rückt zugunsten der anspruchsvollen musikalischen Gestaltung in die zweite Reihe, was der Musik gut steht.
Die anderen kurzen Stücke von Debussy auf dieser CD stammen ebenfalls aus seinen letzten Lebensjahren, zwei davon sind sehr selten zu hören, oft in den sog. Kompletteinspielungen seines Klavierwerks nicht berücksichtigt.
Die Stücke anderer Komponisten sind eine Auswahl der Hommages an Debussy zwei Jahre nach seinem Tod, der am Ende des ersten Weltkrieges nicht so große Aufmerksamkeit fand, von der Zeitschrift
La Revue Musicale 1920 als Beilage publiziert. Solche Sammlungen gab es öfter - hier in ihrem ursprünglichen Kontext wirken diese Stücke wesentlich eindringlicher. Im Kontacxt anderer Werke der gleichen Komponisten wirken diese oft kurzen Stücke immer etwas verloren. Leider gibt es vollständige Einspielungen solcher Sammlungen sehr selten.
Eine sehr empfehlenswerte CD!