Unbekannt
Montag, 11. Januar 2010, 01:20
Le parnasse françois:
Claude Balbastre
(1724 - 1799)
Claude Balbastre
(1724 - 1799)

Elfenbeinminiatur im Musée de Dijon
Die letzten drei großen Meister des französischen Cembalo sind Jacques Duphly (1715-1789), Armand-Louis Couperin (1727-1789) und Claude Balbastre (1724-1799).
Claude Balbastre (manchmal auch Balbâtre) wurde am 8. Dezember 1724 in Dijon geboren (der Geburtsstadt Rameaus), als 16. der 19 Kinder des Organisten Bénigne Balbastre - dem ersten Musiker in der Familie nach Jahrhunderten in anderen Berufen. Es kursieren verschiedene Geburtsjahre (1722, 1727, 1729) - 1724 ist richtig - es existiert ein Taufeintrag der Pfarrei Saint Michel in Dijon vom 9. Dezember 1724. Das am häufigsten genannte Geburtsjahr 1727 gründet sich auf die Angabe de la Bordes, Balbastre seit 23 Jahre alt gewesen, als er 1750 nach Paris kam; der Taufeintrag widerlegt diese Altersangabe. Ebenso oft wird ihm der Vorname des Vaters hinzugefügt, was genauso wenig korrekt ist.
Der Vater Bénigne Balbastre war ab 1691 Organist an St. Étienne in Dijon und wurde später der Nachfolger von Jean Rameau (Jean-Philippes Vater) an Notre Dame in Dijon. Wegen der zu geringen Bezahlung für die Ernährung seiner sehr großen Familie arbeitete er außerdem als Gerichtsdiener. Vier seiner Söhne lies er auf den Namen Claude taufen, von denen ein 1714 geborener 1731-1760 als Organist an der Kirche St. Jean-de-Losne in Dijon arbeitete. Der 1724 geborene Sohn Claude unterschrieb am 11. Mai 1743, also nach damaligem Recht noch minderjährig und deshalb in Anwesenheit seiner Mutter einen Vertrag für die Tätigkeit als Organist an der Kathedrale St. Étienne, für zwölf Jahre bei einem jährlichen Gehalt von 200 Livres ...
Auch als Komponist muß er früh aktiv gewesen sein; ein 30seitiges Manuskript von 1748 enthält Cembalopiècen und 2 Orgelfugen; ein zweites von 1749 etwa 40 Orgelstücke und ein Orgelkonzert sowie weitere Cembalostücke, Airs und Arietten. Jean-Philippe Rameaus Umzug nach Paris war ihm ein Vorbild, dem er am 1. Oktober 1750 nach Erreichen seiner Volljährigkeit nachfolgte, mit Unterstützung seines Freundes Claude Rameau (Jean-Philippes Bruder). Seine Arbeitgeber an der Kathedrale in Dijon hatte er über diesen Schritt nicht informiert ... diese waren empört und bezahlten ihn natürlich nur für die tatsächlich geleistete Arbeit. Jean-Philippe Rameau nahm ihn jedoch in Paris unter seine Fittiche und stellte Balbastre seinen Gönnern vor, bei denen er gut ankam. Er nahm Unterricht bei Pierre Février, dem Organisten am Jacobinerkloster in der Rue St. Honoré und erwarb sich einen Ruf als Orgelimprovisator.
1755 hatte er seinen ersten Auftritt als Titularorganist beim Concert Spirituel, der begeistert aufgenommen wurde. Weitere umjubelte Konzerte folgten; bereits 1756 erhielt er die Organistenstelle an St. Roch als Nachfolger von Jean Landrin, dem Organisten der Chapelle Royale, und wurde Cembalolehrer an zwei Nonnenkonventen der Stadt. Er begann die Stücke zu schreiben, die er 1759 als Premier Livre des Pièces de Clavecin veröffentlichte.
Am 1. Oktober 1760 wurde ihm einer der begehrtesten Organistentitel der Stadt Paris verliehen, an der Kathedrale Notre-Dame, den sich vier Musiker teilen mussten, die jeweils ein Vierteljahr spielten. Er bekam die Stelle des verstorbenen René Drouard Du Bousset, seine Kollegen waren Armand-Louis Couperin, Pierre Claude Focquet und Charles Alexandre Jollage.
Mittlerweile waren seine Orgelimprovisationen wegen ihrer Zartheit auf der einen und der spektakulären Effekte auf der anderen Seite so beliebt, vor allem bei der Mitternachtsmesse zu Weihnachten, daß er in Konflikt mit dem Erzbischof geriet, der ihm verbat, diese Messe weiterhin zu spielen - er hatte den Priestern sozusagen die Show gestohlen.
Balbastre lebte in großem Wohlstand, war zweimal verheiratet (seine erste Frau war eine Tochter von Jacques-Martin Hotteterre) und besaß zahlreiche wertvolle Instrumente. 1770, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, veröffentlichte er auf allgemeines Drängen einen weiteren Druck, Recueil de Noëls formant quatre Suittes avec des Variations, Pour le Clavecin et le forte piano.
Seinem Bruder sandte er zwei Manuskripte nach Dijon, eines mit verschiedenen Stücken für Cembalo und Orgel, ein zweites mit Arrangements von Arien aus seinerzeit in Paris populären Opern, darunter einige von Rameau. Er wurde bei wichtigen Projekten als Orgelexperte konsultiert. Der Erzbischof von Paris kritisierte ihn zunehmend, weil er die Andachten in Opernveranstaltungen verwandeln würde ... dessen ungeachtet wurde ihm 1776 ein Amt am Hof verliehen.
1779 erschienen die Quatre Sonates Pour le Clavecin ou le Fortepiano Avec accompagnemnet de deux Violons, une Basse et deux Cors ad libitum als Opus III.
Nach dem Ausbruch der Revolution fürchtete er aufgrund seiner Verbindungen zum Adel zeitweise um sein Leben und versuchte seine Zustimmung zu den neuen Verhältnissen durch Arrangements der Marsellaise u.ä. zu demonstrieren, wofür er bis heute noch am besten bekannt ist. Es gelang ihm, sich mit dem neuen Régime zu arrangieren, aber eine feste Anstellung hatte er nicht mehr. Dank seines in den Jahren seiner großen Beliebtheit erworbenen Vermögens konnte er aber sorgenfrei leben - als er 1799 starb, war er in der Öffentlichkeit praktisch vergessen.
Die Wiederentdeckung seines Werks ist noch lange nicht abgeschlossen, vieles wurde auf CD veröffentlicht, ist aber z.T. wieder vergriffen, manche Werke, wie sein Orgelkonzert in D-Dur, wahrscheinlich das erste der Gattung in Frankreich und der erste Gebrauch der Orgel in symphonischer Art, liegen noch im Dornröschenschlaf.
Balbastres Stücke für Cembalo waren das erste aus seinem Werk, das wieder aufgeführt oder eingespielt wurde - Gustav Leonhardt nahm das eine oder andere Stück in sein Repertoire auf, Alan Curtis machte in den späten 1970er Jahren eine LP für EMI Reflexe, die je zur Hälfte Stücke von Balbastre und Armand-Louis Couperin vorstellte. Es folgten vor allem komplette Einspielungen des Premier Livre durch Anne Robert, Ursula Duetschler, Jean-Patrice Brosse u.a. - Brosse nahm insgesamt vier CDs mit Werken Balbastres auf, studierte seine Biografie - seinen Booklettetxten verdanke ich meine Informationen, sie gehen weit über das hier referierte hinaus.
Die Stücke des Premier Livre knüpfen an die Charakterstücke François Couperins an, sind aber allgemein etwas wilder und eher temperamentvoller im Grundgestus, mit einem gleich genialen Gespür, was auf den großen französischen Cembali der Zeit, die wunderbare klangvolle Instrumente waren, optimal zur Geltung kommt. Unter dem Konkurrenzdruck von eingängiger schreibenden oder populärer werdenden Komponisten wie Johann Schobert schrieb er zunehmend einfacher, auch Variationswerke nach der neusten Mode, und mehr am Klang des Fortepiano orientiert. Auch sein eines Opus mit Kammermusik zeigt sich deutlich frühklassisch. Die Hinwendung von Jacques Duphly, Armand-Louis Couperin und Claude Balbastre zu frühklassischen Stilelementen markiert das Ende der gerade mal 150-170 Jahre dauernden Ära der französischen Clavecinisten ...
Auf dem Gebiet der Orgelmusik konnte ihm aber kaum jemand im Paris seiner Zeit das Wasser reichen - inzwischen schreibt man ihm mehr oder weniger die Erfindung des Orgel-Recitals zu - das Publikum kam wegen ihm und seiner effektvollen Improvisationskunst, kaum noch wegen des Gottesdienstes, was ihm die Kritik des Pariser Erzbischofs einbrachte, ihn aber nicht weiter gekümmert zu haben scheint - zu sehr war er auf der Konzertszene etabliert. Bei Charles Burney kann man eine Beschreibung lesen - was er alles in seine Orgeldarbietungen während des Gottesdients einbaute, spottet jeder Beschreibung! Das Publikum scheint ihn dafür geliebt zu haben. Die Verweise an Bach Vater und Sohn scheinen im Vergleich harmlose "Verfehlungen" zur Ursache gehabt zu haben.
Selbst vor der Marsellaise, deren Rhythmus nun wirklich jeder im Ohr hat, macht ihre agogische Fantasie nicht halt - warum in aller Welt muß sie an dem auch noch herumdoktern!!! Das französische Publikum hätte sie für verrückt gehalten ... Bei ihr besteht die Musik nur aus Phrasen, deren rhythmische Gestaltung fast völlig in der Freiheit des Spielers liegt - ein extremer Standpunkt. Die rhythmische Koordination mancher Noten in beiden Händen, die besser zusammen erklingen sollten, lässt dann erwartungsgemäß auch oft zu wünschen übrig. Dabei führt dieser Ansatz sie nicht mal sehr weit in den Stücken, in denen es erlaubt ist: Von Balbastre stammen die letzten Préludes non mesurés der französischen Musikgeschichte - aber im metrisch luftleeren Raum existieren auch sie nicht - man vergleiche ihre formlose Darbietung mit der beseelten von Olivier Baumont auf seiner weiter oben erwähnten CD. Ich vermisse hier eine deutliche rhythmische Gestaltungskraft.