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CDs mit Musik für Lautenklavier

Unbekannt Mittwoch, 12. August 2009, 15:00
Bei meinem letzten Besuch in der Münchener Musikbibliothek fiel mir eine CD mit Werken von JS Bach für Lautenklavier in die Hände. Es spielte Peter Waldner auf einem Nachbau von Keith Hill. Erschienen ist die CD im Rahmen der ORF Edition Alte Musik.

Waldner spielt BVW 995,997,998 und 1006a. Das Booklet ist recht informativ- Es wird mit guten Argumenten begründet, warum JSB diese Werke für das "Lautenwerck" komponiert hat. Auch einige Erläuterungen zum Nach bau werden gemacht. Die Webseite von Keith Hill ist hier:

http://keithhillharpsichords.com


Der Klang des Instruments ist faszinierend, ich würde gern noch anderes Repertoire hören. Welche CDs gibt es noch?
Unbekannt Mittwoch, 12. August 2009, 20:37
Da gibt es nicht viel. Der Grund liegt einfach darin, daß der Bau von Lautenclavicimbeln ein gerüttelt Maß an spekulativer Fantasie erfordert, da kein einziges Originalinstrument erhalten ist, nur ein paar Baupläne. Die Beschreibungen von Zeitgenossen sind rar und weichen auch von einander ab - offensichtlich hat jeder Cembalobauer es etwas anders gemacht. Gemeinsam sind die Verwendung von Darmsaiten, der Verzicht auf eine Dämpfung und bestimmte Charakteristika des Resonanzraumes, um den Klangcharakter der Laute zu imitieren.

Was das Repertoire angeht, so sind nur sehr wenige Werke, u.a ein paar von Johann Sebastian Bach (aber nicht von seiner Hand) ausdrücklich mit "Aufs Lautenwerck" bezeichnet; man weiß aber, daß sich in seinem Nachlaß gleich zwei dieser Instrumente befanden. Da das Lautenwerck einen anderen Umfang als das Cembalo hat, u.a. tiefer reicht, kann man daran sehen, daß einige dieser Bach-Stücke für dieses Instrument konzipiert sein könnten, von der sehr cembalistischen Schreibweise abgesehen, die den Lautenisten das Leben schwer macht.

Mir sind unter den CembalistInnen in erster Linie drei Pioniere des Lautenwercks bekannt:

Christiane Jaccottet - sie ließ sich 1986 von Rudolf Richter einen "Theorbenflügel" nach den Angaben von Johann Christoph Fleischer aus dem Jahr 1718 bauen. 1988 erschien dann bei Intercord/Saphir, für das sie alle wesentlichen Werke von Johann Sebastian Bach eingespielt hat, eine CD mit BWV mit BWV 1006a, 996, 995, 998 - alles Werke, die sich mit dem Lautenwerck in Verbindung bringen lassen.

Der Amerikaner Kim Heindel begann, von der Geschichte des Instrumentes fasziniert, in den 1980er jahren erst selbst Lautencembali zu bauen, dann gab er welche in Auftrag. Seine erste CD mit einem gemischten Programm (Weiss, Dowland, Bach, Duphly, Scarlatti) erschien 1989 bei Gasparo, das Instrument war von Willard Martin gebaut.
Martin baute ihm dann noch ein besseres Instrument, mit dem Heindel 1992 ein reines Bach-Programm aufnahm (BWV 1006a, 1000, 997, 998, 996), das von Dorian veröffentlicht wurde - für mich eine der schönsten Bach-CDs in meiner Sammlung!!! Ich habe selten so eine Übereinstimmung von Spieler, Instrument und Werk empfunden.


Den Begleittext schreib der Lautenist Nigel North, ein leidenschaftliches Plädoyer für die Aufführung dieser Stücke auf dem Lautenwerck.

Der Ungar Gergely Sárközy baute sich selbst Instrumente mit einem riesigen Lautenkorpus, was keine historischen Vorbilder hat, sondern sein eigener Entwurf ist. Bei Hungaroton ist eine Scarlatti-CD erschienen, die mich aber klanglich wie spielerisch nicht überzeugt hat, weshalb ich sie irgendwann verkauft habe.

In den letzten Jahren hat sich Robert Hill häufig auf Instrumenten seines Bruders Keith Hill hören lassen. Bei Hänssler erschien innerhalb der Bach-Edition eine CD mit ähnlichem Programm wie Heindels ( BWV 999, 921 / 1121, 998, 823, 996, 907, 908):



Mir persönlich spielt Hill in manchen Stücken zu agogisch, die rhythmische Ebene der Stücke wirkt wie aufgelöst, was die sehr langsamen Tempi (z.B. im Präludium von BWV 998) noch verstärken.

Dann fällt mir noch eine CD bei CPO ein:



Jan Katzschke spielt hier Stücke von Matthias Weckmann z.T. auf einem Lautencembalo von Keith Hill - eine sehr empfehlenswerte CD.

Ich habe 2008 ein von Christian Fuchs gebautes Lautenwerck hören können.
Unbekannt Donnerstag, 13. August 2009, 10:38
Danke für die sehr informative Antwort. Einige der CDs sind möglicherweise in München auszuleihen. Wenn nicht, so teuer sind sie ja nicht.
Unbekannt Samstag, 15. August 2009, 18:43
Ich höre dieses Instrument auch sehr gerne, ein kräftiger und irgendwie kerniger Klang - schade, dass Bachs Cembalomusik noch nicht auf einem Lautenklavier eingespielt wurde. Oder wurde sie? Die Stücke für Laute habe ich auf dieser CD



die mir gut gefällt.

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 15. August 2009, 23:05
Auf dieser Doppel-CD hat Robert Hill noch weitere Bach-Werke, die nicht mit dem Lautenwerck verbunden werden, auf diesem Instrument aufgenommen:



Frau Farr hat ein wunderbar klingendes Instrument, aber daß sie keine vier Takte zusammenhängend à tempo spielt, geht mir ziemlich schnell auf den Nerv ... das macht sie auch mit der Musik anderer Komponisten so.
Unbekannt Mittwoch, 19. August 2009, 14:22
... und noch eine CD mit Lautenclavier:



Inzwischen sehr preiswert zu haben. Nicht ganz so brilliant wie die anderen Böhm-Einspielungen die ich habe, aber immer noch sehr gut.

Wer außer Bach konkret was auf dem Lautenwerck gespielt hat, weiß man (noch?) nicht, momentan ist das noch die Entscheidung des Cembalisten. Einzelne überlieferte Übertragungen von Lautenmusik für Tasteninstrumente legen es nahe - z.B. wurden Stücke von John Dowland transkribiert (eines hat Kim Heindel auf seiner ersten CD eingespielt, sonst kenne ich nur Aufnahmen mit Cembalo). Da ist noch Forschungsbedarf - vielleicht weiß Hildebrandt mehr?
Unbekannt Donnerstag, 20. August 2009, 03:20
Bei meinem letzten Besuch in der Münchener Musikbibliothek fiel mir eine CD mit Werken von JS Bach für Lautenklavier in die Hände. Es spielte Peter Waldner auf einem Nachbau von Keith Hill. Erschienen ist die CD im Rahmen der ORF Edition Alte Musik.

Mehr Informationen hier - scheint eine sehr schöne CD zu sein.

Unbekannt Freitag, 21. August 2009, 10:50
Ein weiterer Fund - ich wußte, daß jemand eine Aufnahme der Bachschen Gambensonaten mit Lautenwerck gemacht hat, nur nicht mehr auf Anhieb, wer:

Unbekannt Freitag, 21. August 2009, 18:24
Frau Farr hat ein wunderbar klingendes Instrument, aber daß sie keine vier Takte zusammenhängend à tempo spielt, geht mir ziemlich schnell auf den Nerv ... das macht sie auch mit der Musik anderer Komponisten so.
Sie treibt es ziemlich weit mit der Agogik, aber das irritiert mich weniger als ihre häufigen Manualwechsel, die mir meist nicht musikalisch begründbar zu sein scheinen. Zudem klingen die gekoppelten Manuale (Suite e-moll, Fuge im ersten Satz) etwas gewöhnungsbedürftig. Trotzdem eine hörenswerte CD (nicht zuletzt wegen des Instruments), die Sarabanda con partite BWV 990 war mir bislang völlig unbekannt.

Viele Grüße,
Andreas
Unbekannt Freitag, 21. August 2009, 19:59
Ach, Ihr Kenner seid immer so geschmäcklerisch! Manualwechsel ? Ich bin froh, dass ich die schwarzen von den weißen Tasten unterscheiden kann. :D

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 29. August 2009, 15:05
Bei meinem letzten Besuch in der Münchener Musikbibliothek fiel mir eine CD mit Werken von JS Bach für Lautenklavier in die Hände. Es spielte Peter Waldner auf einem Nachbau von Keith Hill. Erschienen ist die CD im Rahmen der ORF Edition Alte Musik.




Inzwischen habe ich die CD bekommen - der ORF-Shop verschickt ohne Aufpreis per Einschreiben!
Das Instrument klingt schön, aber ich finde, er übertreibt es etwas mit der Agogik. Bachs Melodien sind gut genug, dass man sie ohne große expressive Zutaten schön à tempo spielen kann und sie wirken trotzdem - warum da viele Interpreten meinen, sie müssen unbedingt noch was dazutun, verstehe ich nicht. Aus diesem Grund bleibt Kim Heindel mein Favorit: er wählt die optimalen Tempi und baut den großen Bogen ohne große expressive Mätzchen. Das Spiel von Waldner oder Farr ist mir da zu phrasenorientiert.
Schön ist die Bonus-DVD, obwohl man da hätte mehr draus machen können, wenn sie den Erbauer in dessen Werkstatt und nicht irgendeinen anderen Cembalobauer hinzugezogen hätten - aber Keith Hill sitzt in Grand Rapids. Die Mechanik hätte ich gerne genauer in Aktion gesehen, aber wenn man die Abdeckung der Springerreihe abnimmt, kann man nicht mehr spielen, riskiert, dass sie oben rausfliegen ... Wer sich sowas kauft, kann schon ein paar Spezialisteninformationen vertragen ...
Etwas irreführend finde ich die Angabe "Lautenclavier nach Zacharias Hildebrandt", wo doch im Booklet steht, die Beschreibung hätte Jakob Adlung geliefert - als hätte Adlung das Hildebrandt-Lautenwerck beschrieben, dass dieser für Bach gebaut hat ...

Unter dem Strich: :jubel: :jubel: :jubel:
Unbekannt Montag, 13. Februar 2012, 20:44
Hier ein Foto des Lautenwerks, dass Willard Martin 2000 für Kim Heindel fertigegstellt hat: