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Aus Neu wird Alt --- Das Huelgas Ensemble

Unbekannt Sonntag, 20. Juni 2010, 21:19
Servus,

vor langer Zeit habe ich in einem Paralleluniversum mal damit begonnen, herausragende Ensemble vorzustellen, die ihren musikalischen Schwerpunkt in der Alten Musik haben. Damals habe ich es lediglich auf Vorstellung dreier Ensembles gebracht. Mittlerweile hat der Nachlassverwalter jener Gegenwelt meine Reihe fortgesetzt, und ist, obwohl er Ensembles gewählt hat, die auch nicht-HIP-Fans kennen, damit angesichts mangelnder Resonanz gescheitert. Meine Mission damals war, die Ensemble, die ich so liebe und die meiner bescheidenen Ansicht nach nichts weniger als herausragend sind, doch etwas bekannter zu machen. Hier ist das freilich Eulen nach Athen tragen. Aber trotzdem (oder gerade deswegen) sind diese Vorstellungen hier gewiss am besten aufgehoben.

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Genug der Vorrede, kommen wir nun zum eigentlichen Thema dieses Threads, dem Huelgas Ensemble unter der Leitung des Belgiers Paul van Nevel.

Namesgebend für das Ensemble war der Codex Las Huelgas, eine Handschrift aus dem späten 13. Jahrhundert aus dem Zisterzienserkloster in Burgos, Nordspanien, wo sie auch heute noch verwahrt wird.

Das Ensemble entstand 1970* an der Schola Cantorum Basiliensis. Man feiert also heuer schon das 40-jährige Bestehen. Ich hoffe, dass das wie schon beim 35jährigen Jubiläum ein Anlass für eine Sonder-CD ist. :pfeif: Bedenkt man, dass ganz am Anfang die zeitgenössische Musik im Fokus des Interesses stand, so verwundert es, dass das Huelgas Ensemble heute einzig als Maßstäbe setzende Interpreten der Musik des Mittelalters und der Renaissance bekannt ist. Eine erstaunliche Wandlung, die schon sehr bald nach der Gründung stattgefunden haben muß - ich kenne jedenfalls nichts Zeitgenössisches mit diesem Ensemble (stimmt nicht ganz, denn auf der schon erwähnten CD zum 35jährigen Bestehen gibt's ein extra dafür komponiertes Stück, welches aber stilistisch sehr nahe an Renainssance dran ist).

Gründer und nach wie vor auch Leiter des Huelgas Ensembles ist der belgische Musikwissenschaftler und Dirigent Paul van Nevel. Seinen umfangreichen und zeitraubenden Archiv- und Bibliothekenumgrabungen verdanken wir eine große Zahl von Wiederentdeckungen an herausragenden Werken der frühen Musik. Zu seiner Spürnase kommt der Vollblutmusiker, der die entdeckten Schätze in herausragender Weise wieder zu Gehör zu bringen weiß.



Van Nevel hat dazu ein Ensemble geformt, das meiner Ansicht nach konkurrenzlos in seiner Qualität ist. Einer der unerreichten Vorzüge ist der äußerst homogene Klang mit perfekter Balance zwischen den Stimmen. Dabei singen alle ganz frei und gelöst, niemand forciert (wie das z.B. oft bei englischen Ensembles zu hören ist). Das Ergebnis ist ein großer, reicher und ganz natürlicher Klang. Dazu kommt eine perfekte Intonation und die große Gestaltungskraft und der Pioniergeist van Nevels. Beste Voraussetzungen also, um Großes bei der Urbarmachung der Renaissancemusik zu leisten. Und das hat das Huelgas Ensemble in der Tat geschafft und etliche Komponisten den Schleier des Vergessens entrissen und deren Werke in maßstäblichen Aufnahmen einer breiteren Hörerschaft zugänglich gemacht. Davon zeugen inzwischen viele viele Aufnahmen und fast ebenso viele Preise und Auszeichnungen.


Seit noch nicht allzu langer Zeit gibt's endlich auch eine homepage zum Ensemble, die ich natürlich nicht vorenthalten will.

herzliche Grüße,
Thomas

*Fast überall findet man als Gründungsjahr 1971, aber die Ensemble-homepage sagt 1970
Unbekannt Mittwoch, 23. Juni 2010, 10:08
Servus,

eine Aufnahme, die meines Erachtens noch aus der eh' schon großartigen Diskografie des Huelgas Ensembles herausragt, ist das Requiem von Jean Richafort.

Es sind vergleichsweise viele Werke von Richafort überliefert (aber nur wenige auf CD dokumentiert). Noch lange nach seinem Tod fanden sie Einzug in Veröffentlichungen. Auch viele seiner Kollegen - darunter sind große Namen wie Morales oder Palestrina - haben seine Werke als Grundlage für eigene Stücke benutzt, z.B. für Parodiemessen. Um so erstaunlicher ist es, dass bei aller Wertschätzung durch seine Kollegen über Richaforts Leben ist so gut wie nichts bekannt ist.

Vermutlich hat Richafort das Requiem auf den Tod von Josquin Desprez - er starb 1521 - komponierte, der wohl sein Lehrer gewesen ist. Mehrfach zitiert er darin Werke aus Josquins Feder. Es ist ein grandioses Werk, einzigartig mit seinen großen Bögen trotz strenger kontrapunktischer Durcharbeitung. Man könnte sogar davon sprechen, dass die Melodie im Vordergrund steht, obwohl es keine ausgemachte Melodiestimme gibt. Es ist ein sanft dahinfließender Strom, der zugleich schmerzerfüllt aber auch tröstlich ist.

Wie nun das Huelgas Ensemble dieses Werk zu Gehör bringt, kann man nicht anders als sensationell bezeichnen. Wie aus dem Fließen immer wieder einzelne Stimmen ganz behutsam aufblühen und wieder in den Strom zurückfinden, wie lange Haltetöne belebt werden, das ist atemberaubend schön und erzeugt eine unglaubliche Spannung. Dabei steht immer der Klang im Vordergrund, der Text dient fast nur als Beiwerk und ist dadurch manchmal nicht leicht zu verstehen, wobei französisch ausgesprochenes Latein das Verstehen noch erschwert. Aber das ist kein Mangel des Chores sondern gehört zur Interpretation des Stückes. Allzu deutliche Artikulation würde wahrscheinlich eher störend wirken. Das Fließen der Musik geht immer bis zum verklingen des Schlußakkordes, ja die Musik geht sogar über den Schluss hinaus, weit hinein in die Stille. Ich habe selten so schöne Schlüsse gehört wie in dieser Aufnahme! Wie beiläufig werden auch die immer wieder vorkommenden herben Dissonanzen in den ewigen Strom integriert.

Der äußerst homogene, schön rund und volle Chorklang des Huelgas Ensembles bei perfekter Intonation machen die CD endgültig zu einer Aufnahme für die berühmte Insel.


Neben dem Requiem enthält die CD noch drei Motetten und drei französische Chansons, darunter sogar ein Trinklied (Tru tru trut avant) - also krasses Kontrastprogramm zum Requiem. Hier zeigt sich, dass das Ensemble auch anders kann, zupackend, ausgelassen, mit sehr guter Textverständlichkeit, aber ohne den vielgerühmten Klang aufzugeben.


Jean Richafort (ca. 1480 - 1547)

Requiem in memoriam Josquin Desprez für 6 Stimmen
Motetten: Laetamini in Domino; Sufficiebat nobis paupertas; Salve Regina;
Chansons: Ne vous chaille mon cueur; Tru tru trut avant; Il n'est si douce vie

Huelgas-Ensemble,
Paul van Nevel
Harmonia mundi




herzliche Grüße,
Thomas
Unbekannt Mittwoch, 23. Juni 2010, 13:55
die immer wieder vorkommenden herben Dissonanzen

Tja, mit dieses Dissonanzen hat's auf sich... Ich konnte mir mal in der Stadtsbibliothek die Partitur kopieren, und es ergab sich, dass es da um eine interpretatorische Entscheidung geht - bei Vergleichseinspielung mit Chapelle du Roi, hört man sie ja auch nicht)


Ohne viel herumzureden, die Stelle sieht's so aus:
http://csabrendeki.atw.hu/richafort1.JPG

Und so wird sie von Huelgas gesungen:
http://csabrendeki.atw.hu/richafort2.JPG

(Beachte ersten Tenor, 40. Takt)

Eigentlich darf man laut Palestrina-Regeln sowas, doch hört es sich etwas schräg an. Und im Partitur steht das Auflösungszeichen nur beim zweiten b des Taktes, aber freilich auch da über die Linien, also im Originalmanuskript steht nirgendwo was vorgeschrieben... wie wohl's gedacht war? :dontknow:

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 24. Juni 2010, 11:37

Ohne viel herumzureden, die Stelle sieht's so aus: [...]

Und so wird sie von Huelgas gesungen: [...]

Eigentlich darf man laut Palestrina-Regeln sowas, doch hört es sich etwas schräg an. Und im Partitur steht das Auflösungszeichen nur beim zweiten b des Taktes, aber freilich auch da über die Linien, also im Originalmanuskript steht nirgendwo was vorgeschrieben... wie wohl's gedacht war? :dontknow:

Ja, seine die freie Auslegung solcher Stellen aber auch die Verwendung/Nichtverwendung von Instrumenten werden van Nevel immer mal wieder vorgehalten. In einem Artikel, erschienen 2003 in Gramophone, nimmt er wie folgt dazu Stellung:

Zitat

... I'm not trying deliberately to upset scholars, but to convey a Humanist spirit, always within the parameters of what was technically and aesthetically possible at the time.

Genau das hast du hier beobachtet; teilweise "problematische" Auslegung solcher Stellen, aber innerhalb der zur Entstehungszeit üblichen Regeln.

Wie es zu solchen Lösungen kommt, kann man in besagtem Artikel auch nachlesen:

Zitat

My singers know that when they sing from an edition of mine, it is not fixed, we can change things in rehearsal. Many times I find that something I have worked out on paper, in my study, is actually better realised another way in practice. That is something I learn from my singers, and it's possible because we spend a lot of time rehearsing.
Unbekannt Donnerstag, 24. Juni 2010, 11:53
Um gleich noch eine CD-Besprechung nachzuschieben:


Costanzo Festa (ca. 1490-1545): La Spagna - 32 Contrapunti
32 instrumentale Variationen über den La Spagna-Cantus firmus


Diese Aufnahme ist insofern untypisch für das Huelgas Ensemble, weil hier fast nicht gesungen wird. Bis auf ein Stück ist alles instrumental ausgeführt.

La Spagna ist eine in der Renaissance-Zeit recht bekannte Melodie. Festa hat sie als Cantus firmus verwendet und drum herum seiner Fantasie freien Lauf gelassen. Zweck der Übung war eine mehr oder weniger systematische Auslotung der kontrapunktischen Regeln. Nicht weniger als 125, meist recht kurze Stücke hat er auf diese Weise erschaffen, wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum. Wer also glaubt, die Bachschen Werke zu diesem Thema seien einzigartig, der hat zwar sicherlich in gewissem Sinne Recht, jedoch hat Festa eben schon rund 200 Jahre vor den Thomaskantor Kontrapunktspielchen betrieben.

Festa schreibt seine Contrapunti für bis zu elf Stimmen, meist sind es jedoch deren vier. Wie bei Bach auch gibt es keine Angaben darüber, mit welchem Instrumentarium die Stücke ausgeführt werden sollen.

Von den 125 Stücken hat Paul van Nevel nun 32 ausgewählt und in dieser Aufnahme verewigt (wobei schon noch ein paar mehr Stück draufgepasst hätten... ;) ). Wie schon erwähnt, bedient er sich dabei - mit Ausnahme eines einzigen Stückes - fast ausschließlich der instrumentalen Wiedergabe, wenn auch in höchst abwechslungsreichen Kombinationen der Instrumente. Es wirken u.a. mit: Blockflöten, Dulciane, Zinken und Posaunen sowie Gamben und andere Streichinstrumente.

Der Qualität der Ausführung tut das keinerlei Abbruch, man kann ganz klar die Handschrift van Nevels erkennen, denn dass was seine Sängertruppe auszeichnet, das hört man auch hier wieder: absolut perfekte Intonation, den herrlich fließenden, großen und runden Klang und eine Homogenität des Ensemble, die ihres Gleichen sucht.

Das Ergebnis ist eine Aufnahme, die Zeit und Raum vergessen machen kann. Eine Musik, in der man versinken kann, von der man sich treiben lassen kann. Meditative Musik, wenn man so will.


:wink:
Thomas
Unbekannt Donnerstag, 24. Juni 2010, 14:23
Guten Tag

ich habe wenige Aufnahmen mit dem Huelgas Ensemble, diese CD



mit Andrea Gabrielis " Psalmi Davidici Qui Poenitentiales Nuncupantur ... " ist eine Spitzeneinspielung geistlicher Renaissancemusik.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Donnerstag, 24. Juni 2010, 16:31
Costanzo Festa (ca. 1490-1545): La Spagna - 32 Contrapunti
32 instrumentale Variationen über den La Spagna-Cantus firmus

[...]

Das Ergebnis ist eine Aufnahme, die Zeit und Raum vergessen machen kann. Eine Musik, in der man versinken kann, von der man sich treiben lassen kann. Meditative Musik, wenn man so will.
Also die Aufnahme ist wirklich ein Muss. Nur wegen dieser platte habe ich mir damals einen SACD-Player gekauft (sie war nämlich nur als SACD-Hybrid zu kaufen, aber mein DVD-Player, die ich damals auch für CDs benutzt hab, weigerte sie abzuspielen. Also ein CD-Player musste her, und dann lieber gleich ein SACD-Spieler! :D ).

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Samstag, 26. Juni 2010, 21:02

eine Aufnahme, die meines Erachtens noch aus der eh' schon großartigen Diskografie des Huelgas Ensembles herausragt, ist das Requiem von Jean Richafort.


Ein paar Huelgas-CDs habe ich auch schon gesammelt. Für mich herausragend ist von diesen die "Utopia Triumphans"-CD, die ich hier für die Insel nominiert hatte.
Die Richafort-CD habe ich auch und finde sie ebenfalls großartig! :jubel:
Ich sehe gerade: die CD ist inzwischen out of print - genau wie viele andere interessanten Aufnahmen des Huelgas Ensembles - schade und ärgerlich!

Ich habe eine Frage zur La Spagna-CD: Sind das wirklich die selben Leute, die hier Instrumente spielen und auf den anderen Huelgas-Ensemble-Aufnahmen singen?

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Dienstag, 29. Juni 2010, 10:17
ist allerdings dieses Monster:

das als 1 unter 15 die "utopia triumphans"-CD enthält.
8))
Unbekannt Mittwoch, 30. Juni 2010, 22:43
Hallo!

Noch einzeln zumindest gebraucht erschwinglich erhältlich ist die CD mit Brumels Missa "Et Ecce Terrae Motus" und Dies Irae:



Auch hier höchstes Lob von meiner Seite! Eine grandiose Aufnahme ebenso bedeutsamer Werke!
Näheres im Brumel-thread.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Samstag, 24. Juli 2010, 19:47

Ich habe eine Frage zur La Spagna-CD: Sind das wirklich die selben Leute, die hier Instrumente spielen und auf den anderen Huelgas-Ensemble-Aufnahmen singen?


Nein, natürlich nicht. Das Huelgas-Ensemble ist mir bislang hauptsächlich mit Chorwerken a capella untergekommen. Aber in vielen Aufnahmen gehören auch Instrumentalisten zum Ensemble fest dazu.
Ich bin froh, die La Spagna-CD noch zu einem fairen Preis erstanden zu haben - eine echte Repertoire-Bereicherung!

Viele Grüße,
Martin.