Alte Musik Forum

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Aufnahmen von Orchestermusik verschiedener Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts in HIP

Unbekannt Donnerstag, 11. Februar 2010, 21:09
Eine PN brachte mir eine CD wieder in Erinnerung und gab den Anlaß, einen Thread zu eröffnen, in dem einzelne CDs mit Musik der Romantik und des frühen 20. Jahrhunderts in HIP vorgestellt werden sollen, die (leider) noch Einzelfälle in der Discografie der Komponisten sind, für die es sich also noch nicht lohnt, einen eigenen Thread zu eröffnen.
Unbekannt Donnerstag, 11. Februar 2010, 21:26
Die farbenreichen Orchesterstücke Griegs wie die bekannte Peer Gynt-Suite wären ja denkbar gut geeignet für HIP - der wahrscheinlichste Kandidat für ein solches Projekt wäre Jos van Immerseel dessen Musiker des Orchesters Anima Eterna inzwischen schon selbständig auf die Suche nach den entsprechenden Instrumenten gehen, wenn eine neue Aufnahme ansteht. Gerade die Ballettmusiken eignen sich sehr gut, z.B.:



Nikolai Rimsky-Korssakoff (1844-1908):
Scheherazade op. 35
Russische Ostern-Ouvertüre op. 36
Alexander Borodin (1833-1887):
Steppenskizze aus Zentralasien
Polowetzer Tänze aus "Fürst Igor"

ich muß gestehen, ich konnte mir bis zum Erscheinen dieser Aufnahme nicht mehr vorstellen, so was anzuhören.

Ähnlich erging es mir mit dieser:



Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893)
Symphonie Nr. 4
Nußknacker-Suite

Die Suite gehört wirklich zu den abgelutschtesten Klassikhits - hier in frischen Farben wiederzuentdecken, incl. einer originalen alten Celesta, die viel schöner klingt als die modernen, und mit der alten Bassklarinette zauberhaft harmoniert und zugleich kontrastiert. Ich hatte überhaupt so meine Probleme mit der Annäherung an die oft über-expressiv interpretierten Russen, deren große Instrumentationskunst ich hier unbefangen genießen kann.
Unbekannt Donnerstag, 11. Februar 2010, 21:31
Immerseels Interpretationen sind vor allem so herrlich tänzerisch, wenn es drauf ankommt - da möchte selbst ich Tanzmuffel aufspringen, wenn der Walzer am Ende der Nußknacker-Suite kommt!

Wer gerne ins Walzer-Fieber fällt, hat hier optimalen Suchtstoff:



Johann Strauss II (1825-1899): Walzer, Polkas, Ouvertüren
Tritsch-Tratsch-Polka
Ouvertüre & Czardas aus "Fledermaus"
Nordseebilder
Im Sturmschritt
Neue Pizzicato-Polka
Perpetuum mobile
Frühlingsstimmen
Zigeunerbaron-Ouvertüre
An der schönen blauen Donau
Eljen a Magyar
Furioso


oder etwas preiswerter:



So nebenbei versteht man, daß auch Strauss ein toller Instrumentationskünstler war ...
Unbekannt Donnerstag, 11. Februar 2010, 21:39
Und schließlich die Aufnahme, die viele immer noch für überflüssig halten, aber hier geht es nicht nur um die Klangfarben, sondern auch um das Tempo des berüchtigten Bolero - und das Klavierkonzert für die linke Hand ist hier so bestürzend interpretiert, daß ich danach immer fix und fertig bin ... Ich hätte gerne mehr Ravel in HIP!



Bolero
Pavane pour une infante defunte
Klavierkonzert für die linke Hand
Rapsodie espagnole
La Valse

Claire Chevallier (Piano Erard 1905), Anima Eterna, Jos van Immerseel
Unbekannt Montag, 15. Februar 2010, 15:52
Eines der modernsten Werke, die je in HIP aufgenommen wurden, leider ist die CD vergriffen, eine Neuauflage auf dem eigenen Label des New Queen's Hall Orchestra ist geplant:

Unbekannt Mittwoch, 28. April 2010, 20:35
Holst: the planets

Eines der modernsten Werke, die je in HIP aufgenommen wurden,


Das wurde doch schon längst Hip aufgenommen:



:hide:
Unbekannt Mittwoch, 28. April 2010, 21:24
Da hast Du natürlich recht - nichts geht über die eigenen Aufnahmen des Komponisten ... obwohl mir z.B. Strawinsky selbst nicht so gut gefällt wie manche anderen Dirigenten.
Das wäre einen eigenen Thread wert - HIP vom Komponisten selbst.
Unbekannt Freitag, 30. April 2010, 09:32
Holst: the planets
Das wurde doch schon längst Hip aufgenommen:



:hide:


Leider ist die Tontechnik da auch HIP ...
Unbekannt Dienstag, 11. Oktober 2011, 23:54
Bisher am weitesten ins 20. Jahrhundert ist Immerseel mit seiner CD mit Werken von Francis Poulenc vorgedrungen:



Konzert für 2 Klaviere & Orchester
Suite francaise
Concert champetre

Jos van Immerseel, Claire Chevallier, Katerina Chrobokova, Anima Eterna Brugge, Ltg. Jos van Immerseel
Unbekannt Samstag, 15. Oktober 2011, 13:33
Das wurde doch schon längst Hip aufgenommen:


:D Ich sag´s ja immer! Bleibt nur noch die Frage, warum das Stück überhaupt aufgenommen wird... :hide:

Umgekehrt bei Tschaikowskys 4. mit Immerseel. Ich habe die CD ja auch, weil mich der Klang der Instrumente interessiert, und was für Konsequenzen das für die Funktionsweise der Partitur hat. Aber, mein Gott - es ist mir ein Rätsel, wie man Tsch. so vollendet langweilig spielen kann! Meiner Meinung nach ist die Aufnahme leider Wasser auf die Mühlen der Spinner, die meinen, HIP wäre komplett emotionsfrei. Natürlich ohne vibrato, keine Einwände - aber wir müssen auch der Tatsache ins Auge sehen, dass wir im 19. Jahrhundert bei einer Musik angekommen sind, wo eine gewisse Emotionalität, zum Stil gehört. Kurz gesagt, ein nach Telemann klingender Tschaikowsky dürfte genauso unauthentisch sein, wie ein nach Tschaikowsky klingender Telemann. Wie schon mal berichtet fand ich Immerseel die ersten beiden Male, die ich ihn im Konzert erlebt habe, eine absolute Schlaftablette. Neulich in Bonn bei Liszt war´s viel besser, gutes Konzert, und vielleicht sind ja auch hinfort alle Aufnahmen besser. Auch auf Darmsaiten muss man doch bei Tschaikowsky mal ausrasten oder zumindest mit einer Glut als gälte es das eigene Leben spielen.

In dem Zusammenhang (muss natürlich wieder zuhause die Einzelheiten nachkucken...) Tschaikowsky Dornröschen und 5. Sinfonie mit - ich glaube Stokowski von ca. 1935. Schlanker, farbiger Klang heute historischer Instrumente (wenn auch nicht ganz derer Tsch.´s) und dabei wirklich schwungvoll und mitreißend gespielt. (Allein die Farbigkeit und Plastizität der pizzicati, das klingt nach HIP.)

:dontknow:
Unbekannt Samstag, 15. Oktober 2011, 15:18
Ich muss zugeben, nach der (in meinen Ohren) Hyper-Emotionalität vieler Aufnahmen war mir der eher nüchterne Ansatz von Immerseel, Tschaikovskij zu spielen, ganz recht - diese Musik wühlt mich schon so ungeheuer auf, da muss für mich nicht noch ein Turbo drauf. Das hat schon etwas für sich, die Musik erst mal aus sich selbst und ihrem neu entdeckten Klang heraus wirken zu lassen. Aber ich verstehe völlig, was Du meinst.
Unbekannt Samstag, 15. Oktober 2011, 15:22

In dem Zusammenhang (muss natürlich wieder zuhause die Einzelheiten nachkucken...) Tschaikowsky Dornröschen und 5. Sinfonie mit - ich glaube Stokowski von ca. 1935. Schlanker, farbiger Klang heute historischer Instrumente (wenn auch nicht ganz derer Tsch.´s) und dabei wirklich schwungvoll und mitreißend gespielt. (Allein die Farbigkeit und Plastizität der pizzicati, das klingt nach HIP.)

Das könnte diese ---> sein?
Unbekannt Montag, 17. Oktober 2011, 15:43
Das könnte diese ---> sein?


Ohne Weiteres. Ist kein Bild bei amazon. Ich hab die aus einem Antiquariat.
Unbekannt Montag, 17. Oktober 2011, 15:54
da muss für mich nicht noch ein Turbo drauf. Das hat schon etwas für sich, die Musik erst mal aus sich selbst und ihrem neu entdeckten Klang heraus wirken zu lassen.


Touché! Das ist eigentlich mein Spruch. Aber irgendwie muss es da noch was zwischen geben. "Zu keiner Zeit wurde langweilige Musik geschrieben..." und so.

Wahrscheinlich ist das einfach das Problem der modernen Instrumente, dass sich klangliche (und damit strukturelle) Klarheit und Extase ausschließen. Also, entweder spielt man so wie Norrington in Stuttgart Pathetique, oder man nimmt alte Instrumente. Aber beides gleichzeitig...? ;)

Ich meine, die Richtung, in die sich die Instrumente dann entwickelt haben, zeigt umgekehrt vielleicht auch, wo die Musiker Handlungsbedarf sahen. Ich denke, die sind auf ihren Instrumenten bis an die Grenze gegangen. So wie es ja auch der Sinn ist, wenn man Schubert Lieder auf Hammerflügel spielt, an die Grenze gehen zu können, ohne den Sänger zu überdecken.

Ich glaube, dass 2 Sachen manchmal ein bisschen vermischt werden: viele aufgeklärte Musiker haben sich heute eine sehr leichte, entschlackte Spielweise angewöhnt, um den Klang alter Instrumente auf einem modernen Pendant zu imitieren (z. B. bei Mozart Klavierkonzerten). Auf einem alten Instrument kann das manchmal "doppelt-gemoppelt" sein.

Außerdem sind ja alle die ganz alten Aufnahmen (zwischen den Kriegen) eben gerade nicht langweilig.

Weiß nicht, 4. Tschaikowsky habe ich sonst glaube ich nur Mengelberg von ´29 oder ´30. Das ist halt auch sonst eigen. Man müsste mal eine schöne alte suchen.
Unbekannt Dienstag, 18. Oktober 2011, 19:46
Es mag bei mir wirklich damit zusammenhängen, dass ich mit der Musik des 19. Jahrhunderts nicht so übersättigt bin wie die meisten Hörer. Meine Mutter hatte die bekannten Sinfonien von Beethoven, Schubert und Tschaikowski als LPs, aber ich habe das selten gehört, und bald diesen Orchesterklang nicht mehr gemocht. Wenn sowas heute höre, ist es im wahrsten Sinne des Wortes "neue Musik" für mich - ganz wortwörtlich so bei mir gewesen, als ich Norrington und die London Classical Players mit Brahms' 3. und 4. hörte - zum ersten Mal in meinem Leben, diese beiden Sinfonien - das wirkt dann auch in entschlackter Klanggestalt!
Dass jemand wie Du etwas vermisst dabei, wenn er mal eine packende Version gehört hat, kann ich mir sehr gut vorstellen. Das geht mir mit Burgmüllers 2. Sinfonie so - s. hier und hier.
Unbekannt Freitag, 21. Oktober 2011, 16:20
Hm, ich habe noch mal oberflächlich in den Immerseel reingehört. So schlecht ist ja nicht alles! Im tutti knallt´s ja auch gut, aber wenn die Streicher allein Furor entwickeln müssen, das finde ich manchmal zu entspannt-vegetarisch. (Sorry, nichts gegen Vegetarier, das ist nur so´n Spruch von mir. Irgendwie wusste immer noch jeder, was ich meinte, sogar Vegetarier.) Außerdem habe ich ja nun schon 3x im Konzert beobachten können - sogar im letzten, das ich ansonsten ganz gut fand, dass Immerseel - meiner Meinung nach - zu wenig Streicher hat. Oder die müssen mehr reingehen, das wäre vielleicht noch besser.

An sich glaube ich, ganz gut abstrahieren zu können von Hörgewohnheiten. Es fällt mir relativ leicht, auch jede Partitur als "Uraufführung" lesen zu können. Das kommt vielleicht daher, dass bei mir eh die Motivation, Dirigent zu werden, eher war, mit nichts zufrieden zu sein und zu meinen, dass müsste man doch mal ganz anders spielen, und nicht wie bei vielen andern: "ich habe ein Konzert erlebt und wollte sowas tolles unbedingt auch machen". (Kitschmärchen...!) :P
Unbekannt Sonntag, 30. Oktober 2011, 02:39
Charles Gounod (1818-1893) hat durch sein in gefährlicher Nähe zum musikalischen Kitsch angesiedeltes Ave Maria nicht den besten Ruf unter den Komponisten Frankreichs - in Wirklichkeit war er ein Klassizist reinsten Wassers, der die Klangwelt der Wiener Klassik kongenial erfasst und verarbeitet hat. Seine beiden Sinfonien legen hiervon beredtes Zeugnis ab: Lebendige, charmante Werke, wenn sie entsprechend gespielt werden. Und eine solche den Werken gerecht werdende Aufnahme wurde gemacht: von Hervé Niquets leider (aus finanziellen Gründen) nur kurzlebigem Ausflug ins 19. Jahrhundert, mit der Beethoven Academie:



Sozusagen ein Geheimtipp - aber wer die klassizistische Musik dieser Zeit mag, wird hier nicht enttäuscht, sondern mit einer wunderbaren Vielfalt von differenzierten Klangfarben belohnt.

Sozusagen Halb-HIP gibt es die erste Sinfonie von Gounod zusammen mit seiner von Mozarts Gran Partita inspirierten Petite symphonie pour instruments à vent von Christopher Hogwood mit dem Saint Paul Chamber Orchestra (das auf modernem Instrumentarium spielt, aber von Hogwood mit den Spielweisen des 19. Jahrhunderts vertraut gemacht wurde):



Als Zugabe gibt es die Suite L'Arlesienne von Georges Bizet in der originalen Fassung für ein originell besetztes Theaterorchester.
Unbekannt Dienstag, 29. November 2011, 01:15


Diese CD ist eine der ausgefallensten Unternehmungen im Bereich der HIP, die mir bisher untergekommen ist - oder auch nicht, je nachdem wie man es sieht.
Das Instrumentarium besteht aus einem kompletten Satz originaler Blechblasinstrumente, die in den späten 1850er Jahren hergestellt wurden - da jeder Instrumentenbauer regional unterschiedlich fertigte und stimmte, bestellten Brass Bands immer für die ganze Kapelle den Instrumentenbestand auf einmal. Die ausgewählte Musik entspricht dem typischen Repertoire der amerikanischen Blechbläserensembles jener Zeit: Tänze, Hymnen. Robert Sheldon von American Brass Quintett, der das Projekt musikalisch leitete, erläutert die Probleme des Arbeitens mit historischen Blechblasinstrumenten; Jon Newsom den historischen und kulturellen Kontext dieser Musikpraxis. Eine vorbildliche Edition, die auch noch in der hervorragenden Akustik der alten Vanguard Studios in New York fantastisch gut aufgenommen wurde!