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Attilio Ariosti (1666-1729) – der berühmte Padre im Schatten anderer

Unbekannt Sonntag, 5. Dezember 2010, 20:11
Er wirkte in Berlin, Wien und London. Zu seinen Lebzeiten debattierten die Londoner, ob sein Stil oder der von Händel und Bonocini vorzuziehen sei.
Das Interesse an Alter Musik hat sein Werk aber leider größtenteils noch nicht erschlossen.
Hier mein lang versprochener Thread über ihn. Als Quelle dient mir haupsächlich Ernst Rüdiger Voggenreiters Buch über ihn: „Untersuchungen zu den Opern von Attilio Ariosti“.

Attilio Malachia Ariosti ist am 5. November 1666 in Bologna getauft worden und wuchs in einer verarmten Ritterfamilie auf. Zusammen mit anderen vermutet Voggenreiter, dass er im Instrumentalspiel von Giovanni Maria Bonocini und dann von Giovanni Paolo Colonna unterrichtet wurde. Colonna, der Organist und Kapellmeister an der Basilika S. Petronio in Bologna, hatte sich unter anderem für das Oratorium stark gemacht. 1693 wurde Ariostis erstes Bühnenwerk, das Oratorium „La Passione del Christo“ aufgeführt. 1687, mit 21 Jahren, trat Ariosti dem Orden der Serviten (laut Wikipedia Orden der Minoriten) bei, verließ aber zwischen 1694 und 1696 mit Dispens sein Kloster, um dem Herzog von Mantua zu dienen. In der Venediger Saison 1696/1697 kamen seine ersten Opern zur Aufführung, "Il Tirsi" (zusammen mit Lotti und Caldara) und "L'Erfilile". Im Jahre 1697 ging es dann aufgrund einer Abmachung zwischen dem Herzog und der Kurfürstin Sophie Charlotte von Brandenburg nach Berlin...


Laut Voggenreiter war Ariostis Musik bei der Kurfürstin und dann Königin sehr beliebt und wurde „Ihrer Churfl. Duchl. Capellmeister“.
Neben den folgenden Opern und Kantaten (ich zitiere in der Listen unten Voggenreiter) komponierte er auch Kammerkonzerte (so der Wikipedia-Artikel in deutscher Sprache):

-LA FESTA DEL HIMENEO (1700): Libretto und Musik nicht mehr erhalten
-L'INGANNO VINTO DALLA CONSTANZA (1701)
-LA FEDE IN TRADIMENTI (1701)
-GLI AMORI DI POLIFEMO (1702): Musik nicht erhalten
-LA FANTOME AMOUREUX (1702): Oper, Musik seit 1945 verschollen
-MARS UND IRENE (1703): Kantate; Musik seit 1945 verschollen


Es ist Curt Sachs zu verdanken, dass wir über die verschollenen Werke Informationen vorliegen haben.


In Berlin hat Ariosti es aber auch mit Neidern und Verleumdungen zu tun. Laut Voggenreiter intrigiert der Sänger Ferdinando Chiravalle gegen ihn. Ariosti hat sich in Berlin auch als Librettist versucht (Libretto zu Bononcinis „Polifemo“). Es kann sein, dass Telemann ihn bzw. eine seiner Opern oder Kantaten gesehen hat. Einige vermuten, dass auch Händel ihn während seines Berlin-Aufenthalt kennengelernt hat. Die meisten argumentieren jedoch dagegen.
Gegen Ende seines Berlin-Aufenthalts kommt es zu diplomatischen Auseindersetzungen, an denen sich u.a. Komponist Steffani, Kardinal Maria Medici, der General des Serviten-Ordens, der Herzog von Mantua und sogar der Philosoph Leibnitz einschalten. Laut Voggenreiter geht es dabei um die Abberufung Ariostis zurück nach Bologna (das Kloster hatte Druck gemacht, da man vermutlich einen Klosterbruder nicht als einen bei den Protestanten gefeierten Opernkomponisten sehen wollte – meine Vermutung). Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel nennt eine Schlägerei Ariostis mit dem Oberhofkapellmeister des Schlosses Lietzenburg als Grund für Ariostis Gehen. Dies kann aber auch mit einer der vielen Verleumdungen im Zusammenhang stehen.

Musikalisch war Ariosti anfänglich sehr von Lully beeinflusst. Später kamen dann Scarlatti-Einflüsse dazu. Dazu später aber mehr.

Auf seiner Rückreise nach Bologna im Jahre 1703 macht Ariosti einen Zwischenhalt in Wien und möchte, so entnehmen wir seiner Korrespondenz, beim kaiserlichen Musikintendanten Molart unterkommen. Wir können annehmen, dass Ariosti auf seine Rückkehr zum Klosterleben in Italien nicht gerade erpicht ist. Und er schafft es: er bleibt bis 1709 in Wien und komponiert für den kaiserlichen Hof sechs Opern, Oratorien und Kantaten (das Kloster hatte nichts dagegen; für den Kloster-General war wohl nur wichtig, dass er für ein katholisches Oberhaupt arbeitet).

Hier die Liste seiner Wiener Opern:
-LA PIU GLORIOSA FATICA D'ERCOLE (1703)
-IL BENE DAL MALE (1704): unvollständige Partitur (nur 1.Akt), handschriftl. Quelle, enthält nur Arien und Duette, keine Rezitative
-I GLORIOSI PRESAGI DI SCIPIONE AFRICANO (1704): handschriftl. Quelle, vollständige Partitur, zum Geburtstag des Kaisers Joseph I. - es geht um Hannibal und Scipio und kriegsunlustige Ehefrauen
-MARTE PLACATO (1707): handschriftl. Quelle, vollständige Partitur, zum Geburtstag des Kaisers Joseph I. - es geht um die Donau
-LA GALA DELLE ANTICHE EROINE NE CAMPI ELLISI (1707): handschriftl. Quelle, vollständige Partitur, zum Geburtstag der Kaiserin Amalie Wilhelmine – antike Mythengestalten streiten sich
-AMOR TRA' NEMICI (1708): zwei unvollständige Partituren, die zusammen aber ein fast vollständige Oper ergeben, handschriftl. Quellen - Drama um eine als Mann verkleidete Prinzessin
-LA PLACIDA (1709): handschriftl. Quelle, vollständige Partitur, zum Geburtstag der Kaiserin Amalie Wilhelmine

Laut Voggenreiter wird Ariosti 1708 von Kaiser Joseph I. zum Minister und Gesandten des Kaisers für alle Höfe Italiens ernannt. Es scheint, als ob sein Kloster ihn aufgegeben hat, denn als Diplomat „führt er ein aufwendiges Leben“, was das immer auch heißen mag. Mit dem Tod des Kaiers 1711 ändert sich Ariostis Lage schlagartig: er verliert sein Amt und wendet sich wieder der Musik zu.

Wo er die nächsten fünf Jahre steckt, ist allerdings nicht bekannt. Es kann sein, dass er beim Kurfürsten Karl Philipp in Düsseldorf tätig ist, da er sich später aus London an ihn wendet und ihm anbietet, sein Agent zu werden (S. 12 bei Voggenreiter). 1716 macht er aber endlich in London seiner Aufwartung, als gefeierter Spieler der Viola d'amore nämlich (er war auch Organist und Sänger), die bis dahin auf der Insel unbekannt war. Er spielt das Instrument bei der Aufführung von Händels „Amadigi“ am 12. Juli und bekommt natürlich einen Solopart. Es scheint, als ob die Beziehung von Ariosti und Händel freundschaftlicher geprägt war als die von Bononcini und Händel. In diesen Jahren sammelte der Schwede Johann Helmich Roman, der sich eine Zeit lang in London aufhielt, einige von Ariostis Sonaten – daher der Name „Stockholmer Sonaten“. Ob Ariosti London nach 1717 wieder verlassen hat, ist unklar. 1720 jedenfalls wird er von den Direktoren der Royal Academy of Music zur Mitwirkung als Opernkomponist eingeladen.

Hier die Liste seiner Londoner Opern:
-TITO MANLIO (1717): nur einzelne Arien erhalten
-L'ODIO E L'AMORE (1721): nur Libretto und zwei Arien erhalten
-IL COROLIANO (1723): nur Arien erhalten
-IL VESPASIANO (1724): Libretto und alle Arien, keine Rezitative
-AQUILIO (1724): nur Arien erhalten; Pasticcio?
-ARTASERSE (1724): nur Libretto und einzelne Arien erhalten
-DARIO (1725): nur Arien erhalten-LUCIO VERO (1727): eventuell schon 1717 aufgeführt, nur Libretto und einzelne Arien erhalten
-TEUZZONE (1727): nur Libretto vorhanden

Dabei traten in seinen Opern natürlich auch alle berühmten Sänger und Sängerinnen auf, die auch in Händels Opern sangen. Seine letzte Oper widmet Ariosti dem preußischen König, was Voggenreiter vermuten läßt, dass Ariosti wieder nach Preußen zurück wollte. Das letzte Lebenszeichen Ariostis findet sich in der Widmung seiner „Cantates and Collection of Lessons for the viol d'amore“ an Georg I. Mit dessen Tod endete vermutlich die Protektion, die Ariosti genossen hatte und es ist nicht klar, wie es in seinem Leben weiter ging. Ob er 1729 oder 1730 noch in London oder auf dem Weg nach Italien oder schon in Bologna starb, ist nicht bekannt. Hier Paolo Antonio Rollis Nachruf in italienischer Sprache (ich bitte um eine Übersetzung):

Danar ti chiede ancor, se ti gli accosti
Fu vero Frate: tutti i giorni sui
Visse, e morì sempre alle spese altrui

Mehrere Autoren unterstreichen, dass er stilistisch sowohl von Lully als auch von Scarlatti beeinflusst gewesen ist. Laut Burney war er als Harmoniker besonders versiert, aber nicht so innovativ („a perfect good harmonist, who had treasured up much good music in his head, but little invention“). Rameau stellt in seinem bahnbrechenden Werk über die Harmonie eine Passage aus COROLIANO als Beispiel für enharmonisches Komponieren dar. Mit dem ersten Teil seiner Einschätzung dürfte Burney also Recht haben.
Unbekannt Dienstag, 7. Dezember 2010, 10:24
Von Ariosti habe ich diese CD:



der Erstkontakt damals war eher mau.
Aber als ich vor Kurzem die CD nochmals anhörte, da gefiel sie mir wirklich extrem gut.
Es scheint ja noch eine ganze Reihe mit CDs von ihm zu geben - sollte ich bei Gelegenheit mal aufstocken.

:)
Unbekannt Dienstag, 14. Dezember 2010, 07:38
ich hab jetzt noch diese CD ergattern können:



Interpretation ist ziemlich gut, gefällt mir.
Diese Sonaten sind in der Tat eine seltsame Stilmischung, natürlich stark an Corelli angelehnt, aber auch das französische schimmert durch.
Ich würde die Musik als etwas verhalten, elegant beschreiben, auch virtuos, aber nicht so plakativ wie z.B. bei Biber.
Absolut hörenswert!

Ich hoffe, dass es bald mal eine seiner Opern auf CD schafft, würde mich brennend interessieren, es sind ja nur die Opern aus der Berliner Zeit verschollen.
Unbekannt Dienstag, 4. Januar 2011, 12:18
Von den Stockholmer Sonaten gibt es insgesamt drei CDs:

Unbekannt Freitag, 14. Januar 2011, 22:32
Auf dieser CD ist Ariosti mit einer "Lezione" vertreten - die Musik wirkt auf mich sehr melodisch und tänzerisch:



Gerade höre ich Stücke aus der obigen CD (Vol. 2) der Stockholmer Sonaten - mit Kopfhörern sind die Schwingungen der Resonanzsaiten einfach faszinierend.

Hat übrigens jemand eine Amadigi-Aufnahme, in der die Viola d'amore vorkommt?
In dieser vom Lullisten empfohlenen Aufnahme (die ich dieses WE genießen möchte) wird keine Viola d'amore erwähnt:

Unbekannt Donnerstag, 10. Februar 2011, 06:43
Anfang des Jahres (23.01.2011) wurde in Wien eine Oper von Ariosti aufgeführt - meines Wissens die erste Oper von ihm, die bisher in unserer Zeit aufgeführt wurde.

LA FEDE IN TRADIMENTI, von 1701 die Oper schrieb er in seiner Berliner Zeit.
Die Oper war ausschließlich für den Hof gedacht, nicht für eine öffentliche Aufführung.

Die Aufführung wurde von dem Ensemble "L'Europe Galante" unter Fabio Biondi gestaltet.
Die Sängerbesetzung sah folgendermaßen aus:

Ann Hallenberg.
Roberta Invernizzi.
Lucia Cirillo.
Johannes Weisser.

Das knapp 2 1/2 stündige Werk überrascht mit herausragend schönen Arien, die ähnlich wie bei Agostino Steffanis Opern eine erfrischende Symbiose zwischen frz. und ital. Stilmerkmalen aufweißen.
Ballette gibt es jedoch keine. [Die Oper wurde außerdem für die Aufführung gekürzt]
Gemäß der damaligen üblichen italienischen Opern sind die Arien von bestürzender Kürze, kaum über 3 Minuten, so wie man es auch aus den Opern Sartorios, Scarlattis oder eben Steffanis kennt.
Ariosti nutzt auch nicht selten das Chaconnen-Motiv für viele Arien.
Längere Arien sind vor allem die Lamenti, die wirklich ergreifend sind.

Ariosti schuf wunderschöne Melodien, die durchaus auf Händel vorausweisen, und nachdem ich nun die Gelegenheit hatte diese Oper zu hören, wird Ariosti für mich zu einem der interessantesten Komponisten um 1700.
Vielleicht zieht diese sehr erfolgreiche Aufführung (Wiener Zeitung) noch weitere Aufführungen weiterer Opern nach sich.

Was mich etwas erstaunt hat, war der Schlusschor, denn die Melodie die hier verwendete wurde, kennt man aus der Turcaria von J.J. Fux "Marche des Ecurieus"
Laut Duftschmid ist der Marsch wohl auch das am häufigsten gedruckte Werk von J.J.Fux - eine recht reizvolle Adaption :)