Unbekannt
Mittwoch, 26. Mai 2010, 18:45
Am 23. November 1966 wurde Arthur Schoonderwoerd in Vlaardingen (Holland) geboren. Man darf ihn - mit Verlaub - als Experten im Bereich der historisch informierten Aufführungspraxis (HIP) bezeichnen. Zu seinen bekanntesten und damit bahnbrechendsten Ergebnissen zählen sicherlich die Einspielungen der integralen Clavierkonzerte Ludwig van Beethovens:
Clavierkonzerte Nr. 4 & 5 (2005)
Clavierkonzerte 3 & 6 (2008)
Clavierkonzerte 1 & 2 (2010)
Rein experimentell wurde die Orchestergröße auf solistische Einheiten reduziert. Das Ensemble Cristofori ist daher mit (je nach Werk) 15-20 Musikern recht überschaubar. Insbesondere die Streichergruppen wurden reduziert auf eine erste Violine, eine zweite Violine, ein bis zwei Bratschen (je nachdem, ob die Bratschen 'divisi' vorgesehen sind oder nicht), ein Violoncello und einen Contrabass. Der Bläserapparat wird in der üblichen (meist doppelten) Besetzung verwendet. Dadurch ergibt sich ein spezieller Klang, der bis zur 'Ära Schoonderword' nur ausnahmsweise (z.B. bei kammermusikalischen Bearbeitungen größerer Orchesterwerke) zu hören war. Schoonderwoerd und sein Ensemble Cristofori (das Ensemble wurde zu Ehren des 'Erfinders' des Hammerflügels Bartolomeo Cristofori * 4. Mai 1655 in Padua - † 27. Januar 1731 in Florenz nach diesem benannt) spielen jedoch die Orchesterwerke ohne Veränderung, d.h. ohne Eingriff in die Noten der Partitur in dieser Minimalbesetzung. Mit dieser Vorgehensweise wird mitunter nicht unbedingt der Wunsch des Komponisten erfüllt, aber eine Aufführungspraxis, die aus Mangel an Musikern sicherlich des Öfteren praktiziert wurde, dargestellt. Das Ensemble ist durchaus variabel in seiner personellen Zusammensetzung: meist spielen Schüler resp. Studenten Schoonderwoerds, ggfs. wird durch reife Profis ergänzt. Selbstredend produziert Schoonderwoerd zumeist Literatur für Clavier (bzw. allgemein: Tasteninstrumente) und Orchester, wobei er ausnahmslos jede Cadenz frei improvisiert (ich selbst habe in Hall/Tirol mit Beethovens viertem und fünften Concert bei Proben und Concert erlebt, daß er bei jedem Durchspielen des betreffenden Werkes etwas anderes frei improvisierte). Die Improvisation weitet sich denn auch auf den Notentext aus, hält sich aber in Grenzen und kann nur als abwechslungsreiche Garnitur verstanden werden. Diese Ausschmückung des Notentextes findet auch nur bei Werken statt, die dies zulassen wie z.B. (teilweise) bei Mozart oder Komponisten älterer Generationen.
Jüngst besuchte ich sein Concert im Rahmen der von ihm veranstalteten Festspiele in Montfaucon/Besançon. Auf dem Programm standen ausschließlich Werke W. A. Mozarts: Clavierkonzert Es-Dur KV 482, Sinfonie g-moll KV 550 und das Clavierkonzert c-moll KV 491. Um dem Komponisten 'gerecht' zu werden, wurden die Clavierwerke auf einem Anton-Walter-Nachbau dargeboten (die Sinfonie dirigierte er mitspielend vom Walterflügel aus). Toll waren die wiederum frei improvisierten Kadenzen in den Clavierkonzerten; im c-moll-Konzerten durfte das Orchester dreimal zum Endspurt ansetzen... und wieder absetzen, denn die Cadenz im ersten Satz war (für Schoonderwoerd) außergewöhnlich lang. Der Orchesterklang war nachwievor faszinierend. Irritiert hat mich aber die Phonstärke des verwendeten Walterflügels: selbst bei solistischer Besetzung des Orchesters war das Instrument kaum hörbar (und ich saß in der dritten Reihe, etwa 3 m vom Instrument entfernt). Da frage ich mich dann doch, wie Mozart so einen Flügel gutheißen konnte (Stein fand er IMO noch besser) bzw. wie sehr dann das Instrument akustisch in den Klangwellen größer besetzter Ensembles untergegangen sein muß!? Als Zugabe gab es Schumanns 'Von fremden Ländern und Menschen' aus den Kinderscenen op. 15 mit einem sehr kernigen und irdenen Instrumentenklang. Was war passiert? Der Pianist hatte den Moderator verwendet: Dadurch klang das Instrument nicht etwa noch leiser, sondern hatte plötzlich den typischen Hammerklavierklang, während der gesamte Mozart im Cembaloklang präsentiert wurde ('moderiert' wurden hier letztlich die Schwingungen). Der Moderator ist in etwa das, was heute als Dämpfer im modernen Flügel stets aufliegt und durch Pedalgebrauch aufgehoben wird. Es wäre also zu überprüfen, ob Mozarts Walterflügel über einen solchen Dämpfer verfügte und (falls ja) ob Mozart diesen verwendete. Das Conzert war also diesbetreffend wieder anregend zum Nachdenken (auch finde ich ja bei aller Grandiosität der Immerseelschen Einspielung der Mozartkonzerte das verwendete Instrument als Fehlgriff, da zu leise). Andererseits bestätigt dies ja wiederum die Annahme, daß bei solistischen Passagen des Tasteninstruments die Begleitung reduziert wurde.
Leider war an diesem Abend (im Gegensatz zu Hall) keine Zeit für weitere Fragen (z.B. nach neuesten Produktionen), da im Anschluß ein Ball mit Livemugge des Ensembles stattfand, zu dem ich zwar auch geladen war, aber wegen der bevorstehenden Rückreise (4 h einfache Fahrt) nicht teilnehmen konnte. Der Concertbesuch war übrigens ein (nachträgliches) Geburtstagsgeschenk von Peter Pasdzierny (Tamino), dem ich an dieser Stelle nochmals sehr herzlich danken möchte.
Ein paar Aufnahmen mit Arthur Schoonderwoerd habe ich noch und werde diese peu à peu demnächst hier vorstellen. Wer mir zuvorkommt, nimmt mir keine Arbeit weg, sondern ab.
Clavierkonzerte Nr. 4 & 5 (2005)
Clavierkonzerte 3 & 6 (2008)
Clavierkonzerte 1 & 2 (2010)
Rein experimentell wurde die Orchestergröße auf solistische Einheiten reduziert. Das Ensemble Cristofori ist daher mit (je nach Werk) 15-20 Musikern recht überschaubar. Insbesondere die Streichergruppen wurden reduziert auf eine erste Violine, eine zweite Violine, ein bis zwei Bratschen (je nachdem, ob die Bratschen 'divisi' vorgesehen sind oder nicht), ein Violoncello und einen Contrabass. Der Bläserapparat wird in der üblichen (meist doppelten) Besetzung verwendet. Dadurch ergibt sich ein spezieller Klang, der bis zur 'Ära Schoonderword' nur ausnahmsweise (z.B. bei kammermusikalischen Bearbeitungen größerer Orchesterwerke) zu hören war. Schoonderwoerd und sein Ensemble Cristofori (das Ensemble wurde zu Ehren des 'Erfinders' des Hammerflügels Bartolomeo Cristofori * 4. Mai 1655 in Padua - † 27. Januar 1731 in Florenz nach diesem benannt) spielen jedoch die Orchesterwerke ohne Veränderung, d.h. ohne Eingriff in die Noten der Partitur in dieser Minimalbesetzung. Mit dieser Vorgehensweise wird mitunter nicht unbedingt der Wunsch des Komponisten erfüllt, aber eine Aufführungspraxis, die aus Mangel an Musikern sicherlich des Öfteren praktiziert wurde, dargestellt. Das Ensemble ist durchaus variabel in seiner personellen Zusammensetzung: meist spielen Schüler resp. Studenten Schoonderwoerds, ggfs. wird durch reife Profis ergänzt. Selbstredend produziert Schoonderwoerd zumeist Literatur für Clavier (bzw. allgemein: Tasteninstrumente) und Orchester, wobei er ausnahmslos jede Cadenz frei improvisiert (ich selbst habe in Hall/Tirol mit Beethovens viertem und fünften Concert bei Proben und Concert erlebt, daß er bei jedem Durchspielen des betreffenden Werkes etwas anderes frei improvisierte). Die Improvisation weitet sich denn auch auf den Notentext aus, hält sich aber in Grenzen und kann nur als abwechslungsreiche Garnitur verstanden werden. Diese Ausschmückung des Notentextes findet auch nur bei Werken statt, die dies zulassen wie z.B. (teilweise) bei Mozart oder Komponisten älterer Generationen.
Jüngst besuchte ich sein Concert im Rahmen der von ihm veranstalteten Festspiele in Montfaucon/Besançon. Auf dem Programm standen ausschließlich Werke W. A. Mozarts: Clavierkonzert Es-Dur KV 482, Sinfonie g-moll KV 550 und das Clavierkonzert c-moll KV 491. Um dem Komponisten 'gerecht' zu werden, wurden die Clavierwerke auf einem Anton-Walter-Nachbau dargeboten (die Sinfonie dirigierte er mitspielend vom Walterflügel aus). Toll waren die wiederum frei improvisierten Kadenzen in den Clavierkonzerten; im c-moll-Konzerten durfte das Orchester dreimal zum Endspurt ansetzen... und wieder absetzen, denn die Cadenz im ersten Satz war (für Schoonderwoerd) außergewöhnlich lang. Der Orchesterklang war nachwievor faszinierend. Irritiert hat mich aber die Phonstärke des verwendeten Walterflügels: selbst bei solistischer Besetzung des Orchesters war das Instrument kaum hörbar (und ich saß in der dritten Reihe, etwa 3 m vom Instrument entfernt). Da frage ich mich dann doch, wie Mozart so einen Flügel gutheißen konnte (Stein fand er IMO noch besser) bzw. wie sehr dann das Instrument akustisch in den Klangwellen größer besetzter Ensembles untergegangen sein muß!? Als Zugabe gab es Schumanns 'Von fremden Ländern und Menschen' aus den Kinderscenen op. 15 mit einem sehr kernigen und irdenen Instrumentenklang. Was war passiert? Der Pianist hatte den Moderator verwendet: Dadurch klang das Instrument nicht etwa noch leiser, sondern hatte plötzlich den typischen Hammerklavierklang, während der gesamte Mozart im Cembaloklang präsentiert wurde ('moderiert' wurden hier letztlich die Schwingungen). Der Moderator ist in etwa das, was heute als Dämpfer im modernen Flügel stets aufliegt und durch Pedalgebrauch aufgehoben wird. Es wäre also zu überprüfen, ob Mozarts Walterflügel über einen solchen Dämpfer verfügte und (falls ja) ob Mozart diesen verwendete. Das Conzert war also diesbetreffend wieder anregend zum Nachdenken (auch finde ich ja bei aller Grandiosität der Immerseelschen Einspielung der Mozartkonzerte das verwendete Instrument als Fehlgriff, da zu leise). Andererseits bestätigt dies ja wiederum die Annahme, daß bei solistischen Passagen des Tasteninstruments die Begleitung reduziert wurde.
Leider war an diesem Abend (im Gegensatz zu Hall) keine Zeit für weitere Fragen (z.B. nach neuesten Produktionen), da im Anschluß ein Ball mit Livemugge des Ensembles stattfand, zu dem ich zwar auch geladen war, aber wegen der bevorstehenden Rückreise (4 h einfache Fahrt) nicht teilnehmen konnte. Der Concertbesuch war übrigens ein (nachträgliches) Geburtstagsgeschenk von Peter Pasdzierny (Tamino), dem ich an dieser Stelle nochmals sehr herzlich danken möchte.
Ein paar Aufnahmen mit Arthur Schoonderwoerd habe ich noch und werde diese peu à peu demnächst hier vorstellen. Wer mir zuvorkommt, nimmt mir keine Arbeit weg, sondern ab.

