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Alessandro Scarlatti: Die geistlichen Vokalwerke

Unbekannt Montag, 15. März 2010, 20:51
Interessanter Weise genießt Alessandro Scarlatti, der in seiner Zeit eher als Opernkomponist berühmt war, heute vor allem einen Revival als ein Meister von geistlicher Musik. Von seinen Opern gibt's kaum Einspielungen, während mehrere seiner Oratorien, geistlichen Kantaten, Messen und Motetten auf CDs zugänglich ist.
Welche Gründe dahinter stehen, ist mir rätselhaft.


Der in 1660 in Neapel geborener Komponist wirkte vor allem in seiner Geburtsstadt und in Rom: es dürfte nicht überraschen dass die meisten seiner Oratorien in dem Heiligen Stadt am Ufer des Tibers uraufgeführt wurden, wo so in der Advents- wie in der Fastenzeit man keine Opern aufführen durfte. Das Oratorium, gewisserweise als unszenierte Oper mit geistlichem Inhalt, bot da die Möglichkeit doch die Lust auf schöne Arien zu stillen.

Man weiß über mehr als 30 Oratorien Scarlattis, wovon um die 22 auch überliefert sind. Sämtliche zeugen über die Gabe des Meisters die Werke mit einer immensen Sinn für Dramatik durchzuarbeiten. Während die Werke vieler Zeitgenossen tatsächlich nur zu einer Kette von Arien mit langweiligen Rezitativen dazwischen ist, arbeitet Scarlatti mit dem Text als Ganzes, wo auf die Rezitative genauso viel Wert gelegt wird, als auf die Arien. Er arbeitet minuziös dramaturgische Steigerungspunkte der Erzählung aus, mit einem großen Elan und Kraft.

Wenn man seine Werke hört versteht man erst, wie groß sein Einfluss auf Bach und - vor allem - auf Händel war (Caldara könnte man auch erwähnen).

Seine liturgischen Stücke zeigen eine große stilistische Bandbreite von stile-antico-Werke bis zu ganz modernen, von zeitgenössischen Traditionen sich lösenden Stücke, wie die Heiligen Cäcilie gewidmete Messe und Vesper.
In dieser Hinsicht - also in der Aufarbeitung sämtlicher Stile der Kirchenmusik - erinnert er sehr an Bach: er ist, wie auch dieser ein zusammenfassender Meister des Barocks. (Leider wird ihm noch nicht dieselbe Aufmerksamkeit zu Teil.)
Unbekannt Montag, 15. März 2010, 21:16
Als Einstieg in Scarlattis Oratorienschaffen möchte ich das Werk "Kain, oder das erste Homizid" empfehlen.

Das Thema bietet zahlreiche Möglichkeiten für brodelnde Dramatik. Der erste Höhepunkt ist der Mord selbst - der, wie bei Scarlatti oft, in seiner ganzen Brutalität gezeichnet wird (und nicht außer der Bühne stattfindet) -: ein fantastisches Rezitativ für Sopran (Abel) und Alt (Cain) mündet in das akkompagnierte Rezitativ der Stimme Gottes. Schon hier zeigt sich das Können Scarlattis spannende Rezitative zu schreiben, die - wie er auch selber betonte - genauso schön zu hören sind, wie seine Arien.

Zugänglich ist es vor allem in der Aufnahme von René Jacobs:

Eine sehr dramatische und in dunklen Farben sich abspielende Aufführung (das Titelbild passt sehr gut!).

Die frühere Einspielung von Fabio Biondi - leider nicht mehr für Normalpreisen kaufbar:

ist vielleicht nicht so klangprächtig, aber einige sängerische Leistungen sind vieleicht besser, als auf der anderen Aufnahme. Vor allem Roberto Abbondanza in der Rolle des Luzifers (bei Jacobs singt sie Antonio Abete) ist hervorragend: während Abete einen bitterbösen Bilderbuch-Teufel malt, gelingt es Abbondanza einen wahren verführerisch-süßen Dämon zu zeichnen. Einfach zum Schaudern...

LG
Tamás
Unbekannt Montag, 15. März 2010, 21:34
Von seinen Opern gibt's kaum Einspielungen, während mehrere seiner Oratorien, geistlichen Kantaten, Messen und Motetten auf CDs zugänglich ist.
Welche Gründe dahinter stehen, ist mir rätselhaft.

Ich denke die Gründe sind ziemlich pragmatischer Natur: ein sakrales Werk egal welcher Dimesnion ist im heutigen Konzertwesen jederzeit konzertant aufführbar, desgleichen weltliche Kantaten, wogegen eine Oper immer auch für die Bühne eingerichtet werden muß , um mit dem richtigen "Feeling" ein gespielt und aufgeführt zu werden (seien wir ehrlich: wer geht gerne in eine konzertante Opernaufführung?) - und das kostet wesentlich mehr Geld. Darüberhinaus haben die sakralen Werke die Aura des Überzeitlichen. Bei Alessandro Scarlatti kommt hinzu, daß die Handlungen seiner Opern für die heutige Zeit weniger interessant sind, was den meisten Regisseuren ein wichtiges Kriterium ist - es sollten vor allem die Sänger gut zur Geltung kommen.

Allein wegen der großen Zahl sollten die weltlichen Vokalwerke einen eigenen thread bekommen. CDs mit Kantaten gibt es inzwischen ja auch einige.
Unbekannt Dienstag, 16. März 2010, 08:58
Guten Tag

eine eindrucksvolle Einspielung von Scarlattis Spätwerk, dem Oratorium " La Santissima Trinita ", wurde vom Ensemble Europa Galante und einer fabelhaften Sängerriege ( Vivica Genaux, Veronique Gens, Paul Agnew, Roberta Invernizzi)



unter der stilkundigen Leitung von Fabio Biondi aufgenommen. Die Instrumentalisten packend, die Vokalisten Wortverständlich und versiert.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 17. März 2010, 10:35
eine eindrucksvolle Einspielung von Scarlattis Spätwerk, dem Oratorium " La Santissima Trinita ", wurde vom Ensemble Europa Galante und einer fabelhaften Sängerriege ( Vivica Genaux, Veronique Gens, Paul Agnew, Roberta Invernizzi)



unter der stilkundigen Leitung von Fabio Biondi aufgenommen. Die Instrumentalisten packend, die Vokalisten Wortverständlich und versiert.

Eine weitere - nicht weniger gute - Einspielung ist die unter Estevan Velardi. Mit weniger namhaften Sängern aber in einer packend dramatischen Aufführung: Velardi kenne ich als den besten Interpreten für die Musik von A. Scarlatti!



bei jpc ist sie aber günstiger:


LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Mittwoch, 17. März 2010, 10:37
Apropos Velardi:

es scheint bei Brilliant ist die Einspielung des Oratoriums "San Filippo Neri" mit Alessandro Stradella Consort und Velardi recht preiswert erschienen! Auch ungehört empfehlenswert!



(die ist übrigens keine richtige "Ersteinspielung", wie vermerkt, ich besitze wohl eine nicht-HIPpe, stark gekürzte Aufnahme aus den 70ern, vor einiger Zeit war sie noch auf jpc zu haben, jetzt finde ich sie nicht mehr... übregins ist sie ganz schauderhaft, höchstens als Relikt aus einer anderen Zeit zu werten...)

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 18. März 2010, 11:46
Die Geschichte des jüdischen Königs Sedecia mit seinem erfolglosen Kampf gegen Nebuchadnezzar liefert wieder einen hochdramatischen Stoff für ein Oratorium. Scarlatti - und seinem Librettisten: Filippo Ortensio Fabbri - ist es gelungen eine sich im Ironisch-Resignierten auflösende Tragik aufzuzeigen.

Nach der brillianten Auftakt-Symphonie werden erstmal die Charaktere vorgestellt: der treue und mutige General, Nadabbe, der nach schneller Rüstung gegen Nabucco drängt; der schwache König, Sedecia, der den Gefahr nicht wahrhaben möchte; der kleine, naiv-idealistische Prinzchen, Ismaele, der auch wohl schon Kämpfen bereit sein will; die ihrem Sohn anbetende Königin, Anna; und schließlich der entschlossene, erbarmungslose und kriegerische Nabucco.
Die Nachricht, die Babilonier seien auf dem Marsch nach Jerusalem, erreicht die Königsfamilie. In Ismaele erwacht der Wunsch nach dem Krieg (begleitet von einer obligaten Oboe). Sedecia, stolz auf seinem Sohn, befiehlt endlich sich auf die Verteidigung vorzubereiten. Nadabbe hofft auf Sieg.
Anna versucht die kriegerischen Impulse von Ismaele zu kühlen, aber der Sohn ist entschlossen, seinen Vater zu verteidigen. Sie sehen sich den Kampf zusammen von einem Turm an - Duett. Das Kind, Ismael, lässt sich von den Grausamkeiten des Kriges nicht besänftigen, bekräftigt sein Vorhaben, sobald er erwachsen ist (Arie mit zwei konzertanten Violinen, Violini unisono, Cello und Laute). Jetzt sehen sie aber eine Truppe von Babiloner, denen es gelingt in den Palast einzudringen. Anna schreit auf: "Fermati, o barbaro" - "stoppt, ihr Barbaren"

Im zweiten Teil spitzt sich die Handlung zu:
Anna ist bestürtzt, ahnt das Schlimmste. Ismaele ist sowohl aufgeregt, als auch von heftiger Angst gequält ("Doppio affeto" - die Arie nimmt musikalischen Bezug auf die erste Arie Ismaeles aus dem ersten Teil). Sedecia möchte fliehen, und fühlt sich gedemütigt (die Arie wird in dunklen Farben nur mit zwei Celli, Violone und Cembalo begleitet, die Violinen gesellen erst am Ende zu). Nadabbe sieht die Niederlage ein und flieht.
In diesem Augenblick bricht der wütende Nabucco ein. Er greift Sedecia an, da Ismalaele mit den Worten seiner Mutter "Fermati, o barbaro" in den Weg springt, und sich selbst als Opfer anbietet. Er wird auf der Stelle getötet. Er sing noch eine wunderschöne, einfühlsame Arie, während er verblutet. Die Eltern sind geschockt: nach einem gemeinsamen Aufschrei (Duett: "Col tuo velo"), stirbt Anna wegen des Schmerzes über den Verlust seines Sohnes.
Nadabbe kehrt zurück um die tragische Ende noch mit einer Arie hinauszuzögern und betrauert die Mutter und den Sohn. Sedecia möchte sterben, das wird ihm aber von Nabucco nicht vergönnt: er wird geblendet und in Ketten gefangen genommen. Nun wendet sich die Geschichte vom Tragischen zum Tragikomischen: Nadabbe scheint schnell die Seiten gewechselt zu haben: er zeigt sich glücklich über den Schicksal des Königs, bekundet: das zu erleben sei ein größeres geschenk, als seine Freiheit, die Babilonier singen ein triumphales Schlusschor...

Es gibt zwei Einspielungen dieses phantastischen Oratoriums:


Diese, mit Il Seminario Musicale unter Gérard Lesne, von der ich aber - trotz Starbesetzung! - eher abrate. Die Aufführung ist phantasielos, bloß eine Anreihung von Arien, kein dramatisches Gefühl ist zu spüren, viele Arien werden entweder ausgelassen, oder gar gekürzt (nur A-Teil des Da-Capos). Noch dazu sing hier auch Jaorussky (= Ismaele)... (furchtbar: kein Volumen in der Stimme, überhaupt kein Sinn für Phrasierung, für Höhepunkte, farblos, empfindungslos :thumbdown: . Vermiest das Ganze.) Sogar hervorragende Sänger, wie Mark Padmore (als Nadabbe) können - ohne richtige und inspirierte Leitung - nicht glänzen. Nicht mal geschenkt möchte ich die Aufnahme haben! (Nun, ich habe sie eigentlich, aber da wusste ich noch nicht, wie schlecht sie sei... :wacko: )

ABER:

Nun, ich weiß: die ist doch sehr teuer, und das Ensemble, die Sänger sind gar völlig unbekannt: glaubt mir einfach: die Aufnahme ist sowas von schön, das man seinen Ohren kaum glaubt! Mit obigen Aufahme garnicht zu vergleichen!
Vor allem die dramatisch-tragische Zuspitzung am Ende gelingt hier mit einer Kraft, die man schaudern lässt. Da hilft nur eines: die Namen, Rosita Frisani (Ismaele) :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: , Amor Lilia Perez (Sedecia), Alessandra Capici, Mario Cecchetti, Marco Vinco und Estevan Velardi muss man sich merken! Unglaubliche Leistung, höchste Kunst!
:umfall: :umfall: :umfall: :umfall: :umfall: :umfall:



LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 18. März 2010, 13:45
Seltsam, wie unterschiedlich Höreindrücke sein können. Die Lesne-Einspielung des Sedecia habe ich schon sehr lang, die Velardi-Interpretation habe ich mir letzthin auf Deine Empfehlung hin angeschafft. Klar: Velardi ist nicht übel, aber nach mehrmaligem (Vergleichs-)Hören würde ich ganz klar der Lesne-Einspielung den Vorzug geben. Velardi lässt insgesamt ziemlich spannungsarm musizieren, alles klingt verhältnismäßig verwaschen, das Weichzeichner-Klangbild wird noch durch die mit (für meine Ohren bisweilen absolut unerträglich) starkem Vibrato dahinwabernden Solisten verstärkt.

Die Lesne-Einspielung ist dagegen sehr straff und mitreissend musiziert, alles andere als »undramatisch«; die Solisten gestelten ihre Rollen sehr idiomatisch und anrührend aus - ohne auf vordergründige Effekthascherei zu setzen; der Spannungsbogen der dramatischen Handlung wird stimmig entwickelt und wundervoll durchgehalten.

Also, wie gesagt: Velardi ist gut, aber Lesne ist IMO (durchaus um zwei, drei Klassen) besser und ganz klar vorzuziehen.

Aber unsere Geschmäcker, lieber Tscha, divergieren bei der Beurteilung von Einspielungen wohl insgesamt ziemlich deutlich.

Beste Grüße,
Medard
Unbekannt Donnerstag, 18. März 2010, 15:12
Aber unsere Geschmäcker, lieber Tscha, divergieren bei der Beurteilung von Einspielungen wohl insgesamt ziemlich deutlich.

Wohl wahr. :D

Das bei Velardi ein wenig mehr Vibrato benutzt wird, dass die Sänger weniger HIP sind, als die bei Lesne ist auch mir klar. Jedoch empfinde ich seine Einspielung, wie gesagt, mitreißender, die Tragik wird starker zugespitzt.

EDIT: ich habe seitdem die Aufnahme wieder hervorgeholt, und "stark" würde ich das Vibrato bei Velardi nicht nennen. Einzig vielleicht Frau Perez benutz ein bisschen mehr, auch die von dir erwähnte "Verwaschenheit" spür ich garnicht.

zB.: das zweite Auftauchen der Arie "Fermati, o barbaro" wird bei Lesne drastisch gekürzt, so auch die Textstelle weggelassen, "der Barbar" soll sein Schwert in Ismaele tauchen... was dann eben geschieht. (Wie du möchtest, sollst du haben - entgegnet ja Nabucco!) Diese Stelle wird bei Lesne so vollkommen der Dramatik beraubt. Die Arie "Caldo sangue" gleich danach ist mit Jaorussky IMO einfach platt, ohne Tragik, ohne Einfühlen gesungen - mag sein, dass Mme. Frisani mehr Vibrato benutzt, dabei legt sie aber viel mehr Leben (besser gesagt: Sterben...) in ihren Gesang.
Dass pur sängerisch die Künstler auf der Lesne-Aufnahme professioneller sind, möcht ich also nicht bestreiten. Dennoch bleibe ich bei meiner Wahl: die Velardi-Einspielung sei für mich die Ideale! :yes:

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Freitag, 19. März 2010, 21:27
Das jetzt zu behandelnde Oratorium ist nicht zu verwechseln mit dem früheren, fünfstimmigen desselben Titels aus 1693 über das Libretto des Kardinalen Benedetto Pamphiljs.

Das Libretto zu dieser "Giuditta" für nur drei Stimmen (Guiditta - Sopran, Nutrice - Contraalt, Oloferne - Tenor) hat (wahrscheinlich) Prinz Antonio Ottoboni verfasst. Genaues Datum der Erstaufführung ist nicht bekannt.
Das Werk zeigt eine menge kurioser Einfälle, die zugunsten einer lebendigen Dramaturgie mit barocken Formprinzipien spielen oder über sie hinwegsetzen.
Die Geschichte ist - glaub ich - wohl bekannt: die Assyrer, mit der Anführung von Holofernes greifen die Juden an, die sich aber nicht wehren können/wollen. Einzig Judith, eine junge Witwe, zeigt die Courage gegen den Angreifer - wenn auch mit Frauenlist - zu kämpfen. Sie verdreht dem feindlichen Heerführer den Kopf, und, als er schläft, köpft sie ihn.

Oloferne zeigt sich in den Oratorien oft als ein Gentleman - ein verliebter Jüngling -, was natürlich sein Tod dann schwer begründbar macht. Interessant, dass das hier sogar thematisiert wird: Giuditta stellt sich die Frage, wie dürfe sie nur die Waffen der Verführung einsetzen: dann bricht sie in die Arie aus: "Posso e voglio" - "Ich kann und will auch" (erste Arie aus dem zweiten Teil).
Noch verschärft wird diese Gedanke - die der "Femme fatale" -, als die Amme für Oloferne und Giuditta die Geschichte von Samson und Delile zu erzählen beginnt; bei der Stelle angelangt, wo Delila und Samson alleine bleiben, setzt sie mit dem Schlaflied "der Philisternixe" fort - was auch das - tödliche - Schlaflied für Oloferne wird... zwei Geschichten, zwei - in der Bibel gegensätzlich gewertete! - Frauengestalten werden hier mit diesem verblüffenden dramatischen Zug aufeinander bezogen: und so bekommt die Amme, sonst in der Oper eigentlich nur eine komische Nebenfigur, für sich den Höhepunkt: die Arie "Dormi".
Es gibt aber in diesem kurzen Oratorium noch zahlreiche ähnliche Einfälle, die man erstaunen lässt mit psychologischem und dramatischem Feinsinn. Nur noch ein Beispiel zu nennen: in der schon erwähnten Arie "Posso e voglio" versteigt sich Giuditta in die Rolle der Verführerin - die Amme fängt nun an, sie zu instruieren: Haare aus dem Gescicht, zeig deine schönen Arme, Brüste, dein Bein... und die junge Guditta reagiert verängstlicht:
"Madre non piu, mi fai temer di te" - "Mutter, nicht weiter, ich bekomme Angst vor dir"...
Es ist nicht weiter erstaunlich, dass dieser wundervoller Stoff Scarlatti zu fantastischer Musik trieb. Das Werk ist ein absoluter Hochgenuss!

Ich kenne nur eine Aufnahme, mit der ich aber absolut zu Frieden bin:

Giuditta: Rosita Frisani :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Nutrice: Mario Lazzara - kein Kontratenor, eine natürlich hohe, schöne Tenorstimme bewältigt den Part - hervorragend!
Oloferne: Mario Nuvoli
Das Alessandro Stradella Consort unter der leitung von Estevan velardi gelingt erneut eine hochdramatische, schön ausgearbetete und absolut überzeugende Interpretation, die dem genialen Werk absolut gerecht wird.
:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:


Es scheint noch eine andere Aufnahme zu geben:

Die Klangschnipsel überzeugen mich aber überhaupt nicht. ("Dormi" ist z.B. zu schnell und irgendwie grob.)


EDIT:
Es scheint noch eine dritte Einspielung zu geben - nun aber unHIP:


LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Samstag, 20. März 2010, 11:38
Diese Weihnachtskantate A. Scarlattis genießt mitunter auf dem Plattenmarkt eine recht große Beliebtheit, ich weiß von insgesamt drei Einspielungen.

Die Kantate - eigentlich ein kurzes Oratorium aus dem Feder von Silvio Stampiglia - ist als ein Gespräch unter fünf alttestamentarischen Propheten: Daniel, Hesekiel, Jeremia, Jesaja und Abraham, die in der Vorhölle die Kunde über die Geburt Christi vernehmen. Freudengesang wird mit Theologisches vermehrt, Jeremia klagt, und weist auf die Kreuzigung vor.


Die Stärken von Schneiders Einspielung sind Christoph Prégardien und ein sehr weihevoller Interpretation.


Die Aufnahme unter Alessandrini ist italienischer, kantabler und tänzerischer - mit hervorragenden sängerischen Leistungen von Rossana Bertini, Claudio Cavina und Sergio Foresti.


Es gab auch eine Einspielung mit Alessandro Stradella Consort unter Estevan Velardi bei Nuova Era, die ich leider nicht habe, und momentan nur für unfairen Preisen zu bekommen wäre.



LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Samstag, 20. März 2010, 11:57
Dieses kurze Oratorium für nur zwei Stimmen (Sopran und Tenor) behandelt - wie der Titel schon verrät ein Gespräch, oder gar Kampf zwischen Humanität und dem Teufel Luzifer. Entstanden wahrscheinlich zur Fest Mariä Geburt, da am Anfang Humanitas über dieses Ereignis sich erfreut. Luzifer trotzt und zweifelt an der Macht der Jungfrau. Er wird aber bestraft und wieder in die Abgründe der Hölle geworfen.

Es gibt eine wundervoll reizende Aufnahme mit Rossana Bertini (Humanita) und Massimo Crispi (Lucifero) und der Europa Galante unter der lebhaften Leitung von Fabio Biondi. Ein Hörgenuss!


mit dem Oratorium "La Maddalena" gekoppelt aber entschieden günstiger - allerdings ohne Libretto!



LG
Tamás
:wink:

(ich würde mich sehr über Reaktionen freuen... :pfeif: )
Unbekannt Samstag, 20. März 2010, 12:22
Da ich folgende CDs - noch? - nicht habe, würde ich mich freuen, jemand könnte diese Werke und Interpretationen hier vorstellen:








LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Samstag, 20. März 2010, 12:51
(die ist übrigens keine richtige "Ersteinspielung", wie vermerkt, ich besitze wohl eine nicht-HIPpe, stark gekürzte Aufnahme aus den 70ern, vor einiger Zeit war sie noch auf jpc zu haben, jetzt finde ich sie nicht mehr... übregins ist sie ganz schauderhaft, höchstens als Relikt aus einer anderen Zeit zu werten...)

Da hat mein Gedächtnis mich stark betrogen - die Aufnahme entstand in 1994: zumindest klingt sie aber, sie wäre mindestens aus den 50ern... die Aufführenden sind übrigens:

San Filippo: Petre Munteanu (Tenor)
La Carita: Bruna Rizzoli (Sopran)
La Speranza: Biancamaria Casoni (Mettosopran)
La Fede: Annamaria Rota (Kontraalt)

Orchestra dell'Angelicum di Milano
Franco Caracciolo, Dirigent

Erschienen bei Sarx Records in 2001.
http://cgi.ebay.com/SCARLATTI--San-Filip…0227144001r1139


Wie gesagt: absolut unHIP, kaum genießbar.
Unbekannt Samstag, 20. März 2010, 19:47
Während das oben erwähnte dreistimmige Judith-Oratorium die Frau thematisiert hat, könnte man als Thema des früheren, fünfstimmigen Stückes - das Libretto stammt aus dem Feder des Kardinalen Bendetto Pamphilj - den Mann sehen. Von den fünf Charakteren ist die der Giuditta die einzige Frau, dafür kommen die verschiedensten Männercharaktere vor - noch dazu zeigt sich letztendlich Giuditta auch sehr männlich, man könnte fast behaupten, sie wäre der einzige Mann unter den Männern.
Da wären zuerst Holofernes, der Macho, der sich doch in der Gegenwart einer starken Frau als Weichei entpuppt, und der Prinz Ozia: eine Angsthase; von den zwei Nebenrollen des Hohepriesters und des Kapitäns, verdient eigentlich nur letztere eingeheder besprochen zu werden, erstere ist fast nur auf die Rolle des Boten beschränkt. Der Kapitän tritt zuerst als treuer Untertan von Holofernes auf, hat aber schlimme Ahnungen, fürchtet der Stärke Gottes, so wechselt er schließlich die Fronten.
Die einzige aktive Person ist aber die von Giuditta. Schon am Anfang fragt er herausfordernd, warum die Trompeten schweigen würden. Während in der späteren Vertonung Giuditta als junges Mädchen dargestellt wird, das ihre Anziehungskraft nocht garnicht richtig gewahr wurde, ist diese Giuditta eine richtige Verführerin - sie hat schließlich auch keine Bedenken ihre Geliebte zu köpfen, und tut es mit einem Schlag (darin unterscheidet sie sich auch von der späteren Variante).

EDIT: hätt' ich fast vergessen: die Originalmanuskript-Partitur kann man sich hier holen:
http://imslp.org/wiki/Giuditta_(Scarlatti,_Alessandro)

Ich kenne zwei Einspielungen:

Enttäuschend schwach. Die einzigen Stärken liegen in den Sängern Mária Zádori und (der leider vor Kurzem verstorbene) József Gregor. Doch auch ihre Leistungen können nicht mit den der versierten HIP-Sänger aufnehmen.


Eine rundum überzeugende, wunderbare Aufnahme. Alle Sänger liefern hervorragende Interpretationen. Ein bisschen fehlt mir an Blutrünstigkeit, an Dramatik - mal sehen, vielleicht wird sich auch mal Velardi sich des Werkes annehmen...


LG
Tamás
:wink:

(PS.: es wäre gut zu wissen, was ihr über die Werkbeschreibungen haltet: sind sie hilfreich, sinnvoll, machen sie Lust zum Reinhören, oder nur langweilig und blöd?)
Unbekannt Samstag, 20. März 2010, 23:45
Aber natürlich sind diese Beschreibungen hilfreich! Sowohl als Werkbeschreibung, als auch zur Hilfe bei der Kaufentscheidung.
Ich selbst bin nur noch zu sehr mit seinen Instrumentalwerken beschäftigt ...
Unbekannt Sonntag, 21. März 2010, 11:09
Die lateinische Johannes-Passion von Alessandro Scarlatti zu hören gehört zu meinen jährlichen Karfreitags-Programme. Ist für mich eine der erhebendsten und meist erschütternden Passion-Vertonungen, die ich je gehört habe.

Schon der Anfang ist IMO herzerreißend: wie die Worte "Passio domini nostri Iesu Christi" intoniert werden mit qualvollen Dissonanzen durchsetzt, und wie man dabei sowohl in Demut niedergeschlagen und auch mit Hoffnung erhoben wird ist ein Zeichen Scarlattischer Kunst, die ihn so einzigartig macht.
Wer an die Vielfalt Bachscher Passionen, mit ihren Arien, bewegten Turbae und Chorälen, gewöhnt ist, dürfte sich bei der - daneben fast spartanisch anmutenden rezitativischen Deklamation und knapp gehaltenen Turba-Chören hier - vielleicht gelangweilt fühlen. Doch, wer den Zugang zu den Feinheiten dieser Vertonung findet, sollte auch nicht enttäusch werden: man soll hier keine theatralische Dramatik erwarten: das Drama spielt sich hier in verklärten Höhen ab, aber mit einem Ausdruck des Schmerzes, die man nie vergisst.

Ich kenne nur eine Einspielung, die jetzt ganz günstig zu haben ist, und die wegen der unglaublichen sängerischen Leistung von René Jacobs sehr zu empfehlen sei:



LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 21. März 2010, 11:37
Scarlatti verfasste diese groß angelegte Messe (für Streicher, Soli und Chor) kaum fünf Jahre vor seinem Tod, und sie stellt einen Höhepunkt im Kirchenwerk von Scarlatti dar.
Mehrere Stile werden hier auf höchst überraschende und wundervolle Weise vereint: die Kantabilität der neuen neapolitanischen Schule (Leo, Pergolesi, usw.) mit der strengen römischen Kontrapunkt, die letztendlich auf Palestrina fusst. Viele Züge der Messe zeigen schon sogar auf die Wiener Klassiker vor (z.B. die klare Trennung von Soli und Chor und wie diese auch Gegeneinander geführt werden - s. Kyrie). Oft erscheint eine kantable Melodieführung die einem auf Pergolesi gemahnt (s. Et incarnatus est) - doch werden auch die Stellen mit wundervoll natürlich wirkendem, dennoch überaus kunstvollem Kontrapunkt behandelt. Der Höhepunkt - für mich - ist der "Agnus Dei": ein an Palestrina gemahnender, weihevoller Chorsatz (eigentlich eine Doppelfuge in Adagio) wird zwischen Dreiklangsbrechung-Figurationen der Streicher gebettet: eine wundervolle Synthese des Alten und des Neuen. Einfach himmlisch!

Es gibt leider keine neue wirklich HIPpe Einspielung, ich habe diese unter der Leitung von George Guest, mit dem St. John's College-Chor und dem Wren Orchestra.



Auf den Seiten von jpc fand ich eine Einspielung, die mit guten Chancen für den Preis "Geschmacksloseste Coverbild" nominieren könnte:

ist das HIP? 8|


LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 21. März 2010, 15:56
Das drittletzte Oratorium Scarlattis hat kein alt- oder neutestamentarisches Thema, sondern behandelt einen theologischen Disput über die Heilige Dreifaltigkeit.
Die fünf allegorische Protagonisten sind: der Glaube (Fede - Sopran), die Göttliche Liebe (Amor Divino - Sopran), die Theologie (Teologia - Alt), der Unglaube (Infedelta - Tenor) und die Zeit (Tempo - Bass). Am Anfang streiten der Glaube und die Theologie darüber ob man die Dreifaltigkeit auch verstehen könne, oder nur blind daran glauben soll.
Der Unglaube tritt hinzu und bezweifelt die Lehre heftig.
Nun tritt auch die Zeit auf und sie (... also eigentlich ein Er, weil eine Bass-Rolle... 8| ; ihr Indoeuropäer mit euren Geni... :umfall: ) erklärt, was der menschliche Gedanke nicht zu erdenken fähig sei, sei durch die Zeit (also durch ihn) dem menschlichen Verstand letztendlich doch zugänglich.
Der Unglaube bezweifelt, dass dies möglich sei, was nicht erdenkt könne, könne auch nicht aufgefasst werden, also nur ein Trugbild, eine Khimera.
Auch die Zeit selbst wäre aber ein nicht erfassbares Mysterium: wer könne ja Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verstehen (also das Ineinanderfließen der Zeit), jedoch seien sie eine Tatsache, das wäre also kein Argument des Unglauben: was man nicht auffassen könne, gäbe es auch nicht.
Und so geht der Disput weiter... schließlich kann der Unglaube keine Ausreden mehr finden, Glaube, Zeit, Göttliche Liebe und Theologie triumphieren in einem wundervollen Ensemblesatz. Das Werk schließen die Worte des Glauben in einem wunderschönen Rezitativ.

Ich kenne zwei Einspielungen - beide wurden schon oben erwähnt:

Eine mitreißende Aufnahme mit hochqualitativer Starbesetzung: Roberta Invernizzi, Véronique gens, Vivica Genaux, Paul Agnew, Roberto Abbondanza - das Ensemble Europa Galante unter der Leitung von Fabio Biondi.
...
Dass ich da doch was zu meckern habe, mag vielleicht überraschen (oder auch nicht. :huh: ). ABER: während der ganzen Aufführung fühlt man eine gewisse Abgrenzung von der Aussage des Werkes. Sie wird mit Ironie behandelt, was - mE - bei einem Stück religiösen Inhalts vollkommen unverzeihlich ist. (Man stelle sich das mal vor: die Matthäus-Passion von Bach ironisch interpretiert...) Vor allem beim Schluss wird das eindeutig: die Worte des Unglauben: "ich verabscheue meinen Irrtum" werden komisch verzogen von Agnew gesungen. Gleich darauf, das wundervoll komponierte Schlussrezitativ wird von Invernizzi dadurch verunstaltet, dass die ersten Worte: "Nun, wo der Glaube truimphiert, soll die ganze Welt anbeten..." auf äußerste gedehnt, largo molto und die Fortsetzung: "in drei Personen einen Gott" - dann plötzlich sehr schnell, presto gesungen, das schließende Wort: "Dio" gar gehadert werden.
Ich kann verstehen, wenn es manche mit religiösen Inhalten schwer haben - dann sollen sie sich damit nicht beschäftigen aber.


Dass es auch anders geht, zeigt - wie immer - Estevan Velardi :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :

Es mag stimmen, dass bei ihm die Sänger nicht so versiert sind, und nicht die Qualitäten eines Invernizzi, Gens oder Genaux haben (obwohl Mario Cecchetti durchaus mit Paul Agnew aufnehmen kann!). Oder dass die Instrumentalisten des Alessandro Stradella Consorts sich nur schwer mit denen des Ensembles Europa Galante vergleichen lassen. Aber an Demut vor dem Werk und dem Komponisten und - vor allem - vor der Aussage, vor dem Inhalt des Stückes können die Stars nicht mithalten. Keine Chance. Hier lebt das Stück, die Musik wirklich, hier versteht man erst das Wesentliche, wie man es gemeint hat. Hier triumphiert am Ende der Glaube tatsächlich - und hier kann man erst ermessen wie wundervoll das Schlussrezitativ gestaltet ist. Das letzte Wort: "Dio" auf einem einzigen Ton ausgehalten - dann nur noch die obligaten Schlussakkorde: aber weihevoll, und ausdrucksstark; nicht so zusammengehauen, wie bei Biondi.

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 21. März 2010, 18:42
Da hat mein Gedächtnis mich stark betrogen - die Aufnahme entstand in 1994: zumindest klingt sie aber, sie wäre mindestens aus den 50ern... die Aufführenden sind übrigens:

Orchestra dell'Angelicum di Milano
Franco Caracciolo, Dirigent

Erschienen bei Sarx Records in 2001.
:cursing: Die Angaben auf dieser CD verwirren einem (mich... :hide: ):
Nun: hinten auf dem Cover stehen zwei Daten: Sarx 2001 und (P) 1994...

Nun blättere ich in das heftchen hinein, und was sehe ich: Registrazione: 1962


Also doch eine steinalte Aufnahme. Ich habe sie jetzt durchgehört - fantastische Musik (ich kann die Velardi-Einspielung kaum erwarten), fast ungenießbare Klangqualität und völlig unHIPpe Aufführung. Die Interpretation ist aber mit Liebe und Sorgfalt gemacht. (Es muss aber erhebliche Kürzungen geben, und auch die zwei Abteilungen sind nicht im Booklet angemerkt.) Sobald ich die Velardi-Einspielung habe und durchgehört habe, folgt dann eine Vorstellung des Stückes; schon vorab: die letzte Arie Filippos ist schlicht ergreifend.


LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Sonntag, 21. März 2010, 22:04
Hallo Tamas,

mit Alesandro Scarlatti hatte ich mich bis jetzt noch gar nicht richtig beschäftigt, habe nur zwei Werke auf CD (Stabat Mater und ein Konzert). Da habe ich ja einiges nachzuholen. :umfall:
Als günstigen Einstieg habe ich das JPC-portofrei-Angebot verwendet, und die Brilliant-CD mit "San Filippo Neri" bestellt.
Kennst Du das Stabat Mater? Wenn nicht, dann könnte ich das kurz vorstellen.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Sonntag, 21. März 2010, 22:08
Kennst Du das Stabat Mater? Wenn nicht, dann könnte ich das kurz vorstellen.

Joa, ich hab einige Aufnahmen... :beatnik: aber du kannst es ruhig machen, wenn du möchtest! :thumbup:

Zitat

Als günstigen Einstieg habe ich das JPC-portofrei-Angebot verwendet, und die Brilliant-CD mit "San Filippo Neri" bestellt.


Ich denke, das ist eine gute Wahl! Teil dann deine Meinung über sie hier mit!

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Montag, 22. März 2010, 21:41
Guten Abend

eine gut 10 Minuten dauerende Weltersteinspielung eines " Salve Regina " in C-moll aus der neapolitanischen Schule, ursprünglich wohl als liturgische Gebrauchsmusik für etwas aufwendiger gestaltete klösterliche Samstagabend-Gottesdienste gedacht, habe ich auf dieser



CD mit der griechischstämmige Mezzosopranistin Mary-Ellen Nesi und Il Complesso Barocco. Die angenehm timbrierte Stimme von Mary-Ellen Nesi und das dezent begleitenden Instrumentalensensemble werden der schlichten Eindringlichkeit des geistlichen Werkes voll gerecht.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 24. März 2010, 09:39
Das Oratorium "San Filippo Neri", wurde nach einem Dokument 1705 "mit den ersten Sängern Roms und den besten Instrumentalisten" aufgeführt. Es handelt sich um ein Stück, der nicht nur theologische, aber auch aktualpolitische Fragen behandelt; es mag daher nicht verwundern, das der Librettist Kardinal Pietro Ottoboni - einer der führenden Persönlichkeiten Roms - war.
Als Thema dient das Leben des Heiligen Philipp Neri, Apostel von Rom - das brisante an einem Oratorium über ihn ist, dass die Entwicklung dessen gerade auf ihn zurückgeht. Jedoch wird das im Werk nicht thematisiert, umso mehr eschatologische Fragen, biographische Elemente des Lebens von Philipp und sich auf Auswirkungen des spanischen Erbfolgekrieges auf Rom beziehende aktualpolitische Hinweise.
Deswegen hat das Oratorium auch keine eigentliche Geschichte; die Personen sind: St. Philipp (S. Filippo - Tenor), der Glaube (Fede - Alt), die Hoffnung (Speranza - Mezzo-Sopran) und die Nächstenliebe (Carita - Sopran).

Die Musik ist einfach fabelhaft: wundervolle Arien, mit Ariosi stark durchsetzte Rezitative - die Spannung der Musik ist es, was letztendlich das Fehlen einer "Geschichte" für zwei Stunden komplett vergessen lässt. Jedoch bedeutet das nicht, der Text wäre nebensächlich: ganz im Gegenteil, die Musik entsteht ja aus diesem.

Ich kann die wunderbare Einspielung des Alessandro Stradella Consorts mit Estevan velardi nur empfehlen:

Eine sehr gute Interpretation mit guten sängerischen und instrumentalen Leistungen.
Leider scheint Rosita Frisani (Carita) bei der Aufnahme nicht ganz in Hochform gewesen zu sein, seine Stimme wirkt hier und da ein wenig überstrapaziert. Vielleicht werden auch einige sich an dem Timbre des Altisten Marco Lazzara (Fede) anstoßen, ein bisschen blaß und arm an Obertönen. Doch das sind wirklich nur Kleinigkeiten, und beeinträchtiegn den Genuss der sonst fehlerhaften Interpretation nicht. Die Leistungen von Manuela Custer (Speranza) und - vor allem - Mario Nuvoli (S. Filippo) sind wirklich nur zu loben.
Estevan Velardi dirigiert - wie immer - mit einem moderaten Tempo, wobei eher die Rezitative langsamer als bei sonst gewohnten HIP-Aufnahmen genommen werden: er scheint davon überzeugt zu sein - was bei mir einen Befürworter findet - die von Ariosi durchsetzten Rezitative Scarlattis seien dem stilo rappresentativo von Monteverdi näher als dem recitativo secco eines Pergolesis, und so sind sie auch mehr gesungen als gesprochen vorzutragen. Um die Richtigkeit dessen zu zeigen, sei auf das Arioso accompagnato mit drauffolgendem Rezitativ der Carita über das Bild des gekreuzigtem Erlösers "Con moribondo ciglio" verwiesen, was auf dieser Aufnahme wirklich erschütternd gelungen ist.
Wenn aber schon beeindruckende Momente des Oratoriums: die Sterbearie S. Filippos "Mio Gesu" darf auch nicht unerwähnt bleiben. Eine schönere und treffendere Arie über die Liebe zu dem Erlöser kann ich mir kaum vorstellen: ein absolutes Hörgenuss und ein Erlebnis, die einem immerfort begleiten wird.

Wie schon oben öfters besprochen, gibt es auch eine ältere, unHIPpe Aufnahme unter Franco Caracciolo, die kaum die Hälfte des Werkes enthält. Angaben dazu s. oben.


LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Donnerstag, 25. März 2010, 16:53
Weder der genaue Titel noch Ort und konkreter Zeitpunkt der Erstaufführung ist von Scarlattis letztem Oratorium bekannt. Auf dem verrissenen Titelblatt des in Rom befindlichen Manuskripts kann man nur die Worte "Orat... die Maria Vergine" lesen. So finden sich mehrere Titelvarienten, die sich aber alle auf dasselbe Werk berufen:
- Vergine addolorata
- La Vergine dei dolori
- Il dolore di Maria Vergine.
Das anhand der Manuskript auf 1717 datiertes Oratorium gilt als das vollendetste Werk des Meisters. Es handelt sich um genau zu sein um ein Passionsoratorium - Librettist ist leider auch unbekannt -, die Handlung setzt nach der Gefangennahme Christi an und behandelt die Leidensgeschichte bis zu seinem Tod aus der Sicht der Jungfrau Maria, des Evangelisten Johannes, Nikodemus und Onía, ein Hohepriester, der für die Jesus verurteilende Juden steht.

Oratorien werden oft als "getarnte Opern" abgetan - nun, dieses Werk kann als Gegenbeispiel dienen: gegen vielen der Regeln der "Opernindustrie" wird nämlich verstoßen: so hat z.B. Maria gleich im ersten Teil vier (!) Arien und ein ausgedehntes Accompagnato-Rezitativ in Folge nacheinander. Drei davon sind einem einzigen Typ, dem des Lamentos zuzuordnen. Diese Abfolge von Arien wird von einem fantastische Duett zwischen Johannes und Maria gekrönt. Erst danach treten die beiden Nebenfiguren (Nikodemus und Onía) auf.
Der erste Teil und der Anfang des zweiten handelt während der Gefangennahme und Verurteilung Christi. Imzweiten Teil wird dann plötzlich Maria mitten in einem Rezitativ von einem harschen Trompetenton (ein einziger Ton!), der langsam verhallt, unterbrochen. Nun wird über den Kreuzgang, über die Kreuzigung und über den Tod Christi berichtet und diese in dramatische Arien kommentiert. Das Werk schließt mit einem großartigen, kontrapunktisch kunstvoll ausgearbeiteten Terzett.

Im Handel ist nur die Einspielung von Velardi zu haben:

die die gewohnte hohe Qualität bietet. Die Besetzung ist sehr gut:
Maria - Rosita Frisani (in Hochform)
San Giovanni - Anna Cierichetti (eine Sopranistin mit einer schönen, hellen Stimmfarbe)
Nicodemo - Gianluca Belfiori Doro (ein natürlicher Altist [kein Kontratenor], mit starker, beweglicher Stimme)
Onía - Mario Cecchetti (beweist wieder, was für ein guter Sänger er ist)

Ich kenne noch einen Radiomitschnitt einer Liveaufnahme mit Les Agréments unter Rinaldo Alessandrini.

LG
Tamás
:wink: