Alte Musik Forum

ALTE MUSIK FORUM

Digitales Archiv & Expertenwissen

Alessandro Poglietti (?-1683)

Unbekannt Sonntag, 17. Oktober 2010, 22:01
Guten Abend

Alessandro Poglietti ( auch: de Poglietti, Pogliet, Puglieti, Bolietto, Bolleti, Hendl u. Alessandro, Alexander, Johannes, Alexander; geschrieben) wurde in der ersten Hälfte des 17. Jhd. vermutlich in der Toskana geboren, seine genaue Herkunft, sein Geburtsdatum und seine musikalische Ausbildung liegen im Dunkeln, evtl. hatte er bei Frescobaldi studiert.






1661 wurde Poglietti Organist und Kapellmeister an der Wiener Jesuitenkirche „Zu den neun Chören der Engel“, im selben Jahr ernannte ihn Kaiser Leopold I. zum kaiserlichen Hof- und Kammerorganisten. Mit Johann Kasper Kerll verbanden ihn enge freundschaftliche Beziehungen. Sein Ruhm als Virtuose, Komponist und Lehrer - eine theoretische Schrift mit dem Titel „Compendium - oder kurtzer Begriff und Einführung zur Musica“ (1676) hat sich erhalten- wuchs stetig. Anerkennung fand seine Musizierpraxis u.a. mit der Verleihung des Titels eines kaiserlichen Pfalzgrafen und eine Auszeichnung als päpstlicher Ritter vom goldenen Sporn. In den Wirren der Belagerung Wiens durch die Türken fand Poglietti den Tod, seine sieben Kinder gerieten in türkische Gefangenschaft. Als Leopold I. nach dem Sieg über die Türken 1683 wieder in seine Hauptstadt zurückkehrte, soll Pogliettis Witwe ihm zugerufen haben: "Die Tartaren haben meinen Mann ermordet“ und um eine Pension gebeten haben. Der Kaiser bewilligte ihr 1684 eine Witwenpension von „monatlich 18 Gulden bis zu ihrer Wiederverehelichung".

Poglietti komponierte überwiegend Musik für Tasteninstrumente, einige Chorwerke wie Messen und Motetten, instrumentale Ensemblemusik und 1677 eine Oper „Endimione festeggiante“, von der nur der Text erhalten blieb. Sein Werk ist leider nur bruchstückhaft -zumeist im Schloßarchiv zu Kremsier- erhalten. Poglietti erwies sich als Könner im Imitieren von Naturlauten hauptsächlich in seinen Clavierwerken, Poglietti selbst schrieb von "capricen, so auf dem Instrument, unterschiedliche Harmonias, sowol der Vögl, als anderen Klang".

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Montag, 18. Oktober 2010, 11:53
Guten Tag

von dem interessanten Komponisten habe ich zwei Aufnahmen, diese



Aufnahme mit Musik fürt Tasteninstrumente, hier auf der Rohlf-Orgel der Auferstehungskirche zu Traunstein von Roland Götz eingespielt. Schön hier das "Rossignolo" oder die 20 Variationen umfassende "Aria allemagna con alcuni variationi sopra l'Eta della M.ta V.tra" deren Sätze teils Namen wie Böhmisch Dudlsackh, Bayrische Schalmay, Alter Weiber Conduct oder Hanackhen Ehrentantz heißen und der Kaiserin Eleonore gewidmet ist. Eine ungarische Rebellion gegen die habsburger Vorherrschaft 1671 hat Poglietti in einer Suite in e sopra la ribellione di Ungheria in Noten gesetzt; man könnte die einzelnen Sätze etwa deuten: "Galop" Die Rebellen finden sich auf der Flucht und werden gefangen gesetzt "Toccatina" und beklagen im Gefängnis ihr Schicksal "Allemande: La Prisonnie" . Ihnen wird der Prozeß gemacht "Courente: Le proces" , sie nehmen gefaßt den Urteilsspruch entgegen "Sarabande: La Sentence" und werden als Adelige enthauptet "La decapitation: Avec Discretion" . Trauer und Totenglocken im Satz "Les Kloches: Reqiuem eternam dona eis domine". Poglietti war, wie auch das "Capriccietto sopra il cu cu" zeigt, ein Meister der Tonmalerei und der im östereichischen Barock beliebten Programmmusik.

Pogliettis "Il Rossignolo", die "Toccatina Sopra La Ribellione Di Ungheria", die "Aria Allemagna Con Alcuni Var Sopra L'Eta Della Maesta Vostra" und das kurze "Capricietto Sopra Il Cu Cu" hat Jörg-Andreas Bötticher ebenfalls auf dieser



CD, hier auf zwei verschiedenen Cembali mit angehängtem Pedal, eingespielt.


Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Dienstag, 23. November 2010, 17:09
Auf dieser sehr schönen CD finden sich neben Werken anderer Komponisten auch einige Sonaten von Poglietti:




und auf dieser etwas betagten Box, gibt es sogar eine kleine Ballett-Suite:



trotz des Alters imens interessantes Zeugs
Unbekannt Samstag, 27. November 2010, 18:33
Guten Aben
Auf dieser sehr schönen CD finden sich neben Werken anderer Komponisten auch einige Sonaten von Poglietti:




Als besondere Kostbarkeit dürfen diese vier eingespielten Sonatae des Wiener Hoforganisten Alessandro de Poglietti bezeichnet werden, in der "Sonata à 3" lässt Poglietti zweimal die Instrumente mit dem Furor einer Battaglia losstürmen, in der "Sonata à 2" kippt die Stimmung von Schlachtenlärm zum Lamento. Das Ensemble CordArte nahm sie souverän, etwas verhalten, aber mit technischen Können auf.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Donnerstag, 30. Dezember 2010, 23:32
Guten Abend,

eine der wenigen erhaltenen geistlichen Werke Pogilettis und zwar eine Vertonung der Antiphon "Ave Regina" ist auf dieser



CD mit Nuria Rial und Bell'Arte Salzburg eingespielt. Die fünfstimmige Antiphon für Sopran, vier Streichinstrumente und Bc. zeichnet sich durch kühne harmonische Wendungen aus.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Mittwoch, 9. Februar 2011, 07:30
eine wirklich bezaubernde melancholische Passacaglia für Orgel findet sich noch auf dieser tollen CD:



Neben dem Stück von Poglietti spielt Marcon noch Stücke von Froberger, Sebastian Anton Scherer, F.Roberday, Georg Muffat, Purcell, Blow, und Kerll (ebenfalls eine große Passacaglia, die aber prunkvoller daherkommt)

Marcon spielt ein italienisches Instrument um 1700, dessen Erbauer nicht bekannt ist, die Orgel steht in der Kirche "Sant Andrea in Riva, Treviso"
Unbekannt Donnerstag, 4. August 2011, 23:31

Pogliettis "Il Rossignolo", die "Toccatina Sopra La Ribellione Di Ungheria", die "Aria Allemagna Con Alcuni Var Sopra L'Eta Della Maesta Vostra" und das kurze "Capricietto Sopra Il Cu Cu" hat Jörg-Andreas Bötticher ebenfalls auf dieser



CD, hier auf zwei verschiedenen Cembali mit angehängtem Pedal, eingespielt.

Diese CD lohnt sich wirklich - Bötticher spielt diese sehr anspruchsvolle, dem Cembalisten einiges an Fingerfertigkeiten abverlangende Musik absolut souverän. Die Instrumente nach italienischen Vorbildern klingen hervorragend. Bis ich etwas besseres gehört habe, ist das für mich eine Referenzaufnahme. Vor allen Dingen der Variationszyklus über Il Rossignolo ist bemerkenswert - eines der längsten Variationswerke vor Bach. Poglietti gehört mit Kerll eindeutig zu der Generation von Musikern, die eine Brücke von Frescobaldi zu neueren Silistiken schlagen.
Unbekannt Freitag, 5. August 2011, 19:51
Eine andere Auswahl von Cembalostücken Pogliettis bietet Luca Guglielmi auf dieser CD, vor allem die 12 Ricercare sind als Beispiele italienisch-süddeutscher Fugenkunst interessant. Daneben gibt es Stücke von Reutter (Toccata; Canzona; 2da & 3za Stanza) und Strunck (Ricercar; La Stanza 2da):



Guglielmi hat für diese CD sehr gute Kritiken bekommen, denen ich mich nur anschließen kann; er traut sich das rechte Maß an Verzierungen, spielt die Ricercari angemesen sachlich-streng, aber nicht nur als zerebrale kontrapunktische Übungen. Nichtsdestotrotz nimmt sich Guglielmi (oder sein Produzent?) heraus, die CD als "Kunst der Fuge des 17. Jahrhunderts zu vermarkten - vielleicht werbewirksam, aber auch etwas zu hoch gestapelt, denn obwohl damals systematisierte Sammlungen von 12 Ricercari nicht so häufig waren, sind die Stücke längst nicht so ausladend und methodisch erschöpfend wie Bachs einzigartige Sammlung. Trotzdem sicher eine große Bereicherung für jeden Liebhaber fugenartiger Musik, auch wegen der gleichartigen Stücke von Reutter und Strungk, die Guglielmi ergänzt hat. Und, wie schon gesagt, toll gespielt, auf einem bemerkenswert sonoren Instrument.
Unbekannt Freitag, 5. August 2011, 19:54
Wieder eine andere Auswahl bietet Roberto Loreggian:



Il Rossignolo; Suite "Sopra la Ribellione di Ingheria"; Canzon & Capriccio "Über dass Henner und Hannergeschrey"

Habe ich noch nicht gehört, kann also über die Interpretation im Vergleich zu Bötticher oder Guglielmi nichts sagen.