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Agostino Steffani (1654-1728), ein italienischer Lullist in Deutschland

Unbekannt Donnerstag, 3. September 2009, 12:17
Agostino Steffani
geb. am 25. Juli 1654 in Castelfranco bei Padua, gest. am 12. Februar 1728 in Frankfurt am Main



Steffani gehört zu den damals berühmtesten Komponisten überhaupt, er war eine der schillernsten Figuren dieser Zeit, sowohl musikalisch als auch politisch.


Leben:

Einer seiner Lehrer war der münchner Hofkapellmeister Kerll. Steffani viel dem Kurfürsten durch seine bemerkenswerte Stimme auf und so sang er schon mit 14 Jahren in den italienischen Opern die am Hof aufgeführt wurden.
1672 studierte er in Rom bei Bernabei (Kapellmeister in St. Peter)
Bernabei wurde zum Hofkapellmeister in München und brachte Steffani wieder mit. Er wurde Hoforganist.
Dann in den folgenden Jahren besuchte er Paris um bei Lully zu studieren. Bei der Uraufführung von Bellerophon 1679 war er anwesend. Er spielte vor Louis XIV und erhielt ein Jahr später die Priesterweihe.


In der Zwischenzeit war der alte Kurfürst von Bayern gestorben und Maximilian II. förderte als Nachfolger die Karriere Steffanis erheblich. Er wurde zum Kammermusikdirektor ernannt und brachte seine erste Oper auf die Bühne (Marcus Aurelius).
Zwischen 1682 und 1684 wurde er mit diversen Geheimaufträgen betraut und wurde sogar zum Agenten. So verschlug es in auch nach Hannover, einem ebenso schillernden Hof wie München. Als er widererwarten die Stelle des Hofkapellmeisters in München nicht erhielt zog er nach Hannover wo man ihn mit Kusshand aufnahm.
Der Hof in Hannover unterschied sich stark von den anderen Höfen "Deutschlands" - hier wurde zuerst die französische Hofhaltung nach Sonnenkönigart, Sprache und Musik adaptiert.
Jetzt kam Steffanis große Stunde, er hatte bei Lully studiert. Seine Opernaufführungen waren denen in Paris und Versailles vergleichbar.

Er vermochte es wie kein Zweiter, sowohl die italienischen Opern und Kantaten wie auch französische Orchestermusik zu komponieren und diese zu vereinen. Kaum ein anderer schaffte es so dicht an den Stil des Florentiners heranzureichen wie er, er übertraf sogar die Franzosen selbst.

In den 90er Jahre war er sehr mit diplomatischen Aufträgen beschäftigt, er war Gesanter des bayrischen Hofes in Brüssel.
In München ging das Amt des Hofkapellmeisters an Pietro Antonio Torri da Steffani zu beschäftigt war um weiter Musik zu machen.
Dann kam der spanische Erbfolgekrieg und Steffani spielte in Sachen Diplomatie eine tragende Rolle, doch hatte er nur wenig Erfolg und kehrte nach Hannover zurück.


1703 trat er in die Dienste des Pfalzkurfürsten Jan Wellem (in Düsseldorf, aber nicht als Musiker, sondern erhielt politische Aufgaben.
Man darf aber wohl davon ausgehen, das auch am Hof zu Düsseldorf seine Werke erklangen, dort sind gesicherte Aufführungen von "Il Turno" "Armino" und "Tassilone" überliefert.

Er wurde zum Generalvorsitzenden des pfälzischen Staats ernannt sowie zum "rector magnificus" und später zum "curator der Universität" in Heidelberg.
Zwischen 1708 und 1709 vermittelte er in einem Krieg zwischen Papst und Kaiser, er wurde Hausprälat und Thronassistent, ein paar Tage später erhielt er das apostolische Vikariat in Norddeutschland - er war für Missions- Kirchenhäuser in Preussen, der Pfalz und Braunschweig verantwortlich und sollte für deren Unterhalt sorgen, was aus Geldmangel nicht funktionierte und ihn tief enttäuschte.

Steffani war Hofkapellmeister in Hannover und als 1710 Georg Friedrich Händel dort ankam unterstützte der alte Meister den jungen Musiker wo er nur konnte.
1722 kehrte er nach Italien , nach Padua zurück ,da seine Gönner nach und nach verstarben oder aber andere Verpflichtungen nachgingen (der Kurfürst von Hannover wurde König von England).

Steffanis Prestige als Komponist schien nie zu verblassen, selbst wenn er Jahre nichts Neues schuf, ein guter Beweis für seinen Ruhm ist die Ernennung zum Vorsitzenden der Akademie der Vokalmusik in London (besser bekannt als Academie of Ancient Music).
Mittlerweile war seine Gesundheit angegriffen und die langen Reisen setzen ihm zu. Er beschloss nun seine Tage in Italien zu beschließen, bei einer Rast in Frankfurt a.Main starb er dann an einem Gehirnschlag.




Steffani beherrschte die beiden großen Nationalstile in Perfektion.
Er studierte ja bei italienischen Komponisten und bei Lully.

die größte Popularität hatten seine italienischen Kammer Kantaten, Miniaturopern von ungeahnter Schönheit und Dramatik.

In seinen Opern verband er den venezianischen / römischen Musikstil eines Cavalli, Caldara oder Scarlatti mit frz. Elemeneten im Stile Lullys.

Seine Bühnenwerke:

Marco Aurelio (1681 München)
Solone (1685 München)
Audacia rispetto (1685 München)
Servio Tullio (1686 München)
Niobe, regina di tebe (1688 München)
Alarico, il Balta, Re di Goti (1687 München)
Henrico Leone (1689 Hannover)
La Lotta d'Hercole con Acheelo (1689 Hannover)
La superbia d'Alessandro bzw. Il zelo di Leonato (1691 Hannover)
Orlando Genersoso (1691 Hannover)
Le rivali concordi (1692 Hannover)
La libertà contenta (1693 Hannover)
I trionfi del fato (1695 Hannover)
Baccanali (1695 Hannover) als "Doppia festa d'Himeneo" 1718 in Braunschweig / als La festa di Minerva 1719 in Wolfenbüttel
Arminio (1707 Düsseldorf)
Il Turno (1709 Düsseldorf)
Tassilone (1709 Düsseldorf)
Enea in Italia 1716 (Braunschweig)

Eine stolze Liste von großen Opern, deren Sichtung und Erschließung erst begonnen hat.
Mit Steffani wird wohl einer der großartigsten vergessenen Barockkomponisten wiederentdeckt.
Unbekannt Mittwoch, 18. November 2009, 14:37
Guten Tag



In seinen Opern verband er den venezianischen / römischen Musikstil eines Cavalli, Caldara oder Scarlatti mit frz. Elemeneten im Stile Lullys.

Seine Bühnenwerke:

Niobe, regina di tebe (1688 München)

Eine stolze Liste von großen Opern, deren Sichtung und Erschließung erst begonnen hat.
Mit Steffani wird wohl einer der großartigsten vergessenen Barockkomponisten wiederentdeckt.


Bei den "Schwetzinger Festspielen" 2008 wurde sein Dramma per musica in drei Akten "NIOBE, REGINA DI TEBE" mit dem SWR Vokalensemble und dem Balthasar-Neumann-Ensemble, Leitung Thomas Hengelbrock, mit großem Erfolg aufgeführt. Leider hat man die Aufführung nicht auf CD gepresst :( Die Aufführung wäre es wert gewesen.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Samstag, 21. November 2009, 06:34
nun im T. Forum war die Resonanz über die Niobe ziemlich ...ähem... bescheiden.

Ich persönlich fand sie ebenfalls sehr toll, vor allem diese Stilsynthese zwischen frz. Oper à la Lully und der venezianischen Oper im Stile Cestis und Cavallis.

Aber auch wenn von dieser gewaltigen Oper, mein Radiomitschnitt benötigt 4 CD's, wahrscheinlich keine Aufnahme zu erwarten ist, so sind doch vor kurzem zwei andere Opern erschienen:



Alarico, il Balta, Re di Goti

und


Orlando Generoso


Vom Alarico habe ich ebenfalls einen Mitschnitt, Dank Salis, der die Radioübertragung damals aufgezeichnet hat.
Der Orlando soll an Weihnachten folgen :thumbsup:


Jetzt fehlt vor allem eine Gesamtaufnahme des Enrico Leone, da gab es ja nur einen Querschnitt mit der Capella Agostino Steffani, die ich persönlich aber nicht so wirklich schätze - deren einförmigen und unterkühlten Stil ertrage ich nicht besonders lange.
Unbekannt Dienstag, 14. Dezember 2010, 08:28
Orlando Genersoso ist ein herrliches Werk.
Diese Verbindung zwischen frz. Stilelementen und der ital. Oper sind einfach in dieser Form genial.
Der Schlusschor und di Chaconne haben es mir besonders angetan - keine leicht zugängliche Musik - aber ich würde mir jetzt noch mehr wünschen, das weitere Aufnahmen seiner Opern erscheinen.


Damals waren seine Duetti da Camera sehr beliebt, und eine solche Aufnahme mit Duetten war auch meine erste Cd von A.Steffani:



Ich mag diese Aufnahme sehr gerne, wunderschöne Miniaturopern.
Ich habe auch noch eine alte LP mit Duetten und Arien, interpretiert von Alan Curtis, aber da kommt wenig Freude auf, sehr trocken und langweilig.
Das ist hier ganz anders, auch schon wegen des farbigen Continuos und der schönen Stimmen.
Unbekannt Dienstag, 14. Dezember 2010, 09:28
Guten Tag
Damals waren seine Duetti da Camera sehr beliebt, und eine solche Aufnahme mit Duetten war auch meine erste Cd von A.Steffani:

Ich habe diese



CD mit "Cantaten, Duets und Sonatas" von Steffani; auch hier wird elegant und frisch musiziert.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Samstag, 8. Januar 2011, 08:14
Eine ziemlich gelungene CD mit den frz. Ballettmusiken aus seinen Opern, hat das Ensemble Sonatori de la Gioiosa Marca aufgenommen:



Zwei große Ballettsuiten aus den Opern "Enrico Leone, Hannover 1689" und "Il Trionfo del fato, Hannover 1695" bilden den Schwerpunkt der Aufnahme.
Dazu gibt es noch zwei Opernouvertüren bzw. Sinfonias aus "Niobe, regina di Tebe, München 1688" und "Amor vien dal destino, Düsseldorf, 1709"

Und hier erwarten den interessierten Hören keinesfalls nur konventionelle Tänze im frz. Stil.
Schon die Ouverture zu Enrico Leone ist wirklich außergewöhnlich, sie beginnt ganz in der Manier Lullys, mit einem gravitätischen Teil, der zweite Teil der Ouvertüre wird jedoch von einem Chor gesungen - ein Sturm wird musikalisch dargestellt.

Die Ballettmusik zu Enrico Leone ist einfach nur grandios, viele der Entrées, Menuette, Gavotten etc. werden mit Schlagwerk untermalt, es gibt auch eine schöne Chaconne und einen Marsch mit Pauken und Trompeten.
Schade, dass es bisher keine Gesamtaufnahme dieser Oper gibt - sie muss wirklich ein ganz phantastisches Werk sein.


Die zweite Suite steht der ersten kaum nach, auch hier gibt es herrlich gestaltete Tänze und auch hier kommen Pauken und Trompeten zum Einsatz.


Die beiden Sinfonias sind im gemischten / italienischen Stil gehalten und ebenso prächtig wie die bisherige Musik.
Die Sinfonia zu "Niobe" wird mit Trompeten und Pauken verstärkt, wärend "Amor vien dal destino" wieder mit Chor überrascht.


Prächtige, grandiose, außergewöhnliche und überraschende Musik!

:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: